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24/07/2016
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Polemik über eine Karikatur

60 Jahre nach Deir Yassin


AUTOR:  Ronnie KASRILS

Übersetzt von  Ellen Rohlfs, überprüft von Hergen Matussik



1. [Israel - unsere Geschichte] Wir Juden werden seit Jahrhunderten verfolgt ...
2. Während gewalttätiger Progrome wurden wir aus unseren Häusern vertrieben! [Neue Siedlungen]
3. Die Besatzer pferchrten uns in dreckige Ghettos! [Bantustan West Bank]
4. Wenn wir uns wehrten, büßten wir mit kollektiver Bestrafung.
5. Israel sei Dank für das Ende der Unterdrückung.
Diese Karikatur vom 12.März vom südafrikanischen Karikaturisten Zapiro, die später von David Saks, dem Vertreter des  südafrikanischen Zentralrats der Juden angegriffen wurde, löste  landesweit eine Debatte aus.

Als 10Jähriger, der in Johannesburg aufwuchs, feierte ich vor 60 Jahre die Geburt Israels. Ich akzeptierte zweifellos die dramatischen Berichte der sog. selbstverteidigenden Aktionen gegen die arabische Gewalt, um den jüdischen Staat zu sichern. Die Art von Indoktrinierung, die der südafrikanische Cartoonist in seinen Arbeiten so beißend entlarvt, und die Schreiberlinge wie  David Saks vom südafrikanischen Zentralrat der Juden (Jewish Board of Deputies) auf die Palme bringen . Als ich mich  später im Freiheitskampf  engagierte, wurde mir die Ähnlichkeit mit der palästinensischen Sache, der Landenteignung und dem Geburtsrecht durch expansionistische Siedler bewusst. Ich sah, dass der rassistische und koloniale Charakter beider Konflikte viel mehr mit einander gemein hatten, als andere Konflikte. Als Nelson Mandela feststellte, dass  wir als Südafrikaner wissen, dass unsere Freiheit ohne die Freiheit der Palästinenser unvollkommen sei, sprach er nicht nur zu unserer muslimischen Gemeinschaft, von der man erwarten darf, daß sie unmittelbares Mitgefühl empfinden, sondern zu allen Südafrikanern, eben wegen genau unserer Erfahrung  mit der rassistischen und kolonialen Unterwerfung, und weil wir  die Werte internationaler Solidarität so gut verstünden.

Als ich vom Schicksal der Palästinenser erfuhr, war ich davon bis ins Innerste berührt und ganz besonders, als ich Augenzeugenberichte vom Massaker an palästinensischen Dorfbewohnern las, das nur einen Monat vor Israels einseitiger Unabhängigkeitserklärung statt gefunden hatte. Es war in Deir Yassin, einem ruhigen Dorf  direkt vor Jerusalem, das aber unglücklicherweise  an der Straße  nach Tel Aviv lag. Am 9.April 1948 wurden dort  254 Männer, Frauen und Kinder von zionistischen Kräften abgeschlachtet, um die Straße abzusichern. Da dies eine der wenigen solcher Episoden war, die Medienaufmerksamkeit im Westen erlangten, leugnete es die zionistische Führung nicht, versuchte aber, sie als eine Verirrung  von Extremisten hinzustellen. Tatsächlich waren die Grausamkeiten Teil eines größeren Planes, der vom zionistischen Hohen Kommando, von Ben Gurion selbst angeführt, entworfen worden war. Es wurde damit die ethnische Säuberung von Palästinensern auf all den Gebieten des britischen Mandates beabsichtigt und  damit  auch die Besitznahme von so viel Land als möglich für den  jüdischen Staat.

Es gibt viele Berichte, die die Todesorgie in Deir Yassin bestätigen, die weit über das Sharpville-Massaker von 1960 hinausgehen, das mich dahin brachte, mich dem Afrikanischen Nationalkongress anzuschließen. Meine Reaktion war: Wenn  ich über  Sharpville entsetzt bin, kann mir dann  das Leiden von Deir Yassin gleichgültig bleiben?

Fahimi Zidan, ein palästinensisches Kind, das überlebte, weil es unter den Leichen der Eltern lag, erinnerte sich: „die Juden befahlen uns … in einer Linie  an der Mauer entlang aufzustellen .. und begannen dann mit dem Schießen .. alle wurden getötet, mein Vater, Mutter, Großvater und Großmutter, Onkeln und Tanten und einige ihrer Kinder … Halim Eid sah einen Mann, wie er in den Hals meiner  schwangeren Schwester schoss. Dann stach er mit einem Metzgermesser in ihren Bauch … in einem anderen Haus sah  Naaneh Khalil, wie ein Mann ein Schwert nahm und meinen Nachbarn aufschlitzte.

Einer aus der angreifenden Gruppe, ein schockierter jüdischer Soldat, Meir Pae’el, berichtete dem Chef seines Hagana-Kommando:

Es war Mittag, als die Schlacht endete .. Es wurde ruhig. Aber das Dorf hatte sich noch nicht ergeben. Die Irgun und die Sternbande… begannen …Sie feuerten mit allen Waffen, die sie hatten und warfen Sprengstoff in die Häuser. Sie schossen auch auf jeden, den sie sahen .. die Kommandeure machten auch keinen Versuch, das Morden  zu überwachen. Ich und einige der Einwohner baten die Kommandeure, Befehl  zu geben, um das Schießen zu stoppen. Doch unsere Bemühungen waren vergeblich … etwa 25 Männer wurden aus dem Haus gebracht. Sie wurden auf einen LKW geladen … und zu einer „Siegesparade“  durch Jerusalem gefahren .. später  in einem Steinbruch und erschossen … Die Kämpfer  .. packten die noch lebenden Frauen und Kinder, und brachten sie zum Mandelbaumtor.

(Einfügung der Übersetzerin aus dem Buch von Bertha Spafford Vester, „Our Jerusalem“:
„  ….gepanzerte Jeeps mit Lautsprechern fuhren durch die arabischen Stadtteile West-Jerusalems und warnten die Bevölkerung, wenn sie nicht weggingen, würde sie dasselbe Schicksal ereilen wie Deir Yassin. Viele Muslime und Christen rannten um ihr Leben. In meinem Kinderkrankenhaus nahm ich  fünfzig Babys unter zwei Jahren aus Deir Yassin auf. Während ich die Babys registrierte, hörte ich schreckliche Geschichten von den Frauen und was sie durchgemacht haben ……“ (S.375))

Ein britischer Offizier, Richard Catling, berichtete:

„Zweifellos  wurden  viele sexuelle Grausamkeiten von den angreifenden Juden begangen. Viele junge Schulmädchen wurden vergewaltigt und später ermordet … Viele Kinder wurden geschlachtet und getötet. Ich sah auch eine alte Frau … die  mit einem Gewehrkolben  schwer auf den Kopf geschlagen wurde…“

Jacques de Reynier vom Internationalen Roten Kreuz begegnete dem Aufräumteam, als er im Dorf ankam:

„Die Gang … bestand aus jungen Männern und Frauen, die bis an die Zähne bewaffnet waren … auch  mit großen Messern in ihren Händen…die meisten  noch blutbefleckt. Eine hübsche junge Frau  mit kriminellen Augen zeigte mir ihr Messer, von dem  das Blut noch tropfte. Sie zeigte es wie eine Trophäe. Dies war das ‚Reinigungsteam’ das offensichtlich seine Aufgabe sehr ernst nahm.“

Er beschreibt die Szene, die er vorfand, als er die Häuser betrat:

‚Mitten zwischen zerstörten Möbeln fand ich einige Leichen. Das „Aufräumen“ wurde mit Maschinengewehren, Handgranaten und schließlich mit Messern gemacht  … ich drehte die Leichen um und fand ein kleines Mädchen .. das von einer Handgranate verstümmelt war .. überall dasselbe schreckliche Bild .. die Bande war bewundernswert diszipliniert und handelte nur nach Befehlen.’

Die Grausamkeiten von Deir Yassin spiegeln wieder, was an anderen Orten geschehen ist. Der israelische Historiker Ilan Pappe hat akribisch über 31 Massaker vom Dezember 1947 bis Januar 1949 berichtet. Sie bezeichnen eine systematische Terrorherrschaft, um die Flucht der Palästinenser aus ihrem Geburtsland zu veranlassen. Als Ergebnis waren fast alle palästinensischen Städte sehr schnell entvölkert  und 418 Dörfer wurden systematisch zerstört .

Israels 1. Minister für Landwirtschaft Aharon Cizling  erklärte bei einer Kabinettssitzung am 17. November 1948: ‚Ich bin oft nicht damit einverstanden, wenn die Bezeichnung „Nazi“ für die Briten gebraucht wurde … obwohl die Briten Naziverbrechen begangen haben. Aber jetzt haben sich Juden wie Nazis benommen, und ich bin zutiefst erschüttert.’ Ungeachtet dieser Gefühle war Cizling damit einverstanden, dass diese Verbrechen geheim bleiben sollten … Dass solche Barbarei vom jüdischen Volk  nur drei Jahre nach dem Holocaust ausgeführt wurde, muss zu grausig gewesen sein, um auch nur darüber nachzudenken, eine zu große Peinlichkeit für den Staat Israel, der als „Licht unter den Völkern“ hingestellt wurde. Deshalb die Versuche, die Wahrheit unter dem Schleier des Geheimnisses und der Desinformation zu verbergen. Was wäre wirksamer, Nachforschungen zu unterbinden als das allumfassende Alibi von Israels Recht auf Selbstverteidigung, wobei man stillschweigend  über die Anwendung von unverhältnismäßiger Gewalt und kollektiver  Bestrafung gegen jeden Widerstandsakt  hinwegsieht.

Weil man Israel erlaubt, solche Verbrechen zu begehen, geht es  seinen blutigen Pfad weiter. Nach Ilan Pappe liegt das Dorf Kafr Qassem nur 15 Minuten von der Tel Aviver Universität entfernt. Dort wurden am 29. Oktober 1956 vom israelischem Militär 49 von ihren Feldern heimkehrende Dorfbewohner  getötet. In den 50ern geschah das  Massaker von Qibiya, von Samoa  1960, in den Dörfern von Galiläa 1976 (am Tag des Bodens!), die Massaker von Sabra und Shatila 1982, von Kafr Kana 1999, von Wadi Ara 2000 und im Flüchtlingslager Jenin 2002. Dazu kommen die zahllosen Tötungen, die Israels führende  Menschenrechtsorganisation B’tselem dokumentiert hat. Israels Töten von Palästinensern hat nie aufgehört. Das Gemetzel an 1500 libanesischen Zivilisten während der willkürlichem Bombardements des Landes durch  Israel 2006; die täglichen Toten in den palästinensischen Gebieten, die 120 Toten in Gaza innerhalb einer Woche im März 2008 – an einem Tag 63, ein Drittel von ihnen Kinder – das ist Teil jener blutigen Spur, die sich seit Israels schändlicher Vergangenheit bis zum heutigen Tag zieht.

Israel wird bald den 60 Jahrestag seiner Gründung feiern. Indem es dies tut, täten die Israelis und die zionistischen Unterstützer auch gut daran, die Gründe anzuerkennen, weshalb Palästinenser und freiheitsliebende Völker in aller Welt keinen Grund zum Feiern sehen. Tatsächlich wird es eher ein Tag der Trauer  und der Protestaktionen sein, eine Zeit, um an all die zahllosen Opfer zu denken, die in Israels Kielwasser liegen – verkörpert werden sie durch das Leiden, das den Bewohnern von Deir Yassin auferlegt wurde, das ausgerechnet nur einen Steinwurf weit weg von der heutigen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem liegt.

Solange sich Israel nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, wie es so viele in Südafrika zu tun versuchten, wird es weiterhin mit Empörung und Argwohn betrachtet werden. Israelis werden weiter das arabische Leben als wertlos ansehen und fortfahren, mit dem Schwert und mit der Täuschung zuleben und Überraschung vorzutäuschen, wenn Palästinenser mit Gewalt reagieren. Solange es sich nicht mit den Schmerzen befasst, die es verursacht hat, kann es keine Heilung  und keine Lösung geben. Dies zu tun, würde die Basis für alles Leben schaffen und für Palästinenser und Israelis bedeuten, in Frieden  mit Gerechtigkeit zu leben. Indem uns  Südafrikanern die Wurzeln des Konfliktes bewusst sind und wir unsere Solidarität zusichern, können wir etwas zu einer gerechten Lösung  beitragen. Ich glaube, Südafrikaner wie Zapiro tun genau das.


Dieses Denkmal zur Erinnerung am Massaker in Deir Yassin ist das einzige auf dem USamerikanischen Boden : diese Bronzeskulptur eines entwurzelten Olivenbaums von Khalil Bendib steht auf dem westlichen Ufer von Seneca-See in Geneva, im Staate New York. Sie wurde vom Verein Deir Yassin Remembered am 24. September 2003 enthüllt.


Quelle: http://electronicintifada.net/v2/article9445.shtml

Originalartikel veröffentlicht am 8. April 2008

Über den Autor

Ellen Rohlfs ist eine Freundin und Hergen Matussik ein Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=5035&lg=de


KANAAN: 23/04/2008

 
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