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31/07/2016
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Das palästinensische Guernica und der Mythos von der israelischen Opferschaft


AUTOR:  Mustafa BARGHOUTI مصطفى البرغوثي

Übersetzt von  Samy Yildirim


Die israelische Kampagne des "Todes von oben" begann etwa um 11:00 Uhr am Vormittag von Samstag, dem 27. Dezember 2008, und zog sich in einem fort, die ganze Nacht hindurch, bis zu diesem Morgen. Das Massaker geht an diesem Sonntag, an dem ich diese Worte schreibe, weiter.

Der blutigste Tag in Palästina seit dem Krieg von 1967 ist noch lange nicht vorbei, bedenken wir Israels Versprechen "dies ist nur der Anfang" der Kampagne staatlichen Terrors. Mindestens 290 Menschen sind bis jetzt ermordet worden, aber der Blutzoll steigt auch weiterhin in dramatische Höhen an, je mehr verstümmelte Leichen aus den Trümmern gezogen werden und je mehr Opfer ihren Verletzungen erliegen und neue Todesfälle im Minutentakt geschaffen werden. 

Was hier bis jetzt geschehen ist und auch noch weiterhin geschieht, ist nichts weniger als ein Kriegsverbrechen, und die israelischen Public-Relations-Maschine läuft auf vollen Touren, im Minutentakt neue Lügen ausstossend.
 
Es ist an der Zeit, ein für alle Mal mit den von uns selbst geschaffenen Mythen aufzuräumen. 

1. Israel behauptet, 2005 die Besatzung des Gaza-Streifens beendet zu haben.

Während Israel tatsächlich die (jüdischen) Siedler from schmalen Küstenstreifen abzog, beendete es die Besetzung selber in keinster Weise. Israel behielt die Kontrolle über die Grenzen, den Luftraum und die Wasserwege von Gaza, und führte des weiteren wiederholt  Überfälle und gezielte Ermordungen seit dem militärischen Rückzug 2005 aus. 

Mehr noch: seit 2006 unterwirft Israel den Gazastreifen einer umfassenden Belagerung.
Seit nunmehr mehr als zwei Jahren leben die Gazaner am Rande des Verhungers und ohne die grundlegendsten Bedürfnisse des menschlichen Lebens befriedigen zu können,
wie etwa Kochen, oder Heizöl, oder medizinische Grundversorgung. Diese Belagerung hatte bereits zu einer humanitären Katastrophe geführt, die durch die Israelische Militäraggression in ihrem Ausmass dann noch erheblich gesteigert wurde. 


2. Israel behauptet, dass die Hamas den Waffenstillstand einseitig verletzt und beendet habe. 

Die Hamas hielt sich ihrerseits an den Waffenstillstand, mit Ausnahme jener früheren Fälle, als Israel grössere Offensiven im Westjordanland ausführte. Während der letzten zwei Monate kam der Waffenstillstand dadurch zu Erliegen, dass Israel etliche Palästinenser ermordete, was eine Reaktion der Hamas hervorrief. Mit anderen Worten, es war nicht die Hamas, die eine unprovozierte Attacke während der Periode des Waffenstillstandes ausführte. 

Demgegenüber kam Israel seinen Verpflichtungen nicht nach, indem es die Belagerung nicht aufhob und keine lebensnotwendige humanitäre Hilfe in Gaza erlaubte. Während im Durchschnitt 450 Laster pro Tag die Grenze hätten überqueren müssen, erlaubte Israel im besten Falle 8 Lastern am Tag die Überquerung der Grenze, während die Grenze zu 70 % der Zeit hermetisch abgeschlossen war. Während der ganzen Zeit des "Waffenstillstandes" wurden die Bewohner des Gazastreifens gezwungen, wie Tiere zu leben, was zu 262 Todesfällen aufgrund unzulänglicher medizinischer Hilfe führte.

Nun, da Hunderte bereits tot sind und dies so weitergeht, ist es Israel, das die Wiederaufnahme von Gesprächen über einen Waffenstillstand ablehnt. Israel ist - im Gegensatz zu seinen Verlautbarungen - an der Sicherstellung des Friedens nicht interessiert; es wird immer deutlicher, dass Israel einen "Regime Change" beabsichtigt - was auch immer die Kosten hierfür sein mögen.

3. Israel behauptet, mit "friedensbereiten Palästinensern" einen Frieden anzustreben.

Vor dem derzeitigen Massaker im Gazastreifen, und während des gesamten Friedensprozesses von Annapolis, hat Israel die Besetzung des Westjordanlandes fortgesetzt und sogar noch intensiviert. 2008 stiegen die Siedlungsaktivitäten um Faktor 38 an, und weitere 4950 Palästinenser wurden verhaftet - zumeist aus dem Westjordanland, und die Zahl der Kontrollpunkte stieg von 521 auf 699.

Mehr noch: seit dem Ingangsetzen der Friedensgespräche hat Israel 546 Palästinenser ermordet, darunter 76 Kinder. Diese grauenerregenden Statistiken steigen derzeit dramatisch an, doch sollten angesichts des gegenwärtigen Horrors frühere israelische Sünden nicht veregssen werden. 

Alleine an diesem Morgen hat Israel im Westjordanland nahe Nihlin einen jungen, friedlichen Protestierer erschossen und ermordet, und Dutzende weiterer von ihnen während der letzten Stunden verwundet. Es ist sicher, dass Israel auch weiterhin tödliche Gewalt gegen gewaltlose Demonstrationen anwenden wird, und dass wir im Westjordanland einen  Bodycount beachtlicher Grösse zu erwarten haben. Wenn Israel wirklich einen Frieden mit "friedensbereiten Palästinensern" anstrebt: wen meinen sie dann damit?
 
4.  Israel behauptet, in Selbstverteidigung zu handeln.

Es ist schwierig, Selbstverteidigung glaubhaft zu machen, wenn man die Auseinandersetzung selbst entzündet hat, aber genau das tut Israel unentwegt. Selbstverteidigung ist reaktiv, während die Aktionen Israels während der letzten zwei Tage deutlich mit Vorbedacht geschehen sind. Nicht nur, dass die Israelische Presse die stattfindende PR-Kampagne zur Vorbereitung des Israelischen wie des weltweiten Publikums auf die Attacke; Israel hat nachgewiesenenermassen  versucht, die Palästinenser davon zu überzeugen, dass keine Attacke vorbereitet werde, indem es kurzfristig Übergänge öffnete und über weitere Konferenzen hierüber berichtete.

Dies geschah, um die zu erwartende Opferzahl zu maximieren und um sicherzustellen, dass die Einwohner von Gaza der ihnen bevorstehenden Abschlachtung unvorbereitet gegenüberstehen würden.

Ebenso ist es irreführend, Selbstverteidigung zu reklamieren, wenn man mit so überwältigender Asymmetrie an Macht ausgestattet ist. Israel ist die grösste Militärmacht in dieser Region, und die fünftgrösste in der Welt. Des Weiteren ist Israel der viertgrösste Waffenexporteur der Welt, und sein Militärisch-Industrieller Komplex rivalisiert mit dem der USA. Mit anderen Worten: Israel hat ein umfassendes Monopol hinsichtlich der Anwendung von Gewalt, und ebenso wie die mit ihm alliierte Supermacht benutzt es einen Krieg als Vorführraum für seine vielen Mordinstrumente.

5. Israel behauptet, nur militärische Ziele angegriffen zu haben.

Während Bild nach Bild toter und verstümmelter Frauen und Kinder über unsere Fernsehschirme gesendet wird,
behauptet Israel unverschämterweise, dass seine Munitionsexperten ausschliesslich militärische Ziele angriffen. Wir wissen, dass dies [= diese Israelische Behauptung- Anmerkung des Übersetzers] falsch ist, weil auch andere zivile Objekte wie etwa Hospitäler und Moscheen durch Luftschläge getroffen wurden.

Tonne nach Tonne an Explosivmaterial ist über der am dichtesten besiedelten Gegend der Erde abgeworfen worden. Die ersten Schätzungne der Zahl der Verwundeten beliefen sich bereits auf Tausende. Israel wird behaupten, dass diese lediglich 'Kollateralschäden' oder Zufallstreffer gewesen seien. Die schiere Lächerlichkeit und Unmenschlichkeit einer solchen Behauptung sollte die Weltgemeinschaft krank machen.

6. Israel behauptet, dass es die Hamas und nicht die palästinensische Bevölkerung angreife.

Zuerst und vor allem halte ich fest, dass Raketen Menschen nicht hinsichtlich ihrer politischen Orientierung zu unterscheiden pflegen; sie töten schlichtweg jeden, der ihnen im Wege ist. Israel weiss das, und die Palästinenser wissen das auch. Was Israel ebenfalls weiss, aber nicht vor Publikum ausspricht, das ist, wie sehr seine jüngsten Handlungen die Hamas stärken - deren Botschaft des Widerstandes und der Rache durch Zorn und Verbitterung ein Echo erfahren.

Die Ziele der Schläge, Polizei und eben nicht etwaige Hama-Militante, geben uns einen Hinweis auf Israels verkannte Absicht. Israel hofft, durch Entfernung der Säule von Recht und Ordnung, Anarchie im Gaza-Streifen hervorzurufen.

7. Israel behauptet, dass die Palästinenser die Quelle der Gewalt seien.

Wir wollen klar und unzweideutig sein. Die Besetzung Palästinas seit dem Krieg 1967 ist und bleibt die Wurzel der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern. Die Gewalt kann beendet werden zusammen mit der Besetzung und der Garantierung der nationalen und Menschenrechte Palästinas. Die Hamas kontrolliert nicht das Westjordanland, und solange wir besetzt bleiben, werden unsere Rechte verletzt und unsere Kinder ermordet.

Da wir diese Mythen nun als solche verstanden haben, können wir nunmehr nachdenken über die wahren Gründe hinter diesen Luftschlägen; was wir dann finden werden, dürfte ähnlich unappetitlich sein wie die Handlung selber. 

Die Führer Israels halten Pressekonferenzen ab, in Schwarz gekleidet, mit hochgekrempelten ärmeln.

'Es ist an der Zeit, zu kämpfen', sagen sie, 'aber es wird nicht leicht sein.'

Um genau dies zu zeigen, trugen Livni, Olmert und Barak noch nicht einmal Make-up für ihre Pressekonferenzen, und Barak hat seine Präsidentschaftskampagne beendet, um sich auf die Gaza-Kampagne zu konzentrieren. Was für Helden ... was für Führer ...

Wir alle kennen die Wahrheit: die Suspendierung der Wahlkampagne ist genau dies - die Wahlkampagne.

Genau wie John McCains Suspendierung seiner Präsidentschaftskampagne, um nach Washington zurückzukehren, um mit der Finanzkrise 'fertigzuwerden', so ist auch diese Massnahme nur wenig mehr als ein PR-Gag.

Die Kandidaten müssen als 'hart genug um zu führen' erscheinen, und es gibt ersichtlich nichts Besseres, dies zu erreichen, als in palastinesichem blutceien, als in palästinensischem Blut zu baden.

'Schaut mich an', sagt Livni in ihrem schwarzen Anzug und ungekämmten Haar, 'ich bin eine Kriegerin. Ich bin stark genug, um den Abzug zu betätigen. Fühlt Ihr Euch jetzt nicht besser, wenn Ihr mich wählt, nun, da Ihr wisst, dass ich genauso gnadenlos bin wie Bibi Netanyahu?'

Ich weiss nicht, was verstörender ist, sie, oder Barak, oder die Wählerschaft, der sie
beide gefallen wollen.

Am Ende wird dies in keinster Weise die Sicherheit des durchschnittlichen Israelis verbessern;
tatsächlich wird es in den nächsten Tagen wohl schlimmer werden, da die Massaker vermutlich eine neue Generation von Selbstmordbombern hervorrufen werden.

Es wird weder die Hamas untergraben, noch wird es dazu führen, dass die drei Narren - Barak, Livni und Olmert - 'tough' aussehen werden. Ihr fehlgeleitetes politisches Abenteuer wird wahrscheinlich genauso in ihre Gesichter hinein explodieren wie die ähnlich brutale Invasion des Libanon 2006.

Zum Abschluss nenne ich noch einen anderen Grund - jenseits der Israelischen Innenpolitik -,
warum dieser Angriff überhaupt hatte geschehen können: die Komplizenschaft und das Schweigen der Internationalen Gemeinschaft.

Israel kann nicht gegen den Willen seiner ökonomischen Verbündeten in Europa oder seiner militärischen Verbündeten in den USA handeln, und würde dies auch nicht tun. Israel mag zwar den Abzug betätigen und damit Hunderte, vielleicht sogar Tausende von Leben diese Woche beendigen, aber es sind die Apathie der Welt und die unmenschliche Tolerierung des palästinensischen Leidens, die dies alles zu geschehen erlauben.

'Das Böse existiert nur deshalb, weil das Gute stille bleibt.'

Aus dem besetzten Palästina ...



Quelle: Palestine's Guernica and the Myths of Israeli Victimhood

Originalartikel veröffentlicht am 29.12.2008

Zeichnungen von Ben Heine, Tlaxcala

Über den Autor

Samy Yildirim ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=6739&lg=de

 Guernica en Palestine


KANAAN: 03/01/2009

 
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