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23/04/2014
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Am 14. Adar 5767 (4. März 2007) feierten die Juden Purim

Purim Spezial : von Esther nach Birkenau, von Esther bis AIPAC


AUTOR:  Gilad Atzmon, März 2007

Übersetzt von  Übersetzt von Eva-Luise Hirschmugl


In einem gewissen Kontext kann Erinnerung subversiv sein, in einem anderen kann die Erinnerung den Status Quo beschützen. Wenn Individuen und Gemeinden die Erinnerung als eine Form der Identität und der Besonderheit übertragen wird, dann droht anderes Leid die Zentralität unserer Erfahrung zu ersetzen. Anstatt eine Brücke der Solidarität zu bilden gegenüber Menschen die in der Gegenwart leiden, kann vergangenes Leid zu einer Ehrenmedaille werden, die uns vor zukünftigen Herausforderungen schützt. Dann wird unser ursprünglich mächtiges Zeugnis, das Fragen aufwirft über Gott und Macht, verwässert und kann als, vielleicht sogar absichtlich erfundener, Schwindel empfunden werden. Um Dich herum erwächst eine Industrie, die Dich ehrt und die gleichzeitig Dein Zeugnis für andere Zwecke verwendet. Schlussendlich entsteht eine, äusserliche und innere, Verwirrung, bis der Zeuge selbst nicht länger zwischen der Welt der Interpretation, die er zu formulieren mitgeholfen hat, und der Welt, die jetzt in seinem Namen spricht, unterscheiden kann. Ist dies etwa mit Wiesel geschehen oder ist Finkelsteins bitterere Analyse korrekt?[1]

Jüdischsein ist ein recht weiter Begriff. Er bezieht sich auf eine Kultur mit vielen Gesichtern, unterschiedliche spezifische Gruppen, verschiedene Überzeugungen, gegnerische politische Lager, unterschiedliche Gesellschaftsklassen und ethnische Zugehörigkeiten. Dennoch, die Verbindung zwischen all diesen Menschen, die sich selbst nun mal als Juden identifizieren, ist ziemlich verblüffend. Im folgenden Text werde ich versuchen den Begriff des Jüdischseins weiter zu erforschen. Ich werde versuchen dem intellektuellen, spirituellen und mythologischen Band, welches das Jüdischsein zu einer machtvollen Identität macht, auf den Grund gehen.

Klar ist, dass Jüdischsein weder eine rassische noch eine ethnische Kategorie ist. Obwohl die jüdische Identität eine rassische und ethnische Orientierung hat, bildet das jüdische Volk keine homogene Gruppe. Es gibt kein rassisches oder ethnisches Kontinuum. Jüdischsein mag von manchen als Fortsetzung des Judentums gesehen werden. Ich persönlich meine weiterhin, dass dies nicht unbedingt der Fall ist. Obwohl sich das Jüdischsein einige fundamentale Elemente beim Judentum leiht, ist Jüdischsein nicht gleich Judentum, ja es ist sogar entschieden anders. Ausserdem wissen wir, dass recht viele von jenen, die sich selbst stolz als Juden definieren, relativ wenig Ahnung vom Judentum haben und dass viele von ihnen Atheisten, nicht religiös sind oder sich sogar offen gegen das Judentum oder jede andere Religion aussprechen. Viele dieser Juden, die sich gegen das Judentum stellen, klammern sich an ihre jüdische Identität und sind auch äusserst stolz darauf[2]. Diese Opposition zum Judentum schliesst offensichtlich auch den Zionismus (zumindest die frühe Version davon) mit ein, doch sie bildet auch die Basis des jüdisch-sozialistischen anti-Zionismus. Obwohl sich Jüdischsein vom Judentum unterscheidet, frägt man sich was das Jüdischsein ausmacht: ist es eine neue Religionsform, eine Ideologie oder einfach eine „Geisteshaltung“?

Falls Jüdischsein tatsächlich eine Religion ist, dann muss als nächstes gefragt werden „was für eine Religion ist es? Was bringt diese Religion mit sich? Woran glauben ihre Anhänger?“ Wenn es eine Religion ist, mag man sich fragen, ob man ihr auch entsagen kann, so wie man aus dem Judentum, Christentum oder dem Islam austreten kann.

Wenn Jüdischsein eine Ideologie ist, dann wären die richtigen zu stellenden Fragen, „wofür steht diese Ideologie? Bildet sie einen Diskurs? Ist es ein monolithischer Diskurs? Stellt sie eine neue Weltordnung auf? Zielt sie ab auf Frieden oder Gewalt? Ist sie Trägerin einer universellen Botschaft an die Menschheit oder ist es bloss wieder die Offenbarung von tribalen Grundsätzen?

Wenn das Jüdischsein eine Geisteshaltung ist, dann wirft das die Frage auf, ob sie rational oder irrational ist. Kann sie ausgedrückt werden oder eher nicht?

An diesem Punkt möchte ich einwerfen, dass die entfernte Möglichkeit besteht, dass Jüdischsein ein eigenartige Hybris sein könnte; es könnte alle diese drei Dinge auf einmal sein, d.h. eine Religion, eine Ideologie und eine Geisteshaltung.

Die Holocaustreligion

„Yeshayahu Leibowitz, der Philosoph und praktizierende orthodoxe Jude, sagte mir einmal: Die jüdische Religion starb vor 200 Jahren. Nun ist das einzige, was die Juden in der ganzen Welt vereint, der Holocaust.“ (Uri Avnery[3])

Der Philosoph Yeshayahu Leibowitz, der in Riga geborene Univeristätsprofessor für Hebräisch, war wahrscheinlich der erste, der andeutete der Holocaust sei die neue jüdische Religion. „Der Holocaust“ ist weit mehr als ein historisches Ereignis, er beinhaltet die meisten essentiellen religiösen Elemente: es gibt Priester (Simon Wiesenthal, Elie Wiesel, Deborah Lipstadt, etc.) und Propheten (Shimon Peres, Benjamin Netanyahu und diejenigen, die uns vor dem kommenden iranischen Genozid am jüdischen Volk warnen). Es gibt Gebote und Dogmen („nie wieder“, „sechs Millionen“, etc.). Es gibt Rituale (Gedenktage, Pilgerreisen nach Auschwitz, etc.). Es gibt eine esoterische Symbolik (Kapo, Gaskammern, Schornsteine, Staub, Musselmann, etc.). Es gibt Heiligtümer und Tempel (Yad Vashem, das Holocaustmuseum und jetzt sogar die UNO). Sollte das noch nicht ausreichen, wird die Holocaustreligion von einem massiven wirtschaftlichen Netzwerk und von weltweiten finanziellen Infrastrukturen unterstützt (die Holocaustindustrie à la Norman Finkelstein). Interessant ist auch, dass die Holocaustreligion kohärent genug ist, um die neuen „Antichristen“ (die Holocaustleugner) zu definieren und mächtig genug ist, um diese zu verfolgen (Gesetze gegen Holocaustleugner).

Kritische Gelehrte, die über den Begriff der „Holocaustreligion“ diskutieren, sind der Meinung, dass, obwohl die neue aufstrebende Religion viele der Charakteristiken einer organisierten Religion aufweist, es hier keine externe Gottfigur gibt, auf die man mit dem Finger zeigen kann, die man verehren oder lieben kann. Ich für meinen Teil bin damit ganz und gar nicht einverstanden. Ich bestehe darauf, dass die Holocaustreligion die Essenz der liberaldemokratischen Weltsicht verkörpert. Sie dient dazu, eine neue Form des Gottesdienstes anzubieten. Durch sie wurde die Selbstliebe zu einem dogmatischen Glauben bei dem der gehorsame Anhänger sich selbst anbetet. Bei dieser neuen Religion wird „der Jude“ von den Juden angebetet. Es geht alles um „mich“, das Thema des endlosen Leidens und um seine Erlösung.

Dennoch akzeptieren mehr als nur ein paar jüdische Gelehrte in Israel und im Ausland Leibowitz Bemerkung. Unter diesen befindet sich Marc Ellis, der prominente jüdische Theologe, der einen aufschlussreichen Einblick in die Dialektik der neuen Religion bietet. „Holocaust Theologie“, sagt Ellis, „enhält drei Themen, die in dialektischer Spannung zu einander stehen: Leid und Machtergreifung, Unschuld und Erlösung, Besonderheit und Normalisierung“[4].

Obwohl die Holocaustreligion das Judentum nicht ersetzt hat, verlieh sie ihm doch eine neue Bedeutung. Sie legt einen modernen jüdischen Erzählrahmen fest, in welchem das jüdische Subjekt innerhalb eines jüdischen Projekts seinen Platz findet. Sie ordnet dem Juden eine zentrale Rolle innerhalb seines eigenen ichbezogenen Universums zu. Der „Leidende“ und der „Unschuldige“ bewegen sich auf „Erlösung“ und „Macht“ zu. Gott hat in diesem System offenbar nichts zu suchen, er wurde gefeuert, er hat in seiner historischen Mission versagt, er war nicht da, um die Juden zu retten. Innerhalb der neuen Religion wird der Jude zum „neuen Gott der Juden“, alles dreht sich um den Juden, der sich selbst erlöst.

Der jüdische Anhänger der Holocaustreligion idealisiert die Bedingungen seiner Existenz. Dann legt er einen Rahmen fest für den zukünftigen Kampf um Anerkennung. Für den zionistischen Anhänger der neuen Religion scheinen die Auswirkungen relativ dauerhaft zu sein. Er ist dazu da, das gesamte Weltjudentum zu Zion zu „schleppen“ auf Kosten des einheimischen palästinensischen Volkes. Für den sozialistischen Juden ist das Projekt etwas komplizierter. Für ihn bedeutet der Begriff Erlösung das Aufsetzen einer neuen Weltordnung, nämlich eines sozialistischen Zufluchtsortes. Eine Welt, die von einer dogmatischen Politik der Arbeiterklasse dominiert wird, in der Juden auch nur eine Minderheit unter vielen wären. Für den humanistischen Anhänger bedeutet die Holocaustreligion, dass Juden sich selbst in vorderster Front plazieren müssen, wenn es um den Kampf gegen Rassismus, Unterdrückung und das Böse im allgemeinen geht. Obwohl sich das vielverspechend anhört ist es, aus offensichtlichen Gründen, problematisch. Bei unserer momentanen Weltordnung sind nun einmal Israel und Amerika unter den führenden üblen Unterdrückern. Wenn man erwartet, dass Juden sich im humanistischen Kampf in vorderster Front engagieren, würde das bedeuten, sie müssten gegen ihre eigenen Brüder und gegen die einzige Supermacht kämpfen, die sie unterstützt. Es ist jedoch ziemlich klar, dass alle drei Holocaustkirchen den Juden ein Grossprojekt zuweisen mit einigen globalen Implikationen.

 

***

 

Wie man sieht funktioniert der Holocaust als ideologische Schnittstelle. Er versorgt seine Anhänger mit einem logos. Auf dem Bewusstseinsniveau bietet er eine rein analystische Sicht der Vergangenheit und der Gegenwart und beschränkt sich jedoch nicht darauf sondern definiert auch den kommenden Kampf. Er definiert eine Vision der jüdischen Zukunft. Nichtsdestrotrotz erfüllt er als Konsequenz daraus das Unterbewusstsein des jüdischen Subjekts mit dem ultimativen Angstgefühl: der Zerstörung des „ich“.

Natürlich ist ein Glaube, der das Bewusstsein (Ideologie) stimuliert und das Unterbewusstsein (Geist) steuert, ein sehr gutes Rezept dafür die Religion zum Erfolg zu führen. Dieses strukturelle Band zwischen Ideologie und Geist ist fundamental für die jüdische Tradition. Das Band zwischen der legalen Klarheit der Halassa (Ideologie) und der Rätselhaftigkeit von Jehovah oder auch der Kabala (Geist) macht das Judentum zu einem Ganzen, zu einem Universum in sich selbst. Der Bolschevismus, eher eine Massenbewegung als eine politische Theorie, basiert auf derselben Struktur, der Übersichtlichkeit von pseudowissenschaftlichem Materialismus zusammen mit der Angst vor dem kapitalistischen Verlangen. Die Politk der Angst der Neokonservativen dreht sich darum, das Subjekt in der Kluft zwischen der angeblichen forensischen Klarheit von Massenvernichtungswaffen und der unaussprechlichen Angst vor „zukünftigem Terror“ gefangen zu halten.

Dieses Band selbst zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein erinnert uns an die Auffassung Lacans des „Realen“. Das „Reale“ kann nicht symbolisiert werden, d.h. in Worten ausgedrückt werden. Das Reale ist das „Unaussprechliche“, das Unerreichbare. In Zizeks Worten „ist das Reale unmöglich“, „das Reale ist das Trauma“. Nichtsdestotrotz ist es dieses Trauma, das die symbolische Ordnung formt. Es ist das Trauma, das unsere Wirklichkeit prägt.

Die Holocaustreligion passt wunderbar in Lacans Modell. Ihr spirituelles Herzstück ist tief im Bereich des Unaussprechlichen verwurzelt. Ihre Predigten lehren, uns in allem eine Bedrohung zu sehen. Es ist die ultimative Verknüpfung von Ideologie und Geist, die sich in purem Pragmatismus verkörperlicht.

Interessanterweise reicht die Holocaustreligion weit über den internen jüdischen Diskurs hinaus. Tatsächlich funktioniert jede neue Religion wie eine Mission. Sie erschafft Heiligenschreine in weit entfernten Ländern. Wie wir sehen können, wird die aufkommende Religion bereits zu einer neuen Weltordnung. Der Holocaust wird jetzt als Alibi benützt, um den Iran mit Atomwaffen anzugreifen[5]. Die Holocaustreligion dient dem jüdischen politischen Diskurs klar sowohl im rechten als auch im linken politischen Spektrum, doch sie findet auch bei den Goyim Anklang, vor allem bei jenen, die „im Namen der Freiheit“ gnadenlos morden[6]. Bis zu einem gewissen Grad sind wir alle dieser Religion unterlegen, manche von uns sind Anhänger, andere wiederum verfallen nur ihrer Macht. Interessant ist, dass diejenigen, die den Holocaust leugnen, selbst von den Hohepriestern dieser Religion missbraucht werden. Die Holocaustreligion ist das „Reale“ der westlichen Welt. Sie ist unantastbar und wir dürfen über sie auch keine Nachforschungen anstellen. Ziemlich ähnlich wie die Israeliten, die ihrem Gott zwar gehorchen dürfen, ihn jedoch niemals in Frage stellen dürfen.

 

***

 

Die Gelehrten, die Studien über die Holocaustreligion betreiben (Theologie, Ideologie und Geschichtlichkeit), beschäftigen sich hauptsächlich mit strukturellen Formulierungen, ihrer Bedeutung, ihrer rhetorischen und historischen Interpretation. Einige suchen nach der theologischen Dialektik (Marc Ellis), andere formulieren die Gebote (Adir Ofir), einige studieren ihre historische Entwicklung (Lenni Brenner), andere legen ihre finanzielle Infrastruktur dar (Finkelstein). Interessanterweise beschäftigen sich die meisten dieser Wissenschaftler mit einer Reihe von Ereignissen zwischen 1933 und 1945. Die meisten dieser Gelehrten sind selbst praktizierende orthodoxe Gläubige. Sie mögen zwar verschiedenen Aspekten der Vermarktung des Holocaust kritisch gegenüberstehen, alle akzeptieren sie jedoch die Stichhaltigkeit des Judenmordes durch die Nazis und dessen etablierte Interpretationen und Auswirkungen.

Die meisten Gelehrten, wenn nicht sogar alle, stellen die zionistischen Aussagen nicht in Frage, also den Judenmord durch die Nazis und dennoch stehen mehr als nur ein paar von ihnen der Art und Weise kritisch gegenüber wie jüdische und zionistische Institutionen den Holocaust einsetzen. Obwohl einige sich zum die Zahlen streiten mögen (Shraga Elam), und andere die Gültigkeit von Erinnerungen in Frage stellen (Ellis, Finkelstein), geht niemand bis zum Revisionismus, kein einziger Gelehrter der Holocaustreligion wagt es in einen Dialog mit den sogenannten „Leugnern“ zu treten, um ihre Sicht der Ereignisse oder irgendeinen anderen Zweig der revisionistischen Forschungen zu diskutieren.

Weitaus interessanter ist die Tatsache, dass keiner der Gelehrten der Holocaustreligion seine Energie darauf verwendet hat, die Rolle des Holocaust im langjährigen jüdischen Kontinuum zu studieren. Ab diesem Punkt behaupte ich, die Holocaustreligion bestand bereits lange vor der Endlösung (1942), lange vor der Kristallnacht (1938), lange vor den Nürnberger Gesetzen (1936), lange bevor das erste antijüdische Gesetz von Nazideutschland verkündet wurde (1936), lange bevor der amerikanische jüdische Kongress Nazideutschland den finanziellen Krieg erklärte (1933) und sogar lange vor Hitlers Geburt (1889). Die Holocaustreligion ist wahrscheinlich so alt wie die Juden selbst.

Jüdische Archetypen

In einer meiner vorigen Arbeiten habe ich den Begriff des „Prätraumatischen Stresssyndroms“ (Prä-TSD) [7] definiert. Im Zustand des Prä-TSD ist der Stress das Ergebnis eines fantastischen imaginären Ereignisses in der Zukunft, eines Ereignisses, das niemals stattgefunden hat. Im Unterschied zum Posttraumatischen Stresssyndrom, bei dem der Stress die direkte Reaktion auf ein Ereignis ist, das in der Vergangenheit passiert (sein mag), baut sich der Stress im Zustand des Prä-TSD als Ergebnis eines imaginären potentiellen Ereignisses auf. Im Falle des Prä-TSD nimmt eine Illusion die Bedingungen vorweg unter denen die Vorstellung von zukünftigem Schrecken die gegenwärtige Realität formt.

Wie es scheint, dominiert die Dialektik der Angst die jüdische Existenz und die jüdische Denkweise schon viel länger als wir zuzugeben bereit sind. Obwohl Angst von jüdischen ethnischen Anführern seit den frühen Tagen der Emanzipation politisch ausgenutzt wird, ist die Dialektik der Angst viel älter als die moderne jüdische Geschichte. Tatsächlich handelt es sich um das Erbe der Tanach (der hebräischen Bibel), das dazu dient die Juden in einen prätraumatischen Zustand zu versetzen. Es ist die hebräische Bibel, die den binären Rahmen von Unschuld/Leid und Verfolgung/Macht festlegt. Genauer gesagt ist die Angst vor der Ermordung der Juden eng verbunden mit jüdischem Geist, jüdischer Kultur und Literatur. Ich würde hier argumentieren, dass die Holocaustreligion dazu diente, die alten Israeliten zu Juden zu machen.

Der amerikanische Anthropologe Glenn Bowman, der sich auf das Studium von Exil-Identitäten spezialisiert hat, bietet uns eine äusserst wichtige Einsicht in das Thema Angst und seinen Beitrag zum Thema von Identitätspolitik. „Antagonismus“, sagt Bowman, „ist fundamental für den Prozess der Fetischisierung die der Identität zu Grunde liegt, weil man genau zu einem Zeitpunkt dazu neigt, darüber zu sprechen wer man ist oder was man ist, zu dem dieser Zustand bedroht scheint. Ich fange an, mich selbst als eine gewisse Person zu bezeichnen, oder als ein gewisser Vertreter einer imaginären Gemeinde, zu dem Zeitpunkt an dem irgendetwas das von mir genannte Wesen zu bedrohen scheint. Identitätsbegriffe gehen in den Sprachgebrauch über genau in dem Moment, in dem man aus irgendeinem Grund zu dem Schluss kommt, dass sie ein Wesen oder eine Einrichtung bezeichnen, die man bekämpfen muss, um sich zu verteidigen.“ [8]

Kurz gesagt, Bowman betont, dass es die Angst ist, die den Begriff der Identität herauskristallisiert. Ist jedoch erst einmal die Angst zu einem Zustand von kollektivem prä-traumatischem Stress gereift, bildet sich die Identiät selbst neu. Wenn es um das jüdische Volk geht, ist es die Bibel, die dazu dient, die Juden in einen Zustand von Prä-TSD zu versetzen. Es ist die Bibel, die die Angst vor der Judenermordung auslöst.

 

***

 

Immer mehr Bibelgelehrte ziehen die Historizität der Bibel in Zweifel. Niels Lechme argumentiert in „The Canaanites and Their Land“ (Die Bewohner Kanaans und ihr Land – Anm. des Übers.), dass die Bibel zum Grossteil „nach dem babylonischen Exil geschrieben wurde und dass diese Schriftstücke die vorangehende israelitische Geschichte neu aufbereiten (und zum Grossteil erfinden) damit sie die Erfahrungen derer wiederspiegelt und wiederholt, die aus dem babylonischen Exil zurückkehrten.“ [9]

Mit anderen Worten verwebt die von Heimkehrern geschriebene Bibel etwas hartgesottene Exilideologie mit einer historischen Erzählung. So ungefähr wie im Falle der frühen zionistischen Ideologen, die Assmiliation als Todesdrohung empfanden. „Die Gemeinden, die sich unter der Führung der Jahwe Priesterschaft zusammengefunden haben (zur Zeit des babylonischen Exils), sahen Assimilation und Apostasie nicht nur als sozialen Tod für sich als Judäer, sondern auch als versuchten Gottesmord. Sie beschlossen sich absolut und exklusiv Yahwe zu unterwerfen, von dem sie sicher waren, er würde sie in das Land zurückführen aus dem sie vertrieben worden waren. Sie befahlen die Reinhaltung des Blutes, um die Grenzen der nationalen Gemeinde aufrechtzuerhalten, und verboten so Mischehen mit jenen, die um sie herum lebten. Sie stellten auch eine Reihe von exklusiven Ritualen auf, durch die sie sich von ihren Nachbarn unterschieden und zu diesen zählte nicht nur eine Ersatzform von Tempelverehrung, sondern auch ein besonderer Kalender, der sie rituell in die Lage versetzte in einem anderen Zeitrahmen zu existieren als die Gemeinden mit denen sie ihren Lebensraum teilten. All diese diakritischen Einrichtungen dienten dazu Unterschiede zu schaffen und aufrechtzuerhalten, doch sie hielten sie nicht davon ab Handel zu treiben und somit ihren Unterhalt zu verdienen im Zusammenleben mit den Babyloniern.“

Die Lektüre von Bowmans und Lechmes spektakulärer Interpretation der Bibel und den jüdischen Erzählungen als Erscheinungsform von Exil-und marginaler Identität könnte die Tatsache erklären, dass Jüdischsein im Exil aufblüht doch eher an Schwung verliert sobald es ein heimisches Abenteuer wird. Wenn Jüdischsein tatsächlich um eine kollektive Überlebensideologie von Emigranten kreist, dann wird ein Anhänger davon im Exil aufblühen. Dennoch ist es Angst, die die jüdische kollektive Identität aufrechterhält. Ähnlich wie im Falle der Holocaustreligion, steht beim Jüdischsein die Angst vor dem Judenmord im Mittelpunkt und dennoch bietet es spirituelle, ideologische und pragmatische Massnahmen, um mit dieser Angst umzugehen.

Das Buch Esther

Das Buch Esther ist eine biblische Geschichte, die die Grundlage für die Purim Feier bildet, wahrscheinlich das fröhlichste jüdische Fest. Das Buch erzählt die Geschichte eines versuchten Judenmordes, doch es erzählt auch eine Geschichte, in der es Juden schaffen ihr Schicksal zu ändern. In dem Buch schaffen es die Juden, sich selbst zu retten und sogar Rache zu üben.

Sie spielt im dritten Jahr der Herrschaft von Ahasuerus (ein König Persiens, der meist als Xerxes I. identifiziert wird). Es ist die Geschichte eines Palasts, einer Verschwörung, eines versuchten Judenmordes und einer mutigen und wunderschönen jüdischen Königin (Esther), die es schafft, das jüdische Volk in letzter Minute zu retten.

In der Geschichte ist König Ahasuerus mit Vashti verheiratet, die er verstösst als sie ihm einen Besuch während eines Festessens verweigert. Unter mehreren Anwärterinnen wird Esther als Ahasuerus Frau ausgewählt. Im Fortgang der Geschichte plant Ahasuerus Premierminister Haman, der König solle alle Juden töten lassen ohne zu wissen, dass Esther selbst Jüdin ist. In der Geschichte rettet Esther, zusammen mit ihrem Kusin Mordechai, ihr Volk. Sie setzt ihre eigene Sicherheit aufs Spiel indem sie Ahasuerus vor Hamans anti-jüdischem mörderischen Komplott warnt. Haman und seine Söhne werden an den fünfzig Ellen langen Galgen aufgehängt, die dieser ursprünglich für Kusin Mordechai gebaut hatte. Und so nimmt Mordechai Hamans Platz ein und wird Premierminister. Ahasuerus Verordnung mit der er den Mord an den Juden befahl, kann nicht widerrufen werden und so beschliesst er einen neuen Erlass, der es den Juden erlaubt sich zu bewaffnen und ihre Feinde zu töten, was sie auch tun.

Die Moral von der Geschichte ist ziemlich klar: Wenn Juden überleben wollen, dann sollten sie die Korridore der Macht infiltrieren. Mit Esther, Mordechai und Purim im Hinterkopf, sieht AIPAC und der Begriff der „jüdischen Macht“ wie die Verkörperung einer tiefen biblischen und kulturellen Ideologie aus.

Doch hier kommt die interessante Wendung. Obwohl die Geschichte wie eine historische Erzählung dargestellt wird, stellen die meisten modernen Bibelgelehrten die historische Genauigkeit des Buch Esther in Frage.

Es ist vor allem der Mangel an klarer Übereinstimmung von irgendeinem der Details der Geschichte aus dem Buch Esther mit dem was uns aus klassischen Quellen aus der persischen Geschichte bekannt ist, was die Gelehrten zu dem Schluss kommen hat lassen, dass die Geschichte zum Grossteil oder in ihrer Gesamtheit erfunden ist.

In anderen Worten, und obwohl die Moral klar ist, ist der versuchte Genozid erfunden. Scheinbar versetzt das Buch Esther seine Anhänger in einen Zustand des prätraumatischen Stresssyndroms. Es verwandelt eine Zerstörungsfantasie in eine Überlebensideologie. Und tatsächlich sehen manche die Geschichte als eine Allegorie von grundsätzlich assimilierten Juden, die entdecken, dass sie das Ziel von Antisemitismus sind, und die jedoch in der Lage sind sich selbst und ihre Mitjuden zu retten.

Ein Gedanke an Bowman könnte hier etwas Licht in die Sache bringen. Das Buch Esther dient zur Bildung einer Exilidentität. Es dient dazu den existentiellen Stress zu kreieren, es führt die Holocaustreligion ein. Es legt den Grundstein, der den Holocaust Realität werden lässt.

Interessanterweise ist das Buch Esther (in der hebräischen Version) eines der zwei einzigen Bücher der Bibel in denen Gott nicht direkt erwähnt wird (das andere ist das Lied der Lieder). Im Buch Esther sind es die Juden, die an sich selbst glauben, an ihre eigene Macht, an ihre Einzigartigkeit, an ihre Rafinesse, an ihre Fähigkeit Verschwörungen zu planen, an ihre Fähigkeit Königreiche an sich zu bringen, an ihre Fähigkeit sich selbst retten zu können. Das Buch Esther geht um Machtübernahme und um die Juden, die an ihre Macht glauben.

Von Purim nach Birkenau

In einem Artikel mit dem Titel “A Purim Lesson: Lobbying Against Genocide, Then and Now[10] (Eine Purimlektion: Lobbyismus gegen den Genozid, Damals und Heute – Anm. des Übers.) teilt Dr. Rafael Medoff seinen Lesern mit, was er als die Lektion erachtet, die die Juden aus dem Buch Esther ziehen können. Präziser gesagt dienen Esther und Mordechai dazu ihnen die Kunst des Lobbyismus zu lehren. “Das Purim Fest”, sagt Medoff, “feiert den erfolgreichen Versuch prominenter Juden in der Hauptstadt des alten Persiens einen Genozid am jüdischen Volk zu verhindern.” Doch Medoff geht noch weiter. Dieses spezifische Ausüben dessen was einige “jüdische Macht” nennen, wurde weitergetragen und von modernen emanzipierten Juden weitergeführt: “Weniger bekannt ist, dass ein vergleichbarer Lobbyismus auch in jüngerer Vergangenheit stattgefunden hat – in Washington D.C., auf dem Höhepunkt des Holocausts.”

In dem Artikel erforscht Medoff die Ähnlichkeiten zwischen Esthers Lobbyismus in Persien und ihren modernen Brüdern, die innerhalb der Roosevelt Administration auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges Lobbyismus betrieben. “1940 war die Esther in Washington Henry Morgenthau Jr.”, sagt Medoff, “ein wohlhabender, assimilierter Jude deutschen Ursprungs, der (wie sein Sohn später sagte) als ein “hundertprozentiger Amerikaner” angesehen werden wollte. Morgenthau spielte sein Jüdischsein herunter und stieg von der Position als Franklin Delano Roosevelts Freund und Berater zu seinem Finanzminister auf.”

Natürlich hat Medoff auch einen modernen Mordechai ausgemacht, “einen jungen zionistischen Abgesandten aus Jerusalem, Peter Bergson (richtiger Name: Hillel Kook), der eine Reihe von Protestkampagnen für die Rettung der Juden vor Hitler durch die USA leitete. Die Zeitungsannoncen und öffentlichen Kundgebungen der Bergson Gruppe machten die Öffentlichkeit auf den Holocaust aufmerksam – besonders als die Gruppe 400 Rabbiner vor den Toren des Weissen Hauses aufmarschieren liess und das genau vor Yom Kippur 1943.”

Medoffs Analyse des Buch Esther bietet uns eine deutliche Einsicht in den internen Kodex der jüdischen kollektiven Überlebensdynamik in der die Assimilierten (Esther) und die Gehorsamen (Mordechai) ihre Kräfte vereinen, wobei sie im Hinterkopf klare auf jüdische Interessen konzentrierte Ziele haben.

Laut Medoff sind die Ähnlichkeiten wirklich schockierend. “Mordechais Druck überzeugte Esther letztendlich sich an den König zu wenden; der Druck von Morgenthaus Gehilfen überzeugte ihn schliesslich davon zum Präsidenten zu gehen, bewaffnet mit einem 18-seitigen Bericht mit dem Titel “Report to the Secretary on the Acquiescence of This Government in the Murder of the Jews” (Bericht an den Minister über die Zustimmung dieser Regierung zur Ermodrung der Juden – Anm. des Übers.).”

Dr. Medoff zieht bereitwillig seine geschichtlichen Schlüsse. “Esthers Lobbyismus hatte Erfolg. Ahasuerus nahm seine Genozidverordnung zurück und liess Haman und seine Henker hinrichten. Morgenthaus Lobbyismus hatte ebenfalls Erfolg. Eine von Bergson veranlasste Kongressresolution, die nach einer US Hilfsaktion verlangte, wurde schnell vom Komitee des Senats für Auslandsbeziehungen verabschiedet, was es Morgenthau wiederum ermöglichte Roosevelt mitzuteilen, dass “er sich entweder beeilen müsste oder der Kongress der USA würde an seiner Stelle handeln”. Zehn Monate vor der Wahl war das letzte was Roosevelt wollte ein peinlicher öffentlicher Skandal um das Flüchtlingsthema. Innerhalb weniger Tage kam Roosevelt der Kongressresolution nach – er erliess einen exekutiven Befehl und rief den Kriegsflüchtlingsausschuss (War Refugee Board) ins Leben, eine amerikanische Regierunsagentur, die Flüchtlinge vor Hitler in Sicherheit bringt.”

Es ist zweifellos klar, dass Medoff das Buch Esther als generellen Führer für eine gesunde jüdische Zukunft ansieht. Medoff beendet seine Arbeit mit den Worten: “die Behauptung, dass nichts getan werden kann, um den europäischen Juden zu helfen, wurde von den Juden widerlegt, die ihre Ängste abschüttelten und sich für ihr Volk einsetzten – im alten Persien genau wie im modernen Washington.” In anderen Worten können und sollten Juden sich für sich selbst einsetzen. Das ist tatsächlich die Moral des Buchs Esther und auch der Holocaustreligion.

Was Juden für sich selbst tun sollten ist tatsächlich eine unbeantwortete Frage. Verschiedene Juden haben verschiedene Ideen. Der Neokonservative will Amerika und den Westen in einen endlosen Krieg gegen den Islam verwickeln. Emmanuel Levinas glaubt hingegen, dass Juden sich in vorderster Reihe im Kampf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit stehen sollten. Jüdische Machtübernahme ist tatsächlich nur eine Antwort unter vielen. Dennoch ist es eine sehr mächtige, um nicht zu sagen gefährliche. Sie ist besonders gefährlich, wenn sich das American Jewish Committee (AJC) benimmt wie ein moderner Mordechai und öffentlich ausgeprägten Lobbyismus für einen Krieg gegen den Iran betreibt.

Bei der Analyse der Arbeit und des Einflusses der AIPAC auf die amerikanische Politik sollten wir das Buch Esther im Hinterkopf behalten. AIPAC ist mehr als nur eine politische Lobby. AIPAC ist ein moderner Mordechai, das AJC ist ein moderner Mordechai. Sowohl AIPAC und AJC stimmen von Grund auf mit der hebräischen biblischen Gedankenwelt überein. Dennoch, während die Mordechais recht einfach auszumachen sind, können die Esthers, also diejenigen, die hinter den Kulissen für Israel arbeiten, schwerer aufgespürt werden.

Ich glaube, dass wir, wenn wir erst einmal lernen den israelischen Lobbyismus mit den Parametern des Buch Esthers/der Holocaustreligion zu betrachten, Ahmadinejad als den aktuellen Haman/Hitler ansehen können. Das AJC ist Mordechai, Bush ist offensichtlich Ahasueros, doch Esther kann praktisch fast jeder sein, vom letzten Neokonservativen bis Cheney und darüberhinaus.

Brenner und Prinz

Im ersten Paragraph dieser Arbeit stelle ich die Frage was Jüdischsein bedeutet. Obwohl ich die Komplexität des Begriffes Jüdischsein akzeptiere, neige ich dennoch dazu auch Leibowitz Beitrag zu diesem Thema zu akzeptieren: der Holocaust ist die neue jüdische Religion. Dennoch habe ich mir in dieser Arbeit die Freiheit genommen den Begriff des Holocaust auszuweiten. Anstatt mich nur auf die Schoah, d.h. den Judeozid der Nazis, zu beziehen, argumentiere ich, dass der Holocaust eigentlich im jüdischen Diskurs und Geist verankert ist. Der Holocaust ist die Essenz des kollektiven jüdischen prätraumatischen Stresssyndroms und ist älter als die Schoah. Ein Jude zu sein bedeutet den “Anderen” eher als eine Bedrohung als einen Bruder anzusehen. Ein Jude zu sein bedeutet ständig auf der Hut zu sein. Ein Jude zu sein bedeutet die Botschaft des Buch Esther zu verinnerlichen. Es bedeutet nach den einflussreichsten Schnittstellen der Hegemonie zu streben. Ein Jude zu sein bedeutet mit der Macht zusammenzuarbeiten.

Der amerikanische marxistische Historiker Lenni Brenner ist fasziniert vom Zusammenspiel zwischen Zionisten und Nazismus. In seinem Buch Zionism in the Age of Dictators (Zionismus im Zeitalter der Diktatoren – Anm. des Übers.) präsentiert er einen Auszug aus dem Buch von Rabbi Joachim Prinz, das 1937 veröffentlicht wurde nachdem Rabbi Prinz Deutschland für Amerika verlassen hatte.

“Jeder in Deutschland wusste, dass nur die Zionisten die Juden bei den Verhandlungen mit der Nazi Regierung verantwortunsvoll repräsentieren konnten. Wir waren uns alle sicher, dass die Regierung eines Tages eine Konferenz um den runden Tisch mit den Juden organisieren würde bei der, nachdem die Aufstände und Schrecklichkeiten der Revolution vorbei waren, der neue Status der deutschen Juden überdacht würde. Die Regierung verkündete sehr feierlich, dass es kein Land auf der Welt gäbe, das so ernsthaft versuche das jüdische Problem zu lösen wie es Deutschland täte. Die Lösung der jüdischen Frage? Das war unser zionistischer Traum! Wir hatten niemals die Existenz der jüdischen Frage bestritten! Dissimilation? Es war unser eigenes Anliegen! In einer bemerkenswert stolzen und würdevollen Erklärung verlangten wir nach einer Konferenz.” [11]

Dann zitiert Brenner Auszüge eines Memorandums das von der deutschen zionistischen ZVfD am 21. Juni 1933 an die Nazipartei geschickt wurde:

“Der Zionismus macht sich keine Illusion über die die Schwierigkeit der jüdischen Situation, die vor allem am abnormalen Besetzungsmuster liegt und am Fehlen einer intellektuellen und moralischen Haltung, die nicht in der eigenen Tradition verwurzelt ist…

… Im Rahmen der Gründung des neuen Staates, der das Rassenprinzip aufgestellt hat, möchten wir unsere Gemeinde in die Gesamtstruktur einfügen, damit wir auch, in der uns zugeteilten Sphäre, eine profitable Aktivität für das Vaterland ausüben können.

… Unsere Anerkennung der jüdischen Nationalität verlangt nach einer klaren und ehrlichen Beziehung zum deutschen Volk und seinen nationalen und rassischen Realitäten. Genau deshalb, weil wir diese Grundsätze nicht verfälschen möchten, weil wir auch gegen Mischehen sind und für die Aufrechterhaltung der Reinheit der jüdischen Gruppe…

… Wir glauben an die Möglichkeit einer ehrlichen loyalen Beziehung zwischen einem gruppenbewussten Judentum und dem deutschen Staat…”[12]

Brenner ist weder mit dem Standpunkt von Prinz noch mit der zionistischen Initiative einverstanden. Voll Hass sagt er, “dieses Dokument, ein Verrat an den deutschen Juden, wurde in zionistischen Standardklischees verfasst: “abnormales Besetzungsmuster”, “entwurzelte Intellektuelle die moralische Regenerierung brauchen”, etc. In diesem Dokument boten deutsche Zionisten eine kalkulierte Zusammenarbeit zwischen Zionismus und Nazismus an, abgesegnet durch das Ziel eines jüdischen Staates: wir werden keinen Kampf gegen Euch führen, nur gegen jene, die sich Euch in den Weg stellen wollen.”

Brenner ist traurigerweise gefangen in der Dogmatik der Arbeiterklasse und verfügt nicht über die notwendige akademische Praxis von kulturübergreifenden geschichtlichen Untersuchungen und kann daher das Offensichtliche nicht erkennen. Rabbi Prinz und die ZVfD waren keine Verräter, sondern tatsächlich echte Juden. Sie folgten dem jüdischen kulturellen Codex selbst. Sie folgten dem Buch Esther, sie übernahmen die Rolle des Mordechai. Sie suchten nach einem Weg der Zusammenarbeit mit dem was sie gerechtfertigterweise als dominierende aufstrebende Macht identifiziert hatten. Im Jahre 1969 gestand Rabbi Prinz, dass “sie bereits seit der Ermordung von Walther Rathenau 1922 keinen Zweifel daran hatten, dass Deutschland sich zu einem antisemitischen totalitären Regime hin entwickelte. Als Hitlers Aufstieg begann und er, wie er sagte, das rassische Bewusstsein und die rassische Überlegenheit der deutschen Nation “aufrütteln” wollte, hatten wir keinen Zweifel daran, dass dieser Mann früher oder später der Anführer der deutschen Nation werden würde.” [13]

Ob es nun Brenner oder irgendjemand anderem gefällt, Rabbi Prinz stellte sich als authentischer jüdischer Anführer heraus. Er verfügt bewiesenermassen über einen gewissen hochentwickelten Radarüberlebensmechanismus, der perfekt zur Exilideologie passt. 1981 führte Lenni Brenner ein Interview mit Rabbi Prinz durch. Hier sind seine Worte über den Kollabo-Rabbi:

“(Prinz) hat sich in den 44 Jahren seit seiner Ausweisung aus Deutschland dramatisch entwickelt. Er sagte mir, ausserhalb des Interviewrahmens, dass nichts von dem was er früher gesagt hatte in den USA Sinn machte. Er wurde ein amerikanischer Liberaler. Dann, als Anführer des amerikanischen jüdischen Kongresses, wurde er darum gebeten mit Martin Luther King zu marschieren und er tat es auch.”

Einmal mehr entgeht Brenner das Offensichtliche. Prinz hat sich überhaupt nicht verändert. Prinz hat sich in den 44 Jahren nicht weiterentwickelt. Er war und ist ein original authentischer Jude und dazu auch noch ein extrem schlauer. Ein Mann, der die Essenz der jüdischen Emigrantenphilosophie verinnerlicht hat: Sei ein Deutscher in Deutschland und in Amerika ein Amerikaner. Sei flexibel, pass Dich an und übernehme eine relativistische ethische Denkweise. Als ergebener Anhänger Mordechais hat Prinz erkannt, dass alles was für die Juden gut ist, naja, einfach nur gut ist.

Ich hörte mir weiter die unbezahlbaren Interviews Brenners mit Rabbi Prinz an, die jetzt auch online zugänglich sind[14]. Ich war ziemlich verblüfft darüber, dass es eigentlich Prinz war, der seinen Standpunkt eloquent darlegte. Es ist vielmehr Prinz als Brenner, der uns einen Einblick in die jüdische Ideologie und ihre Interaktion mit der sie umgebenden Wirklichkeit bietet. Vielmehr ist es Prinz als Brenner, der das deutsche Volk und seine Bestrebungen versteht. Prinz stellt seine Handlungen in der Vergangenheit als stolzer Jude dar. Von seinem Standpunkt aus war die Zusammenarbeit mit Hitler genau das Richtige. Er folgte Mordechai und suchte wahrscheinlich nach einer zukünftigen Esther. Und so ist es nur natürlich, dass Rabbi Prinz später der Präsident des jüdischen amerikanischen Kongresses wurde. Er wurde zu einem bekannten amerikanischen Anführer. Trotz seiner „Kollaboration mit Hitler“. Einfach aus dem offensichtlichen Grund: vom jüdischen ideologischen Standpunkt aus tat er das Richtige.

Schlussworte über den Zionismus

Wenn wir erst einmal gelernt haben das Jüdischsein als eine Exilkultur anzusehen, als die Verkörperung des „ultimativen Anderen“, dann können wir Jüdischsein als kollektives Kontinuum verstehen, das auf einer Horrorvision basiert. Jüdischsein ist die Verwirklichung der Politik der Angst in einem politischen Programm. Darum geht es bei der Holocaustreligion und sie ist tatsächlich so alt wie die Juden selbst. Rabbi Prinz konnte den Holocaust vorausahnen. Sowohl Prinz als auch das ZVfD konnten den Judeozid vorwegnehmen. Und so haben sie, aus einem jüdischen ideologischen Blickwinkel, genau der Situation entsprechend gehandelt. Sie blieben ihrer esoterischen Ethik verbunden innerhalb eines esoterischen kulturellen Diskurses.

Der Zionismus war tatsächlich ein grossartiges Versprechen, er diente dazu, die Juden in Israeliten zu verwandeln. Die Juden sollten dadurch zu einem Volk wie andere Völker auch werden. Der Zionismus diente dazu die Galut (Diaspora), die Exilcharakteristika des jüdischen Volkes und ihrer Kultur, zu identifizieren und dagegen anzukämpfen. Doch der Zionismus war zum Scheitern verurteilt. Der Grund dafür ist offensichtlich: innerhalb einer Kultur, die methaphysisch auf einer Exilideologie basiert, ist das letzte, was man erwarten kann, ein erfolgreiches Ende. Um für ein Versprechen zu leben muss der Zionismus sich von der jüdischen Exilideologie befreien und er muss sich von der Holocaustreligion befreien. Doch genau das kann er nicht. Da er von Grund auf von Exil geprägt ist, musste der Zionismus die eingeborenen Palästinenser terrorisieren, um den Fetisch der jüdischen Identität aufrechzuerhalten.

Da der Zionismus es nicht geschafft hat, sich von der jüdischen Emigrantenideologie zu trennen, hat er die Gelegenheit verpasst sich in irgendeine Art von Heimkultur zu entwickeln. Daher ist die Kultur und Politik der Israelis eine eigenartige Mischung der Unentschlossenheit; eine Mischung von kolonialer Machtübernahme und Galuts Opfermentalität. Der Zionismus ist ein säkulares Produkt, das nicht zu einer authentischen heimischen Sichtweise reifen kann.



[1] Marc Ellis, Marc Ellis über Finkelstein: http://www.normanfinkelstein.com/article.php?pg=3&ar=21
[2] http://www.counterpunch.org/atzmon01202007.html
[3] http://www.ramallahonline.com/modules.php?name=News&file=article&sid=2133
[4] Marc H. Ellis, Beyond Innocence & Redemption - Confronting The Holocaust And Israeli Power, Creating a Moral Future for the Jewish People (San Francisco: Harper & Row, 1990).

[7] http://www.imemc.org/article/21744
[8] Glenn Bowman-Migrant Labour: Constructing Homeland in the Exilic Imagination, Anthropological Theory II: 4. Dezember 2002, Seiten 447-468.
[9] Ibid



Übersetzt vom Englischen von Eva-Luise Hirschmugl, einem Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft für jeden nicht-kommerziellen Gebrauch : sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.
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KANAAN: 05/03/2007

 
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