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07/08/2020
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„Wie die Reichen den Planeten zerstören“, ein Buch von Hervé Kempf

Kapitalismus ist die Wurzel der Krise von Gesellschaft und Umwelt


AUTOR:  Louis-Gilles Francoeur, 6/7 Januar 2007

Übersetzt von  Übersetzt von Hergen Matussik, überprüft von Eva-Luise Hirschmugl


Was haben globale Erwärmung, die Verschmutzung der Erdatmosphäre, von Flüssen und Meeren, die Erschöpfung der natürlichen Rohstoffe, beschleunigtes Artensterben, Entwaldung, das Aussetzen genmanipulierter Organismen in die Umwelt, und bald schon auch die kaum nachweisbare Verschmutzung mit winzig kleinen Partikeln von Nano-Materialien gemeinsam? Ihre Hauptursachen sind der Kapitalismus und die Oligarchie, die von ihm profitiert. Diese Antwort gibt Hervé Kempf in einem explosiven Buch, das in Paris von Editions du Seuil veröffentlicht wurde.

Als Journalist von Le Monde, der sich auf Umweltthemen spezialisiert hat, hat Hervé Kempf seine Arbeit an alle vier Enden des Planeten getragen und - wie es das Privileg eines Chronisten der Umwelt ist - die Spitzen der internationalen Wissenschaft befragt, „Leute, die dazu neigen, eher ruhig und bedächtig zu urteilen.“ Aus dem was ihm diese Kontakte mitteilten, und aus den Themen, die er geduldig in seiner Arbeit für die Zeitung zusammengetragen hat, zieht er zwei Schlüsse, wie er zu Beginn von Comment les riches détruisent la planéte (Wie die Reichen den Planeten zerstören) schreibt. Das Buch wird im Februar in Quebec erhältlich sein.

Wie Kempf gestern in einem Telefoninterview erklärte, verschlechtert sich erstens die ökologische Situation des Planeten mit einer Geschwindigkeit, die die Bemühungen von Millionen von Bürgern und Öko-Aktivisten zunichte macht, so daß die Gefahr besteht, daß der Planet die Schwelle der Unumkehrbarkeit der Schäden „innerhalb der nächsten zehn Jahre überschreitet.“ Zu dieser Überzeugung kam er aufgrund des Tempos, in dem sich die negativen Ergebnisse häufen.

Die zweite Schlußfolgerung seines Versuchs, eine umfassende und verständliche Erklärung der Umweltkrise zu liefern, ist, daß „das soziale System, das gegenwärtig die menschliche Gesellschaft bestimmt, der Kapitalismus, blind und verbissen alle Änderungen ablehnt, die notwendig sind, wenn wir Würde und Zukunft der menschlichen Existenz bewahren wollen.“

In der gleichen Weise, wie die verschiedenen Aspekte der weltweiten Umweltkrise zunehmend zusammenwirken - die Erwärmung beschleunigt das Artensterben, während die Nutzung fossiler Brennstoffe die Verschmutzung verstärkt und ihr Verbrauch zur Erschöpfung der Rohstoffe führt - sind die globale ökologische und soziale Krise zwei sich gegenseitig bedingende Facetten desselben Problems.

„Wir können die Gleichzeitigkeit von ökologischer und sozialer Krise nicht verstehen, wenn wir sie nicht als zwei Aspekte derselben Katastrophe untersuchen. Diese Katastrophe erwächst aus einem System, das von einer Führungsschicht gelenkt wird, die heute keine andere Motivation mehr hat als Gier, kein anderes Ideal als Konservativismus und keinen anderen Traum als Technologie. Diese Raub-Oligarchie ist der Hauptprotagonist der globalen Krise,“ schreibt Kempf. „Die gegenwärtige Form des Kapitalismus,“ fügt er in einem Interview hinzu, „hat ihre historische Funktion, die Schaffung von Wohlstand und Erneuerung, verloren, weil sie sich zu einem Finanz-Kapitalismus entwickelt hat, der sogar von kapitalistischen Ökonomen in Frage gestellt wird. „Dieser Kapitalismus, der Arbeitsplätze durch Rationalisierungen, neue Technologien und Globalisierung vernichtet, verstärkt insgesamt den Abstand zwischen Arm und Reich, sowohl innerhalb der einzelnen Länder als auch zwischen den Ländern insgesamt,“ beobachtet der Journalist.

Die Oligarchie, die das Ziel seiner Vorwürfe ist, gibt sich nicht damit zufrieden, die materiellen Grundlagen des Planeten mit ihren großen Autos, Flugreisen, ungezügelten Konsum, nutzlos großen Häusern und  hemmungsloser Energieverschwendung zu verschleudern. Mittlerweile, so fügt Hervé hinzu, hat sich obendrein ein Modell des Hyper-Konsums enrtwickelt, das die unteren Schichten und vor allem die Mittelklasse nachzuahmen versuchen, ebenso wie Entwicklungsländer versuchen, westliche Länder zu imitieren - obwohl jedermann instinktiv weiß oder sich dessen bewußt ist, daß „diese Ideologie der Verschwendung“ und der aus ihr resultierende Verbrauch der Reserven des Planeten unweigerlich zu einem abrupten Ende kommen muß.

Diese Entwicklung konfrontiert die menschliche Spezies mit der nie dagewesenen Tatsache, daß sie die Grenzen des Planeten erreicht hat oder in Kürze erreichen wird, was wiederum durch Rückkoppelungseffekte die Existenz der Spezies bedrohen könnte. Allerdings schätzt Hervé Kempf, daß diese Entwicklung nur sehr schwer aufzuhalten ist, weil sie von einem halb-totalitären System in Gang gehalten wird, das mittlerweile auf planetarischer Ebene institutionalisiert ist. Kempf sagt, daß diese Entwicklung auch von Krisen wie der des 11. September gelenkt wird, durch die jene hart erkämpften Menschenrechte spürbar eingeschränkt und jene demokratischen Mechanismen unwirksam gemacht oder gar zum Verschwinden gebracht werden, die eine öffentliche Debatte über die zur Wahl stehenden Möglichkeiten und die gesellschaftlichen Fragen, wie sie durch die wirtschaftliche Entwicklung immer wieder aufgeworfen werden, erst ermöglichen.

Hervé Kempf weist alle Vorwürfe zurück, er wolle die planetarische ökologische Debatte in eine über den Sozialismus umwandeln.

„Ich bin kein Marxist,“ sagt er, „und war auch nie einer, weil diese Ideologie die Menschenrechte nicht respektiert. Aber die Marxisten haben kein Monopol auf die gesellschaftliche Diskussion, und wir können auch nicht unsere Augen vor den wohldokumentierten und messbaren Phänomenen verschließen, mit denen wir konfrontiert sind. Ich stelle die Existenz zweier Krisen fest: einer ökologischen und einer sozialen. Und ich beobachte, daß sie zusammenwirken und sich gegenseitig bedingen. Ich beobachte, daß eine Minderheit von ihnen profitiert. Aus diesen Beobachtungen ziehe ich meine Schlüsse.“

Kempf stellt auch fest, daß ein großer Teil der europäischen Linken das Ausmaß der Wechselbeziehungen zwischen den beiden Problemen nicht erkannt hat, ähnlich wie viele Umweltaktivisten, die sich auf den ökologischen Ansatz beschränken und die Hälfte des Problems und sogar seine Ursachen nicht sehen.

„Wenn man Umweltaktivist sein will,“ schreibt er mißbilligend, „muß man aufhören, nur zur Hälfte schlau zu sein.“  Die gesellschaftlichen Umstände seien weiterhin der blinde Fleck im Verständnis der Ökologen, solange niemand wage, diese Fragen unter Einbeziehung von Macht, Herrschaft und Wohlstandsbeziehungen zu analysieren.

Kempf schreibt: „Wir müssen diese Schwierigkeit überwinden und verstehen, daß die ökologische und die soziale Krise zwei Aspekte derselben Katastophe sind, und daß diese Katastrophe von einem Machtsystem in Gang gesetzt wird, das keinen anderen Zweck hat, als die Privilegien der herrschenden Klasse aufrechtzuerhalten.“

Obwohl er in seinem Essay nicht auf den Einfluß des ungebremsten Bevölkerungswachstums auf den den Niedergang der „biologischen Dienste“ des Planeten eingeht, erkennt Kempf sofort an, daß dieser Faktor größere Auswirkungen hat, als jedweder Hyper-Konsum durch diese Oligarchie, die aus mehreren hunderttausend Millionären und Milliardären besteht, die den Großteil des weltweiten Einkommens und Finanzkapitals kontrollieren. Dennoch, so führt er aus, ist es diese Oligarchie, die ein nicht tragbares Vorbild für den Planeten schafft und den anderen Gruppen den mittelbaren Anstoß gibt, ihren unmittelbaren Verbrauch zu steigern. „Und,“ so bemerkt Kempf trocken, „es haben auch nicht alle Menschen bei ihrer Geburt den gleichen Einfluß auf den Planeten: Ein Westler hat mehr Gewicht in der Wagschale des Schicksals des Planeten als ein Baby aus Niger oder Indien.“

Um diesen pompösen Konsum zu beenden, schlägt er eine radikale Kontrolle des Wohlstandes durch „eine Begrenzung hoher Einkommen und der Ansammlung von Wohlstand“ vor, gewissermaßen das Gegenstück zum Mindestlohn, aber am anderen Ende der Wohlstandsskala.

„Jedermann weiß“, schreibt Kempf, „daß China niemals in der Lage sein wird, ein Verbrauchsniveau je Einwohner zu erreichen, das dem der Amerikaner vergleichbar wäre: zwei Autos je Familie, drei Fernseher, vier Computer und Mobiltelefone, ein Haus, das dreimal zu groß für seine Bewohner ist - ein Lebensstil mit einem Energieverbrauch, der für zehn oder gar zwanzig Personen in anderen Erdteilen ausreichend wäre“. Der Umweltreporter schlägt vor, daß dieser Oligarchie, die die Armut globalisiert hat, eine Verringerung ihres Verbrauchs auferlegt wird, damit sie nicht länger den zerstörerischen Traum propagiert, der die geistigen Fähigkeiten des gesamten Planeten lahmlegt, so daß er mit geschlossenen Augen und in voller Geschwindigkeit gegen die Wand kracht, die sich da vor ihm aufbaut.

Und der für seine Gründlichkeit und Bedächtigkeit bekannte Reporter folgert: „Es bleibt notwendig, daß ökologische Überlegungen auf einer grundsätzlichen politischen Analyse der gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse aufbauen. Es wird uns nicht gelingen, den globalen Verbrauch zurückzufahren, wenn die Mächtigen nicht entmachtet werden und Ungleichheit nicht bekämpft wird. Dem ökologischen Grundsatz „Denke global - handle lokal“, der zu Beginn der Bewußtwerdung so nützlich war, muß der Grundsatz, den die gegenwärtige Situation erfordert, hinzugefügt werden: „Weniger verbrauchen - mehr teilen.“

Ökologen, so fügt er hinzu, haben bislang noch nicht häufig Untersuchungen über die „ökologische Misere angestellt, die die Armen in der Nachbarschaft industrieller Produktionen ansiedelt, durch Umweltbelastungen gefährdet, in der Nähe von Autobahnen, lärmbelastet, in ungesunden Behausungen in Gegenden, die üblicherweise von den öffentlichen Diensten, darunter die öffentlichen Verkehrsangebote, am unzureichendsten versorgt werden. Kempf sagt, es sei falsch so zu handeln, als wenn die Wirtschaft nur zu wachsen brauche, um diese Menschen aus der Armutszone zu bringen und mehr Armen den Zugang zu Wohlstand zu eröffnen. Das Wirtschaftssystem arbeitet nach Kempfs Ansicht gerade in die andere Richtung, indem es Wohstand und Macht auf Kosten jener konzentriert, die am wenigsten haben, und auf Kosten der Mittelklasse, die immer vergeblicher darauf hofft, sich in den schützenden Kokon der gegenwärtig herrschenden finanziellen Oligarchie zu hieven.

Aus diesem Grund, sagt er, müssen wir eher “die Reichen stürzen“ anstatt zu versuchen, die Situation der Armen anzugleichen, um anzufangen, der Schwelle des unumkehrbaren Niedergangs der Grundlagen des Lebens auf dem Planeten Rechnung zu tragen.
Er zielt darüber hinaus auch auf das Verständnis von umweltverträglicher Entwicklung (sustainable development) ab, und auf das Alibi, das dieser Begriff derzeit Regierungen und Konzernen bietet, die ihn benutzen, um weiteren Raubbau an den vorhandenen Reserven im Namen dieser neuen Rationale, die angeblich harmlos für den Planeten ist, zu rechtfertigen. Umweltverträgliche Entwicklung (sustainable development), so schreibt er, ist zu einer semantischen Waffe geworden, um das häßliche Wort Ökologie aus dem Weg zu räumen. Darüber hinaus frage sich, ob Frankreich , Deutschland oder Amerika noch entwickelt werden müssen. Der Begriff ist durchaus bedeutungsvoll, schloß er in einem Interview gestern, aber nur in sich entwickelnden Ländern, weil er dort helfen kann, eine solch brutale und gesetzlose Entwicklung zu vermeiden, wie wir im Westen sie bewirkt haben. Aber im Westen, so sagt er, besteht unsere Verantwortung im Hinblick auf die Umwelt darin, unseren Verbrauch an materiellen Gütern zu verringern, um ein Niveau des Wohlstandes zu erreichen, ein Wohlstand, der mehr auf Werten, Wissen und insgesamt mehr auf immateriellen, nichtsdestoweniger realen Reichtümern basiert.


Das Buch von Hervé Kempf ist erhältlich bei Amazon (klicken Sie auf das Bild und lassen Sie sich weiterleiten)
Originalfassung
 

Übersetzt aus dem Englischen von Hergen Matussik und überprüft von Eva-Luise Hirschmugl, Mitgliedern von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft für jeden nicht-kommerziellen Gebrauch : sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.
URL dieses Artikels: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=1933&lg=de


IMPERIUM: 17/01/2007

 
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