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24/08/2019
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Hinrichtung von Saddam Hussein

Ein Diktator, von Amerika erst geschaffen, dann zerstört


AUTOR:  Robert Fisk, The Independent UK, 30. Dezember 2006

Übersetzt von  Übersetzt von Hergen Matussik, überprüft von Eva-Luise Hirschmugl


Saddam an den Galgen, eine simple Gleichung. Wer hätte diesen letzten Gang zur Hinrichtung - dieses Krachen, wenn das Ende des Strangs erreicht ist und der Hals bricht - mehr verdient als das Ungeheuer von Bagdad, der Hitler vom Tigris, der Mann, der ungezählte Hunderttausende unschuldiger Iraker ermordete während er chemische Kampfstoffe über seine Feinde versprühte?

Unsere Herren werden uns in ein paar Stunden sagen, daß dies ein großer Tag für die Iraker sei und dabei hoffen, daß die muslimische Welt vergißt, daß das Todesurteil zwar von der irakischen „Regierung“ unterzeichnet wurde, aber im Auftrag der Amerikaner - und das am Vorabend von Eid al Adha, dem Opferfest, in der arabischen Welt der Moment der größten Bereitschaft zur Vergebung.

Doch die Geschichte wird festhalten, daß die Araber und andere Muslime, und auch Millionen Menschen im Westen, sich an diesem Wochenende eine weitere Frage stellen, eine Frage die in anderen westlichen Zeitungen nicht gestellt werden wird, weil sie nicht der Vorlage entspricht, die unsere Präsidenten und Premierminister für uns vorgesehen haben: Was geschieht mit den anderen Schuldigen?

Nein, Tony Blair ist nicht Saddam. Wir vergasen unsere Feinde nicht. George W. Bush ist nicht Saddam. Er ist nicht in den Iran oder in Kuweit einmarschiert. Er ist nur in den Irak einmarschiert. Aber Hunderttausende irakische Zivilisten sind tot - und tausende westliche Soldaten ebenfalls - weil die Herren Bush und Blair, und der spanische Ministerpräsident, und der italienische Premierminister, und der australische Premierminister im Jahr 2003 auf der Grundlage eines Eintopfs aus Lügen und Unwahrheiten in den Krieg zogen, und dies - wenn man die Waffen, die wir einsetzten berücksichtigt - mit großer Brutalität.

In der Folge der internationalen Verbrechen gegen die Menschheit im Jahr 2001 haben wir gefoltert, wir haben gemordet, wir haben Unschuldige mißhandelt und getötet - wir haben obendrein unsere Schande von Abu Ghraib Saddams Schande von Abu Ghraib hinzugefügt - und jetzt sollen wir diese schrecklichen Verbrechen vergessen, während wir der am Strick baumelnden Leiche des Diktators, den wir selbst geschaffen haben, Applaus spenden.

Wer ermutigte Saddam dazu 1980 in den Iran einzumarschieren? Dies war das größte Kriegsverbrechen, das er beging, da es eineinhalb Millionen Menschen das Leben kostete. Und wer verkaufte ihm die Komponenten für die chemischen Kampfstoffe, mit denen er den Iran und die Kurden tränkte? Wir taten dies. Es ist kein Wunder, daß die Amerikaner, unter deren Kontrolle die merkwürdige Verhandlung gegen Saddam stattfand, der Anklage jede Erwähnung dieser Umstände, dieser widerwärtigsten seiner Grausamkeiten, verboten. Hätte er nicht den Iranern übergeben werden können, um ihn wegen dieses ungeheuerlichen Kriegsverbrechens zu bestrafen? Natürlich nicht. Weil das auch unsere Schuld zeigen würde.

Und die Massentötungen, die wir im Jahr 2003 mit unseren Geschossen mit entreichertem Uran (DU) und unseren „bunkersprengenden“ Bomben („bunker busters“) begingen, und unsere phosphorreichen, mörderischen Belagerungen von Fallujah und Najaf nach der Invasion, die höllische, katastrophale Anarchie, die wir für die irakische Bevölkerung in der Folge unseres „Sieges“ - unseres „erfolgreich beendeten Auftrags“ -entfesselten? Wer wird dafür schuldig gesprochen? Wir dürfen erwarten, daß Blair und Bush in beschönigenden Memoiren, geschrieben im wohlgesicherten Ruhestand, solche Buße tun werden.

Stunden vor der Vollstreckung des Urteils hatte Saddams Familie - seine erste Frau Sajida, Saddams Tochter und ihre weiteren Verwandten - die Hoffnung aufgegeben.

„Was getan werden konnte, ist getan - jetzt können wir nur noch abwarten, daß die Dinge ihren Lauf nehmen,“ sagte einer von ihnen in der letzten Nacht. Aber Saddam wußte um sein Märtyrrertum und hatte es auch schon selbst verkündet: Er war immer noch der Präsident des Irak und würde für sein Land sterben.

Alle Verurteilten stehen vor einer Entscheidung: mit einer letzten jämmerlichen Bitte um Gnade zu sterben, oder mit soviel Würde zu sterben, wie sie in ihren letzten Stunden auf Erden noch aufbringen können. Sein letzter Auftritt vor Gericht - jenes blasse Lächeln, das sich auf dem Gesicht des Massenmörders ausbreitete - zeigte uns, auf welche Weise Saddam zum Galgen gehen wollte.

Über die Jahre habe ich seine monströsen Verbrechen festgehalten. Ich habe mit den überlebenden Kurden von Halabja gesprochen, und mit den Schiiten, die sich auf unseren Wunsch 1991 gegen den Diktator erhoben hatten, die wir betrogen, und deren Kameraden zu Zehntausenden, zusammen mit ihren Frauen, wie die Drosseln von Saddams Henkern gehängt wurden.

Ich war im Hinrichtungsraum von Abu Ghraib -  wie sich später herausstellte, nur Monate nachdem wir dasselbe Gefängnis für ein paar eigene Folterungen und Tötungen genutzt hatten - und ich habe zugesehen, wie Iraker Tausende ihrer toten Verwandten aus den Massengräbern von Hilla zogen. Einer von ihnen hatte eine frisch eingesetzte künstliche Hüfte und die Identifizierungsnummer eines Krankenhauses an seinem Arm. Er wurde direkt aus dem Krankenhaus zu seiner Hinrichtungsstätte gegebracht. Ich habe, wie Donald Rumsfeld, sogar die weiche, feuchte Hand des Diktators geschüttelt. Ungeachtet all dessen beendete der alte Kriegsverbrecher seine Tage an der Macht damit, romantische Bücher zu schreiben.

Es war mein Kollege Tom Friedman - jetzt messianischer Kolumnist für die New York Times - der Saddams Charakter kurz vor der Invasion im Jahr 2003 perfekt zusammenfaßte: Saddam sei, so schrieb er, „Teils Don Corleone, teils Donald Duck“. Mit dieser einzigartigen Definition faßte Friedman die Schrecken aller Diktatoren zusammen: ihre Leidenschaft für Sadismus und die groteske, unglaubliche Natur ihrer Barbarei.

Aber so wird ihn die arabische Welt nicht sehen. Zunächst werden jene, die unter Saddams Grausamkeit zu leiden hatten, seine Hinrichtung begrüßen. Hunderte wollten den Hebel des Henkers umlegen. Desgleichen werden viele Kurden und Schiiten außerhalb des Irak sein Ende begrüßen. Aber sie und Millionen anderer Muslime werden sich erinnern, wie er über die Vollstreckung seines Urteils in Kenntnis gesetzt wurde, in den frühen Morgenstunden des Festes Eid al Adha, dem Gedenken an die Beinahe-Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham, ein Gedenktag, den sogar der schaurige Saddam zynisch feierte, indem er Häftlinge aus seinen Gefängnissen entließ. Mag sein, daß er „den irakischen Behörden“ vor seinem Ende  „übergeben“ wurde. Aber seine Hinrichtung wird – zu Recht - als eine amerikanische Angelegenheit in die Geschichte eingehen, und die Zeit wird ihren falschen aber dauerhaften Glanz hinzufügen: Der Westen zerstörte einen arabischen Führer, der seinen Befehlen aus Washington nicht länger folgte; Saddam starb, all seinen Untaten zum Trotz (und dieses „Wegschälen“ seiner Verbrechen wird das schreckliche Ergebnis für arabische Historiker sein), als „Märtyrer“ auf Wunsch der neuen „Kreuzritter“.

Als er im November 2003 gefangen genommen wurde, nahm der Widerstand gegen die amerikanischen Truppen an Gewalt zu. Nach seinem Tod wird er sich noch einmal verdoppeln. Durch die Hinrichtung von jeder Möglichkeit befreit, Saddam könnte noch einmal wiederkehren, brauchen die Feinde des Westens die Rückkehr der Herschaft der Baath-Partei nicht zu fürchten. Osama Bin Laden wird sicher frohlocken, zusammen mit Bush und Blair.

Und da ist ein Gedanke: So viele Verbrechen gerächt.

Aber wir werden ungestraft davonkommen.



Robert Fisk ist ein preisgekrönter britischer Auslandskorrespondent und hat sieben Mal den Preis "British International Journalist of the Year" erhalten, die letzten beiden Male 1995 und 1996. Er hat sich auf den Mittleren Osten spezialisiert, wo er die letzten 23 Jahre verbrachte.

Übersetzt aus dem Englischen von Hergen Matussik und überprüft von Eva-Luise Hirschmugl, Mitgliedern von Tlaxcala,
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IMPERIUM: 04/01/2007

 
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