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05/07/2020
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Mohamed El Baradei: Ein Sohn Ägyptens kehrt heim


AUTOR:  Hesham BAHARI هشام بحري

Übersetzt von  Einar Schlereth


Von den ersten 120 Tagen des Jahres habe ich 90 in Ägypten zugebracht. (Neben der Vorbereitung der Kulturreisen für Schweden) versuche ich, die Ereignisse vor Ort zu verfolgen. Und historisch gesehen ist das, was heute in Ägypten geschieht vielleicht das Wichtigste, was zumindest in der moslemischen Welt geschehen ist, seit Nasser Ägypten in eine Republik verwandelte und der Shah von Iran vom CIA wieder auf seinen Thron gesetzt wurde zu Anfang der 50-er Jahre.

 

MA'AT

Ägypten ist das Land, wo aller Anfang und Ende synonym war mit Ebbe und Flut des Nils. Wenn das Nilwasser am niedrigsten stand, dann säten die Bauern ihr Saatgut. Das Leben erneuerte sich und das Überleben war gesichert. Nach der Ernte kam die Überschwemmung und setzte das Land unter Wasser. Der Bauer war arbeitslos. Er huldigte seinen Göttern und dankte ihnen für die Ernte. Der Kreis schloss sich. Die Gesellschaft war abhängig vom Gleichgewicht zwischen diesen beiden Phänomenen, Ebbe und Flut. Es waren niemals Gegensätze, sondern ergänzten einander vielmehr. Dies verkörperten die alten Ägypter in dem Ma'at-Konzept. Ma'at wurde von der Göttin symbolisiert, die die Ordnung der Welt aufrechterhielt, die Ebbe und Flut des Gewissens, das vorschreibt, wie die sichtbaren und  unsichtbaren Wesen sich verhalten sollen, sowohl gegen- als auch untereinander. Der Begriff wurde hellenisiert, verchristlicht, islamisiert, säkularisiert und globalisiert, aber der Inhalt ist derselbe. Eine Gesellschaft ohne Ma'at ist ein kranker Körper. Und Ägypten, wie die Welt im Ganzen, ist über viele Jahrhunderte, um nicht zu sagen Jahrtausende , hinweg ohne Ma'at gewesen.

Über dem Tabakskiosk an der Straße, wo ich wohne, hängt ein 2-Seiten -Plakat mit einem Bild des Präsidenten auf der einen Seite und dem Bild seines Sohnes auf der 2. Seite. Über beiden Bildern steht derselbe Koranvers zu lesen. Der heißt „wa in yansurakum allah fa la ghalib lakum” (Niemand kann dich besiegen, wenn Gott auf deiner Seite steht). Derselbe Slogan ist seit Jahrtausenden von den griechischen, römischen, byzantinischen, arabischen, persischen, türkischen und europäischen Herrschern verwendet worden, um den Geist der Revolte bei den Untertanen zu hemmen.

Im 8. und 9. Jahrhundert entwickelte sich eine philosophische Schule in Bagdad, die vom freien Willen des Menschen ausging. Sie nannte sich al-M'utazala und erhielt aus dem einen oder anderen Grund die Unterstützung von einer Anzahl Kalifen, bevor sie vernichtet wurde, als das Reich den Angriffen aus Ost und West ausgesetzt wurde. Aber deren Philosophie hat sie überlebt. Auf der anderen Seite haben ihre Gegner genau den oben zitierten Koranvers zu dem ihren gemacht. Der Mensch kann nur agieren mit Gottes Willen, der Koran ist nicht geboren und er ist ewig und die Herrscher herrschen von Gottes Gnaden. Es ist ungesetzlich, gegen sie zu revoltieren, selbst wenn sie ungerecht und gottlos sind. Eine Deutungsfrage, die selbst heute noch nicht entschieden ist, und Ströme von Blut haben seither die Wüste dieses Gedankens gewässert.

Mitten in diesem kompakten Dunkel sitzt man unter der Sonne und genießt jeden Augenblick. Ägypten ist ein Land, wo das Wort „Mirakel” viele Male in der Geschichte umgestaltet wurde.

Die Pyramiden sind ein Mirakel und die Überschwemmungen des Nils waren bis vor kurzem eines (das jetzt mausetot ist) und die Geduld und Ausdauer und der Humor der Ägypter sind auch ein dreiköpfiges Mirakel. (Doch wurde von diesen drei Eigenschaften der Humor etwas in Mitleidenschaft gezogen  und die Geduld auf die Probe gestellt.) Mitten in dieses kompakte Dunkel, das schon genauso lange dauert wie die Ausnahmegesetze, in einem Land, wo nur die 40-Jährigen eine Kindheitserinnerung an den letzten Machtwechsel haben, dringt ein scharfer Lichtstrahl und leuchtet über dem müden Volk wie tausend Sonnen. Ein Sohn Ägyptens kehrt heim und wird von tausenden Enthusiasten auf dem Flugplatz empfangen, ohne von Sicherheitskräften behindert zu werden. Noch ein Mirakel!

M. EL BARADEI

Man bittet ihn, für den Präsidentenposten bei der nächsten Wahl 2011 zu kandidieren. Er akzeptiert unter der Voraussetzung, dass die Verfassung neu geschrieben wird, und dass kein Präsident mehr als zwei Mandatsperioden im Amt sein darf. Eine Graswurzelbewegung nimmt Form an. Facebook sammelt hunderttausend Unterschriften in einer Woche. Pro Stunde hageln mehr als fünfhundert Unterschriften herein. Die meisten sind natürlich junge Leute, aber die Leitfiguren der Bewegung sind Professoren, Akademiker, Schriftsteller, Juristen, Richter, Moslem und Kopten. Alle sammeln sich um den Sohn des Landes, der zurückgekehrt ist, nachdem er als Experte für Völkerrecht und als Chef der internationalen Atomwaffeninspektion 12 Jahre lang gedient hat. Mohamed El Baradei.

Die Veränderung war direkt zu merken und elektrifizierend. Die Menschen gingen auf der Straße und diskutierten lebhaft Baradeis Rückkehr und die Zukunft der Verfassung. „Baradei als Präsident” steht auf einigen Plakaten. „Er hat den größten Teil seines Lebens im Ausland verbracht und weiß nichts über die Probleme des Landes”, sagen die Systemgetreuen. „Ich bin nur ein Symbol”, sagt Baradei selbst,  „und es hat keine Bedeutung, ob ich gewählt werde oder nicht. Das Wichtigste ist, dass die Verfassung neu geschrieben wird und eine korrekte Wahl von einer selbständigen ägyptischen Richterschaft garantiert wird.“ - „Er wird die Macht der moslemischen Bruderschaft übergeben“, sagen die Regierungsanhänger. „Die müssen eine Partei bilden wie alle anderen auch“, antwortet Baradei, „aber die dürfen die Vorschriften der Verfassung oder die demokratischen Spielregelen nicht übertreten.“

Etwas Großes geschieht mit und in Ägypten. Ein offenbar nicht korrumpierter Mann, ein wahrer Humanist (praktisch schon in der zweiten Generation, denn der Vater kämpfte auch für die Demokratie sowohl unter Nasser als auch unter Sadat und musste seinen Posten als Vorsitzender des Anwaltsverbandes damals aufgeben) und ohne Furcht … Ein neuer Gandhi vielleicht! Wer weiß? Vielleicht spricht man deshalb nicht ein Wort in den westlichen Zeitungen über seine Rückkehr. Ich suchte etwas über Baradeis Rückkehr und den Tumult darum in Ägypten in allen unseren großen schwedischen Tages- und Abend-Zeitungen zu finden. Nur Svenska Dagbladets Bitte Hammargren griff den Ereignissen in einem kurzen Artikel auf dem Blog der Zeitung voraus. (http://blogg.svd.se/mellanostern?id=17699 ElBaradei rör om i den egyptiska grytan http://blogg.svd.se/mellanostern?id=17699 von Bitte Hammargren)

Gleichgültigkeit, Stumpfsinn oder Befehl von oben …? Vermutlich haben sie noch nicht eingesehen, dass etwas in Ägypten erwacht ist, etwas Reines, Schönes, Neues und Menschliches und das muss zerschmettert werden, wenn es nicht von alleine verschwindet. Baradei wird natürlich nicht den Segen der USA erhalten. Er hat sich der Invasion Iraks widersetzt und behielt seine Unparteilichkeit in den Verhandlungen mit dem Iran. Das Völkerrecht ist sein Fach, und es gibt viele Völkerrechts-Verbrecher, die sich in Ägypten bereits zusammengerottet haben. Seine Aussichten zu gewinnen? Gott weiß! Wer mehr wissen will über das, was in Ägypten heute passiert, dem empfehle ich die Zeitung Al Masry Al Youm http://www.almasryalyoum.com/en (englische Fassung).


Quelle: Alhambabriefe-Mohamed El Baradei: Egyptens son återvänder

Originalartikel veröffentlicht am 24.3.2010

Über den Autor

Einar Schlereth ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10302&lg=de


UMMA: 13/04/2010

 
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