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05/07/2020
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Armut im Neuen Irak


AUTOR:  Layla ANWAR

Übersetzt von  Einar Schlereth



So ist es immer. Erst fange ich an und will etwas ganz Wichtiges schreiben, aber dann kommt etwas noch Wichtigeres dazwischen, und ich habe gelernt, meine Prioritäten im Leben richtig zu setzen, und meine Priorität war und bleibt Irak.

Das besetzte, vergewaltigte und zerstörte Irak bleibt eine Priorität umso mehr, weil es eben NICHT behandelt wird weder in den etablierten noch den ”alternativen” Medien. Aber das ist ein anderes Thema, in das ich tiefer in einer künftigen Post eintauchen muß, weil dieses SCHWEIGEN zum Fall  Irak an sich schon kriminell ist.

Laßt mich nicht den Faden meiner Gedanken hier verlieren, und da ich weiß, daß die meisten von euch da draußen den Aufmerksamkeitsgrad eines 10-jährigen Kindes haben, werde ich mich kurz und lieb halten. Naja, vielleicht nicht lieb … aber so kurz und trocken wie möglich, so wie ihr es gerne habt.

Ich werde euch mit trockenen Fakten konfrontieren – nicht daß irgendeine Menge von Informationen einen Unterschied machen würde – lest immerhin das Folgende, das Neueste aus dem”Neuen” Irak.

ARMUT in Irak seit 2003

Eine von der Universität Basel veröffentlichte Studie präsentierte erschütternde Zahlen zu dem Ausmaß an Armut im Irak.

Wie ihr vielleicht wisst, gibt es grob gesagt zwei Arten von Armuts-Indexen – absolute und relative. Die übereinstimmenden Definitionen der Ökonomen für die beiden Typen sind: 1) Absolute Armut ist, wenn jemand von weniger als 2 $ pro Tag lebt. 2) Der Index für relative Armut wird andererseits berechnet nach den Indikatoren der Verteilung des Reichtums und die Ungleichheiten bei der Verteilung in Verbindung mit anderen Indikatoren wie Inflation, Arbeitslosigkeit etc. … Ich will hier nicht bei den Einschätzungsprozeduren verweilen … sondern euch nur einen Fingerzeig auf eine grobe Definition zur Feststellung von Armut geben.

Nach diesen Feststellungen konstatiert also die neueste akademische Publikation von der Universität Basel, daß 10 Millionen Iraker seit 2003 in ABSOLUTER Armut leben. Die Mehrzahl davon sind Jugendliche – d.h. alle Menschen unter 30 Jahren, der Bevölkerungsteil also, der als die  produktivste Altersgruppe angesehen wird, wenn alles gleich bleibt.

10 Millionen Iraker stellen grob gerechnet über 30% der Gesamtbevölkerung dar.

Verschiedene Gründe für dieser Zustand bitterer Armut:

  1. Die Besatzung und die Gewalt produzieren eine Masse von mittellosen Menschen – Witwen, Waisen und intern vertriebener Menschen, deren Zahl allein 2 Millionen beträgt.
  2. DAS VERSAGEN aller Wiederaufbauanstrengungen, d.h. der Möglichkeit der Arbeitsbeschaffung durch Projekte.
  3. Die Misswirtschaft mit den Ressourcen dank der KORRUPTION und dem Mangel an erfahrenen Kadern, Technokraten, Fachleuten (Fälschung von Universitätsdiplomen für schiitische sektiererische Zwecke werden hier nicht in Rechnung gestellt).
  4. Die PRIVATISIERUNG staatlicher Industrien/Unternehmungen, was die SCHLIESSUNG und die Entlassung der Arbeiter bedeutete, ohne die Aussicht auf erneute Anstellung woanders...
  5. Eine Konsequenz der Privatisierung ist die starke Abhängigkeit vom IMPORT von Gütern, was seinerseits die Vernichtung von LOKALER Produktion bedeutet, was zu weiteren Schließungen dieser Unternehmen führt.
  6. Außerdem haben  die endemische Korruption der Mehrheit der  sektiererischen Schiiten, der Kurden, der Marionettenregierung sowie die exorbitanten Gehälter und Lohnzulagen der Mitglieder der Marionettenregierung, der Parteien und Milizen in starkem Maße zu einer Ungleichheit der Verteilung des Reichtums beigetragen, was zusammen mit der massiven Misswirtschaft der Ressourcen des Landes zu einer hohen Inflationsrate führte, was wiederum zu dem Teufelskreis der Armut beiträgt.
  7. Die Arbeitslosenrate liegt bei 50% (die offizielle Zahl ist 30%), ohne Möglichkeit, Arbeit zu finden dank der oben genannten Punkte, was zur absoluten Armutsrate beiträgt. Irakische Ökonomen erwarten, daß dieser Trend in den kommenden Jahren STEIGEN wird.
  8. Ein weiterer Faktor, der in Betracht gezogen werden muß, ist die totale Abwesenheit seit 2003 von sozialen Einrichtungen, von Versicherungen und Pensionen, was Leuten ohne Arbeit vorher einen Minimallohn garantierte.
  9. Man darf allerdings nicht aus dem Blick verlieren, daß die obige Entwicklung auf einem bereits empfänglichen Boden Wurzeln schlug, sich über eine Gesellschaft ausbreitete, die bereits durch 13 Jahre Sanktionen, eines von der westlichen, zivilisierten Welt auferlegten Embargos geschwächt war.
  10. Das Versagen des Erziehungssystems wegen mangelnder Gelder (Korruption, Sektierertum, Mangel an Lehrern durch Exil, Ermordung von Akademikern und Lehrern …) sowie ein chronischer Zustand der Unsicherheit durch Gewalt und Armut bedeuten, daß das Analphabetentum (das unter der Herrschaft von Saddam Hussein ausgerottet war) und das erbärmliche Niveau der Erziehung den Arbeitslosigkeit/Armuts-Zyklus noch weiter schwellen lassen und erschweren …

Die KONSEQUENZEN, Nebeneffekte, wenn ihr wollt, dieser Art von Armut haben zur Erhöhung der folgenden sehr ernsten und schweren SOZIALEN Probleme geführt, als da sind:

  • Verbrechen – Entführungen für Geld
  • Menschenhandel: Frauen, Kinder
  • Prostitution
  • Drogensucht
  • Organhandel

um nur ein paar zu nennen …

Zur Erinnerung: der Irak hat die zweitgrößten Erdölreserven der Welt.

Oh Gott, was habt ihr Irak angetan, ihr Bastarde. Was habt ihr Irak angetan!

 


Quelle: An Arab Woman Blues - Poverty in the New Iraq 

Originalartikel veröffentlicht am 3.1.2010

Über die Autorin

Einar Schlereth ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autorin, der Übersetzer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9770&lg=de


UMMA: 18/01/2010

 
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