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24/10/2014
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Der westliche Imperialismus ist das Problem – nicht der Islam

Eine Welt ohne Islam


AUTOR:  Graham E. FULLER

Übersetzt von  Annelies Glander


Könnten Sie sich eine Welt ohne Islam vorstellen? Im Hinblick auf seine Allgegenwärtigkeit in den täglichen Pressemeldungen eine schwer mögliche Vorstellung. Scheint doch der Islam die Ursache eines weiten Spektrums internationaler Missstände zu sein: Selbstmordattentate, Autobomben, militärische Landbesetzungen, Widerstandskämpfe, Aufstände, Fatwas, Dschihads, Guerillakriege, Drohvideos und auch die Ereignisse vom 11. September. Der «Islam» scheint eine stets verfügbare und einfache Erklärung für das Gewaltszenario zu bieten, in dem wir heute leben. Für einige Neokonservative ist «Islamofaschismus» tatsächlich der dezidierte Feind in einem drohenden «Dritten Weltkrieg».
Doch lassen Sie mich einen Augenblick überlegen. Was wäre, wenn es diesen Islam nicht gäbe? Wenn es den Propheten Mohammed nie gegeben hätte, die Ausbreitung des Islam über grosse Gebiete des Nahen und Mittleren Ostens, Asiens und Afrikas nicht geschichtlich belegt wäre?
Für unsere gegenwärtige intensive Auseinandersetzung mit Terrorismus, Krieg und militantem Antiamerikanismus – die Tagesordnungspunkte, die die Gemüter am meisten erhitzen – ist es unbedingt nötig, die wahren Ursachen dieser Krisen zu verstehen. Ist der Islam der Ausgangspunkt des Problems, oder liegen die Ursachen tiefer und sind sie nicht unmittelbar erkennbar?
Versuchen wir uns, um besser argumentieren zu können, historisch einen Nahen und Mittleren Osten vorzustellen, in dem es nie einen Islam gegeben hätte. Wären uns dann einige der jetzigen Herausforderungen erspart geblieben? Wäre die Lage im Nahen und Mittleren Osten eine friedlichere? Wie anders könnten die Beziehungen zwischen Ost und West aussehen? Ohne Islam sähe die internationale Szene heute wohl ganz anders aus, oder nicht?

 

   
Die "rote Gefahr" vom XX. Jahrhundert ist von der "grünen Gefahr" ersetzt worden.

Links ein hungarisches antibolschewistisches Plakat von 1919 : "sie nehmen ein Bad !"

Wenn nicht Islam, was dann?

Seit der Nahe und Mittlere Osten politisch Gestalt anzunehmen begann, hat der Islam die kulturellen Normen und sehr wohl auch die politischen Vorlieben seiner Anhänger geformt. Wie also sollten wir den Islam getrennt vom Nahen und Mittleren Osten betrachten? Dies ist gar nicht so schwierig, wie sich bei näherer Betrachtung herausstellt.
Beginnen wir mit den ethnischen Gegebenheiten. Die Region bietet auch ohne Islam ein konfliktreiches, vielschichtiges Umfeld. Die dominierenden ethnischen Gruppen des Nahen und Mittleren Ostens – Araber, Perser, Türken, Kurden, Juden, auch Berber und Paschtunen – hätten immer noch das Sagen. Nehmen wir die Perser: Lange vor dem Islam drangen grosse persische Reiche immer wieder bis nach Griechenland vor und waren die permanenten Rivalen der Landesfürsten Anatoliens. Feindliche semitische Völker bekämpften die Perser über das gesamte Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds und bis in den Irak. Auch gab es noch die vielen mächtigen arabischen Stämme und Händler, die schon vor dem Islam in andere semitische Gebiete im Nahen und Mittleren Osten emigrierten und sich dort ausbreiteten. Die Mongolen hätten Zentralasien und grosse Teile des Nahen und Mittleren Ostens im 13. Jahrhundert auf jeden Fall überrannt und ihre Kulturen zerstört. Ebenso hätten die Türken Anatolien und die Länder am Balkan bis Wien und den grössten Teil des Nahen und Mittleren Ostens erobert. Diese Kämpfe – in denen es um Macht, Land, Einfluss und Handel ging – fanden lange vor dem Auftreten des Islam statt.
Die Religion jedoch völlig aus der Gleichung zu streichen, wäre zu willkürlich. Hätte es den Islam nie gegeben, wären die Mehrzahl der Bewohner des Nahen und Mittleren Ostens vorrangig Christen in ihren verschiedenen Sekten geblieben, wie dies zu Beginn des Islam noch der Fall war. Abgesehen von einigen Zoroastern und kleinen Gruppen von Juden waren keine nennenswerten religiösen Ausformungen vorhanden.

Europa auf der Suche nach wirtschaftlichen und geopolitischen Stützpunkten

Aber wäre das Verhältnis zum Westen wirklich harmonisch gewesen, wenn der gesamte Nahen und Mittlere Osten christlich geblieben wäre? Dies erscheint eine weit hergeholte Behauptung. Wir müssten annehmen, dass Eu­ropa im Mittelalter nicht im Streben nach Macht und Hegemonie auf der Suche nach wirtschaftlichen und geopolitischen Stützpunkten seine Fühler unermüdlich und expansionshungrig nach Osten ausgestreckt hätte. Was waren denn die Kreuzzüge, wenn nicht vom Westen gestartete Unternehmungen zur Befriedigung politischer, sozialer und wirtschaftlicher Ambitionen? Das christliche Banner war nicht viel mehr als ein mächtiges Symbol, eine willkommene Parole, um die viel weltlicheren Motivationen mächtiger Europäer abzusegnen. Die Religion der einheimischen Bevölkerung hatte in Wirklichkeit in den strategischen Schachzügen des Westens nur geringen Stellenwert. Eu­ropa propagierte wohl hochtrabend die Absicht, «den Einheimischen christliche Werte zu vermitteln», das ausschlaggebende Ziel aber war die Errichtung kolonialer Aussenstellen, die dem Mutterland zu mehr Reichtum verhelfen und als Ausgangsbasis für westliche Machtansprüche dienen sollten.
Es ist daher unwahrscheinlich, dass die christlichen Bewohner der Länder des Nahen und Mittleren Ostens die zahllosen europäischen Flotten und die unter dem Schutz westlicher Artillerie reisenden Kaufleute willkommen geheissen hätten. In dem vielschichtigen ethnischen Mosaik der Region hätte der Imperialismus eine weitere Blütezeit erfahren – die Kriterien für das alte Spiel vom Teilen und Regieren. Und die Europäer hätten die gleichen servilen lokalen Regenten zur Durchsetzung ihrer Wünsche eingesetzt.

Auch Christen hätten imperialistische Armeen abgelehnt

Drehen wir die Uhr weiter – und stoppen sie im Nahen und Mittleren Osten zur Blütezeit der Ölgewinnung. Hätten mittelöstliche Staaten, auch wenn sie christliche Länder gewesen wären, die Gründung europäischer Protektorate auf ihrem Gebiet begrüsst? Wohl kaum. Der Westen hätte dieselben Sperranlagen errichtet und beherrscht, wie dies beim Suez-Kanal der Fall war. Es war nicht der Islam, der die Länder im Nahen und Mittleren Osten veranlasste, sich Kolonialprojekten einschliess­lich der brutalen neuen Grenzziehungen nach europäischen geopolitischen Vorstellungen vehement zu widersetzen. Auch Christen hätten imperialistische westliche Ölgesellschaften mit ihren europäischen Vizeregenten, Diplomaten, Geheimdienstagenten und Armeen genauso abgelehnt, wie dies die Muslime taten. Betrachten wir die lange Geschichte der Reaktionen Lateinamerikas auf die amerikanische Dominanz über Öl, Volkswirtschaft und Politik in den betroffenen Ländern. Der Nahe und Mittlere Osten wäre genauso bemüht gewesen, auf nationaler Ebene antikoloniale Bewegungen ins Leben zu rufen, um seinen Grund und Boden, seine Märkte, seine Souveränität und sein Schicksal dem Zugriff einer fremden Macht zu entziehen – wie dies die militante Ablehnung kolonialer Bestrebungen im hinduistischen Indien, konfuzianischen China, buddhistischen Vietnam und im christlichen und animistischen Afrika gezeigt hat.
Und Frankreich hätte sich ganz bestimmt mit demselben Elan in einem christlichen Algerien niedergelassen, um das fruchtbare Weideland an sich zu reissen und eine Kolonie zu errichten. Auch die Italiener liessen sich vom Christentum in Äthiopien keineswegs davon abhalten, das Land in eine nach strengen Regeln verwaltete Kolonie zu verwandeln. Wir haben also, kurz gesagt, keinen Grund zur Annahme, dass sich das Verhalten der Länder im Nahen und Mittleren Osten dem kolonialen Martyrium gegenüber wesentlich von der Art und Weise unterschieden hätte, die als charakteristisch für den Islam angesehen wird.

Die Geschichte europäischer Diktaturen

Wäre der Nahe  und Mittlere Osten aber vielleicht ohne Islam demokratischer gewesen? Die Geschichte europäischer Diktaturen lässt dies wenig glaubhaft erscheinen. In Spanien und Portugal fanden strenge Diktaturen erst Mitte der 70er Jahre im vorigen Jahrhundert ein Ende. Griechenland befreite sich erst vor einigen Jahrzehnten von seiner an die Kirche gekoppelten Diktatur. Das christliche Russ­land steckt immer noch in der Schlinge. Bis vor kurzem wüteten in Lateinamerika Diktatoren, die oft mit dem Segen Amerikas und in trauter Gemeinschaft mit der katholischen Kirche regierten. Den meisten afrikanischen Ländern erging es nicht besser. Warum also sollte ein christlicher Naher und Mittlerer Osten anders ausgesehen haben?
Und dann gibt es da ja auch noch Palästina. Es waren Christen, die die Juden hemmungslos über ein Jahrtausend grausamen Verfolgungen aussetzten, die im Holocaust einen traurigen Höhepunkt erreichten. Diese entsetzlichen Beispiele antisemitischer Einstellung waren in den christlichen Ländern im Westen fest verankert und ein Teil der gelebten Kultur. Die Juden hätten also auf jeden Fall eine Heimat ausserhalb Europas gesucht. Der Zionismus wäre auf jeden Fall entstanden und hätte Palästina als Zielhafen anvisiert. Und der junge israelische Staat hätte die 750 000 arabischen Einwohner Palästinas auch von ihrem Land vertrieben, wenn diese Christen gewesen wären – was einige von ihnen ja tatsächlich waren. Sollten diese arabischen Palästinenser nicht darum kämpfen, ihr eigenes Land zu schützen und zurückzubekommen? Das israelisch-palästinensische Problem betrifft im Grunde einen nationalen, ethnischen und territorialen Konflikt, der nur seit kurzer Zeit durch religiöse Werbesprüche unterstützt wird. Vergessen wir nicht, dass arabische Christen bei der Entstehung der arabischen nationalistischen Bewegung im Mittleren Osten eine wesentliche Rolle spielten: Michel Aflaq, der ideologische Gründer der ersten panarabischen Baath-Partei, war ein syrischer Christ, der an der Sorbonne studiert hatte.

Ringen um die Vorherrschaft

Aber die Christen im Nahen und Mittleren Osten wären dem Westen doch sicher aus religiösen Gründen zugetan gewesen? Hätten all diese religiösen Auseinandersetzungen nicht vermieden werden können? Tatsache ist, dass die christliche Welt schon seit den ersten Jahrhunderten christlicher Vorherrschaft durch Häresien zerrissen wurde, Häresien, die zum Werkzeug der politischen Opposition gegen Rom und Byzanz wurden. Die religiösen Kriege im Westen waren weit davon entfernt, zu einer Vereinigung auf religiöser Basis beizutragen, sie bemäntelten nur das ethnische, strategische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Ringen um die Vorherrschaft.
Schon der Hinweis auf einen «christlichen Nahen und Mittleren Osten» ist ein Euphemismus für eine hässliche Animosität. Ohne Islam wären die Völker im Nahen und Mittleren Osten so geblieben wie sie bei der Entstehung des Islam waren – zumeist Anhänger des orthodoxen Christentums im Osten. Doch wird leicht darauf vergessen, dass eine der längsten, virulentesten und bittersten religiösen Kontroversen die zwischen der katholischen Kirche und dem orthodoxen Christentum in Konstantinopel war – und die Erbitterung hält noch immer an. Nie werden die orthodoxen Christen die Plünderung des christlichen Konstantinopels durch westliche Kreuzritter im Jahre 1204 vergessen oder vergeben. 1999, fast 800 Jahre später, bemühte sich Papst Johannes Paul II. einige kleine Schritte zu setzen, diesen Bruch im Rahmen des ersten Besuches eines katholischen Papstes in der orthodoxen Welt zu heilen. Es war ein Anfang, aber die Reibungspunkte zwischen Ost und West wären in einem christlichen Nahen und Mittleren Osten ziemlich die gleichen geblieben, die sie heute sind. Nehmen wir Griechenland als Beispiel: Die Orthodoxie hat viel zum Nationalismus und zu antiwestlichen Gefühlen beigetragen, und noch vor einem Jahrzehnt spiegelten sich derselbe Argwohn und dieselben bösartigen Vorstellungen vom Westen in der griechischen Politik in ebenso leidenschaftlichen antiwestlichen Strömungen wider, wie sie heute von vielen islamistischen Führern propagiert werden.

Das kulturelle Weltbild der orthodoxen Kirche

Das kulturelle Weltbild der orthodoxen Kirche unterscheidet sich wesentlich vom Ethos der Aufklärung, die auf Säkularisierung, Kapitalismus und die Vorrangigkeit des Individuums ausgerichtet ist. Immer noch sind da Spuren von Angst vor dem Westen zurückgeblieben, die den gegenwärtigen muslimischen Zweifeln in vieler Hinsicht gleichen: Angst vor westlichem Proselytismus [Abwerbung Andersgläubiger zur eigenen Glaubensgemeinschaft], die Vorstellung der Religion als wesentliches Hilfsmittel zum Schutz und zur Erhaltung der eigenen Gemeinschaft und Kultur sowie Misstrauen den «korrupten» und imperialistischen Eigenschaften des Westens gegenüber. In einem christlichen Nahen und Mittleren Osten orthodoxer Prägung würde Moskau selbst heute noch als letztes grösseres Zentrum östlicher Orthodoxie besonderen Einfluss ausüben. Die orthodoxe Welt hätte sich im kalten Krieg einer geopolitischen Schlüsselstellung erfreut. Selbst Samuel Huntington führte die orthodoxe christliche Welt unter den Zivilisationen an, die in einen kulturellen Konflikt mit dem Westen verwickelt sind.

US-Besetzung des Irak wäre nicht willkommener, wenn die Iraker Christen wären

Die amerikanische Besetzung des Irak wäre den Irakern nicht willkommener, wenn sie Christen wären. Amerika hat Saddam ­Hussein, einen höchst nationalistischen und säkularen Führer, nicht entmachtet, weil er Muslim war. Andere arabische Völker hätten die irakischen Araber in jedem Fall eines Besatzungstraumas unterstützt. Nirgends heisst ein Volk eine Besatzungsmacht und die Tötung seiner Landsleute durch fremde Truppen willkommen. Alle auf solche Weise bedrohten Völker suchen immer nach passenden Ideologien, ihren Widerstandskampf zu rechtfertigen und zu verherrlichen. Die Religion ist eine dieser Ideologien.
Das Porträt einer imaginären «Welt ohne Islam» wäre also folgendes: ein Naher und Mittlerer Osten unter der Vorherrschaft des orthodoxen Christentums östlicher Ausformung – eine historisch und psychologisch dem Westen gegenüber misstrauische und oft sogar feindlich eingestellte Kirche. Immer noch von grösseren ethnischen oder sogar konfessionellen Unterschieden geplagt, besitzt dieser Nahe und Mittlere Osten ein ausgeprägtes historisches Bewusstsein und grollt dem Westen. Immer wieder besetzten imperialistische westliche Armeen diese Gegend, eigneten sich Ressourcen an, veränderten Grenzlinien auf westlichen Befehl im Einklang mit westlichen Interessen. Auch wurden Regierungen eingesetzt, die dem westlichen Diktat gehorchten. Palästina würde immer noch in Flammen stehen. Iran wäre immer noch dezidiert nationalistisch eingestellt. Die Palästinenser würden immer noch die Juden ablehnen, Tschetschenen den Russen Widerstand leisten, Iraner den Briten und Amerikanern, Kaschmiren den Indern, Tamilen den Singhalesen in Sri Lanka, und die Uighuren und Tibeter den Chinesen. Der Nahe und Mittlere Osten hätte immer noch ein glorioses historisches Vorbild – das grosse Byzantinische Reich, das über 2000 Jahre Bestand hatte – mit dem er sich als kulturelles und religiöses Symbol identifizieren könnte. In vieler Hinsicht würde dies eine Ost-West-Spaltung perpetuieren. Das Porträt liefert aber kein friedliches und beruhigendes Bild.

Der Islam als kulturelle und moralische Kraft

Es wäre natürlich absurd zu behaupten, der Islam hätte keine eigenständigen Auswirkungen im Nahen und Mittleren Osten gehabt oder die Beziehungen zwischen West und Ost nicht beeinflusst. Die vereinigende Kraft des Islam hat sich mit hoher Potenz über ein riesiges Gebiet erstreckt. Als globaler universeller Glaube hat der Islam eine weit reichende Kultur hervorgebracht, in der viele philosophische Grundsätze, die Kunst und die gesellschaftlichen Strukturen den gleichen Nenner haben, sich auch die Vorstellungen eines moralischen Lebens, das Gefühl für Gerechtigkeit, Jurisprudenz und guten Regierungsstil gleichen – und dies alles in einer anspruchsvollen Kultur verwurzelt ist. Als kulturelle und moralische Kraft hat der Islam dazu beigetragen, ethnische Differenzen zwischen unterschiedlichen islamischen Völkern zu überbrücken und diese darin zu bestärken, sich als Teil eines umfangreicheren islamischen Projektes zu fühlen. Dies allein verleiht dem Islam grosses Gewicht. Auch hat diese Religion die politische Geographie entscheidend beeinflusst: Hätte es den Islam nicht gegeben, würden die islamischen Länder Südasiens und Südostasiens – insbesondere Pakistan, Bangladesch, Malaysia und Indonesien heute statt dessen dem Hinduismus angehören.
Die islamische Kultur bot ein gemeinsames Idealbild, nach dem sich alle Muslime im Namen des Widerstandes gegen westliche Übergriffe richten konnten. Selbst wenn es nicht gelungen ist, den Ansturm des westlichen Imperialismus damit abzuwehren, formte sich eine bleibende Erinnerung an ein gemeinsam erlittenes Schicksal. Den Europäern ist es gelungen, viele afrikanische, asiatische und lateinamerikanische Völker zu erobern, weil diese als Einzelkämpfer der westlichen Macht unterlagen. Das Fehlen eines gemeinsamen ethnischen oder kulturellen Widerstandssymbols erschwerte das Zustandekommen eines einheitlichen, transnationalen Widerstandes dieser Völker.

Warum sich die Amerikaner jetzt an der islamischen Welt die Zähne ausbeissen

In einer Welt ohne Islam hätte es der westliche Imperialismus viel leichter gehabt, den Nahen und Mittleren Osten aufzuteilen, zu erobern und zu beherrschen. Es hätte keine gemeinsame Erinnerung an Erniedrigung und Niederlagen über ein weit gestrecktes Gebiet gegeben. Dies ist einer der wesentlichen Gründe dafür, warum sich die Amerikaner jetzt an der islamischen Welt die Zähne ausbeissen. Globale Interkommunikation und allen zugängliche Satellitenbilder haben in den Muslimen ein starkes Selbstbewusstsein geweckt und den Eindruck einer imperialistischen Gefährdung der dem Islam gemeinsamen Kultur hervorgerufen. Diese Gefährdung bezieht sich nicht auf das «Moderne», sie betrifft das irritierende westliche Streben nach Beherrschung des strategischen Weltraumes, der Ressourcen und auch der islamischen Kultur – das Bestreben, einen «proamerikanischen» Nahen und Mittleren Osten zu schaffen. Leider sind die Vereinigten Staaten der naiven Ansicht, dass es der Islam ist, der dies verhindert.
Aber wie steht es mit dem Terrorismus – dem hitzigsten Tagesordnungspunkt, den der Westen sofort mit dem Islam in Verbindung bringt? Ganz offen gefragt: Wäre es auch ohne Islam zu den Ereignissen am 11. September gekommen? Wären der Groll und die Wut im Nahen und Mittleren Osten auf Grund jahrelanger politischer und emotionaler Empörung über die amerikanische Politik und ihre Aktionen unter einem anderen Banner entfesselt worden, hätte das Ergebnis wesentlich anders ausgesehen? Wieder einmal ist es wichtig, daran zu denken, wie leicht Religion ins Spiel gebracht werden kann, auch wenn lange zurückreichende Missstände verantwortlich sind. Der 11. September 2001 war nicht der Anfang der Misere. Für die Flugzeugentführer der al-Kaida bedeutete der Islam ein Vergrösserungsglas, mit dem weitverbreitete, gemeinsame Unzufriedenheit eingefangen und auf einen intensiven Strahl konzentriert wurde, eine momentane, klar gezielte Aktion gegen den fremden Eindringling. […]
Wenn der Islam «das Moderne» hasst, warum wurde dann mit dem Angriff bis zum 11. September gewartet? Und warum haben muslimische Vordenker zu Anfang des 20. Jahrhundert von der Notwendigkeit gesprochen, sich mit der Modernität auseinanderzusetzen und die islamische Kultur gleichzeitig zu erhalten? Usama bin Ladin lehnte sich anfänglich keineswegs gegen die Modernität auf – er sprach von Palästina, amerikanischen Stiefeln auf saudiarabischem Boden, saudiarabischen Regenten unter amerikanischer Führung und modernen «Kreuzrittern». Es ist erstaunlich, dass es bis 2001 dauerte, bis der muslimische Zorn als Reaktion auf historische und sich häufende Vorkommnisse jüngeren Datums und die amerikanische Poli­tik überhaupt auf amerikanischem Boden überzukochen begann. Wäre es nicht der Angriff vom 11. September gewesen, wäre es zu einem ähnlichen Gewaltakt gekommen.
Aber selbst wenn es den Islam als Werkzeug des Widerstandes nie gegeben hätte, gab es doch den Marxismus. Eine Ideologie, die zahllose terroristische Bewegungen, Guerilla-Gruppierungen und nationale Befreiungsaktionen hervorbrachte. Eine Ideologie, die zur Bildung der baskischen ETA, der Farc in Kolumbien, des Leuchtenden Pfades in Peru und der Roten Armeefraktion in Europa geführt hat, um nur einige westliche Formierungen zu nennen. George Habash, der Gründer der mörderischen Popular Front for the Liberation of Palestine, war griechisch-orthodoxer Christ und Marxist, der an der amerikanischen Universität in Beirut studiert hatte. In einer Zeit, in der wütende arabische Nationalisten mit dem gewalttätigen Marxismus liebäugelten, unterstützten viele christliche Palästinenser Habash.


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Völker, die sich ausländischer Unterdrückung widersetzen

Völker, die sich ausländischer Unterdrückung widersetzen, suchen nach Bannern, unter denen sie ihren Kampf propagieren und glorifizieren können. Der internationale Klassenkampf um Gerechtigkeit bietet einen ausgezeichneten Sammelplatz. Als noch besser erweist sich der Nationalismus. Aber die Religion schlägt alles, spricht die höchsten Mächte an, um ihre Sache zu verfolgen. Und Religion kann auch immer noch überall zur Unterstützung von Ethnizität und Nationalismus herhalten, selbst wenn sie darüber hinaus reicht – insbesondere wenn der Feind einer anderen Religion angehört. In solchen Fällen hört die Religion auf, als Hauptursache für Kampf und Konfrontation zu dienen und wird eher zum Werkzeug. Das Banner des Augenblicks mag verblassen, die Unzufriedenheit dauert an.
Wir leben in einer Zeit, in der Terrorismus oft das für den Tag gewählte Aktionsinstrument darstellt. Selbst die sonst beispiellose Übermacht der amerikanischen Armee konnte im Irak, in Afghanistan und anderswo damit zu Fall gebracht werden. In vielen nicht-muslimischen Gesellschaften wird bin Ladin daher schon als der «nächste Che Guevara» angesehen. Es handelt sich dabei um nicht weniger als einen Aufruf zu erfolgreichem Widerstand gegen die dominante amerikanische Macht, einen Appell an die Schwachen zurückzuschlagen, um einen Schlachtruf, der über den Islam oder den Nahen und Mittleren Osten hinaus ertönt.

Die Auswirkungen des massiven globalen Fussabdrucks der einzigen Supermacht

Dennoch bleibt die Frage, ob die Welt ohne Islam eine friedvollere wäre? Angesichts der Spannungen zwischen Ost und West liefert der Islam unzweifelhaft ein weiteres emotionsgeladenes Element, eine weitere Anhäufung von Komplikationen bei der Suche nach Lösungen. Der Islam ist aber nicht die Ursache dieser Probleme. Es mag hochgestochen erscheinen, im Koran nach Passagen zu suchen, die erklären könnten, «warum sie uns hassen». Doch dies geht an der Natur des Phänomens total vorbei. Wie bequem ist es doch, den Islam als die Ursache «des Problems» zu identifizieren; das wäre sicher viel einfacher, als die Auswirkung des massiven globalen Fussabdruckes der einzigen Supermacht der Welt zu erforschen.
In einer Welt ohne Islam bestünden immer noch die meisten der endlosen blutigen Rivalitäten, deren Kriege und Turbulenzen die geopolitische Landschaft beherrschen. Gäbe es die Religion nicht, würden alle diese Gruppen ein anderes Banner finden, unter dem sie Nationalismus und das Streben nach Unabhängigkeit zum Ausdruck bringen könnten. Doch wäre die Geschichte sicher etwas anders verlaufen als dies der Fall war. Wenn wir der Sache auf den Grund gehen, wird ersichtlich, dass dieser Konflikt zwischen Ost und West eigentlich die Gesamtheit aller historischen und geopolitischen Beweggründe in der Geschichte der Menschheit verkörpert: Ethnizität, Nationalismus, Ehrgeiz, Gier, Ressourcen, örtliche Führer, Landbesetzung, finanzieller Gewinn, Macht, Interventionen und der Hass auf Aussenstehende, Invasoren, und Imperialisten. Wie könnte die Macht der Religion im Lichte zeitloser Motive wie der genannten da keine Rolle spielen?
Rufen Sie sich in Erinnerung, dass jedes der schrecklichen Ereignisse im 20. Jahrhundert sich fast ausschliesslich unter weltlichen Befehlshabern ereignete: Leopold II. von Belgien im Kongo, Hitler, Mussolini, Lenin, Stalin, Mao und Pol Pot. Es waren Europäer, die dem Rest der Welt zweimal einen Weltkrieg bescherten, zwei vernichtende globale Konflikte, für die sich in der islamischen Geschichte keine auch noch so entfernten Parallelen finden.
Vielleicht wünschen sich manche heute eine «Welt ohne Islam», in der es dann die jetzigen Probleme vermutlich nicht mehr gäbe. In Wirklichkeit aber würden die Konflikte, Rivalitäten und Krisen einer solchen Welt vielleicht nicht viel anders aussehen als die, die wir kennen.



Originalquelle: http://www.foreignpolicy.com (reserviert für Abonnenten); freier Zugang: http://www.muslimbridges.org/content/view/861/37/

Quelle der Übersetzung : GÖAB-Materialien, Heft 65, Februar 2008 und Zeit-Fragen

Originalartikel veröffentlicht im Januar 2008

Über den Autor

Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer als auch die Quelle genannt werden.

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RAUCHENDE GEHIRNE: 17/04/2008

 
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