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Stichtag 14. Januar 2006: Nicolas Sarkozy offizieller Präsidentschaftskandidat der UMP

Der eigenartige Herr Sarkozy: Ein unverhoffter Glückstreffer oder böser Reinfall für Frankreich?


AUTOR:  René Naba, 14. Januar 2007

Übersetzt von  Übersetzt von Eva-Luise Hirschmugl


Die UMP, machthabende Partei in Frankreich, hat Nicolas Sarkozy zu ihrem Präsidentschaftskandidaten für die Wahlen am 22. April 2007 gewählt. 98,1% der 69% stimmfähigen Mitglieder der UM haben für ihn gestimmt. Er war der einzige Kandidat, der zur Wahl stand. Im Nachfolgenden sein Porträt.


Das Syndrom des einzigartigen Medienthemas: 4200 Fernsehauftritte in 10 Jahren

Frankreich wird periodisch von einem zyklischen Phänomen erschüttert: das Syndrom des einzigartigen Medienthemas (EMT) (1). Während einer langen Zeitspanne beschäftigt eine einzige Person die Medienwelt in ihrer Gesamtheit und stellt jede andere, sogar die respektabelste, Person und jedes andere Thema, auch das würdigste, in den Schatten. Sie besitzt alle Qualitäten, hat keinen Fehler und ruft bei der Presse und den Massen grenzenlose Bewunderung hervor – bis in alle Ewigkeit. ....Bis zu ihrem Fall, der eine heftige Hetzkampagne auslöst, die so gross ist wie die Lobreden zuvor.

In den 80er Jahren erlebte Frankreich das Phänomen Bernard Tapie, dieser charmante Industrielle, der Journalisten und Politiker so sehr verzauberte, dass er sogar Minister der französischen Republik wurde, bis schliesslich seine juristischen Enttäuschungen ihn wieder in einen Zustand der allgemeinen Schande zurückwerfen.

In den 90er Jahren drehte sich alles um das Phänomen Jean-Marie Messier. Das internationale Finanzgenie löste eine Welle der Bewunderung aus bis zum schlussendlichen Kollaps, der ihn allgemein der Lächerlichkeit preisgab und zur Zerschlagung des weltweit zweitgrössten Kommunikationskonzerns „Vivendi Universal“ führte und dieses ehemals junge Wunderkind der intellektuellen Elite Frankreichs ins amerikanische Exil trieb.

Und nun finden wir uns also im Jahr 2000 dem Phänomen Nicolas Sarkozy gegenüber wieder, wahrscheinlich der einzige Mann, der die Sicherheit in Frankreich wiederherstellen kann, die maroden Staatsfinanzen retten kann, hauptsächliches Gegengewicht zur französischen extremen Rechten, der Stolperstein der Linken und der Retter Frankreichs, der Held im Kampf gegen den Antisemitismus und die positive Diskriminierung.

Kurz gesagt, er ist das neue Wunderkind des Jahrzehnts, der ultimative Retter. Zumindest wenn man sich nach seinen Statements und den wissenden Kommentaren der französischen Presse richtet, die häufig ehrerbietig und selten impertinent gegenüber den Mächtigen ist. Man könnte fast meinen, Frankreich habe einen Mangel an Männern und Frauen von Wert und Talent oder gar einen Mangel an Männern und Frauen, die guten Willens sind.

Der Innenminister und ehemalige Finanzminister, der zappelige Kandidat, der die Nachfolge von Jacques Chirac in der obersten Magistratur antreten möchte, ist heute am Höhepunkt seines Ruhms. Eine Kritk ist in diesem Kontext, sozusagen ein Missklang in diesem Lobeskonzert ohne dass weit und breit am Horizont ein Stolpern zu sehen ist, ein gefährliches Unterfangen.

Riskieren wir es einfach, denn die nie erwähnten Entgleisungen, nie genannte Fälschungen von Verwaltungsfakten, könnten, sollte es so weitergehen, sowohl der Demokratie, als auch dem Ruf Frankreichs weltweit, schaden.

Der Mann, hyperaktiver Bulimiker, hält einen schwer zu erreichenden doppelten Rekord, den meisten Fernsehauftritte (4200 in zehn Jahren) und den der repressiven Gesetze (11 seit seinem Amtsantritt als Innenminister im Jahre 2002).

Innerhalb von zehn Jahren (1996 – 2006) hat Nicolas Sarkozy tatsächlich 4200 Fernsehauftritte absolviert, das heisst mehr als einen pro Tag (2), eine Zahl, die seine politischen Auszeiten und Familienferien mit einbezieht, jedoch die Präsidentschaftskampagne von 2007 ausschliesst.

Seitdem er Innenminister ist, ist die normale Kriminalität in Frankreich gestiegen, wo die Gewalt gegenüber Personen seit 2002 um 9% gestiegen ist, und das trotz all seiner energischen und mediatisierten Auftritte vor Ort, trotz aller Siegesverkündungen in den wohlgesonnenen Medien, trotz der gesunkenen Zahl von „festgestellten Verbrechen“ und trotz der Hyperaktivität, die er auf dem Gebiet der Sicherheit an den Tag gelegt hat (11 Gesetzestexte in 5 Jahren, ein absoluter Weltrekord(3)).

Allein sein erster Aufenthalt im Innenministerium am Place Beauvau (2002 – 2004) brachte einen Anstieg der Kriminalität von 10,1% im ersten Trimester 2004 mit sich, verglichen mit derselben Zeitspanne im Jahre 2003, und dies obwohl letztere bereits einen Anstieg von 7,3% aufwies verglichen mit derselben Zeitspanne von 2002, während die Polizeifehler gegenüber Zivilisten sich innerhalb von drei Jahren verdreifacht haben.

Die von Polizisten begangenen Gewalttaten bei der Ausübung ihrer Arbeit sind so von 20 im Jahre 2001 auf 70 Fehltaten angestiegen und hatten 2003 den Tod von zwei Personen im Rahmen der Ausweisung von Immigranten zur Folge, als sie mit Gewalt an Bord der „schändlichen Charterflüge“ gebracht wurden, laut Berichten des Observatoire de la déontologie de la sécurité publique.

Sein Amtsantritt mit Fanfarenklang und auffallendem Luxus im Finanzministerium hat seinem volontaristischen Diskurs von vornherein die Glabuwürdigkeit genommen. Sowohl die Beanspruchung dreier der fünf offiziellen Wohnungen des Ministeriums um sie als Amtswohnung für die Familie und ihr Personal zu nutzen, als auch die Mobilisierung einer Eskorte von 24 Polizisten zum Personenschutz und eines Fahrzeugparks von sieben Autos, verheisst nichts Gutes für eine strenge Sparpolitik, die sich Frankreich auferlegen muss, um aus seinen finanziellen Schwierigkeiten herauszufinden.

Tatsächlich ist es unpassend von anderen Ministerien eine Verringerung der Ausgaben zu verlangen und selbst gleichzeitig Luxus zur Schau zu stellen. Es geziemt sich nicht, so grossartig aufzutreten, ohne dass sich jemand Fragen stellt über diese kindische Form der Selbstherrlichkeit, ein Zeichen politischer Unreife.

Das Aufgebot eines Sicherheitsapparats und eines Komforts, der proportionnell grösser ist als der, der zum Schutze des General Ricardo Sanchez, Oberhaupt des amerikanischen Expeditionskorps im Irak, eingesetzt wird und der der Gefahr viel stärker ausgesetzt ist als Herr Sarkozy, lässt uns frühzeitig Präpotenz erahnen.

Solch ein Benehmen macht ein exemplarisches Verhalten im Management der öffentlichen Angelegenheiten unwirksam. Der Freund der französischen Unternehmerschaft hat, auf wirtschaftlicher Ebene, den Prunk über die Mässigkeit gestellt und auf der Ebene der internen Angelegenheiten, nach reiner kolonialistischer französischer Tradition, die Repression über die Prävention gestellt.

Indem er seiner Sicherheitspolitik eine polizeiliche Dimension mit willkürlichen Ergebnissen verliehen hat, hat er die grossen Probleme Probleme der französischen Gesellschaft nur verschlimmert.

Durch die Wiedereinführung der Denunziation hat er seine Mitbürger auf eine verabscheuenswürdige Praktik zurückgeworfen, ist zu den dunklen Seiten der französischen Geschichtsbücher zurückgekehrt, die Frankreich zum Vorhof der Todeslager machte, in die Zeit der Kollaboration mit den Nazis. Ein Politiker sollte seine Handlungen immer in eine geschichtliche Perspektive setzen und niemals das Infame minimalisieren.

Besorgniserregender ist jedoch die Projektion seiner Sicherheitspolitik auf die internationale Ebene: indem er zweimal Jacques Chirac bei internationalen Veranstaltungen widersprach, hat der selbsternannte Erbe stark dazu beigetragen, dass die französische Diplomatie als doppelzüngig zweigleisig empfunden wird.

Und so, liess Nicolas Sarkozy, am 5. März 2003, als der französische Präsident in Algier die Hand von Yacef Saadi, der einstige algerische Gegner von General Jacques Massu in der Schlacht um Algier während des nationalen Unabhängigkeitskrieges (1954 – 1962), schüttelte, am selben Tag mit nur einer Stunde Zeitunterschied, den ersten „schändlichen Charterflug“ in Richtung Afrika starten und schwächte so den Erfolg dieser notwendigen Versöhnungsgeste zwischen der ehemaligen Kolonialmacht und ihrem ehemaligen Besitztum ab.

Mal abgesehen von zwinglichen staatlichen Notwendigkeiten, hätte dieses Wiedersehen frei von jeglicher Art von Störung stattfinden sollen. Herr Sarkozy hätte dies verschieben und die „schändliche Charterflüge hätten am Boden bleiben und das Ende des Besuchs des Staatspräsidenten in Algerien abwarten sollen.

Dies war jedoch nicht der Fall. Der Besuch von Jacques Chirac in Algerien war beschmutzt, genau wie der Ruf Frankreichs, das auf diesem Gebiet das Monopol über diese Praktik innehält. Zurückhaltung auszuüben angesichts des Verlangens nach Parasitentum macht den erfahrenen Mann aus.

Genauso ging es bei der Affäre um den „islamischen Schleier“ von Statten, die, entgegen aller Erwartungen, losgetreten wurde, als sich im Oktober 2003 der Conseil Français du Culte Musulman formierte. Sollte dies ein Pfand sein für die radikale französische Rechte als Gegenleistung für die Einführung einer repräsentativen Organisation des Islam in Frankreich? War dies ein Beweis für geschicktes Taktieren?

Die Wiederbelebung dieses Streits während die Zusammenkunft der islamischen Verbände Frankreichs in vollem Gange war, obwohl die Affäre sich seit einem halben Jahrzehnt beruhigt hatte, das öffentliche Tragen des Kopftuches nur 300 Schülerinnen betraf und die weltweite öffentliche Meinung mit dem amerikanischen Eingreifen im Irak beschäftigt war, löste Proteste in der arabischen und islamischen Welt aus.

Nach der Haltung Frankreichs im neuen Irakkrieg, hat die Schleieraffäre die Diskussion um die Doppelzüngigkeit der französischen Diplomatie wiederbelebt und gab der Bush Regierung leichthin die Gelegenheit ihren französischen Rebellen eine Lektion an religiöser Freiheit zu erteilten, ohne dass das Problem an Klarheit gewann. War dies das Ziel? Sich für die entscheidenden Schlachten zu schonen macht ebenso den grossartigen Mann aus.

Der Finanzminister eines zahlungsunfähigen Staates muss zunächst den Gürtel enger schnallen und die internationalen Abkommen seines Landes einhalten.

Die Reise von Nicolas Sarkozy nach Washington Ende April 2004, als die Bush Administration sich gerade mitten im Folterskandal um irakische Gefangene befand, erscheint, genau wie seine Reise zwei Jahre später im September 2006, im Nachhinein wie ein schwarzer Punkt in der juvenilen diplomatischen Karriere des Staatsministers, Innenministers, ehemaligen Finanz-, Wirtschafts- und Industrieministers Frankreichs.

Eine Reise nach Canossa, genau wie die Reise des Kaisers Heinrich IV. in dieses kleine Dorf in Italien, um den Papst Gregor VII. im Januar 1077 a.d. um Verzeihung zu bitten, die in die Nachwelt als erniedrigende Handlung vor einem Gegner einging.

Sich von den amerikanischen jüdischen Vereinigungen ehren zu lassen, eines der hauptsächlichen Mittel der strategischen Einflussnahme der israelisch-amerikanischen Achse und Hauptanhänger des Boykotts französischer Produkte während des Irakkriegs, mitten im Zerfallprozess des diplomatischen Tandems Bush-Scharon, und, gleichzeitig, die sozialistische Opposition für Zurückhaltung im Kampf gegen den Antisemitismus anzupöbeln, stellt gleichzeitig einen diplomatischen Widerspruch dar, eine politische Unwahrheit und eine demagogische Wichtigtuerei.

Die Vernunft gebietet statt der übertriebenen Jagd nach Wählerstimmen bei einem so heissen Thema einen wahrheitsgemässen Diskurs: der Antisemitismus, in Frankreich sehr unbedeutend, existierte lange vor der Ankunft der Araber und Moslems in diesem Lande und die, schmerzvollen, Ereignisse sind allen bekannt.

Die Geschichte ist Zeuge, von der Dreyfus Affäre im 19. Jahrhundert (vom Namen dieses französischen Offiziers jüdischen Bekenntnisses, der wegen Hochverrats angeklagt wurde, zur Unwürdigkeit und zu seiner Verbannung auf Grund seiner Religion), bis zur Kollaboration des Vichyregimes mit Nazideutschland.

Die politische Pädagogik und der Bürgersinn erlegen es uns auf uns bei dieser Gelegenheit an die Rolle des Sultans von Marokko, dem zukünftigen Mohammed V., zu erinnern und an seine Weigerung die Gesetze von Vichy betreffend die Juden auf seinem Staatsgebiet anzuwenden und an seinen Beitrag zum Kampf gegen den Antisemitismus. Die Gelegenheit dazu wurde verpasst. Ist auch die Stigmatisierung eine Waffe im politischen Kampf, so darf sie niemals auf Kosten der Wahrheit eingesetzt werden.

In derselben Gedankenfolge existierte auch die Instrumentalisierung der Gruppenzugehörigkeit im politischen Leben Frankreichs bereits vor dem Aufkommen eines politischen Bewusstseins der arabisch-moslemischen Gemeinde.

Das Gebrüll von Organisationen wie „Renouveau juif“ (jüdischer Aufbruch – Anm. des Übers.) und der „Siona“ Bewegung in den 80er Jahren, die zu einem wählerischen Protest gegen Valéry Giscard d’Estaing oder auch gegen François Mitterand aufriefen, obwohl letzterer sogar das anti-israelische Embargo aufhob und als erster Präsident der französischen Republik Israel einen offiziellen Besuch abstattete, dienen uns zur Erinnerung. Die Tatsachen können in ihrer Chronologie überprüft werden.

Diese Reise nach Canossa-Washington war also eine falsche gute Idee und kam zum schlechtesten Zeitpunkt, gerade als George Bush und auch Tony Blair, sein englisches Pendant, sich einem Aufruhr unter ihren eigenen Diplomaten gegen ihre Handhabung des irakischen Konfliktes gegenübersahen, der von Lügen über Massenvernichtungswaffen, von erniedrigenden Folterskandalen und von pro-israelischer Blindheit geprägt war.

Nicolas Sarkozy empfängt Repräsentanten des europäischen jüdischen Kongresses

Nicolas Sarkozy empfängt Repräsentanten des europäischen jüdischen Kongresses
Ein schlechter Streit, in jeder Hinsicht, den Herr Sarkozy seinen Gegnern beschert hat, wenn man an den pro-israelischen Eifer denkt, den die Sozialisten ständig zur Schau trugen, von Suez im Jahre 1956 beim englisch-französischen-israelischen Feldzug gegen Ägypten bis nach Bir Zeit (Palästina) im Jahre 2000, vierzig Jahre später, was zur bekanntesten Prügelei der modernen Geschichte führte einhergehend mit der Steinigung des sozialistischen Premierministers Lionel Jospin dafür, dass er die libanesische Hezbollah als „terroristisch“ bezeichnete und schliesslich zur politischen Zerstörung des sozialistischen Intellektuellen Pascal Boniface, der sich des absoluten Verbrechens der Majestätsbeleidigung schuldig machte, weil der die israelische Politik kritisiert hatte.

Es ist ungut, das Feuer anzufachen aus purer Sehnsucht nach medialer Aufmerksamkeit. Eine halbseitig gelähmte Interpretation der Geschichte untergräbt jegliche zukünftige staatliche Kohäsion.

Die Partei UMP (früher stand es für Union pour la Majorité présidentielle, heute bedeutet es Union pour un mouvement populaire) wird sein Zenith und sein Tiefstpunkt sein.

Auf den Ruinen der totgesagten RPR und den Enttäuschungen ihres naturgemässen Chefs Alain Juppé, ein Opfer der üblen staatlichen Geschäftemacherei seines Mentors Jacques Chirac, wurde Nicolas Sarkozy zum Chef der präsidentiellen Mehrheit geweiht mit den juvenilen mediatisierten Anfeuerungsrufen seines jüngsten Sohnes Louis.

„Viel Glück mein Papa“, dies klingt im Nachhinein wie die äusserste Kränkung einer bitteren Ironie. Die Apotheose des Königsmordes verwandelte sich tatsächlich in eine Boulevarkomödie mit der Flucht seiner Dulcinea – ihr Auszug aus dem ehelichen Zuhause mit dem „Zeremonienmeister“, seinem eigenen Zeremonienmeister, ein alptraumhaftes Szenario, das nicht einmal der vielseitigste Cineast von Hollywood erfinden hätte können.

Als Muster des Ultiliberalismus, der er ist, reagierte der Mann getreu seiner natürlichen Neigung. Mit einer autoritären Reaktion extremer Brutalität: Der für die Veröffentlichung der ehelichen Probleme verantwortliche Direktor wurde beruflich enthauptet und ein wagemutiger Herausgeber sofort dazu gezwungen sein Buchprojekt aufzugeben.

Das eherne Gesetz der politischen Morphologie: Minderwertigkeitskomplex? Unbändiger Wunsch nach sozialem Aufstieg? Bei seinen Gesprächen mit den grossen Männern dieser Welt stellt sich Nicolas Sarkozy buchstäblich auf seine Zehenspitzen, um auf gleicher Höhe mit seinen Gesprächspartnern zu sein, zumindest auf den offiziellen Bildern, aus dem Willen heraus die diktierten Gesetze der politischen Morphologie zu umgehen, inspiriert von dem vorausschauenden Satz seines absoluten Vorbildes, dem Kaiser Napoleon Bonaparte, der da sagte: „Politikern, die kleiner sind als 1m60, entschwebt das Schicksal über ihren Köpfen“. „Was soll man von dieser Kompensierung halten? Ist es seine Achillesferse? Es geht nicht darum ihn körperlich anzugreifen, sondern um ethische Etikette. Wenn der Minister uns wegen seiner Grösse täuschen will, wie wird es dann um die Massnahmen bestellt sein, wenn er erst einmal Präsident ist?“, orakelte einmal, nach einem weiteren Balanceakt auf den Zehenspitzen, die Pariser Tagespresse(4).

Dieser Mann ist von der Beleidigung besessen, sein liebstes Kommunikationsmittel sind Beschimpfungen Sein Einzug im Innenministerium hat nicht zur Senkung der Kriminalität beigetragen, sondern das politische Vokabular um zwei Prunkstücke der französischen Stigmatisierung bereichert: Gesindel und Kärcher. Viele Beobachter werden ihm die Zuspitzung des vorstädtischen Konfliktes im Herbst zuschreiben, wegen seiner verbalen Ausfälle und seiner Prahlereien.
Nicolas Sarkozy und Roger Cukierman, Präsident des CRIF, beim Dinner des CRIF im Januar 2001

Nicolas Sarkozy und Roger Cukierman, Präsident des CRIF, beim Dinner des CRIF im Januar 2001
Ob aus juveniler Treuherzigkeit oder schamlosen Machiavellismus heraus, Nicholas Sarkozy wählte zum exklusiven Berater der Neutralisierung der Aufstände in den französischen Vororten Herrn Avi Dichter, israelischer Minister der öffentlichen Sicherheit; ausgerechnet denjenigen, dessen Aufgabe es ist die palästinensische Intifada in den von Israel besetzten Territorien zu unterdrücken und der also symbolisch, ob bewusst oder unbewusst, den israelisch-palästinensischen Konflikt auf das französische Staatsgebiet übertragen soll.

Mit einer Aktion demagogischer Reichweite, im Sinne der Wahlwerbung, versicherte er sich, als Wiederholungstäter, der Zusammenarbeit eines ehemaligen Reservisten der israelischen Armee, des allwissenden Arno Klarsfeld, sowohl wenn es um die Definition der „positiven Rolle“ der Kolonialisierung geht, als auch bei den Fragen der Legalisierung des Status der Illegalen und des Wohnrechts.

Eine eigenartige Weise die Laizität durchzusetzen, eines der Hauptprinzipien der französischen Republik, indem man einen Mann befördert, der eine ausländische Staatsbürgerschaft, die israelische in diesem Fall, beantragt hat, aus einer ethnisch-religiösen Überzeugung heraus. Nicht weniger eigenartig ist es auch die Wahrung der Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit der französischen Diplomatie, indem man einen israelischen Reservisten anheuert, ein Land, das gegen die befreundeten Länder Frankreichs, den Libanon und Palästina, in den Krieg zieht.

Nicolas Sarkozy ist ein Wesen mit „gestörter Rechtslinksorientierung“(5), der seine Linke nicht von seiner Rechten unterscheiden kann und der die Rechte mit der Extremen Rechten verwechselt. Jacques Chirac ist sein Fixstern, auch in seinen grossen Momenten des Verrats, Chirac, der sich mit Giscard d’Estaing gegen den Gaullisten Jacques Chaban-Delmas verbündete und Sarkozy, der auf Balladur gegen Chirac setzte während der Präsidentschaftskampagne von 1995.

Ihrer beider unüberwindbarer Horizont ist die Präsidentschaftswahl von 2007, ein Datum, das mit der Zurückstufung Frankreichs als wirtschaftliche, diplomatische und kulturelle Macht in der Hierarchie der Nationen zusammenfällt, da es vor dem Hintergrund des Jahres 2010 vom 4. auf den 9. Platz zurückfällt; wirtschaftlich wird es von Japan, Indien und China überholt, den neuen Giganten der internationalen Szene und kulturell von der spanisch sprechenden Welt, die weltweit 450 Millionen Menschen in Lateinamerika, Spanien und im Herzen der USA selbst (fast 50 Millionen Menschen) darstellen und die Spanien zu Einfluss verhelfen in der Welt, die es viel einflussreicher machen werden, als die französisch sprechende Welt mit nur 120 Millionen Mitgliedern.

Mögen die Hofintellektuellen, diese Wesen, die um unser einzigartiges Medienthema des beginnenden 21. Jahrhundert kreisen und die ihren Intellektuellenstatus gegen den von Kurtisanen eingetauscht haben, ihm bei Gelegenheit folgende erwiesene Wahrheiten ins Gedächtnis rufen: und zwar, dass die hauptsächliche Quelle der französischsprachigen Welt des 21. Jahrhunderts sich in Algerien, den Maghrebstaaten und auf dem schwarzen Kontinent befindet, das heisst den aktuellen Zielen der „schändlichen Charterflüge“.

Nicolas Sarkozy und der amerikanische Rabbi Martin Hier, der ihm im Jahre 2003 den „Preis der Toleranz“ des Simon Wiesenthal Zentrums überreichte, dessen Präsident er ist

Nicolas Sarkozy und der amerikanische Rabbi Martin Hier, der ihm im Jahre 2003 den "Preis der Toleranz" des Simon Wiesenthal Zentrums überreichte, dessen Präsident er ist
Abgesehen von den Ähnlichkeiten zwischen den Herren Chirac und Sarkozy gibt es jedoch einen wichtigen Unterschied: der Ältere, ein alter Routinier der Politik, hat, ganz im Gegensatz zum Jüngeren, niemals gegen sein eigenes Lager in den internationalen Foren gespielt. Ein Anzeichen für einen gewissen Staatssinn.

In Washington hat der „kleine Nicolas“ sich einer politischen Meisterleistung hingegeben, als der Diskurs des „grossen Dominique“ einen moralischen Auftritt hinlegte, ganz im Sinne der Grandeur, in der sich Frankreich gerne darstellt.

In jeder Hinsicht war die Reise von Herrn Sarkozy nach Washington das Negativum zur Reise nach New York von Herrn De Villepin, ehemaliger Aussenminister, inmitten der Debatte des UNO Sicherheitsrates über den Konflikt im Irak. Ein schlechtes Verhalten gegenüber Frankreich, das in der öffentlichen Meinung das Gewicht des französischen Plädoyers schwächte.

Der Mann des Bruches steht in nichts dem gaullistischen wählerschaftlichen Erbe nach und eignet sich ohne jegliches Inventar das gesamte Erbe an: Partei, Führungskräfte, Militanten, Wähler und Finanzen.

Der Mann des Bruches steht in nichts den Aktionen zum Wählerfang der ehemaligen gaullistischen Partei nach, wie es der magmatische Mahlstrom der Clearstream Episode zeigte, bei dem er gleichzeitig als Opfer und Richter erscheint, als Manipulator und Manipulierter.

Doch täuschen Sie sich nicht: der Mann, den die UMP als Präsidentschaftskandidaten für die Wahlen 2007 bestimmt hat, ist keinesfalls der Erbe des Gaullismus, sondern der Chef der pro-atlantischen Achse, einer der Dreh-und Angelpunkte der israelisch-amerikanischen Achse in der euro-mediterranen Sphäre.

Die englischen Humoristen bezeichnen Tony Blair als das britische Schosshündchen von George Bush. Die Franzosen haben eines Tages überrascht entdeckt, dass sie, ohne es zu wissen, „alle Amerikaner“ geworden sind, bestimmt vom Direktor der Welt, Jean-Marie Colombani. Wenn wir nicht aufpassen könnte sich ein solches Schema wiederholen.

Mögen sich also die Menschen guten Willens vereinigen, damit sich in Frankreich niemals ein Schosshund des amerikanischen Präsidenten findet. Denn auch wenn man nur ein Dekret benötigt, um einen Staatsminister zu benennen, so braucht es doch viel mehr, um ein Staatsmann zu werden.


Anmerkungen:

1 – Sujet médiatique Unique (SMU) – übersetzt als „einzigartiges Medienthema“: dieser Ausdruck stammt von Daniel Schneiderman, Moderator der Rubrik „Medien“ der Zeitung Libération und Moderator der Sendung „Arrêt sur Image“ auf dem Sender France 5.

2 – Le Canard Enchaîné (französische Zeitung), N°4401 vom 22. November 2006, im Bezug auf die Wochenzeitschrift VSD vom 15. November 2006. Die Statistiken schliessen also seine Auftritte im Rahmen der Präsidentschaftskampagne 2007 aus.

3 – Im Folgenden finden Sie die Liste der hauptsächlichen Gesetzestexte betreffend die Sicherheit nach dem Einzug von Nicolas Sarkozy im Innenministerium:

-         September 2002: Gesetz zur Orientierung und Programmierung für die französische Sicherheit

-         Februar 2003: Gesetz zur Strafverschärfung für Verbrechen mit rassistischem Hintergrund

-         März 2003: Gesetz zur internen Sicherheit

-         März 2004: Anpassung der Justiz an die Entwicklung der Kriminalität

-         November 2003: Kontrolle der Immigration und Verhinderung von illegalen Immigranten

-         Januar 2005: Kampf gegen den Terrorismus

-         April 2006: Kampf gegen Gewalttaten gegenüber Minderjährigen

-         Juli 2006: Kampf gegen Gewalttaten im Rahmen von Sportveranstaltungen

-         November 2006: Verbrechensprävention ... was die Abänderung einer Tratte miteinbezieht – eine Rekordzahl von 80 Artikeln des Strafgesetzbuches

4 – „Sarkozy, c’est le pied“ von Gérard Lefort, Pages Rebonds, die Zeitung Libération, Samstag, 4. November 2006

5 - „schlechte Rechtslinksorientierung“, eine Anomalie, die vor allem bei Kindern auftritt, die rechts nicht von links unterscheiden können



René Naba, ehemaliger Verantwortlicher der arabisch-moslemischen Welt im diplomatischen Dienst der Presseagentur Agence France Presse, ehemaliger Berater des Vorstandsvorsitzenden von RMC/Moyen orient, Informationsbeauftragter und Autor der folgenden Werke:
- Aux origines de la tragédie arabe, Editions Bachari 2006 (Die Ursprünge der arabischen Tragödie)

- Du bougnoule au sauvageon, voyage dans l'imaginaire français, Harmattan 2002 (Vom Bougnoule (= pejorative Bezeichnung für einen Araber - Anm. des Übers.) zum Wilden, eine Reise durch die französische Vorstellungswelt)

- Rafic Hariri, un home d'affaires, premier ministre, Harmattan 2002 (Rafic Hariri, ein Geschäftsmann und Premierminister)

- Guerre des ondes, guerre de religion, la bataille hertzienne dans le ciel méditerranéen, L'Harmattan 1998 (Krieg der Wellen, Religionskrie, der Kampf auf Hertzfrequenz im mediterranen Himmel)

Übersetzt aus dem Französischen von Eva-Luise Hirschmugl, einem Mitglied von Tlaxcala,
dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft für jeden nicht-kommerziellen Gebrauch : sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.
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DIE NICHT EINZUORDNENDEN: 15/01/2007

 
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