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26/09/2020
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Pashtunistan, Balutschistan, Waziristan

Sie spielen wieder mit - Stämme und Gesellschaft in Pakistan


AUTOR:  Hamid Hussain, Defence Journal (Pakistan), April 2007

Übersetzt von  Übersetzt von Hergen Matussik und überprüft von Fausto Giudice


Die Frage ist nicht, wieviel jemand weiß, sondern welchen Nutzen er aus dem ziehen kann, was er weiß.

Josiah Gilbert Holland

 

Menschliche Wesen haben verschiedene Identitäten, und diese Identitäten wandeln sich im Lauf der Zeit. Familie, Klan, Stamm, Volkszugehörigkeit, Nationalität und Religion sind Ausdruck dieser Identitäten im Laufe der Zeit. Identitäten können wie Kreise sein, oder wie verschiedene Kreise, die interagieren und mitunter auch miteinander in Konflikt geraten. Die Beziehungen der Stämme untereinander, Zugang zu auswärtigen Resourcen und die Beziehungen zur Zentralgewalt sind Schlüsselelemente der Stammesgesellschaften. Das moderne Indien nahm seine gegenwärtige Gestalt unter britischer Kolonialherrschaft an. Bei den bäuerlichen Stämmen, die die Ebenen bewohnten, hatte die Zentralgewalt leichtes Spiel,  sie mit geringem Blutergießen unter ihre Herrschaft zu bringen. Die Zentralisierung des Staates unter den Briten hatte unterschiedliche Auswirkungen auf die Stammesstrukturen des Subkontinents. Verstädterung und Anbindung an die Zentralgewalt schwächten die Stammesbindungen vor allem in den Zentren des Reiches. Für die Stämme in den Randgebieten, vor allem bei den Stämmen der  Paschtunen und Balutschen wählte man eine andere Vorgehensweise. Hier ist das Gebiet zerklüftet und für die landwirtschaftliche Produktion in großem Stil ungeeignet. Es gibt keine Einkommensquelle, die es für die Zentralgewalt interessant machte, aggressiv Kontrolle auszuüben. Hier auf Dauer größere Truppenkontingente zu stationieren, um aufrührerische Stämme in Schach zu halten, wurde nicht als kosteneffektiver Ansatz betrachtet. Die von der britischen Zentralgewalt in diesen Fällen bevorzugte Methode war es, indirekte Kontrolle durch Stammesführer auszuüben und die Stämme  ansonsten sich selbst zu überlassenn. Zwischendurch wurden Militärexpeditionen unternommen, um Verbrechen zu bestrafen.

Pakistan führte diese Politik mit einigen Modifizierungen im wesentlichen weiter. Wie alle post-kolonialen Staaten, hat der pakistanische Staat versucht, eine nationale Identität zu schaffen und andere Identitäten, vor allem die der Stämme in den Grenzgebieten, zu ersetzen. Die Ergebnisse dieser Versuche waren unterschiedlich. In einigen Fällen  war der Staat erfolgreich darin, verschiedene Stammesgruppen durch Anbindung an die Struktur des Zentralstaates in das Konzept eines Nationalstaates einzubinden. Andererseits gaben einige Gruppen, die entweder nicht willkommen waren oder sich nach Kräften wehrten, in den Zentralstaat eingebunden zu werden, bestenfalls nominale Treuebekenntnisse für den Staat ab. Wann immer der Staat sich in schwieriger Situation befand, suchten sie die Konfrontation.

 

Die Stämme in den Grenzgebieten von Imperien und die Nationalstaaten, die ihnen nachfolgten, lebten jahrhundertelang davon, die besiedelten Gebiete der Nachbarschaft zu überfallen und zu  plündern, und sich mit fremden, durch ihre Gebiete ziehenden Armeen zu verbünden, um Reichtümer in fernen Ländern zu suchen. Mit dem Ziehen feststehender Grenzen  wurde der Schmuggel zu einer wichtigen Einkommensquelle für die Stämme. Schmuggelkartelle von Angehörigen der Stämme betreiben den Schmuggel von Luxusgütern, Alkohol und Drogen im Wert von Millionen von Dollars zwischen den Golfstaaten, Iran, Pakistan, und Afghanistan. Vor der Unabhängigkeit war es den Stämmen nicht erlaubt, Resourcen in besiedelten Gegenden zu kontrollieren. Ihre Aktivitäten blieben auf ihr Stammesgebiet beschränkt. Die Stammesmitglieder durften in paramilitärischen Kräften und in der Armee dienen und kehrten nach dem Erreichen des Ruhestandes in die Gebiete ihrer Vorfahren zurück. Seit 1947 hat sich diese Situation drastisch gewandelt. Staatliche Einrichtungen wie Schulen, Hochschulen und Krankenhäuser haben dazu beigetragen, Bindungen an den Staat zu verstärken. Dazu kommt, daß viele Angehörige der Stämme auf niedriger und höherer Ebenen in den Dienst der Regierung eingetreten sind. Eine Reihe hochrangiger Beamter und Armeeoffiziere aus den Gebieten der Stämme haben hohe Positionen innnerhalb des Staates innegehabt. Dies hat zu einem Zwiespalt geführt. Auf der einen Seite versuchen die Mitglieder der Stämme alle Unterstützung des Staates zu bekommen und bestehen darauf, Chancen im Staatsdienst und in den Streittkräften zu erhalten, sowie ihre Repräsentanten zur Nationalversammlung und in den Senat zu entsenden. Auf der anderen Seite wollen sie ihre Unabhängigkeit erhalten und dulden keine Einmischung des Staates. Dies bedeutet, daß es ihren Repräsentanten in den Parlamenten freisteht, Gesetze zu debattieren und zu verabschieden, aber dieselben Gesetze werden in den von ihnen repräsentierten Gebieten nicht angewandt. Entsprechend setzen Zivilbeamte und Offiziere die Gesetze des Staates durch, nehmen aber diejenigen Gebiete, aus denen sie selbst stammen, hiervon aus. Ab einem gewissen Punkt müssen sich die Stammesgesellschaften diesem Zwiespalt stellen. Der Zusammenprall von Interessen der in Städten und besiedelten Gebieten lebenden Klassen mit denen der von Stämmen besiedelten Gegenden wird unausweichlich die Reibungen innerhalb der Gesellschaft als Ganzem verstärken.

 

 
Peshawar, Januar 2006 : Generalleutnant Orakzai (l.) wird Gouverneur der Nord-westlichen Grenzprovinz und ersetzt in dieser Funktion Generalleutnant Iftikhar Hussain Shah (r.)

 

Als im Oktober 2001 US-Streitkräfte in Afghanistan landeten, stationierte Pakistan paramilitärische Einheitenn und reguläre Truppen in den Stammesgebieten. Der damalige kommandierende General, Generalleutnant Ali Muhammad Jan Orakzai (ein zum Stamm der Orakzai gehörender Paschtune,  heute Gouverneur der Nord-westlichen Grenzprovinz),  der damalige  Generalinspekteur des Grenzkorps (IGFC), Generalmajor Hamid Khan (heute Generalleutnant und kommandierender General in Peshawar) und der damalige Gouverneur Generalleutnant Iftikhar Hussain Shah arbeiteten geduldig mit den Stammesältesten zusammen und die Stationierung konnte ohne jede Gewalt durchgeführt werden. Alle diese drei hochrangigen Offiziere waren Paschtunen, was bei den Verhandlungen mit den Stammesführern sehr hilfreich war. An der afghanischen Front war es eine zeitlang ruhig, aber in den letzten drei Jahren eskaliert die Gewalt. Der amerikanische Ansatz  aggressiver militärischer Taktik in den von Gewalt geplagten Gebieten der Paschtunen in Afghanistan und allgemeiner Feindseligkeit gegenüber den pakistanischen Stammesgebieten hat die Situation kompliziert. Steigende Gewalt in Afghanistan ist die Hauptursache, aber ohne Verständnis für die verwickelte Dynamik der Region wird reflexartiges militärisches Vorgehen,  bei dem es nur auf die Zahl der Getöteten ankommt, ohne über Pläne für eine wirkliche Lösung nachzudenken, den Amerikanern nur Trauer und Schmerz bereiten und weiteres Blutvergießen in der Region verursachen. Unter intensivem Druck der USA startete General Pervez Musharraf im Jahr 2004 Militäroperationen in Waziristan, entgegen den Wünschen vieler Mitglieder der Streitkräfte. Das Ergebnis war katastrophal. Paramilitärische Einheiten und reguläre Truppen erlitten schwere Verluste und die Gewalttätigkeiteten griffen schnell auf weitere Gebiete über. Das Militär begann daraufhin, schwere Artillerie, Kampfhubschrauber und -flugzeuge einzusetzen, um die Oberhand zu gewinnen. Das Resultat waren Kollateralschäden und die Entfremdung einer großen Zahl von Stammesmitgliedern. Der vernichtendste Rückschlag für die Regierung kam, als Militante begannen, Anschläge auf Stammesführer zu verüben, die mit der Regierung zusammenarbeiteten.

Die Regierung war von nachrichtendienstlichen Erkenntnissen abgeschnitten, da die Bewohner der Regionen aus Angst vor Vergeltung durch die Militanten keine Informationen mehr weitergaben. Ohne solche Informationen aber ist jede militärische Operation in den Gebieten der Stämme  zum Scheitern verurteilt. General Musharraf sah dies schnell ein, was ein wesentlicher Faktor für seine Entscheidung war, ein Friedensabkommen mit den lokalen militanten Gruppen zu schließen. Dies war notwendig, um der Regierung Zeit zu gewinnen, ihr Netzwerk von Informanten wieder aufzubauen. Die größte Schwierigkeit aber lag darin, die Amerikaner davon zu überzeugen, daß dies das richtige Vorgehen war. Musharraf nahm den Gouverneur der nordwestlichen Grenzprovinzen , Generalleutnant Ali Muhammad Jan Orakzai zu seinem Besuch in Washington mit, wo beide gemeinsam versuchten, diesen Punkt den Angehörigen der US-Regierung zu vermitteln. Washington willigte ein, ein paar Monate Zeit zu gewähren, um die Ergebnisse dieses Ansatzes zu sehen. Die eskalierende Gewalt in Afghanistan und kontinuierliches Einsickern von Kämpfern aus Pakistan bewirkte wachsenden Druck auf Pakistan, etwas zu unternehmen. Im Februar 2007 besuchte Vizepräsident Dick Cheney Islamabad zu Gesprächen unter vier Augen mit Musharraf. Er brachte den stellvertretenden Director of Operations der CIA mit, der die Aktivitäten der Militanten in Waziristan dokumentieren sollte.

 


Die Fahne vom "Pashtunistan", dem "Land der Pashtunen", das die afghanischen Nationalisten zurück vom Pakistan erobern möchten

 

Washington wünscht schnelles Handeln von Pakistan, ist aber unfähig, das Dilemma der Pakistanis nachzuvollziehen. Die pakistanischen Sicherheitskräfte unterliegen folgenschweren Einschränkungen. Der wichtigste Faktor ist die Einschätzung, daß diese Kräfte eingesetzt werden, um US-Interessen anstelle von pakistanischen Interessen zu dienen. Weder die Offfiziere noch die normalen Truppen sind in diesem Kampf mit dem Herzen dabei, und wenn der aktive Einsatz ausgeweitet wird, kann das spürbare Auswirkungen auf Moral und Disziplin der Truppen haben. Eine kleine Zahl von Offizieren und Soldaten sind für ihre Weigerung diszipliniert worden, an Militäroperationen in Stammesgebieten teilzunehmen. Im Hinblick auf die Truppenstärke sind die paramilitärischen Einheiten überstrapaziert. Ein großer Teil der Grenztruppen der nordwestlichen Grenzprovinzen (in den Stammesgebieten rekrutiert; die Offiziere werden von der Armee gestellt) werden in Nord- und Süd-Waziristan sowie in den problematischen Verwaltungsbezirken Khyber und Bajawar stationiert. Wenn ein weiterer Konflikt in irgendeinem Stammesgebiet aufbrechen sollte (ein Sektenkonflikt oder Auseinandersetzungen im Rahmen der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung), wird es schwierig sein, paramilitärische Truppen in das betreffende Gebiet zu entsenden. Die Grenztruppen (hauptsächlich in den beruhigten Gebieten rekrutiert) sind ebenfalls personell überstrapaziert. Diese Einheiten sind zum einen für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung in den Gebieten zwischen den Territorien der Stämme und den befriedeten Gebieten zuständig, die als Grenzregion bezeichnet werden, zum anderen sollen sie als Verstärkung für die Polizeitruppen in den befriedeten Gebieten dienen. Mehr als zwei Drittel dieser Grenztruppen sind außerhalb der Grenzregionen eingesetzt. Dies ist einer der Gründe, weshalb Militante ihren Einfluß in den Grenzregionen ausbauen konnten, als sie in den Territorien der Stämme unter Druck gerieten. Falls es zu einer weiteren Krise kommen sollte, wird die Regierung reguläre Truppen einsetzen müssen. Außerdem dient eine große Zahl von Paschtunen aus den befriedeten Bezirken der nordwestlichen Grenzbezirke im Grenzkorps Balutschistan (einer unabhängigen Einheit, die von einem Generalmajor geführt werden).

 


Begräbniszeremonie im Waziristan

 

Verschiedene Gruppen lokaler und auswärtiger Militanter in den Gebieten der Stämme taten sich zusammen, als pakistanische Sicherheitskräfte damit begannen Operationen gegen sie durchzuführen. Ausländische Militante (darunter Usbeken, Tschetschenen und Araber) und ihre lokalen Verbündeten aus den Stämmen kämpften gegen die pakistanischen Einheiten. Differenzen zwischen diesen Gruppen über Ideologie,  Methoden und vor allem auch über ihre Finanzierung sind unvermeidlich  und diese Differenzen werden auch zu bewaffneten Auseinandersetzungen führen. Die ersten Schüsse wurden bereits abgefeuert, als Stammesangehörige mit ausländischen Militanten (vor allem Usbeken) und ihren lokalen Unterstützern im März 2007 aneinandergerieten, was zum Tod von über 100 Menschen in Waziristan führte. Es ist nicht klar, ob die örtlichen Stammeskämpfer wegen ihrer eigenen Ziele mit den ausländischen Kämpfern in Konflikt gerieten, oder ob sie auf Geheiß der Regierung handelten. Das schwierigste Problem für Islamabad wird es sein, mit dieser Situation fertig zu werden. Einige werden argumentieren, daßes besser ist, die Stämme sich selbst um das Problem kümmern zu lassen und  die Regierungstruppen nicht darin zu verwickeln. Andere werden der Auffassung sein, die Regierung sollte die lokalen Stammesgruppen aktiv darin unterstützen, die ausländischen Militanten und ihre lokalen Unterstützer zu bekämpfen. Die ausländischen Militanten könnten versuchen, die pakistanischen Sicherheitskräfte in Kämpfe zu verwickeln und eine massive Reaktion der Regierung zu provozieren, um die Stammeskrieger gegen die Regierung aufzuhetzen. Die Versuchung für Islamabad, eine großangelegte Militäraktion zu starten, um das Problem der ausländischen Militanten ein für alle Mal zu lösen, wird groß sein. Dennoch könnte ein solcher Versuch fehlschlagen und die Stammeskrieger auf die Seite der extremistischsten Gruppierungen bringen, die in dem Gebiet operieren. Kurzfristig wird verdeckte Unterstützung mit Aufklärung und Waffen, sowie finanzielle Belohnungen für tote und verwundete Stammeskrieger mehr als angemessen sein. Wichtiger ist es aber, über die langfristigen Konsequenzen nachzudenken. Selbst wenn die lokalen Militanten fähig sind, das Problem der ausländischen Kämpfer zu lösen, würde dies unausweichlich ihre Position in dem Gebiet festigen und damit die Autorität der Regierung untergraben und die Weichen für weitere künftige bewaffnete Konfliket der militanten Gruppierungen untereinander stellen.Der Fall Afghanistans ist ein klassisches Beispiel  solcher Fehden, die durch auswärtige finanzielle Unterstützung und Verwicklungen aufgrund lokaler Milizen durch die Regierung weiter schwelen. Eine Reihe von Gründen sind für die Eskalation der Gewalt in Afghanistan verantwortlich. Ein  wesentlicher Faktor ist das Versagen der USA in militärischer, nachrichtendienstlicher und politischer Hinsicht, sowie im Hinblick auf den Wiederaufbau. Es ist unwahrscheinlich, daß die Feindseligkeiten in Afghanistan enden, wenn die ausländischen Kämpfer vertrieben werden. Der einzig gangbare Weg, Frieden und Stabilität für die Region zu erreichen, wird eine breit angelegte Strategie und Kooperation der wesentlichen Konfliktparteien untereinander sein, um eine tragfähige Übereinkunft zu finden. Es wird lange Zeit und Geduld auf allen Seiten brauchen, um das Gleichgewicht zwischen dem Einfluß der Stammesführer und der begrenzten Autorität der Regierung in den Stammesgebieten wiederherzustellen. Die Stammesangehörigen solten ermutigt werden, die Konsequenzen unkontrollierter militanter Aktivitäten von einer reihe von Gruppierungen auf ihrem Gebiet zu diskutieren. Islamabad sollte sich darauf konzentrieren, das Problem der Militanten anzugehen. Grundlegende Änderungen von Stammesstrukturen und Verwaltung, die lange überfällig sind, haben unter den gegenwärtigen Umständen wenig Aussicht auf Erfolg. Jeder, der von derartigen Änderungen negativ betroffen ist, wird sich ihnen widersetzen und nicht zögern, Gewalt anzuwenden, um die Versuche der Regierung zu unterlaufen. Diese Gewalt wird sich ausschließlich auf lokale Angelegenheiten beziehen, aber dennoch unausweichlich zur allgemeinen Instabilität beitragen und auf diese Weise eine ideale Umgebung für extremistische Gruppierungen schaffen, um ihren Einfluß auszubauen. Ein Beispiel soll die Komplexität der Situation aufzeigen. Im Jahr 1999 wurden 25 Ortschaften von der Mohmand Agency (im Nordwesten an den Bezirk Peshawar angrenzender Verwaltungsbezirk, A.d.Ü.) abgelöst und befriedeten Bezirken angegliedert. Stammesangehörige zahlen normalerweise keine Grundsteuer und beziehen kostenlos Elektrizität. Die Angliederung dieser Ortschaften an die befriedeten Bezirke bedeutete, daß sie dem pakistanische Recht unterstehen und einige ihrer früheren Privilegien aufgeben mußten. Dies erregte Widerwillen. Eine kleine Gruppe, die sich selbst Widerstandsgruppe Mohmand nannte, griff einige Regierungseinrichtungen - vor allem Elektrizitätsmasten - an, was zu Problemen in einem großen Teil des Verwaltungsbezirks von Mohmand führte.

 

 
               Ein Marri-Kämpfer                                                            Angehörige einer Bugti-Miliz

 

Versuche der Vereinigten Staaten, Pakistans und Afghanistans, sich untereinander abzustimmen, blieben erfolglos. Die USA organisierten eine Dreiparteien-Komission, die Militärs der Vereinigtren Staaten, Afghanistan und Pakistan Gelegenheit zur Zusammenarbeit gab. Im März 2006 ließ Washington afghanische und pakistanische Militärs nach Deutschland reisen, wo sie Fragen der Grenzsicherheit diskutierten. Im Jahr 2006 schlug der afghanische Präsident Hamid Karzai vor, Stammesälteste aus Pakistan und Afghanistan einzuladen, um das Problem der Gewalt in der Region anzuggehen. Eine neunköpfige Delegation der afghanischen Jirga-Komission, angeführt von Pir Syed Ahmed Gilani, besuchte Pakistan im März 2007, um die unsichere Situation in den Stammesgebieten beider Länder zu besprechen. Ohne eine langfristige Perspektive und konkrete Maßnahmen ist es unwahrscheinlich, daß das bloße Zusammenkommen von Stammesältesten das vielschichtige Problem lösen kann. Auseinandergehende Interessen verschiedener Stämme und Klans, Rivalitäten innerhalb der Stämme, die Fragwürdigkeit von Schlüsselfiguren der Nationalstaaten und die Beteiligung einer großen Zahl von Akteuren wird jede verständige Lösung sehr schwierig wenn nicht unmöglich machen. Die Gewalt in den Territorien der Stämme wird nicht enden, solange sich die Regierungen von Pakistan und Afghanistan in den Haaren liegen. Sowohl für diese beiden Regierungen als auch für die USA wird es verführerisch sein, ihre eigenen Interessen mit Hilfe von Stammesgruppierungen als ihren Marionetten zu verfolgen. Dies wird die Gewalt in diesen Gebieten noch weiter eskalieren lassen.

 

Die Stämme sind Meister darin, aus einer Krise Vorteile für sich zu ziehen. Derzeit sind große Geldsummen aus verschiedenen Quellen verfügbar. In die Gebiete der Stämme fließt Geld für den Jihad/heiligen Krieg aus den reichen Golfstaaten, Geld  aus den USA, Pakistan und Afghanistan, um den Jihad zu bekämpfen, sowie Geld aus anderen Quellen wie der Drogen- und Schmuggelmafia - und die Stämme freuen sich, aus allen verfügbaren Quellen zu schöpfen. Mit Islamabad unzufriedene Stammesangehörige werden sich an Kabul wenden, während afghanische Stammesangehörige, die mit Kabul unzufrieden sind, sich an Islamabad wenden. Wazirische Stammesälteste sind nach Kabul gereist,  um dort ihre Anliegen vorzutragen. Im März 2007 reisten rund 60 Stammesführer nach Afghanistan und trafen sich mit afghanischen Offiziellen. Sie baten die NATO und afghanische Offizielle, direkt mit ihnen zu verhandeln, anstatt alles über Islamabad laufen zu lassen. Pakistan spielt dasselbe Spiel, indem es mit Angehörigen der Stämme jenseits der Durand Linie (Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan) zusammenarbeitet. Wenn die Gewalt eskaliert und Pakistans Autorität über seine Grenzregionen schwindet, kann es sein, daß die USA ihre Aufgabe in Afghanistan neu ausrichten müssen. Die Afghanen, die nicht zu den Paschtunen gehören, warten auf diese Gelegenheit. Sie könnten früher als erwartet unruhig werden. Eine Aufteilung Afghanistans entlang der ethnischen Grenzen mit dem Hindukusch als Grenze kann die beabsichtigte oder unbeabsichtigte Konsequenz sein. In diesem Fall wird der pakistanische Staat unter enormen Druck geraten und in Gefahr geraten, entsprechend der ethnischen und ideologischen Differenzen auseinanderzubrechen. Dabei werden die Paschtunen die Hauptverlierer sein, da sich die Gewalt unvermeidlicherweise zum großen Teil auf paschtunischem Territorien abspielen wird und ihre Städte, Dörfer und Gebirgszüge zum Schlachtfeld der Auseinandersetzung werden.

 


Nawab Akbar Khan Bugti, „der Tiger von Balutschistan“ war der Tumandar (Häuptling) des Balutschenstammes Bugti. Er wurde am 26. August 2006 bei Tratani, im Distrikt von Kohlu von der pakistanischer Armee getötet und wird heute als Held und Märtyrer von den Balutschen geeehrt. Seine 60-jährige politische Karriere endete im Untergrundskampf gegen das Musharraf-Regime.  

 

Die Lage in Balutschistan
In Balutschistan ist die Situation noch verworrener. Hier sind zwei verschiedene Stämme mit unterschiedlichen Motivationen im  Spiel: Balutschen und Paschtunen. Die Balutschen operieren als ethnische Einheit mit nationalistischer Motivation. Sie sind vom pakistanischen Staat und der pakistanischen Gesellschaft verprellt.  Ihre geringe Zahl und Repräsentation in den verschiedenen Teilen der Gesellschaft verstärkt die Entfremdung noch. In den letzten sechzig Jahren haben sich die Balutschen mehrfach gegen die staatliche Autorität erhoben. Seit 2004 ist die Gewalt in Balutschistan zusehends eskaliert. Balutschische Militante greifen die Sicherheitskräfte an und verüben Anschläge auf wichtige Teile der Infrastruktur wie Gaspipelines und Eisenbahnstrecken, worauf die Sicherheitskräfte mit Operationen gegen die Balutschen antworteten. Mitglieder der drei größten Stämme Bugti, Marri und Mengalen sind im bewaffneten Kampf gegen die Regierung aktiv.Die Regierung versucht, Rivalitäten und Wettbewerb der Stämme untereinander auszunutzen, um die Intentionen der feindlich gesonnenen Stämme zu unterlaufen. Dies ist ein Rezept für dauerhafte Instabilität. Aufrichtige Bemühungen um einen verständigen Dialog mit den Balutschen müssen Vorrang erhalten. Berechtigte Klagen der Balutschen müssen angesprochen werden, und Islamabad muß die Balutschen in allen Fragen der Entwicklungen in der Provinz ins Vertrauen ziehen. Paschtunen und Balutschen sind keine monolithischen Blöcke. Außer daß sie verschiedene Stämme sind, haben sie auch unterschiedliche politische Visionen. Afghanische Paschtunen in den von Paschtunen dominierten Gebieten Balutschistans haben erfolgreich ein gewisses Maß an Einfluß in dieser Region aufrecht erhalten können. Aufständische, die gegen afghanische Einheiten und Truppen der Koalition in Afghanistan kämpfen, haben ebenfalls Unterstützung seitens dieser Paschtunen gefunden. Diese Unterstützung beruht auf religiösen,  ethnischen und Stammens-Bindungen. auf der anderen Seite betrachten die nationalistischen Paschtunen die gegenwärtige Gewalt,bei der Paschtunen auf beiden Seiten sterben, als ihren Interessen entgegengesetzt.

 

Die Lage an der pakistanisch-iranischen Grenze verschärft sich ebenfalls weiter. Es hat mehrere Schießereien zwischen Schmugglern und anderen Unruhestiftern und den Sicherheitskräften beider Länder gegeben. Im Februar 2007  nahmen pakistanische Sicherheitskräfte sieben Iraner bei dem Versuch fest, nach Pakistan zu gelangen. Es gab Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Ländern, wer diese Verdächtigen verhören sollte und Iran schloß aus Protest seine Grenzen. Anfang 2007 übernahm eine sunnitische Gruppierung, die sich Jundullah nennt, die Verantwortung für Attacken auf iranische Sicherheitskräfte in der Region von Balutschistan-Sistan (Provinz im Südwesten des Iran, A.d.Ü.) Iran ist dabei, einen Zaun entlang seiner Grenze mit Pakistan zu bauen, was Grund für Verstimmung unter den Balutschen beider Länder ist. Außerdem wird der Versuch des Iran, einen Grenzzaun zu errichten, den Schmuggel in diesem Gebiet beeinträchtigen, weswegen die Schmuggler die Aktivitäten der balutschischen Aufständischen auf beiden Seiten der Grenze zum Teil mitfinanzieren werden. Der Iran, der über die amerikanischen Absichten besorgt ist, betrachtet die Kooperation zwischen Pakistan und den USA mit Mißtrauen und argwöhnt, daß Washington und Islamabad gemeinsames Spiel spielen könnten, um Teheran Kopfschmerzen zu bereiten, indem sie die Probleme im iranischen Teil Balutschistans schüren. Einige Golf-Scheichtümer, die einen Rückgang ihrer Einnahmen aufgrund des Hafens von Gwadar fürchten, unterstützen ebenfalls stillschweigend verschiedene bewaffnete balutschische Gruppen. Sie könnten das Erstarken ethnischer und nationalistischer Balutschen als einen Schutz gegen den religiösen Extremismus sehen, der von dieser Region ausgeht. Dieses Projekt kann auch von den Indern mit übernommen werden, die glücklich sein werden, sich daran zu beteiligen. Indien könnte diese Option in der Zukunft als Kapital in der Auseinandersetzung um Kaschmir nutzen. Die Übereinkunft könnte eine Klausel wie „Ihr hört auf unsere Terroristen und Eure Freiheitskämpfer zu unterstützen, und wir hören auf, unsere  Freiheitskämpfer und Eure Terroristen zu unterstützen“. Wenn die Instabilität im Grenzgebiet von Afghanistan, Pakistan und Iran noch weiter anwächst, könnten die Balutschen versucht sein, dem Beispiel der irakischen Kurden zu folgen und versuchen, ihr eigenes autonomes Gebiet zu schaffen.

 

Alle Mitspieler teilen sich die Verantwortung für die gegenwärtige gefährliche Situation in der instabilen Region. Washington ist verantwortlich für seine Kurzsichtigkeit, Arroganz, die alarmierende Unkenntnis der lokalen Realitäten und seine Weigerung, die Besorgnisse der anderen zu berücksichtigen. Die Afghanen sind verantwortlich für ihre Grabenkämpfe und ihre Neigung, auf jeden vorbeifahrenden Zug aufzuspringen, wenn er nur ihren kurzfristigen Interessen dient, und verwandeln auf diese Weise ihr schönes Land in eine Schutthalde. Pakistan und Indien sind verantwortlich dafür, daß sie unterschiedslos die Afghanen benutzen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, und dabei auf empörende Weise den Verlust von Leben und Sachgütern auf dem von ihnen gewählten Schlachtfeld in Kauf nehmen. Anstatt ihre Petrodollars in Entwicklung und Fortschritt fließen zu lassen, haben sich die Araber dafür entschieden, ihr Geld für Zerstörung und Extremismus einzusetzen. Jetzt beschweren sich alle über die bittere Ernte und geben den anderen die Schuld, während sie die eigene Rolle ignorieren. Zu erwarten, daß die Gewalt inn den Territorien der Stämme aufhört, ist unrealistisch. Es sind alle Zutaten für bewaffnete Auseinandersetzungen vorhanden:  Die Liebe der Stämme zu ihrer Unabhängigkeit, Mißtrauen oder Feindseligkeit gegen einen weit entfernten und gleichgültigen Zentralstaat, unübersichtliches Gelände, die Verfügbarkeit modernster Waffen, reichlich finanzielle Anreize, Rivalitäten zwischen den Stämmen und ideologische Verbohrtheit sind alle zur Stelle, so daß sich auch der kleinste Zwischenfall in spontanen oder geplanten Gewalttätigkeiten entladen kann. Alle Versuche sollten sich darauf richten, die Gewalt auf minimalem Niveau zu halten. Alle Parteien, insbesondere die Nationalstaaten müssen umsichtig handeln und der Versuchung widerstehen, die Stammesleute für ihre kurzfristigen Interessenn zu benutzen.

 

Geduld, eine wesentliche Tugend in einer solchen Umgebung, war noch nie eine Stärke der Amerikaner. Die USA und die NATO  müssen ihre Prioritäten neu ordnen und die gegebenen Realität akzeptieren, daß die Hoffnung auf ein friedliches Afghanistan ohne Kooperation in der Region und ohne Berücksichtigung der berechtigten nationalen Sicherheitsinteressen von Pakistan und Iran eine Schimäre bleiben wird. Für ihren Teil müssen Iran und Pakistan die veränderten Realitäten anerkennen und die weitere Einmischung in Afghanistans innere Angelegenheiten unterlassen. Sie sollten dies nicht Afghanistan zuliebe tun, sondern aufgrund der Einsicht, daß das Schüren solcher Flammen unausweichlich ihre eigenen Häuser in Brand setzen wird. Sie haben das Recht, ihre Einwände zum Ausdruck zu bringen, aber ihre afghanischen Stellvertreter für eine gewaltsame Entscheidung aufzurüsten, liegt nicht in ihrem Interesse. Hierbei sollten sie aus ihren früheren fehlgeschlagenen Versuchen in diese Richtung lernen. Die afghanische Regierung muß die Grenzen ihrer Möglichkeiten anerkennen und sollte Konfrontationen mit ihren Nachbarn vermeiden. Zusammenarbeit in der Region insbesondere zwischen Pakistan, Afghanistan und Iran ist entscheidend, um Spannungen in den Territorien der Stämme im Grenzgebiet zu verringern. Regierungen, die sich im Streit miteinander befinden und sich öffentlich gegenseitig beschuldigen, werden den nicht-staatlichen Akteuren nur mehr Raum geben, ihren Einfluß auf Kosten der Autorität des Staates auszubauen. Dies trifft auf alle Länder zu: Afghanistan sieht seine Grenzgebiete unter den Einfluß der Aufständischen geraten, Pakistan erlebt, wie sich der Einfluß bewaffneter Militanter sich auf befriedete Bezirke ausweitet und balutschische Militante Selbstvertrauen gewinnen, und Iran ist mit dem sich rasch ausbreitenden Aufstand ind der Region Balutschistan - Sistan konfrontiert. US- und Nato- Truppen werden sich mitten in diesem Netz von Intrigen und wechselnden Allianzen wiederfinden. Wenn die Gewalt eine bestimmte Schwellle überschreitet und zentrifugale Kräfte entfaltet, könnte die Macht der Stämme in der Region der Katalysator für größere Instabilität und sogar ein mögliches Auseinanderbrechen dreier bedeutender Staaten, Afghanistans, Pakistans und Irans werden. In den letzten 150 Jahren sind die Repräsentanten einer Zentralregierung (zunächst die Briten, dann die pakistanischen Autoritäten) in dem Versuch, die Stämme zu kontrollieren und die Autorität der Regierung auszuweiten, tief in deren Territorien eingedrungen. Aber jeder dieser Versuche endete mit einer Art von Übereinkunft mit den Stammesführern und der Praxis indirekter Machtausübung. Ironischerweise lernen 150 Jahre später die Nachfolger des Raj (die britische Kolonialherrschaft über Indien, AdÜ) sowie einige neue Mitspieler erneut dieselbe Lektion.

 

 

Zieht nicht nur die die gegenwärtigen, sondern auch die künftigen Zwistigkeiten in Betracht ... Wenn man wartet, bis sie ausgebrochen sind, ist keine Medizin mehr zur Hand, weil die Krankheit unheilbar geworden ist.

Machiavelli.


Original : http://intellibriefs.blogspot.com/2007/03/back-in-game-tribes-and-society-in.html

Dr. Hamid Hussain ist ein unabhängiger Analytiker mit Wohnsitz in New York. Sein Website ist www.viewsonnews.net  
Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von Hergen Matussik und überprüft von Fausto Giudice, Mitgliedern von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft: sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle und der Übersetzer genannt werden.
URL dieses Artikels : http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=2847&lg=de


 


TAIFUNZONE: 29/05/2007

 
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