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28/09/2020
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„Hier wird ebenfalls ein Volk vernichtet“: der vergessene Krieg in Sri Lanka


AUTOR:   Zeit-Fragen


 Von der internationalen Gemeinschaft vergessen

Interview mit Professor Dr. S. J. Emmanuel, Präsident der internationalen Föderation der Tamilen (International Federation of Tamils)


Dr. S.J. Emmanuel, ehemaliger Generalvikar der Diozöse Jaffna

Zeit-Fragen: Professor Emmanuel, in den westlichen Medien hört man  wenig bis gar nichts über die Situation in Sri Lanka. Sie haben als katholischer Priester bis heute engen Kontakt zu Ihrem Heimatland, wie ist die Situation in den tamilischen Gebieten?

Wir haben heute in Sri Lanka den schlimmsten Regierungschef, den man sich denken kann. Mit seinen drei Brüdern regiert er, und es herrscht singhalesisch-buddhistischer Extremismus. Die Regierung strebt keine -politische, sondern eine militärische Lösung an, sie negiert den ethnischen Konflikt und will nur den «Terrorismus» bekämpfen. Heute gibt es 350000 Binnenflüchtlinge in der Region Vanni, und tagtäglich werden Zivilisten bombardiert und verschleppt. Am 25. Dezember haben die Regierungstruppen sogar eine Kirche bombardiert und dabei mehrere Gläubige getötet und verletzt. Die Situation für die Flüchtlinge ist katastrophal, sie haben keine humanitäre Hilfe, da die singhalesische Regierung die internationalen Hilfsorganisationen ausgewiesen hat. Sie wollen den Krieg ohne Zeugen führen. Dazu kommt eine seit mehreren Wochen anhaltende Regenperiode, der die vertriebenen Menschen unter den Bäumen schutzlos ausgeliefert sind. Die Verletzungen der getroffenen Zivilisten, und es sind in der Mehrheit Zivilisten, sind verheerend, da unter anderem Clusterbomben und thermobarische Bomben wie im LibanonKrieg eingesetzt werden.


Eranga Jayawardena/AP Photo

Die Regierung hat angekündigt, bis Ende 2008 das «Tamilenproblem» gelöst zu haben. Was bedeutet das für die Zivilbevölkerung dort?

Tamilenproblem heisst für die Regierung, es sei ein Problem von «Terroristen». Sie wissen, dass der Konflikt eigentlich eine politische Lösung braucht, aber bis heute gab es keinen sinnvollen Vorschlag von der Regierung. Die Regierung behauptete, dass in der Ostprovinz eine parlamentarische Wahl stattgefunden habe und ein Ministerpräsident von dieser Region eingesetzt worden sei, aber die Wahrheit ist eine andere. Ein Bruder des Präsidenten regiert, und er kümmert sich nicht um die Bevölkerung dort. Täglich werden Tamilen getötet und entführt. Sie wollen jetzt eine ähnliche Lösung im Norden anstreben, wenn sie die LTTE vernichtet haben. Die Lösung für die Tamilen heisst, zwei Vertreter der Regierung als Minister einzusetzen – einen im Norden und einen im Osten – und das ganze tamilische Volk unter die Kontrolle der singhalesischen Armee zu bringen. So bleiben wir weiter unter der Herrschaft des singhalesischen Imperiums, und das nach den 450 Jahren Kolonialismus!

Was bedeutet das?

Willkürliche Unterdrückung. Für mich, als einem Geistlichen, der viel über die Welt und die Kriege weiss, ist die Situation für die Tamilen schockierend. Es ist ein 60 Jahre alter ethnischer Konflikt. Von Anfang an versucht die Regierung, auf den gewaltlosen tamilischen Protest mit Staatsterror zu antworten. Als Reaktion darauf sind die Tamil Tigers entstanden, um das tamilische Volk und ihr Heimatland zu verteidigen. In der Folge erleben wir seit 30 Jahren Krieg mit mehr als 60000 Opfern und über 1 Million Flüchtlingen in der ganzen Welt. Der Konflikt hat noch nicht die Aufmerksamkeit der Welt erlangt. Ein langer Konflikt mit Krieg und Opfern auf einer fernen Insel ohne Bodenschätze ist fast ein vergessener Krieg geworden. Wir Tamilen sind zutiefst enttäuscht, nicht nur über die Entwicklungen in Sri Lanka in der letzten Zeit, sondern auch über die Haltung der internationalen Gemeinschaft, insbesondere der Grossmächte mit ihrer Doppelmoral und ihrer interessenorientierten Politik.

Erstens haben die Engländer am Ende ihrer Kolonialzeit einen grossen Fehler, «British blunder», gemacht, als sie die Insel verliessen. Die Tamilen, die früher ein eigenes Königtum hatten, wurden nun zu einer Minderheit unter den Singhalesen. Die Engländer haben zwei Volksgruppen in einem Staat zusammengefasst und die Macht der Mehrheit gegeben. Und heute verhält sich England, als hätte es nichts mit dem Konflikt zu tun und unterstützt die singhalesische Regierung in diesem Krieg.

Zweitens haben Grossmächte wie die USA und Indien ihre eigenen geopolitischen Interessen auf Sri Lanka mit seinen Häfen. Sie stehen an der Seite der Regierung und behandeln uns nur wie Terroristen.

Drittens, Sri Lanka hat eine singhalesisch- buddhistische Mehrheitsdemokratie. Die Mehrheit kann durch eine parlamentarische Abstimmung die Tamilen diskriminieren und unterdrücken. Zusätzlich haben sie eine singhalesische Armee, um ihre Macht durchzusetzen. Wir Tamilen haben die ersten 30 Jahre gekämpft, gehofft und gewaltlos Widerstand geleistet. Darauf wurde mit Staatsterror reagiert. Wir wissen, es gibt nur eine friedliche Lösung, aber gegen den Staatsterror, der keine Grenzen kennt, müssen wir uns verteidigen.

Wie sieht das tägliche Leben für das Volk im Moment aus?

Der grosse Teil von Nord- und Ost-Sri Lanka – dem Heimatland der Tamilen – ist unter der strengen Kontrolle der singhalesischen Armee – mit täglichem Ausgangsverbot, Hunderten von Checkpoints, täglichen Verschleppungen von Menschen, Ermordungen und ähnlichem. Im nordöstlichen Teil – der sogenannten Kilinochchi-Region – herrscht ein brutaler Krieg mit Bombardierungen von Zivilisten und öffentlichen Gebäuden wie Krankenhäusern und Schulen. Die Menschen leben in grosser Angst, ohne Arbeit, ohne Nahrung. 40000 Kinder können nicht zur Schule gehen. Alle internationalen Nichtregierungsorganisationen haben diese Region verlassen. Es gibt keine Ärzte, die Tamilen dürfen nicht studieren. Es bestehen zwar Spitäler, aber es gibt keine Medikamente und kein Verbandsmaterial.

Seit mehr als 2 Jahren hat die Regierung in Colombo eine totale Wirtschaftblockade über die tamilischen Gebieten verhängt, und es ist ein Wunder, wenn Menschen das überleben. Selbst in diesem Jahr, 60 Jahre nach der Uno-Deklaration gegen Genozid, wird Sri Lanka als eines der acht gefährdeten Staaten aufgeführt. Die Menschen denken bei Genozid immer an das «Dritte Reich», aber hier wird ebenfalls ein Volk vernichtet, die Sprache, die Kultur, die Traditionen – unter dem Deckmantel der Demokratie.

Welche Lösung schlagen die Tamilen vor?

Tamilen wollten immer eine politische Lösung und haben während der 60 Jahre mehrmals Vorschläge eingebracht. Von Anfang an wollte man ein föderales System für ganz Sri Lanka.

Das wurde jedoch von der Regierung kategorisch abgelehnt. Die tamilische Rebellen haben gegen den Staatsterror zu den Waffen gegriffen. Sie glaubten nie an eine Lösung durch Terror.

Auch die internationale Gemeinschaft spricht ständig von «Tamilen-Terror» und «politischer Lösung», gibt aber weiter Waffen an die Regierung und unterstützt sie in ihrem militärischen Vorgehen. Auch vor kurzem haben sie die militärischen Vertreter von einigen Ländern in den Nordosten des Landes geschickt (unter anderem aus den USA, Pakistan, China, Bangladesch, Indien), um den militärischen Fortschritt zu demonstrieren, aber die 300000 Flüchtlinge haben sie nicht gesehen.

Anfang Dezember gab es ein Seminar in Holland mit Europol über die LTTE? Wer war von den Tamilen an dieser Konferenz?

Es waren keine Vertreter der Tamilen eingeladen, sondern nur Vertreter der singhalesischen Regierung, die sich dafür stark machten, die tamilischen Organisationen in Europa zu verbieten und deren Aktivitäten einzuschränken.

Wie beurteilen Sie das?

Es ist absurd, dass man diejenigen, die für den Staatsterror und für 500000 tamilische Flüchtlinge in Europa verantwortlich sind, zu einer Konferenz einlädt, um mit ihnen zu besprechen, wie man sich in Europa gegenüber den tamilischen Flüchtlingen verhalten soll.

Solche Anlässe führen dazu, dass die Verjagten weiter gejagt werden. Viele dieser Verjagten sind wie ich heute Staatsbürger des jeweiligen Landes und haben sich integriert. Was soll dieses Vorgehen? Es gebührt der Objektivität, dass man die Tamilen einlädt und sie zur Situation in ihrem Heimatland befragt.

Was können die Menschen der europäischen Staaten zu einer Entschärfung der Situation beitragen?

Die Tamilen sind sehr dankbar, dass sie hier herkommen konnten und in Sicherheit waren. Sri Lanka nimmt Einfluss auf die europäischen Regierungen, aber wir Tamilen werden nicht konsultiert, obwohl wir Bürger der Aufnahmeländer sind, planen sie anscheinend Aktionen gegen uns?

Die Bürger der europäischen Staaten müssen von ihren Regierungen verlangen, dass sie sich für einen gerechten Frieden in Sri Lanka einsetzen und keine Unterstützung für die militärische Lösung bieten.

Professor Emmanuel, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg und Unterstützung bei Ihren Bemühungen für eine friedliche Lösung.


Soldat der Vernichtungskommandos der singhalesisischen Armee. Reuters Pictures

Der Genozid an den Tamilen muss sofort gestoppt werden!

von Dieter Sprock

In Sri Lanka findet beinahe unbeachtet von der Weltöffentlichkeit ein Völkermord statt. Die Tamilen werden in Sri Lanka seit Jahrzehnten unterdrückt und als Bürger zweiter Klasse behandelt. Doch seit der einseitigen Beendigung des Waffenstillstands Anfang 2008 und der Ausweisung der internationalen Beobachter führt die srilankische Regierung einen offenen Krieg gegen die tamilische Bevölkerung, der sich inzwischen zu einem Genozid ausgeweitet hat. Die Regierung duldet keine Uno-Beobachtermission auf der Insel. Journalisten und Hilfsorganisationen haben keinen Zugang zu den Kampfgebieten, und kritische Stimmen werden brutal unterdrückt. Es soll keine Augenzeugen für das Blutbad geben.
Wie gefährlich kritische Journalisten in Sri Lanka leben, zeigt ein Artikel in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 10. Januar: In derselben Woche wurde in Colombo der Chefredaktor der regierungskritischen Sonntagszeitung Sunday Leader, Lasantha Wickrematunge, von zwei Bewaffneten auf einem Motorrad erschossen. Er befand sich mit seinem Auto auf dem Weg zur Arbeit. Zwei Tage zuvor waren die Büros des grössten privaten Fernsehsenders, MTV, von einem Dutzend mit Maschinengewehren und Granaten bewaffneten Angreifern gestürmt und verwüstet worden.


Die Beerdigung von Lasantha Wickrematunge, in Colombo,  am 12. Januar 2009, gab Anlass zu einer grossen Protestdemonstration gegen seine Ermordung. Fotos Gemunu Amarasinghe/AP Photo

 


Der 52jährige Wickrematunge hatte am Wochenende vor seiner Ermordung in einem Leitartikel die «blutrünstige Euphorie» des Präsidenten Mahinda Rajapakse kritisiert. Dieser hatte die Eroberung der nordsrilankischen Stadt Kilinochchi am 2. Januar als «beispiellosen Sieg» der Regierungstruppen bejubelt. Wickrematunge hatte für eine politische Lösung plädiert, bei der auch die Regierung Zugeständnisse gegenüber den Tamilen machen müsste. Der Sunday Leader ist eine der wenigen Zeitungen, die noch kritisch über den Krieg zu berichten wagt. Die MTV/MBC-Gruppe, der drei Fernsehsender und vier Radiokanäle angehören, bemüht sich ebenfalls noch um eine objektive Darstellung des Konflikts.
Die Regierung schürt bewusst Hass gegen kritische Stimmen im Land und schafft damit ein Klima von Rechtlosigkeit und Gewalt. «Laut Jehan Perera vom National Peace Council versetzt die Ermordung Wickrematunges der Pressefreiheit im Land den Todesstoss. Nach diesem aufsehenerregenden Mord frage sich jeder Journalist, wer wohl als nächster an der Reihe sein wird. Unter solchen Umständen sei es schlicht nicht mehr möglich, frei zu arbeiten. Weite Teile der Presse haben dem Duck der Regierung in den letzten Jahren bereits nachgegeben und berichten heute ‹linientreu›. Die wenigen Journalisten, die noch versuchen, unabhängig über den ethnischen Konflikt zu berichten, werden von der staatlichen Zeitung ‹Daily News› in einer systematischen Hetzkampagne als LTTE-Sympathisanten und Staatsfeinde verunglimpft.» Laut Amnesty International sind allein in den letzten zwei Jahren zehn Journalisten in Sri Lanka getötet und zahlreiche weitere verschwunden, entführt oder verhaftet worden.
Die internationale Gemeinschaft steht nun in der Pflicht, bei der srilankischen Regierung die Einhaltung des Völkerrechts und aller internationalen Verträge einzufordern: Der Genozid an den Tamilen muss sofort gestoppt werden; eine UN-Kontrollkommission muss die Einhaltung der Menschenrechte überwachen können; humanitäre Hilfeleistung, zum Beispiel durch das Rote Kreuz, muss uneingeschränkt zugelassen werden; die Pressefreiheit und die Sicherheit der Journalisten sind zu gewährleisten. Die amerikanische Menschenrechtlerin Dr. iur. Karen Parker fordert, dass die LTTE von der Liste der Terrororganisationen gestrichen werden muss. Sie hat nach ihrer Meinung den völkerrechtlichen Status von Kombattanten. (Hierzu mehr in Zeit-Fragen, Nr. 34, vom 27. August 2007) Die srilankische Regierung muss an den Verhandlungstisch zurückkehren, denn nur eine Verhandlungslösung, bei der alle ethnischen Gruppen im Land berücksichtigt werden, kann zu einem dauerhaften Frieden führen. 

«Helft unseren Brüdern und Schwestern, die in Vanni unter Menschenrechtsverletzungen leiden»

Tamilen Forum Schweiz

Herr Shan Thavarajah, Vizepräsident, und Herr Thambipillai Namasivayam, Sekretär des Tamilen Forum Schweiz, schrieben einen Brief an Frau Dr. Naventham Pillay, Hochkommissarin für Menschenrechte in Genf, mit der Bitte, die humanitäre Katastrophe in Vanni zu stoppen.
Sie appellieren an das Hochkommissariat für Menschenrechte:
•     Die Regierung von Sri Lanka zur sofortigen Beendigung ihrer verheerenden militärischen Offensive aufzufordern.
•     Sicherzustellen, dass genügend Nahrungsmittel und andere wichtige Lieferungen nach Vanni geschickt werden.
•     Notwendige Medikamente und andere Ausrüstungen für die Spitäler in Vanni zur Verfügung zu stellen.
•     Die Regierung von Sri Lanka aufzufordern, die Spitäler in Vanni zu sicheren Zonen zu erklären.
•     Die Regierung von Sri Lanka aufzufordern, lokalen und internationalen humanitären Organisationen den Zutritt in das Gebiet von Vanni zu erlauben.
Wir bitten Sie demütig, in dieser Angelegenheit ohne weitere Verzögerung und mit Ihrem guten Einfluss auf die demokratischen Staaten und humanitären Organisationen zu intervenieren, um das tamilische Volk vor dem Völkermord zu retten.

Quelle: InfoTamil vom 15.1.2009


Quelle: Zeit-Fragen Nr. 4

Originalartikel veröffentlicht am 26.1.2009

Über den Autor

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TAIFUNZONE: 31/01/2009

 
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