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06/12/2020
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„Keine Chance für Frieden mit Netanjahu“: Interview mit Dr. Hanan Ashrawi


AUTOR:  Natasha MOZGOVAYA Наташа Мозговая נטשה מוזגוביה

Übersetzt von  Ellen Rohlfs


Gekürzt

Dr. Hanan Ashrawi, die erste Frau, die als Mitglied des PLO-Executive-Komitees gewählt wurde, ist skeptisch, ob Ministerpräsident Benyamin Netanjahu und der Präsident Mahmoud Abbas der PA vorankommen, wenn US-Präsident Barack Obama tatsächlich mit einem neuen Nahostfriedensplan vorangehen.

„Ich kannte Netanjahu schon vor Madrid (1991)“, sagte sie zu Haaretz.

„Denke ich, dass mit dieser Regierung Frieden möglich ist? Nein. Diese Regierung tut alles Mögliche und in jeder Weise, um die Perspektive des Friedens zu unterminieren. Sie kommt Gesprächen zuvor,  handelt einseitig, fordert heraus, provoziert,  eskaliert besonders in Jerusalem. Und die Sprache, die von einigen Mitgliedern der Koalition kommt, ist die Sprache von reinem Rassismus und Hass. Es ist also nicht nur die Politik – es sind die Aktionen vor Ort. Und zwar bis zu dem Punkt, dass sie wirklich wie Besatzer handeln wollen und zwar nicht nur auf der Westbank und im Gazastreifen, sondern auch in Washington.

Politisch hat sich Netanjahu entschieden, mit der Shas und Yisrael Beiteinu zu arbeiten; und diese Art von Koalition bedeutet nichts Gutes für Frieden und Stabilität oder Gewaltlosigkeit oder jede Art von verantwortlicher Kommunikation. Aber ich kann wirklich nicht voraussehen, was mit einer anderen Regierung geschehen wird. Denn was wir sehen müssen, sind nicht bestimmte Statements und Proklamationen, sondern Taten vor Ort“

…..

Sie waren in den USA in der Woche als  das  spannungsgeladene Treffen Netanjahu-Obama war. Was haben Sie bei Ihren Vorträgen und Treffen  dort gehört?

„Im Ganzen hatten die Leute das Gefühl, dass Israel zu weit gegangen ist und dass es auch die amerikanischen Interessen in Betracht ziehen muss – nicht nur seine eigenen Interessen. Ich möchte nicht sagen, dass es einen Wendepunkt gibt – es gibt immer noch eine Verpflichtung gegenüber Israels strategischen Interessen  … aber im allgemeinen sind die Leute bereiter kritisch zu sein. Ich denke, es reicht bis zur Regierungsebene.  Da gibt es Dinge, die nicht getan werden können – wenn sie dir erzählen, dass dies die nationale Sicherheit und Interessen schädigt, und man fortfährt und sagt .. dies sind nicht nur Sicherheitsinteressen, es ist Expansionismus und illegale Handlungen, die keiner anerkennt“…

PM Netanjahu sagte – und die Außenministerin Clinton stimmte ihm zu – dass er den Palästinensern mehr als jeder andere israelische Führer vor ihm  angeboten habe.

„Das ist nur Rhetorik. Es ist eine Fiktion: dieses Einfrieren des Siedlungsbaus. Er baut in und rund um Jerusalem mit zunehmender Geschwindigkeit. Er baut öffentliche Institutionen, er kündigt neue Siedlungen an. Es ist also eine große Täuschung, um die Illusion zu schaffen, dass er positiv sei.

Als dem israelischen PM eine kalte Schulter in Washington gezeigt wurde, was dachten Sie?

Ich dachte, wenn die Amerikaner dies nicht getan hätten, dann wäre das sehr demütigend gewesen und sehr beleidigend. Sie können dies nicht einfach ignorieren. Früher oder später müssen die US die Kultur der Straflosigkeit beenden. Israel muss sich auch an die Regeln halten. Wenigstens klingen die Töne aus der US-Regierung jetzt fester als vorher. Netanjahus Regierung ging zu weit, sogar mit den engsten Verbündeten, einem Patron und Wohltäter. Sie gingen zu weit und zwar mit solch einer  Arroganz, die keiner ertragen kann. Ich bin mir sicher, er wusste über die Siedlungen Bescheid und außerdem, wenn er nichts gewusst hätte, das entschuldigt ihn nicht vom Verbrechen. Er sollte es wissen .. er meinte, das seien Pläne von früher. Aber dann begann er über die Dinge vor 3000 Jahren zu reden, und dass Jerusalem unsere Hauptstadt sei und wir  weiterbauen werden – diese Art der Ideologie ist keine zeitgemäße Sprache. Es steht im Widerspruch zu Verhandlungen oder Frieden. Es ist eine ideologische Sprache. Wenn man keinen Frieden will – ist es OK so zu reden. Du zitierst aus der Bibel, andere werden aus dem Koran oder aus dem neuen Testament zitieren. Das ist lächerlich.“

Denken Sie, dass Obama es schaffen wird?

„Ich weiß nicht, ob er eine Lösung bringen wird, aber ich denke, dass wir anfangen, eine Art Entschlossenheit im Interesse der Amerikaner zu sehen. Dieses letzte Jahr war  ein wirklicher Rückschlag für den Frieden. Die Mitchell-Mission war völlig sinnlos und vergeblich. Er kam mit einem Standpunkt, dass der Siedlungsbau gestoppt  werden muss – und zwar alle – und Netanjahu zog ihn in eine Diskussion über Details und Techniken und gab ihm einen Überblick über die Jerusalemer Siedlungen. Uns läuft die Zeit davon, und das ganze Jahr war verschwendet…Senator Mitchell ist nicht unerfahren auf diesem Feld, und es ist eine Schande, dass er so endete auf dem Weg von Netanjahu. Die Amerikaner schwächten Abu Mazen und die PLO und die moderaten und säkularen Stimmen in Palästina.

Aber als es die Amerikaner zu Hause traf, scheint es, als würden sie eine entschlossenere Haltung einnehmen. Ob sie weitergehen werden? Wir werden es sehen. Es hängt von einer Menge Leute ab, einschließlich der Israel-Lobby, anderen jüdisch-amerikanischen Organisationen, den Arabern, den Palästinensern. Man muss mit vereinten Anstrengungen den Amerikanern sagen, dass es da eine Situation geben kann, in der jeder gewinnt.“

Wie ist es mit der Behauptung, die Palästinenser würden nur langsam ihren Teil von Verpflichtungen erfüllen? Wie z.B. die Hetze ( in Schulbüchern) gegen Israel?

„Das ist eine fadenscheinige Entschuldigung. Weil  diejenigen, die sich diese Schulbücher ansehen, genau wissen, dass sie revidiert wurden und jetzt viel besser sind. Sie sollten anfangen,  mit einem Vergrößerungsglas die Rhetorik in Israel anzusehen. Offen gesagt, ich sehe mehr Hetze in Israel als in Palästina“.

Was ist das größte Hindernis zum Frieden auf der palästinensischen Seite?

„Wir haben unsere Probleme, nicht zuletzt der innere Streit und die Teilung … Abu Mazen ging sehr weit, als er versuchte, den Interessen der Israelis entgegen zu kommen. Aber die palästinensische öffentliche Meinung bewegt sich eher  zu einer härteren Position“ …

Was denken sie über den Goldstone-Bericht, der von den US zurückgewiesen wurde?

„Ich denke, dass das ein guter Bericht war. Er war ehrlich und mutig, und er versucht, aufzuzeigen, dass es da Probleme auf beiden Seiten gibt. Dass der Bericht in den USA zurückgewiesen wird, ist die übliche Prozedur mit den Israelis. Die USA nehmen Israel immer in Schutz oder im Sicherheitsrat der UN oder bei jedem anderen Bericht, denn es ist ein Teil ihres Lebens. Es scheint mir, dass die USA dabei ist, diese Schutzkappe zu heben – dann  werden sie sich vielleicht in der Weise verhalten, die  dem Gesetz und  den Erfordernissen entsprechen“.

Kerry WaghornSie sind Christin. Viele Christen wandern in den Westen aus. Wie sehen Sie ihre Situation?

„Die Besatzung ist extrem schwierig. Diejenigen, die andere Möglichkeiten haben, mögen gehen, die Christen wie die Muslime. Wir haben eine ernsthafte Abwanderung der Intelligenz, die wir dringend für den Aufbau eines Staates bräuchten. Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Die Aussichten für einen Frieden verschwinden rasend. Es gibt ein Gefühl großer Dringlichkeit.“

……

Welche Zukunft sehen Sie für Gaza?

„Wir bräuchten dringend Versöhnung und wir hoffen, dass das ägyptische Dokument von der Hamas unterschrieben wird“.

Und hinsichtlich Gilad Shalit?

„Es sollte so bald wie möglich einen Gefangenenaustausch geben“.

Glauben Sie, ein palästinensisch-israelisches Abkommen wird helfen, das Iranproblem zu lösen?

„Ich denke, das würde helfen. Wenn man den palästinensisch-israelischen Konflikt löst, könnten viele andere Probleme dieser Region gelöst werden. Er stößt viele Bewegungen hier in Extremismus. Ich denke, der einzige Weg mit diesen Problemen hier fertig zu werden, wäre eine atomwaffenfreie Region. Sie sollte frei von Massenvernichtungswaffen sein, von atomaren und anderen. Die Palästinenser sehen den Iran  natürlich nicht als Bedrohung an  - der Iran hilft der Hamas. Aber es ist keine strategische oder ideologische Verbindung, es ist ein Kooperation, die den Interessen beider hilft. Nicht  alle arabischen Länder sehen den Iran in dieser Weise. Aber ich denke, dass  nicht ein Krieg die Probleme löst – ob einseitig von Israel  aus oder dass die Amerikaner dahin gestoßen werden. Ich denke, das wäre extrem gefährlich – die Region kann sich keine militärische Konfrontation mit dem Iran leisten.  Dies würde die Stabilität und Sicherheit der ganzen Region gefährden und natürlich würde es globale Auswirkungen haben.“


Quelle: Haaretz-No chance for peace with Netanyahu, Ashrawi says

Originalartikel veröffentlicht am 7.4.2010

Über die Autorin

Ellen Rohlfs ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autorin, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10297&lg=de


KANAAN: 13/04/2010

 
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