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12/11/2018
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Einen Sonntag im Mai 1999 auf der Brücke über die Morava, in Varvarin, Serbien

Sanjas letzter Tag


AUTOR:  Jürgen ELSÄSSER


Es geschah, dass eines Nachts ein kleiner verrückter Stern am heiteren Himmel sein Sternbild verließ und anfing, durch den ganzen unübersichtlichen Kosmos zu fallen und zu fallen und zu fallen und zu fallen.

Und wie er so fiel, kam er zum Sonnensystem und landete zufällig auf dem Planeten Erde. Auf einem Kontinent, der Europa heißt … In einer Stadt, in die noch nie zuvor ein Stern gefallen war, und deshalb war dies ein richtiges Wunder.

Ein Mann, der die Straßenlaternen anzündete, wollte ihn fangen, damit er in seiner Laterne leuchten konnte.

Ein General wollte ihn auf seine Brust stecken, wie ein Abzeichen.

 Aber der Stern gab sich niemandem hin, sondern fiel geradewegs in die Entbindungsstation eines Krankenhauses am Stadtrand …

Genau um Mitternacht, als ein Mädchen namens Sanja geboren wurde …

Auf ihrem linken Knie verwandelte sich der verirrte Stern in ein kleines liebliches Muttermal …

(Momo Kapor, Sanja)

* * *

Sanja Milenkovic wurde am 30. November 1983 im mittelserbischen Kruševac geboren. Zu Beginn des Nato-Angriffs war sie 15 Jahre alt und 1,80 Meter groß. Ihre braunen Augen funkelten bei Sonnenlicht golden, die halblangen braunen Haare waren links gescheitelt, manchmal ließ sie ein paar freche Strähnen in die hohe Stirn hängen. Sie trug unauffälligen Schmuck – eine dünne Kette mit Drehverschluss, einen Ring ohne Stein, kleine runde Ohrringe. Das Besondere in ihrem Gesicht war ihr Mund, eine geschwungene Ober- und eine volle Unterlippe, beim Lachen blitzten die Zähne durch, und die Ohren bekamen Besuch von den Mundwinkeln. Ein kleines Muttermal hatte sie tatsächlich, aber nicht am Knie, sondern am Arm.

Kurz und gut, man könnte sagen, sie sah ungefähr so aus wie die weibliche Ausgabe von Leonardo Di Caprio. Dessen Poster hing in ihrem Zimmer, wie wir alle suchte sie im Geliebten ein Stückchen eigenes. Sanja und Leonardo, das wäre was geworden, ein Traumpaar, warum musste ein Eisberg dazwischenkommen und die Titanic rammen? Sanja war romantisch, sie las Liebesromane rauf und runter, und dann hörte sie gerne die Musik von Whitney Houston, Luna oder Hari Mata Hari. Bei denen sang sie immer mit: «Znam pricu o sreci, ich kenne eine Geschichte über das Glück.»

Mileva Maric, die zusammen mit Einstein die Relativitätstheorie erfunden hatte

Doch Herz und Schmerz waren bei Sanja schnell vergessen, wenn es um Ziffern und Zahlen ging, um Algebra, Logarithmus, Binomische Formeln. Wer ist schon Leonardo Di Caprio gegen Albert Einstein? Und: Hat die Relativitätstheorie nicht Raum und Zeit besiegt und damit vorstellbar gemacht, dass in irgendeinem Paralleluniversum die Titanic gar nicht untergegangen ist? Außerdem war es ja eine Serbin gewesen, Mileva Maric, die als Einsteins erste Frau mit diesem zusammen die Relativitätstheorie erfunden hatte. Warum sollte ihr, Sanja, nicht auch so etwas gelingen? Jedenfalls galt Sanjas Leidenschaft von Anfang an der Mathematik, vielleicht hatte abgefärbt, dass ihr Vater Zoran Diplom-Mathematiker ist. In der Schule in Varvarin war sie immer die beste, immer mit einer Eins in Mathe. Dabei war Sanja ansonsten alles andere als ein Arbeitstier. Null Bock. «Du bist mein fauler Käfer», hatte ihre Mutter Vesna immer zu ihr gesagt, wenn sie sich vor dem Haushalt drückte. «Ich werde später einen Apparat konstruieren», antwortete Sanja, «da wird dann der ganze Kram auf Knopfdruck erledigt.» Aber in der Schule war sie fleißig. Und als im Januar 1998, am Ende der achtjährigen Grundschulzeit, die Mathematikwettbewerbe begannen, büffelte sie bis spät nachts in der Küche. Mutter musste mit dabeisitzen, schlief aber manchmal am Tisch ein. Sanja weckte sie erst, wenn sie eine knifflige Aufgabe gelöst hatte. Zwischendrin machten die beiden Gymnastik. Sanja dachte wie jeder Teenager, sie müsse schlanker werden. Bei den Wettbewerben jedenfalls war sie so erfolgreich, dass sie im Frühjahr 1998 den Sprung ins Gymnasium schaffte, und zwar nicht in irgendeines, sondern in das «Mathematische Gymnasium» in Belgrad. Man nahm sie dort ohne Prüfung auf. Man bedenke: Ins Gymnasium! Nach Belgrad! Ohne Aufnahmeprüfung! Alle Träume schienen wahr zu werden. «Znam pricu o sreci, ich kenne eine Geschichte über das Glück.»

Jeden Tag telefonierte sie nach Hause

Die ersten Wochen in Belgrad waren hart. Die Betreuerinnen des Mädchenwohnheims «Jelica Milanovic» hörten sie manchmal weinen und sprachen dann mit ihr, trösteten sie. Jeden Tag telefonierte sie nach Hause. Das half ihr, sich einzugewöhnen. Ausserdem gefiel ihr der Unterricht. Niemand tuschelte mehr hinter ihrem Rücken, weil die «Streberin» alles wusste, wie manchmal in Varvarin. Manchmal wusste sie auch gar nicht alles. Die anderen Schüler, kleine Mathegenies wie sie, halfen ihr dann.

Und nach der Schule eroberten sie sich die Stadt, Straße für Straße. Bummeln und Eisessen in der Fussgängerzone Knez Mihailova – gerade das Richtige nach dem Stress. Wenn man nur ein paar Dinars mehr in der Tasche hätte, um all die schicken Klamotten zu kaufen – Armani, Versace, Escada, es gab einfach alles. Dann rüber zum Kalemegdan, der alten türkischen Festung – auf der Mauer sieht man noch einen Galgen, an dem sie die aufständischen Serben aufgehängt haben. Ganz schön gruselig! Am Schluss die Francuska den Berg runter und rein in das Musikantenviertel Skadarlija, wo die Tamburasi manchmal schon am Nachmittag auf ihren Mandolinen spielten – schade nur, dass Mama ihr eingeschärft hatte, immer frühzeitig im Wohnheim zu sein.

* * *

«Für Dich sind unsere Qualen Nichtigkeiten,
du wirfst unsere Tränenperlen in den Staub.
Doch über sie wird Deine Morgenröte fliessen,
in die ich mich verliebte, fröhlich und jung.»

(Milos Crnjanski, Klagelied über Belgrad)

* * *

«Ich möchte nicht nach Hause, Mama, jetzt habe ich mich gerade eingelebt!» – «Du musst, es ist zu gefährlich!» Schon nach einem halben Jahr, im Oktober 1998, holte Vesna Milenkovic ihre Tochter wieder zurück nach Varvarin. Die Nato hatte Jugoslawien ein Ultimatum gestellt, ihre Luftwaffe aktiviert. Die ersten Schläge würden die großen Städte treffen, das war klar. Sanja folgte dem Wunsch ihrer Mutter. In Varvarin spazierten sie, wie früher, Hand in Hand durch die Strassen, trotz der Angst. Dann die Entwarnung: Der US-Amerikaner Holbrooke hatte mit Milosevic ein Abkommen geschlossen. Es war noch einmal gut gegangen. Sanja kehrte nach Belgrad zurück. Im Januar 1999 erschien ein Interview mit ihr in der Illustrierten Nada Nova. «Nada Nova», das bedeutet «Neue Hoffnung», so sah es Sanja auch, sie hoffte weiter auf ihr Glück.


Vesna und Zoran

Sie holte Sanja aus Belgrad ab

Sie hoffte vergeblich. «Nicht nur in Brüssel wächst die Zahl derer, die glauben, dass ein militärisches Engagement im Kosovo unausweichlich werden kann», notierte der deutsche Verteidigungsminister Scharping am 17. Januar 1999 in sein Tagebuch. Die Nachrichten von den Verhandlungen in Rambouillet hörten sich nicht gut an. In den Zeitungen sah man Fotos, die mehr sagten als die blumigen Kommuniqués: Die amerikanische Außenministerin umarmt Hashim Thaçi, einen von Belgrad steckbrieflich gesuchten Terroristen. Der deutsche Außenminister schüttelt die Fäuste gegen Milan Milutinovic, den serbischen Präsidenten. Am 23. März hörte Vesna bei einer Freundin in Paracin die Nachricht über den Ausnahmezustand. Zusammen mit ihrer Mutter fuhr sie noch am Abend los nach Belgrad und lud Sanja mit Sack und Pack in den alten Mercedes von Opa ein. Um 1.00 Uhr am Morgen des 24. März hatten sie alles verstaut und fuhren los. Gerade rechtzeitig: Wenige Stunden später heulten in Belgrad die Sirenen, über der Stadt brüllten die Bomber, die überschallschnellen F-16 und F-18, die vermeintlich unsichtbaren F-117, die langsamen Warzenschweine vom Typ A-10 mit ihrer Uranmunition, die deutschen ECR-Tornados, unersetzlich zum Ausschalten der jugoslawischen Luftabwehr. Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bombten die Deutschen mit, zum dritten Mal im 20. Jahrhundert führten sie einen Angriffskrieg gegen Serbien. Auf der Rückfahrt von Belgrad nach Varvarin schlang Vesna ihre Arme fest um ihre Tochter. «Nun bist Du sicher, Töchterchen», tröstete sie Sanja.

* * *

Unwiderruflich fest standen die Tatsachen, dass wir heute abend nicht in unsere Betten zurückkehren, dass wir morgen nicht wieder in die Schule gehen würden, dass wir nicht wussten, wer von den Verwandten noch am Leben war, wer von den Schulfreunden, den Lehrern, Nachbarn, Spielkameraden aus dem oder jenem Stadtteil. Formen und Züge vernebelten im aufsteigenden Rauch und in der einfallenden Dunkelheit. In den Ohren brummten die Flugzeugmotoren, die Gelenke erzitterten unter den Explosionen, die Luftschläge übertrugen sich unterirdisch, Staub wirbelte auf, dann folgte das Dröhnen der Zerstörung, das aus unterirdischen Räumen hervorbrach … Kein wegweisenderer, kein besserer Gedanke könne im Kopf des kindlichen Augenzeugen entstehen als – wegzulaufen, zu fliehen, wegzurennen vor diesem heillosen Wettlauf, der jedem auf dem Fusse folgte wie der schadenfrohe Schwanz eines Drachens, dem man nicht entkommt. Zum ersten Mal empfanden wir völlige Schutzlosigkeit, das Ausgeliefertsein an das Böse, gegen das die Zerbrechlichkeit unseres Körpers nichts vermochte, als eben zu zerbrechen oder wegzulaufen. Wer wollte, begriff, dass Satan die Oberhand gewonnen hatte.»

(Miodrag Pavlovic,
Usurpatoren des Himmels)

* * *

Der Krieg hatte den Ort bisher nur gestreift

Satan war weit in Varvarin. Tatsächlich war kein besserer Zufluchtsort vorstellbar. Das Dorf mit seinen 4000 Einwohnern liegt etwa 160 Kilometer südöstlich von Belgrad. Der Krieg hatte den Ort bisher nur gestreift: Ein Polizist aus Varvarin war am 8. Januar im Kosovo von albanischen Terroristen erschossen worden – in einem Dorf namens Raèak , das später im Westen zum Synonym für Mord werden sollte, allerdings nicht für Morde an serbischen Polizisten, die interessierten im Westen niemanden.

Die meisten Einwohner arbeiten in der Landwirtschaft, es gibt Schuster und Schneider und Bäcker, ein paar Ärzte und Apotheken, Wirtshäuser, das Hotel Plaza. Industrie hat sich nicht angesiedelt, bis auf ein kleines Textilunternehmen, das Fußmatten für den Zastava-PKW produziert. In der Stadt und in der näheren Umgebung gab es keine militärischen Einrichtungen, die nächstgelegene war 22 Kilometer entfernt, ein Flugplatz in Cuprija. Das einzige Gefecht in der Geschichte Varvarins fand 1810 statt, als die Türken gegen serbische Aufständische vorgingen. Selbst der Erste und Zweite Weltkrieg verschonte das Städtchen. Erst 1944 zerstörten die Nazis die Brücke über die Morava, um den Vormarsch der Roten Armee zu erschweren. Die Einwohner wurden einen Tag zuvor gewarnt. Ganz anders im nahen Kragujevac: Dort richteten Einheiten der deutschen Wehrmacht zwischen dem 18. und 21. Oktober 1943 7000 «Kommunisten, Juden und Serben» hin, wie es in ihrem Jargon hieß, 100 für jeden zuvor erschossenen deutschen Soldaten. Unter den Massakrierten waren 300 Gymnasiasten und 15 Kinder zwischen acht und zwölf Jahren. Das 1976 eröffnete Gedenkmuseum wurde von fünf Millionen Menschen besucht.

* * *

Es ist geschehen und wahr,
dass an einem Tag in einem Land
auf dem bergigen Balkan
eine Schülerschar
den Märtyrertod fand.
Noch fünfzig Minuten
bevor sie starben,
saßen die Schüler
in ihren Bänken,
mussten Aufgaben lösen, denken:
Wie weit kommt ein Wanderer mit Begleiter,
wenn er fünf Stunden … er soll … und so weiter.
Die Köpfe voll
gleicher Zahlenreihen,
und in den Heften, in den Mappen
viele sinnlose
Einsen und Dreien.
Gestopft voll die Taschen
Mit gleichen Träumen

Von Heimatliebe und von Freunden,
wie man als Schüler träumt im Geheimen.
Und jeder glaubte,
er hätte vor sich,
noch endlos vor sich
ein weites Feld,
um endlich zu lösen
alle Aufgaben der Welt.
Es ist geschehen und wahr,
dass an einem Tag in einem Land
auf dem bergigen Balkan
eine Schülerschar den Märtyrertod fand.

(Desanka Maksimovic, Blutige Mär)

* * *

Dass die Weltkriege Varvarin verschont haben, bedeutet aber nicht, dass sie seine Menschen verschont hätten. Von 1914 bis 1918 kamen 2000 Bürgerinnen und Bürger um, jeder zweite Einwohner. Während der deutschen Besatzung nach dem Einmarsch 1941 flüchteten 2000 in die Wälder, zu den Partisanen. 500 wurden von den Deutschen erschossen oder aufgehängt. Bei der Rückeroberung der Region 1944 spielte die Vierte Proletarische Montenegrinische Brigade eine grosse Rolle, ihr Kommandant Blazo Jankovic ist bis heute Ehrenbürger Varvarins. Doch auch das ist längst vergessen, die Familie Milenkovic jedenfalls hatte von diesem Ehrenbürger noch nie etwas gehört. Die Proletarische Brigade, das war etwas für Veteranen. Nazi-Deutschland, das war vorbei. Der Krieg, das war Geschichte. So dachten alle vor dem März 1999.

Der Ort ist militärstrategisch und selbst verkehrstechnisch unbedeutend

Als am 24. März 1999 der Krieg begann, lag Kragujevac sofort unter Bomben, mit als erstes zerstörte die Nato das Denkmal für die Nazi-Opfer des Jahres 1941. In Varvarin blieb es im April und Mai dagegen ruhig. Der Ort ist nicht nur militärstrategisch, sondern selbst verkehrstechnisch unbedeutend: Wer Richtung Kosovo oder überhaupt nach Süden will, umfährt den Ort, wenn er nicht unnötig Zeit verlieren will. Die Autobahn E75 führt weiter östlich über Nis, die E761 weiter westlich über Kruševac.

Der 30. Mai 1999 war ein heisser Tag, blauer Himmel über Zentralserbien, bestes Flugwetter für die Nato-Bomber. Schon seit dem Morgen rasten sie, von der Adria kommend, in großer Höhe über Varvarin hinweg oder zogen ihre Schleifen. Sicherlich waren sie, wie schon in den Tagen und Wochen zuvor, auf dem Weg nach Novi Sad, Nis oder Belgrad. Um neun Uhr heulten in Varvarin die Sirenen, Luftalarm. Die meisten zuckten die Schultern. Routine. Tatsächlich geschah auch nichts. Vesna machte sich trotzdem Sorgen. Zwar hatte die Nachrichtenagentur Tanjug zwei Tage zuvor berichtet, dass Milosevic nach neunstündiger Diskussion mit dem russischen Gesandten Tschernomyrdin den Grundsätzen des Friedensplanes der G8 zugestimmt hatte, also die Bedingungen der sieben mächtigsten westlichen Industriestaaten und Russlands akzeptiert hatte. Doch am 27. Mai hatte das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag seine Anklageschrift gegen denselben Milosevic veröffentlicht. Offensichtlich gab es Kräfte in der Nato, die keinen Friedensvertrag mit Jugoslawien wollten, denn mit wem hätten sie ihn abschließen sollen, wenn nicht mit dessen Präsidenten?

«Sei nicht albern, Mami, wer soll ein kleines Dorf angreifen?»

«Meine Liebe, pass gut auf dich auf, und komm’ nicht so spät nach Hause!», gab die Mutter Sanja an diesem Morgen mit auf den Weg. Die beiden anderen Mädchen kicherten, winkten, ihre Mütter hatten dasselbe gesagt, so etwas sagen Mütter immer. «Sei nicht albern, Mami, wer soll ein kleines Dorf angreifen? Noch dazu am Sonntag?» Sanja zog einen Flunsch. Die drei hatten sich hübsch zurechtgemacht, mit etwas Gel und Haarlack die Haare hochtoupiert, Sanja hatte am Morgen noch Lippenstift und Lidschatten von der Mama stibitzt. Das blaue T-Shirt, die weiße Cordhose und die weißen Turnschuhe standen ihr gut. Vielleicht traf sie ja die Jungs aus der alten Klasse wieder? Auf so einem Kirchenfest war immer etwas los, selbst jetzt, im Krieg, denn der Krieg war weit weg, und außerdem war es Sommer.

* * *

Dieser Sommer «wird in der Erinnerung jener, die ihn hier verlebten, als der strahlendste und schönste Sommer seit Menschengedenken bleiben, denn in ihrem Bewusstsein glänzt und leuchtet er auf einem ganzen gewaltigen und düsteren Horizont des Todes und Unglücks, der sich bis ins Unabsehbare erstreckt. Und dieser Sommer begann in der Tat gut, besser als so viele frühere.»

(Ivo Andric, Die Brücke über die Drina)

* * *

Der Weg zur Kirche führte die drei Mädchen zur Brücke über die Morava. Die war nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland gekommen, als Reparation für die von den Nazis gesprengte. Allerdings hatten die Deutschen diese Wiedergutmachung nicht selbst geschickt – es waren die Sowjets gewesen, die die Brücke in ihrer Besatzungszone demontiert und dem jugoslawischen Brudervolk geschenkt hatten. Sie war schnurgerade und hatte eine Fahrbahn, die Horizontale ruhte auf Betonblöcken, also nichts besonderes, keine Drahtseilkonstruktion, keine geschwungenen Bögen oder Marmorbrüstungen, keine Laternen und keine Bänke. Die Brücke hatte nur wenig Ähnlichkeit mit ihren kühnen Schwestern in New York oder den romantischen in Paris oder mit der «Brücke über die Drina» in Višegrad, die Ivo Andric in seinem berühmten Buch schildert. Trotzdem war es eine Brücke, und das ist immer ein kleines bisschen aufregend, denn es gibt ein Hüben – «bei uns» – und ein Drüben – «bei denen». Manchmal trafen sich dort die Teenager. Die Jungs pfiffen den Mädchen hinterher, die Mädchen tippten sich an die Stirn. Die Verliebten versteckten sich in der Uferböschung oder hinter den Weidenbäumen, deren Laub das Wasser streichelt und die Sicht verdeckt. Als Sanja und ihre Freundinnen Marina und Marijana gegen 10 Uhr vormittags über die Brücke gingen, rauschte unter ihnen die Morava wie immer. Die vielen Jahre des Embargos hatten die Industrie in der Gegend kaputt- und die Menschen arbeitslos gemacht, aber man konnte jetzt wieder baden. Jugoslawien war arm geworden. Nur die Fische freuten sich, dass die Fabriken verfielen und kaum noch Abwässer produzierten.

   
Marijana Stovanovic

Jeden Sonntag war in Varvarin Markt, und an diesem Sonntag wurde zusätzlich noch am Platz vor der Kirche über dem Fluss das Dreifaltigkeits-Fest gefeiert, das orthodoxe Pfingsten. Schon von weitem sah Sanja den Trubel, hörte das Rufen der Marketender, das Feilschen der Kunden. Wie immer boten Bauern Kartoffeln und Früchte an, fliegende Händler schicke Klamotten, Turnschuhe, allerhand Werkzeug. 3000 Leute drängelten sich zwischen Plaza-Hotel und Flussufer, vielleicht sogar mehr. Die drei Mädchen gingen zunächst in die Kirche, Sanja stiftete eine Kerze. Der Pfarrer predigte, wie an Pfingsten der Heilige Geist gekommen ist: Als 50 Tage nach der Auferstehung Christi vergangen waren, begann ein Brausen vom Himmel, während die Apostel wie eine Seele zusammen beim Gebet waren. Es erschienen ihnen Zungen von Feuer und setzten sich auf jeden von ihnen. So wurden sie vom Heiligen Geist erfüllt. Die Mädchen hörten das gerne, aber sie kannten es schon. Nach dem Gottesdienst besuchten sie noch eine Freundin und tranken einen Fruchtsaft.

Zwei Düsenjäger flogen über Varvarin hinweg Richtung Norden

«Komm, wir müssen nach Hause, ich muss für Oma noch was vorbereiten, die will eine Torte backen», drängte Sanja zum Aufbruch. «Ach, wieso denn, es ist doch noch nicht einmal ein Uhr», meinte Marina unwillig. Aber sie waren nun mal Freundinnen und hielten zusammen. Vielleicht könnten sie ja am Spätnachmittag noch einmal zurück zum Fest? Von der Kirche zum Fluss war es nur ein Katzensprung, vielleicht 150 Meter. Auf der Brücke trödelten die Mädchen, machten Witze über die anderen Fußgänger, ein Junge spuckte vom Geländer in die Fluten, das sah vielleicht bescheuert aus. Sie alberten herum und bekamen nicht mit, was geschah: Zwei Düsenjäger flogen über Varvarin hinweg Richtung Norden, verschwanden und drehten hinter dem Horizont, flogen noch einmal von Süden kommend über das Städtchen, zogen eine Kurve nach Osten, vollendeten die Kurve zu einer Schleife nach Süden. Sie kamen zurück!

Die Kirchturmuhr schlug eins. Die Eltern von Sanja werkten in der Küche und trafen Vorbereitungen für das Festessen am nächsten Tag. Plötzlich hörten sie eine gewaltige Detonation. Zoran vermutete einen Einschlag in Cuprija, doch Vesna kam es näher vor, viel näher. Sie rannte zum Telefon, wählte eine Nummer aus der Ortsmitte – die Leitung war tot. Das konnte bedeuten, dass die Brücke getroffen war, denn unter ihr lief das Telefonkabel durch. Vesna bekam keine Luft mehr, der Hals war wie zugeschnürt, Zoran musste sie festhalten, sonst wäre sie zusammengebrochen. Was tun? Hinunter in den Keller, den sie als behelfsmäßigen Bunker eingerichtet hatten? Ausgeschlossen, nicht ohne Sanja. Da Zoran vom Volleyball kaputte Beine hatte, lief Vesna zur Nachbarin, der Mutter von Marina. Es ist manchmal schwierig, ein Auto zu starten, wenn einem die Hände zittern, aber dieses Mal klappte es problemlos, mit quietschenden Reifen fuhren die beiden Frauen los, Richtung Morava. Unterwegs sahen sie in jedes entgegenkommende Gesicht, viele Kinder waren darunter, aber keine Marina, keine Marijana, keine Sanja. Kurz vor Varvarin bestätigten Passanten, dass die Brücke getroffen worden sei, zu dem Zeitpunkt hätte man Mädchen darauf gesehen. Vesna wurde übel, dann schluckte sie es hinunter, gab Gas. Jetzt nicht denken. Schalten, kuppeln, das Pedal durchtreten. Es kam auf Sekunden an. Am Fluss war es gespenstisch still, über dem Wasser dunkel, wegen der Rauchwolken nach den Explosionen. Die Mütter riefen die Namen ihrer Liebsten: Marina, Marijana, Sanja.

* * *

Die herrliche Gegend … wurde plötzlich wie ein dünner und trügerischer Vorhang beiseite geschoben, und vor ihr stand der Wolf mit funkelnden Augen, mit eingerolltem Schwanz, und seine Zähne waren zu einem Lächeln gefletscht, das schrecklicher war, als es ihr die Mutter je ausgemalt hatte. Aska gefror das Blut, und ihre Beine wurden steif wie Holz. Es fiel ihr ein, dass sie die Ihren zu Hilfe rufen sollte, sie öffnete auch den Mund, aber es kam keine Stimme heraus. Vor ihr stand der Tod, unsichtbar und einzig und allgegenwärtig, grausam und unglaublich in seiner Grausamkeit.

(Ivo Andric, Aska und der Wolf)

* * *

Sie sehen zwei Kampfbomber direkt auf sich zurasen

Die altersschwachen Autos auf der Brücke knattern, deswegen hören die Mädchen die Flugzeuge erst, als es schon zu spät ist. Um 13.01 Uhr sind sie in der Brückenmitte und sehen zwei Kampfbomber direkt auf sich zurasen. Wohin jetzt – zurück oder nach vorne? Sanjas mathematisches Gehirn schaltet sich ab, die Berechnung der Flugbahn und des Aufschlagswinkels der Geschosse wäre auch einem Einstein nicht gelungen. Gott würfelt nicht. Vielleicht hilft er wenigstens? Oh Gott, hilf mir. Die Piloten sind noch 300 Meter entfernt, noch 100 Meter, aus dieser Distanz und bei diesem klaren Wetter müssen sie alles sehen, den Markt, den Kirchplatz voller Leute, die Autos auf der Brücke. Sie schießen zwei Raketen vom Typ AGM 65 ab. Sanja erinnert sich an die vorherige Predigt in der Kirche: «Es begann ein Brausen vom Himmel, während die Apostel wie eine Seele zusammen beim Gebet waren. Es erschienen ihnen Zungen von Feuer und setzten sich auf jeden von ihnen. So wurden sie vom Heiligen Geist erfüllt.» Aber das hier ist nicht der Heilige Geist, denkt Sanja, das ist die Hölle. Sie hört noch ein Zischen, dann schleudert sie ein fürchterlicher Einschlag durch die Luft. Sie fühlt sich verglühen, eine entsetzliche Hitze. Plötzlich ist sie ganz leicht, schwebt in der Luft.

Die lasergesteuerten Bomben zerschneiden die Brücke in der Mitte, sie bricht ein, die Mädchen stürzen in die Tiefe, werden ohnmächtig. Nach zwei bis drei Minuten kommt Marina zu sich, sieht zuerst ihre blutende Hand. Ihr rechtes Bein ist unterhalb des Knies total zerschmettert, der Unterschenkel nur noch durch Fleischfetzen mit dem Körper verbunden. Wo sind die anderen beiden? Marijana stöhnt, schreit nach Hilfe. Sie versucht, sich am Geländer hochzuziehen, merkt dann aber, dass aus dem Oberarm ein Knochen hervorragt und sie keine Kraft mehr hat. Sanja hat die Hand auf der Brust, die Augen sind offen, sie atmet schwer, will etwas sagen, aber schafft es nicht. Sie lehnt mit dem Rücken am Geländer, eine Verletzung ist nicht zu sehen.

 
Marina Jovanovic

Nach fünf Minuten schreit irgend jemand gellend auf: «Sie kommen zurück!» Sanja schaut nach oben, sieht noch den Kondensstreifen und die beiden Raketen, die zischend direkt auf sie zukommen, dabei wie betrunken kreiseln. Das ist die Lasersteuerung, aber Sanja weiß es nicht. Was von der Brücke übrig ist, wird noch einmal getroffen. Die zweite Explosion ist noch heftiger als die erste, man hört sie bis in das 16 Kilometer entfernte Kruševac. Ein Betonstück von der Brücke, groß wie ein Panzer, wird gut 100 Meter in den Friedhof jenseits der Kirche geschleudert. Sanja rutscht nach unten, ihr Kopf hängt herab, nur wenig über der Wasseroberfläche. Sie fühlt einen Eisberg in sich wachsen. Das Becken, der Bauch, der Darm sind schon vereist. Jetzt kriecht die Kälte zum Herzen hoch. So muss es gewesen sein, als die Titanic sank, kurz vor dem Polarkreis. Wo ist das Rettungsboot? Plötzlich sieht sie Leonardo di Caprio. Ja, er ist es wirklich. Er wird sie retten. Sanja lächelt. Znam pricu o sreci, ich kenne eine Geschichte über das Glück.

Marina robbt zu Sanja, robbt mit Hilfe der Ellenbogen – die zerschmetterten Beine kann sie nicht mehr benutzen. Dann hält sie den Kopf der Ohnmächtigen fest, damit er nicht unter Wasser gerät. Sie holt eine Sprudelflasche aus dem Rucksack, benetzt Sanjas Gesicht. Marina steht dabei im Wasser, doch die Strömung ist so stark, zerrt so sehr an den Fleischfetzen, die von ihrem Schenkel noch übrig sind, dass sie fürchtet, das Bein wird ihr weggerissen. Jedenfalls schwillt das Bein unter der Belastung an und schmerzt höllisch. Marina muss raus aus dem Wasser, zieht sich wieder auf den Brückenrest darüber. Sie und Marijana rufen um Hilfe, warten. Nichts passiert. Endlich hören sie Stimmen, die Stimmen ihrer Mütter.

Einige Stunden später, es ist immer noch hell und warm, liegen acht leblose Körper im Leichenschauhaus von Varvarin, fast alle grausig verstümmelt. Vojkan Stankovic, seine Gliedmassen sind verrenkt, vielleicht gebrochen. Zoran Marinkovics Bein ist am Becken abgetrennt, jemand hat es ihm fein säuberlich über die linke Schulter gebettet, der blank geputzte Schuh ist noch festgeschnürt. Milan Savics Unterschenkel liegen abgerissen über dem Unterleib. In Dragoslav Terzics Schädel klafft ein Loch. Dem Priester Milivoje Cyric fehlt der Kopf, ein umherfliegendes Eisenteil hat ihn abgeschlagen. Sieben der acht Toten starben beim zweiten Angriff. So auch der erwähnte Milan Savic. Er wollte den drei Mädchen im Fluss zu Hilfe kommen, ein Freund warnte ihn: «Die kommen wieder, das machen sie immer so, haben mir Freunde aus Belgrad erzählt.» Milan schrie zurück: «Du bist ein Feigling, wir müssen doch helfen!» Das waren seine letzten Worte.

* * *

Umarme mich jetzt,
so stark wie Du nur kannst,
und gib mich dem schwarzen Vogel nicht her,
nein, mach dir keine Sorgen,
es vergeht im nächsten Augenblick.

Mich erschreckt der Glanz der Millionen Lichter,
wenn der Himmel angezündet wird.
Wo ist denn ein Ende,
für wen haben sie das tiefe Grab ausgehoben?
Löst der Mensch überhaupt ein Problem,
oder sind wir nur da
wegen des Gleichgewichts zwischen den Sternen?

(Djordje Balasevic, Slawisches Lied)

* * *

Bei den Toten im Leichenschauhaus ist Sanja nicht dabei. Nachdem ihre Mutter die Verletzte am Fluss gefunden hat, wird sie auf ein Brett gelegt und in einen Krankenwagen geschoben. Vesna steigt mit ein. Ihr Kind ist nicht bei Bewusstsein, obwohl die Augen sich bewegen, der Mund offen steht. «Sei stark, ich bin doch bei dir», sagt Vesna. Und zum Doktor: «Tun Sie doch etwas, drehen Sie sie auf den Rücken, ich kann nicht zusehen, wie mir das Kind unter den Händen wegstirbt.» Nach fünf Minuten Fahrt schließt Sanja langsam die Augen. Der Arzt befiehlt dem Fahrer, die Richtung zu wechseln und die nächste Ambulanz anzusteuern. Dort bekommt Sanja eine Adrenalin-Spritze, ihre Lider flattern, sie schlägt die Augen wieder auf. Vesna steigt um in einen PKW, der Krankenwagen mit Sanja und dem Arzt rast nach Kruševac ins Spital. Als die Mutter etwas später dort ankommt, sieht sie einen Arzt aus dem Krankenzimmer treten und sich die Handschuhe abstreifen. Wie im Film. Vesna weiss Bescheid. «Ich möchte zu meiner Tochter.» – «Nein, das ist nicht Ihre Tochter, das ist ein größeres Mädchen, sehen Sie selbst.» Vesna stürmt ins Zimmer, irgendwo zwischen Angst und Hoffnung, doch die schreckliche Ahnung bestätigt sich. Die Leblose in grünem Tuch ist ihre Sanja. Vesna stürzt hin, wirft sich über Sanja, fühlt etwas klopfen. «Herr Doktor, das Herz schlägt noch, sie ist nicht tot.» Der Arzt zieht sie behutsam weg, blickt ihr in die flackernden Augen, schlägt den Blick nieder. «Doch.»

Viel später sitzt Vesna auf dem Rücksitz des Autos, im Arm Sanja, wie am 24. März, als sie von Belgrad kamen, aber jetzt ist alles anders. Zuhause wäscht und badet sie die Leiche. Sie hat eine Wunde an der linken Hüfte vom Rücken zum Bein und einen Splitter im Hinterkopf. Kleine Brückenteile sind in den ganzen Körper eingedrungen, in den Rücken, in die Beine, sogar in die Zehen. Alle inneren Organe sind verletzt, die Lunge vor allem. Von vorne sieht der Körper unversehrt aus. Zoran besorgt einen weißen Sarg. Vesna sucht die Lieblingskleidung ihrer Tochter heraus und streift sie ihr über. Vesna sagt: «Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen soll.»

«Pilot: Ich verlasse jetzt die Wolken. Ich sehe immer noch nichts.

Basis: Setzen Sie Ihren Flug fort. Richtung Nord 4280.

Pilot: Ich bin unter 3000 Fuß. Unter mir eine Kolonne von Fahrzeugen. Eine Art von Traktoren. Was soll das? Ich verlange Instruktionen.

Basis: Wo sind die Panzer?

Pilot: Ich sehe Traktoren. Ich nehme nicht an, dass die Roten die Panzer als Traktoren getarnt haben.

Basis: Was sind das für komische Geschichten? So ein Ärger! Da stecken sicher die Serben dahinter. Zerstören Sie das Ziel!

Pilot: Was soll ich zerstören? Traktoren? Gewöhnliche Fahrzeuge? Ich wiederhole: Ich sehe keine Panzer. Ich verlange weitere Informationen.

Basis: Es ist ein militärisches Ziel. Zerstören Sie das Ziel! Ich wiederhole: Zerstören Sie das Ziel!»

Diese Auszüge aus dem Funkverkehr zwischen Cockpit und Nato-Kommandostation, aufgezeichnet von der jugoslawischen Flugabwehr, stammen von einem anderen Angriff. Ob es in Varvarin ebenso war, wissen wir nicht. Die offizielle Nato-Version ist dürftig: «Zwei F-16 griffen die Brücke mit vier lasergesteuerten 2000-Pfund-Bomben in kurzem Abstand an. Der erste Angriff zerstört den Mittelteil, der zweite Angriff den Rest der Brücke.» Oberstleutnant Michael Kämmerer, in der Öffentlichkeitszentrale des Nato-Oberkommandos Europa im südbelgischen Mons für die deutsche Presse zuständig, gibt immerhin noch preis, dass Varvarin ein «Sekundärziel» war. Mit anderen Worten: Das eigentlich ausgewählte Ziel sei schon zerstört gewesen, deshalb habe man ein Ausweichziel gesucht.

In der westlichen Öffentlichkeit gab es Kritik wegen der Kollateralschäden des 30. Mai. Die Nato rechtfertigte sich und sprach von einem «legitimen Angriff auf eine Hauptnachschublinie der serbischen Armee». Nato-Pressesprecher Jamie Shea nannte Varvarin «ein ausgewähltes und gerechtfertigtes Ziel».

Wer hat Varvarin als Bombenziel ausgewählt? Die Nato weigerte sich gegenüber Reiner Luyken von der Zeit, die Namen der Piloten zu nennen, selbst ihre Nationalität wurde verschwiegen. Der Großvater von Sanja ist überzeugt, dass ein deutscher Flieger seine Enkelin getötet hat. Ein Militärexperte wie John Erickson geht von US-Piloten aus, weil angeblich nur sie «die operative Kompetenz beim Einsatz lasergesteuerter Waffen» gehabt hätten. Und wer gab den -Piloten die Befehle? Die Ziellisten wurden vom Nato-Planungsstab bestimmt und von den politischen Spitzen der Nato-Staaten – Clinton, Blair, Jospin und auch Schröder – abgesegnet. Bekannt ist, dass die französische Regierung in einigen Fällen erfolgreich ihr Veto gegen die Bombardierung ziviler Ziele, etwa von Donaubrücken, eingelegt hat. Im Kriegstagebuch von Minister Scharping kann man nachlesen, dass die Zielauswahl immer auf der Tagesordnung des Nato-Rates stand. Da im Nato-Rat nur einstimmig entschieden werden kann, hätte auch die Bundesregierung mit einem Nein bestimmte Angriffe blockieren können.

Sekundärziele, so Oberstleutnant Kämmerer gegenüber Zeit-Autor Luyken, wurden allerdings ohne politische Gegenkontrolle festgelegt. Nach Meinung von Paul Beaver von der Fachzeitschrift Jane’s Defense Weekly wurden die Koordinaten dieser Ausweichziele den Piloten von den Awacs-Flugzeugen mitgeteilt, also den fliegenden Nato-Kommandozentralen. An Bord waren auch deutsche Spezialisten und Offiziere. 1994 hatte die SPD noch vergeblich versucht, ihre Beteiligung durch das Bundesverfassungsgericht verbieten zu lassen.

Nato-Pressesprecher Shea lobte: «Es gab niemals in der Geschichte einen Luftwaffeneinsatz, der dem Militär so sehr geschadet hat und den Zivilisten so zugute kam wie dieser jetzt […]». Sheas deutscher Partner, General Walter Jertz, war der Meinung, dass die Nato gegen Jugoslawien «den zielgenauesten Bombenkrieg der Geschichte führte». Phantastische Präzision? Der zielgenaueste Bombenkrieg der Geschichte? In 78 Tagen zerstörte die Nato nur 14 jugoslawische Panzer, aber 48 Krankenhäuser, 74 TV-Stationen und 422 Schulen. 20000 Splitterbomben liegen noch heute als Blindgänger in der Erde und können jederzeit explodieren. Die Reste der urangehärteten Munition werden noch viele tausend Jahre strahlen. Über 2000 jugoslawische Zivilisten starben, ein Drittel davon Kinder.

Nach dem Krieg wurde die Brücke in Varvarin wieder aufgebaut, das Geld kam von Serben aus der Schweiz. Die damalige Belgrader Regierung gründete eine Sanja-Milenkovic-Stiftung, die mathematisch begabte Schüler fördert. Vesna schlief noch lange im Bett ihrer toten Tochter. Am Grab konnte sie nicht weinen, dazu ging sie in Sanjas Zimmer. Wenn die Sonne schien, freute sie sich nicht, das erinnerte zu sehr an den sonnigen 30. Mai 1999. Als sie einige Zeit danach hörte, dass ihre Eltern einen schlimmen Unfall hatten, blieb sie ganz ruhig. Wenn sie tot sind, sind sie bei Sanja, dachte sie. Für Marijana und Marina geht das Leben weiter, irgendwie, sie haben noch heute Splitter im Körper, die nicht entfernt werden können. Auch für Schröder und Fischer geht das Leben weiter. Clinton, Albright, Scharping und Naumann genießen ihre Pension.

Serbische Opfer der Nato-Aggression, Hinterbliebene und Verletzte aus Varvarin wie die Mutter von Sanja, strengten schließlich einen Prozess gegen die deutsche Regierung an, um wenigstens materielle Wiedergutmachung zu erreichen für etwas, was nicht wiedergutzumachen ist. Unterstützung bekamen sie von einer kleinen deutschen Aktivistengruppe um den Berliner Geschäftsmann Harald Kampffmeyer und seine Frau Cornelia, die für die Finanzierung des Verfahrens ihr Hab und Gut verpfändeten. Solche Nestbeschmutzer mag man im Lande der Kriegsgewinner nicht, die Presse schrieb durchweg abschätzig über den Mann.


Zoran und Harald

Die Klage der Serben wurde bisher in drei Instanzen abgelehnt, zuletzt im November 2006 durch den Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Was bis jetzt erreicht wurde: Das tote Mädchen und damit die weiteren namenlosen Opfer des Bombenkrieges für die Dauer des Prozesses dem Vergessen zu entreißen. Hängig ist noch eine Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht.

Aber soll das alles gewesen sein? Gibt es in diesem verdammten Deutschland keine Schülermitverwaltung und kein Lehrerkollegium, die den Kampf darum aufnehmen, dass ihr Gymnasium den Namen von Sanja Milenkovic trägt? Gibt es keinen evangelischen oder katholischen Pfarrer, der am 30. Mai für Sanja Milenkovic eine Messe liest und eine Kollekte für die Prozesskosten durchführt? Keinen Betriebsrat der IG Metall oder von verdi, der eine Arbeitsniederlegung, wenigstens eine Schweigeminute beschließt? Soll ein Mädchen vergessen werden, das nur aus einem einzigen Grund sterben musste: Weil sie Serbin war? Sollen die Serben vergessen werden, weil sie drei Mal im 20. Jahrhundert den deutschen Plänen im Weg waren? Wagt es niemand, im Hause des Henkers vom Strick zu reden?

* * *

Dann klagen die Serben zu Recht mit den Worten ihres Schriftstellers Miodrag Pavlovic:

Schöne Städte wird es nicht mehr geben
in unserem Land.
Lange Nächte wünschen wir und tiefe Wälder
wo man auch ohne Augen sieht.
Lasst uns singen und unser selbst gedenken,
die anderen haben uns vergessen.


Mahnmal an der Varvariner Brücke


Quelle: Auszug aus dem Buch Kriegslügen. Vom Jugoslawienkrieg zum Milosevic-Prozeß, Kai Homilius-Verlag, Berlin 2004, 2. Auflage Kriegslügen: Softcoverausgabe. Der NATO-Angriff auf Jugoslawien, 2008


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FRIEDEN UND KRIEG: 14/04/2009

 
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