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18/10/2019
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«Kulturelles Bewusstsein»

USA schicken Frauen an die Front-Teams der Marines suchen Kontakt mit weiblichen afghanischen Dorfbewohnern


AUTOR:  Elisabeth BUMILLER

Übersetzt von  Zeit-Fragen


zf. Das Argument der «Frauenbefreiung» musste herhalten, als die mächtigste Militärmaschinerie der Welt vor neun Jahren einen Bombenkrieg gegen eines der ärmsten Länder der Welt begann, unter dem seither die Zivilbevölkerung und damit Frauen und Kinder täglich unsäglich leiden. Nachdem offensichtlich ist, dass die gesamte US-Armee und ihre Nato-Alliierten militärisch am Ende sind und der vorgebliche zivile Aufbau nirgends in Sicht ist, soll es der «weibliche Faktor» richten: Weibliche Marines sollen – so die Vorstellung der US-Generäle – mit Pferdeschwanz, Kinderspielen und Plaudern das Vertrauen der afghanischen Frauen gewinnen, um «Informationen zu gewinnen» …

In einem kürzlich durchgeführten Kurs über «kulturelles Bewusstsein» machten sich US-Marineinfanteristen sorgfältige Notizen, während ein Instruktor sie in Verhaltensregeln im Gespräch mit Dorfbewohnern in Afghanistan ausgebildet hat: Beginnt nicht, sie mit Fragen zu bombardieren! Brecht das Eis, indem ihr mit den Kindern spielt! Lasst nicht zu, dass der Dolmetscher die Unterhaltung an sich reisst!

Und noch etwas: «Wenn ihr eine Pferdeschwanzfrisur tragt», erklärte Maria Keilpinski, die Instruktorin, «lasst ihn hinten aus dem Helm hervorkommen, so dass die Leute sehen können, dass ihr eine Frau seid.»


Weibliche Marines in Camp Pendlleton (Kalifornien), die nächsten Monat in der afghanischen Provinz Helmand eingesetzt werden sollen, um  die Frauen des ländlichen Afghanistans auf ihre Seite zu kriegen.

Es sind nicht die Marines unserer Mütter hier im wilden kalifornischen Unterholz von Camp Pendleton; hier bereiten sich 40 junge Frauen in einem zukunftsorientierten Experiment des amerikanischen Militärs auf den Einsatz in Afghanistan vor.

Sie werden ihre Arbeit nächsten Monat beginnen als Mitglieder der ersten «Frauen-Einsatzteams», wie das Militär die vier- und fünfköpfigen Einheiten nennt, die in der Provinz Helmand Männer auf Patrouille begleiten sollen, um damit die Frauen des ländlichen Afghanistans auf ihre Seite zu kriegen, die kulturell für aussenstehende Männer tabu sind.

Die Teams, die Frauen in ihren Häusern kennenlernen, deren Bedarf an Hilfe abschätzen und Informationen sammeln sollen, sind Teil von General Stanley A. McChrystals Kampagne zur Gewinnung der afghanischen «hearts and minds», der «Herzen und Gemüter».

Seine Offiziere sagen, man könne das Vertrauen der afghanischen Bevölkerung nicht gewinnen, wenn man nur mit der einen Hälfte spreche. «Wir wissen, dass wir etwas bewirken können», sagte Captain Emily Naslund, 26, Führungsoffizierin ihres Teams und zweite des Kommandos.

Wie die andern 39 Frauen hat sich Captain Naslund freiwillig für das Programm gemeldet und strahlt Überschwenglichkeit aus, ist aber nicht naiv hinsichtlich der vor ihnen liegenden Frustrationen und Gefahren. Die Hälfte der Frauen war schon einmal im Einsatz, die meisten im Irak.

«Wir alle wissen, dass das, was man erwartet, meist nicht das ist, auf das es schliess-lich hinausläuft», sagte Sergeant Melissa Hernandez, 35, die sich verpflichtete, weil sie etwas wollte, das sich von ihrem Bürojob im Camp Victory, dem US-Hauptquartier in Bagdad, unterschied.


Um die vierzig Frauen, in kleine Einheiten verteilt, sollen die Männer auf Patrouille begleiten und die Frauen in ihren Häusern kennenlernen.

Gemäss Vorstellung werden die Teams wie Politiker arbeiten, die von Tür zu Tür gehen und in Erfahrung bringen, was die Wähler beschäftigt. Ein Team soll im Dorf ankommen, vom ältesten Mann die Erlaubnis erhalten, mit den Frauen zu sprechen, ein Lager aufschlagen, Schulmaterial und Medikamente abgeben, Tee trinken, sich unterhalten und im Idealfall Informationen über das Dorf, örtliche Klagen und die Taliban erhalten.

Was auch immer dabei herauskommen wird: Die Teams widerspiegeln, in welchem Ausmass sich das Militär im Laufe von neun Jahren des Krieges adaptiert hat, nicht nur in der Art der Kampfführung, sondern auch bezüglich der Verschiebung der Geschlechterrollen in seinen Reihen. Im Marine Corps, welches das Image des am stärksten Testosteron-getriebenen Dienstes pflegt, machen Frauen nur 6 Prozent aus, und sie sind offiziell noch von den Kampfeinheiten ausgeschlossen.

Aber wenn Frauen für kritische Aufgaben wie Bombenentschärfung oder Spionage gebraucht wurden, werden die Frauen-Einsatzteams mit bürokratischen Taschenspielertricks, die sowohl US-Armee wie Marines in Irak und in Afghanistan einsetzen, an rein männliche Einheiten innerhalb der First Marine Expeditionary Force «angehängt» – für die Frauen eine Quelle des Stolzes und der Aufregung. «Als ich davon hörte, sagte ich: ‹Oh, einverstanden, gehen wir!›», so Corporal Vanessa Jones, 25.

Die Idee der Teams entstand im Löwinnen-Programm im Irak, bei dem weibliche Marines eingesetzt wurden, um an Checkpoints irakische Frauen zu durchsuchen. Im vergangenen Jahr haben Armee und Marines Ad-hoc-Frauen-Einsatzteams zusammengestellt, aber die Frauen waren übereilt von der Arbeit als Köche oder Ingenieure abgezogen worden.

Die Frauen in Pendleton gehören zu den ersten, die ausschliesslich für diese Mission ausgebildet werden. «Jeder Marine möchte aus dem Draht rausgehen», sagte Korporal Michele Greco-Lucchina, 22, und meint damit Aufträge ausserhalb von Basen. «Wir alle treten aus unterschiedlichen Gründen bei, aber das ist die Grundlage, um Marine zu sein.»


Letzten Monat in Camp Pendleton leitet Korporal Michele Greco-Lucchina (in der Mitte) eine Gruppe bei einer Übung in« kulturellem Bewusstsein »

Die Frauen, sagte sie, seien nicht auf Gefechte aus und würden in Gebieten arbeiten, die von Militanten weitgehend gesäubert seien. Aber für einen Krieg ohne Fronten haben sie einen ausgedehnten Wiederholungskurs in Gefechtstraining besucht, um auf Überfälle und Heckenschützen vorbereitet zu sein.

Auf Patrouille werden die Frauen M-4-Gewehre tragen, die kürzer und handlicher sind als die beim Militär standardmässigen M-16er, aber – so hat man sie instruiert – wenn sie erst einmal in einem afghanischen Lager mit ausserhalb postierten Marine-Wachen seien, sollten sie, vorausgesetzt sie fühlten sich sicher, ihre Gewehre ablegen und ihre einschüchternden Helme und Panzerwesten ausziehen.

Man hiess sie auch, Verständnis für die örtlichen Bräuche zu haben und unter dem Helm ein Kopftuch zu tragen, oder, sollte das zu heiss und unhandlich sein, den Schal um den Hals zu tragen und ihn als Kopfbedeckung zu benutzen, sobald sie die Helme drinnen ausgezogen hätten.

Marines, die mit den Ad-hoc-Teams in Afghanistan gearbeitet haben, erklärten, dass Landfrauen, von Aussenstehenden kaum je gesehen, mehr Einfluss in ihren Dörfern ausübten als männliche Kommandanten denken mögen, und dass das Wohlwollen der afghanischen Frauen Männer wie Frauen weniger misstrauisch gegenüber amerikanischen Truppen machen könnten.

Captain Matt Pottinger, ein in Kabul stationierter Geheimdienstbeamter, der bei der Schaffung und Ausbildung der ersten Einsatzteams mithalf, schrieb kürzlich, dass beim Besuch eines Teams in einem Dorf im südlichen Afghanistan ein graubärtiger Mann den Frauen sein Haus öffnete und sagte: «Eure Männer kommen, um zu kämpfen, aber wir wissen, dass Frauen hier sind, um zu helfen.» Verlegen habe der Mann auch zugegeben, schrieb Captain Pottinger im Small Wars Journal, einer Online-Publikation, Frauen seien «gut für meine alten Augen».

Frauen des ländlichen Afghanistan, die sich an Brunnen treffen und Neuigkeiten über das Dorf weitergeben, sind oft Fundgruben an Informationen über das Sozialgefüge eines Distriktes, über einflussreiche Personen und Militante – lauter wesentliche Angaben für die amerikanischen Streitkräfte.

Bei manchen Gelegenheiten haben Frauen, so Captain Pottinger in einer -EMail-Nachricht, Informationen über bestimmte Aufständische oder die Hersteller von Bomben geliefert.

Als Teil ihrer Unterhaltungen mit afghanischen Frauen sollen die Marines grundlegende Fragen stellen, etwa welches das grösste Problem sei, vor dem das Dorf stehe. Die Antworten kommen in eine Datenbank, die Militär und Entwicklungshelfer anleiten soll. So erklärte Frau Kielpinski, die Instruktorin, den Marines: «Wenn die Bevölkerung berichtet hat, dass Bewässerung ihr grösstes Problem ist und eure Einheit etwas dafür tut, ist das ein gewaltiger Erfolg.»

Einstweilen sind die Frauen noch besorgt, was an Unbekanntem auf sie zukommen wird. Captain Clair Henry, 27, Kommandantin ihres Teams, sagte, sie mache sich wie jeder Offizier Sorgen über die Verantwortlichkeiten gegenüber den Frauen, die unter ihr arbeiten.

«Du bist drauf und dran, Marines auf einen unheilvollen Weg zu bringen», sagte sie, «und letzten Endes möchte man sicher sein, dass man ihnen die richtige Ausbildung gegeben hat und dass sie körperlich und mental darauf vorbereitet sind.»  


Quelle:    Letting Women Reach Women in Afghan War

Fotos Monica Almeida/The New York Times

Quelle dieser Übersetzung: Zeit-Fragen

Originalartikel veröffentlicht am 6.3.2010

Über die Autorin

Zeit-Fragen ist ein Partner von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autoren, die Übersetzer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10209&lg=de


FRIEDEN UND KRIEG: 25/03/2010

 
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