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26/07/2016
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Reflexionen einer jüdisch-argentinischen Friedenskämpferin

“Solange der vom Zionismus begründete Mythos des Landes ohne Volk nicht bezwungen wird, gibt es keinen Frieden”


AUTOR:  Julia Majlin, 2006

Übersetzt von  Übersetzt von Isolda Bohler, überprüft von Eva-Luise Hirschmugl


Wenn “Jüdischer Staat” ethnische Säuberung bedeutet, um die jüdische Mehrheit zu erhalten, ist das nicht moralisch, sondern rassistisch. Jede politische Handlung, die aus diesem Ziel hervorgeht ist rassistisch und entspricht den Grundsätzen der Regierung eines rassistischen Staates.

Heutzutage ist weitestgehend bewiesen, dass Palästina als Kriegsbeute unter den Siegern des Zweiten Weltkrieges verteilt und benutzt wurde. 

Der Staat Israel wurde aufgrund der Notwendigkeit von Reparationen des jüdischen Völkermords begangen von den deutschen Nazis mit der Komplizenschaft Europas und den USA errichtet. Die nationale jüdische Heimat – der Versuch dieser Reparation – wurde zu einer widerrechtlich errichteten Enklave, weil das Leitsmotiv “ein Volk ohne Land für ein Land ohne Volk”  eine grosse Lüge war.

Wenn ich Martin Bubere lese, mit dem ich im grundlegenden Prinzip des Dialogs, der dazu dient zu einem Konsens zu kommen, übereinstimme, so spricht dieser von einem Loskauf des Landes von jüdischer Hand. Und ich frage mich, was die Palästinenser mit dem von ihren Händen und ihrer Anstrengung durch alle Generationen der Geschichte hindurch bearbeiteten Land machten? Heute kommt mir dies schon wie Hochmut und Rassismus vor, obwohl er es nicht einmal ahnte.

Aber ein moralisches Bewusstsein ist sich darüber im klaren, dass Palästina voll mit Dörfchen und Städten war. Und dass die angehende israelische Armee – anfänglich bestehend aus verschiedenen Gruppen, die jede einzelne ihre Treueeide verteidigten, – Terror einflösste, um das Land zu verwüsten und die Bewohner zu enteignen. Man braucht nur den Ort Deir Yassin zu erwähnen, dessen Bewohner unter zahlreichen Opfern vertrieben wurden. Pläne zur Vertreibung der Palästinenser existierten bereits in den Köpfen – es gibt schriftliche Zeugnisse – von jüdischen Anführern wie Ben Gurion und das lange vor der Unabhängigkeit von 1948.

Die einseitigen jüdischen Botschaften ihrer Führung an die BügerInnen sind: “Sie wollen uns ins Meer werfen”, oder “Sie oder wir”, “Wir haben Rechte, sie nicht”, “Unsere Vergangenheit als Opfer in der Geschichte gibt uns das Recht in einem militarisierten Staat zu leben und folgerichtig die tödlichen Waffen, die wir produzieren und die uns mit soviel Grosszügigkeit das ausländische Kapital liefert, einzusetzen” und schliesslich “ihr seid die Störenfriede”. Und diese Botschaften können bequem aufrechterhalten werden, in dem Wissen, dass man als Hüter und Garant eine riesige Macht, sowohl wirtschaftlich als auch für die “wohlmeinende” westliche öffentliche Meinung hat. Und wie Sie sehen, hüte ich mich sehr davor, die Reden in die Religionen einzureihen, weil ich nicht damit einverstanden bin Religionen mit “terroristischen” Reden zu identifizieren, sowohl aus Achtung vor meinen Vorfahren, die mir meine jüdischen Eigenschaften übertrugen, als auch aus Achtung vor jenen, die sich mit anderen Religionen identifizieren. Wenn ich nicht selbst den Anderen achte, kann ich nicht die Achtung des Anderen mir gegenüber erwarten.

Das Benützen des jüdischen Holocausts als Schutzschild vor jeder Kritik, die gegen die Politik des Staats Israel formuliert wird, ist eine Spitzfindigkeit, die mir als Manipulation und Ausnützen eines tragischen Ereignisses für die Menschheit erscheint, das uns – uns, die Juden – zu Hütern des Leids von Anderen machen müsste, das uns solidarisch machen müsste mit anderen Völkern und Gruppen, denen Ungerechtigkeiten zugefügt werden. Im Gegenteil, sofort kommt die Devise des Antisemitismus zum Einsatz bei jeglicher Kritik oder gegen den, der die Politik des israelischen Staates oder seiner getreuen Schatten nicht bekräftigt.

Ich hörte einen Rabbiner sagen, wir hätten das Gesetz der Vergeltung überwunden. Das Argument besteht jedoch weiter bei den kriegerischen Handlungen der Vernichtung ohne eigene Gefahr und bei der Ghettoisierung der palästinensischen Bevölkerung bis zur Erschöpfung. Die Enteignung allein genügt nicht mehr, es muss bis zur geistigen Verwüstung, dem Verlust der eigenen Identität der Menschen kommen. Dies geschieht, um die Botschaft der Angst, die sich schon seit 1948 fortpflanzt, zu erwidern, obwohl die Palästinenser nur noch die Wahl haben, sich, mit letzter Kraft, selbst in Bomben zu verwandeln, aus einem Akt der Selbstverzweiflung und des Terrors heraus. Von welcher Überwindung spricht er?

Man hört und liest auch in der „westlichen und freien Presse“, dass „sie“ die Fundamentalisten sind. Fundamentalismus ist meinem Urteil nach die einzige Wahrheit. Davon ausgehend wird die Einseitigkeit zu bestimmt und die Landkarte des Mittleren Ostens nach Bedarf und Belieben ausgerichtet. Zusammenstoss der Zivilisationen bedeutet darüber zu richten, dass der Glaube des Anderen minderwertig ist und er den der vorherrschenden Macht annehmen muss. Deswegen bringen wir ihnen unsere korrupte Demokratie. Und als ob das nicht schon ausreichend wäre, machen wir die grossen Geschäfte mit dem „Wiederaufbau nach unserem Geschmack und Verständnis“ der zerstörten Städte und Dörfer. Es gibt immer Gewinne für die Ideologie, in der das einzige was zählt „Geld oder wachsender Einfluss“ ist.

Auf diesem sehr klaren Weg der zionistischen Zielgebung wird die beklagenswerte israelische Linke, die angenommenerweise das Friedensfeld bestimmt, erörtert. Gideon Levy schreibt in seinem Artikel „die israelische Protestbewegung [sei] illusorisch“. Eine Protestbewegung, die sich nicht gegen die schreckliche Zerstörung, die wir im Libanon verursachten, ausspricht, die über die Form mit der wir hunderte von unschuldigen Zivilisten töten, schweigt, und die Art, in der wir Zehntausende zu Flüchtlingen machen und in die Armut zurückwerfen, entspricht nicht gerade der Definition einer moralischen Bewegung... Wie lange noch werden wir uns selbst bedauern und nur unsere eigene Misere sehen? Ist es zuviel verlangt, die Demonstranten, von denen angenommen wird, sie seien die Avantgarde, darumt zu bitten, sie sollen endlich wahrnehmen, was wir einer anderen Nation angetan haben? Wie ist es zu verstehen, dass nach den Massakern in Sabra und Schatila, die nicht direkt unser Werk waren, die Leute in Massen auf die Strasse gingen und heute sagt niemand etwas über die Zerstörung, die wir mit unseren eigenen Händen im Libanon aussäten?

Und ich füge hinzu: Solange nicht der Gründungsmythos des Zionismus über das leere Land niedergerissen wird, ist kein Friede möglich. „Frieden“ grundlegend im Sinne der Anerkennung von Gerechtigkeit, ungerechtfertigten Enteignungen und als Ursache für die palästinensische Tragödie, begleitet von der Drohung diese Situation des Unheils zu vergrössern, basierend auf dem „Kampf gegen den Terrorismus“ oder der „Einfügung in demokratische Regime“. Schliesslich und endlich kennen wir die Argumentation dieses Dirkurses. Die direkten Folgen sind: Die Kriminalisierung des Widerstandsrechts der Palästinenser und neuerdings auch des libanesischen Widerstandes, das Absprechen der Legitimität der demokratischen Handlungen der Palästinenser. Wir erkennen die vom Volk gewählte Regierung nicht an, unterwerfen und nehmen ohne bekanntes Ziel die Parlamentarier und Regierenden gefangen und disqualifizieren noch mehr die palästinensische Unabhängigkeit. Und hier möchte ich sagen, dass es nur den Palästinensern zusteht, ihre Führer zu beurteilen, ob sie, ja oder nein, konsequent und treu mit den Zielen und dem Wohl ihres Volkes umgehen.

Wir müssen lernen die Souveränität zu akzeptieren, die jedem einzelnen über seinen Körper, seine Seele, den Boden, den er bewohnt, und sein legitimes Eigentum, zusteht. Die Souveränität über das Meine wiegt genauso schwer, wie die Souveränität des Anderen über das Seine. Ich glaube wir vernichten uns gegenseitig, aus der Ignoranz dieser Weisheit heraus und dem daraus folgenden Handeln.
Ich glaube, das Bewusstsein endet nicht mit dem körperlichen Ableben und noch viel weniger wenn man jemanden mit Gewalt „verschwinden lässt“. Dieselbe Generation, oder nachfolgende Generationen, was in Politik, Wirtschaft und Geschichte gemeinhin als „neo“ bezeichnet wird, schreiben sich die ungelösten Forderungen der Vergangenheit auf ihre Fahnen. Es ist ihre Aufgabe, diesen Forderungen neues Leben in Übereinstimmung mit ihnen zu handeln. Kommende Generationen fühlen sich dazu verpflichtet, Gerechtigkeit für ihre vernichteten oder entrechteten Vorfahren einzufordern.



Julia Majlin ist tätig als Therapeutin in Buenos Aires und Mitglied der argentinischen Areitsgruppe gegen die Apartheidmauer in Palästina.

Übersetzt aus dem Spanischen von Isolda Bohler und überprüft von Eva-Luise Hirschmugl, Mitgliedern von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft für jeden nicht-kommerziellen Gebrauch : sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.
URL dieses Artikels: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=1837&lg=de
Titelbild : Zuviel Zionismus, von Ben Heine, Tlaxcala


KANAAN: 03/01/2007

 
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