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18/10/2017
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Wie viele müssen noch sterben?


AUTOR:  Ramzy Baroud, 6. Juli 2006

Übersetzt von  Übersetzt von Eva-Luise Hirschmugl, überprüft von Fausto Giudice


Der Übergriff von palästinensischen Kämpfern am 25. Juni auf einen israelischen Militärposten nahe der Grenze zwischen Gaza und Ägypten hat Israel dazu gebracht „vorzupreschen, um sich zu verteidigen“ erklärte ein Reporter der BBC in den Abendnachrichten. Dem Bericht folgte ein Interview, das nicht in Frage gestellt wurde, mit einem Sprecher des israelischen Aussenministeriums, dann ein weiteres mit einem Berichterstatter einer israelischen Tageszeitung in Washington. Mehrere Tage lang kam kein Palästinenser zu Wort. Die beiden Israelis leierten denselben, müden, wenn auch beunruhigenden, Diskurs herunter, der jedes Ereignis auf der fehlgeleiteten Annahme erklärt, der zufolge nur israelische Leben wichtig sind.

Kaum eine internationale anglophone Nachrichtenquelle, eingenommen diejenigen aus arabischen Ländern des Mittleren Ostens, akzeptierten den palästinensischen früh morgendlichen Angriff auf die israelische Militärbasis als einen klaren Vergeltungsschlag, und zwar einen würdigen. Schliesslich hat Israel in den letzten paar Wochen eine grosse Anzahl von palästinensischen Zivilisten getötet, während die Palästinenser nicht denselben Weg wählten und stattdessen eben die israelischen Soldaten angriffen, die den Bewohnern von Gaza unsägliches Leid zugefügt hatten.

Könnte es sein, dass es den Niederlassungen der grossen Nachrichtenagenturen im Mittleren Osten aus Versehen entgangen ist, was im Gazastreifen seit dem angeblichen israelischen Rückzug im September 2005 vor sich geht?

Alles begann mit extrem lauten akustischen Signalen, Scheinbombardements und israelischen Kampfflugzeugen, die im Tiefflug über dem überbevölkerten und verarmten Gazastreifen kreuzten. Die Palästinenser appellierten and die internationale Gemeinschaft und baten sie die israelischen Provokationen zu stoppen. Wie üblich stiessen ihre Hilferufe auf taube Ohren.

Mit solchen Einschüchterungstaktiken möchte Israel eine laute und klare Nachricht an die Palästinenser übermitteln: ihr habt keinen Grund zum Feiern, wir sind immer noch die Herren eures Schicksals und im Gegensatz zu unserem Rückzug aus dem Südlibanon im Jahre 2000 verlassen wir Gaza triumphierend und wahrscheinlich nur vorübergehend.

Bald schon wurden die israelischen Scheinangriffe ernsthafter, während die internationale Gemeinschaft weiterhin das ignorierte was bald zur Routine im „befreiten“ Gaza werden sollte.

Für die Medien gab es wenig zu berichten, da sowohl die Hamas, als auch andere palästinensische Gruppierungen sich weigerten, auf die Provokationen mit heftigen Vergeltungsschlägen zu reagieren und sich stattdessen an einen unilateralen Waffenstillstand hielten, den sie mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas zuvor in Kairo beschlossen hatten.

Nachdem die israelischen Funktionäre von der palästinensischen Antwort, oder von deren Mangel, genug hatten, verstärkten sie ihre Einschüchterungstaktiken durch beängstigende, spezifische Drohungen, die darauf hinausliefen, dass kein Palästinenser vor zielgerichteten israelischen Anschlägen sicher ist. Und sie haben ihre Drohungen wahr gemacht.

Durch eine interessante Wende der Ereignisse hat die Hamas im Januar 2006 die Parlamentswahlen gewonnen und das in einem Klima erstaunlicher Transparenz und in Folge eines demokratischen Prozesses. John Hughes vom Christian Science Monitor fuhr dieselbe Schiene wie die Massenmedien, dass etwas schrecklich schief gegangen sei im Mittleren Osten und dass der „Sieg der Hamas einen Rückschritt bedeute“ für jegliche Art von imaginärem Friedensprozess, der Hughes bekannt ist.

Mit der sicheren und bedingungslosen Unterstützung der USA im Rücken verstärkte sich die heftigen Einschüchterungstaktiken und Angstmacherei von Seiten Israels. Dieses Mal wurde der israelische Krieg gegen die Palästinenser zum verlängerten Arm eines internationalen Konfliktes, angeführt durch die USA, zusammen mit den ewig fügsamen Vereinten Nationen und der Europäischen Gemeinschaft. Während westliche Spender ihre Finanzhilfe zurückhielten und somit eine humanitäre Katastrophe in den besetzten Gebieten auslösten, starteten die USA eine politische Nötigungskampagne, bei der Demokraten und Republikaner sich seltsam einig waren und die auch von allen „Freunden Israels“ in den Medien unterstützt wurde.

Die westlichen Medien erfanden schnell verschiedene Mantras als Rechtfertigung dafür, warum Durchschnittspalästinenser dafür leiden müssen, dass sie in einer demokratischen Wahl ein Parlament gewählt haben: weil die Hamas sich weigert Israel anzuerkennen und von Gewalttaten abzulassen, das ist nur einer der Vorwände, die so gut zu Israels politischem Programm passen. Der Spitzenberater der Regierung, Dov Weissglas, wollte, in seinem immer präsenten Optimismus, das humoristische am Aushungern von Palästinensern unterstreichen. [Die ökonomische Belagerung] „ist wie ein Termin mit einem Ernährungsberater. Die Palästinenser werden zwar ziemlich abnehmen, doch sie werden nicht verhungern“.

Anscheinend genoss Israel das Spektakel: die Welt dazu zu bringen eine besetzte Nation zu bestrafen und dabei völlig Israels Kolonialexpansion in der West Bank und in Jerusalem aus den Augen zu verlieren ist das deutliche Zeichen dafür das der sprichwörtliche Traum wahr geworden ist. Selbstverständlich wird sich Israel niemals mit einer so begrenzten Rolle zufrieden geben. Es war Zeit, noch ein Scheit nachzulegen. Die sporadischen Gewaltaktionen sollten intensiv werden und palästinensische Zivilisten jeden Alters treffen. Innerhalb von sieben Wochen, bis zum 21. Juni, hatte Israel 90 Palästinenser getötet, die meisten von ihnen Zivilisten, darunter eine schwangere Frau zusammen mit ihrem ungeborenen Kind, ihrem Bruder, und 14 Mitglieder derselben Familie verletzt. Am 9. Juni wurden auch sieben Mitglieder derselben Familie getötet bei einem Picknick am Strand in der Nähe der kleinen Stadt Beit Lahia in Gaza.

Der israelische Verteidigungsminister Amir Peretz und Premierminister Ehud Olmert rechtfertigten die hohe Anzahl ziviler Opfer als unbeabsichtigten Fehler und gelobten weiterhin „Terroristen“ zu bekämpfen, die selbst gemachte Raketen auf die benachbarte israelische Stadt Sderot abfeuerten. Zu eben der Zeit, als 90 Palästinenser getötet wurden und mehrere Hundert verletzt und verstümmelt wurden, berichtete der Radiosender der israelischen Armee von einer Verletzung durch Raketenfeuer. Keine weitere Quelle hat diese einsame Verletzungsbehauptung bestätigt.

Die westlichen Medien, eingenommen die BBC, sind jedoch fest dazu entschlossen, das in die Luft sprengen von palästinensischen Familien mit israelischen Behauptungen von palästinensischen Raketenangriffen gleichzusetzen: scheinbar geht es um „wie du mir, so ich dir“. Ebenso ist es akzeptabel, laut ignoranten Medienkommentaren, eine Nation auszuhungern, weil ihre Regierung sich weigert ihre militärischen Besatzer anzuerkennen.

Die amerikanische Regierung erklärte den Mord vom 9. Juni an der Familie aus Gaza damit, dass die Israelis das Recht hätten, sich zu verteidigen. BBC International weigerte sich, den palästinensischen Angriff auf einen israelischen Militärposten am 25. Juni als das Recht der Palästinenser auf Selbstverteidigung zu sehen. Im Gegenteil, wieder mal musste Israel „vorzupreschen, um sich zu verteidigen“. Es ist nicht abzusehen wie viele Palästinenser sterben müssen, bevor Israel seinen renitenten Nachbarn einen überzeugenden Schlag versetzt und bevor das Leben wieder seinen gewünschten Lauf nimmt: mit Palästinensern, die von Israel ausgehungert, erniedrigt und in ihren schlampigen Ghettos im Gazastreifen dahingemetzelt werden. Nur dann wird sich Israel wieder einmal in Sicherheit wiegen können.



Ramzy Baroud lehrt Massenkommunikation an der Curtin University of Technology und ist Autor des Werks „The Second Palestinian Intifada: A Chronicle of a People’s Struggle“. Er ist ausserdem Chefredakteur der Internetzeitung PalestineChronicle.com.

Übersetzt vom Englischen von Eva-Luise Hirschmugl und überprüft von Fausto Giudice, Mitgliedern von
Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft für jeden nicht-kommerziellen Gebrauch : sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.
URL dieses Artikels : http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=1560&lg=de


KANAAN: 16/11/2006

 
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