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17/01/2017
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Weder Maoist noch Gandhianer, einfach Adivasi

Bin ich ein Maoist?


AUTOR:  Gladson DUNGDUNG

Übersetzt von  Einar Schlereth. Herausgegeben von Fausto Giudice


Ich erschien im der Öffentlichkeit durch meine Menschenrechtsarbeit, Schriften und Reden. Ich erreichte  jedoch ein größeres Publikum, als ich im vorigen Jahr die Chance erhielt, auf CNN-IBN und NDTV-24x7 in Debatten über das Thema Naxalismus aufzutreten. Nach diesen Debatten bekam ich eine Menge positiver und negativer Antworten aus dem ganzen Land. Ich war empört, dass ich manchmal gerade die negativsten Antworten von Jugendlichen erhielt, die unbewusst den Mächten des Marktes hinterherrennen. Sie stellten mir schonungslos die Frage, ob ich Geld von Pakistan, Nepal oder China erhielte, weil ich gegen den indischen Staat spräche. Ich antwortete einigen von ihnen mit ausführlichen Erklärungen, aber viele glauben P. Chidambarams (Innenminister) Theorie von dieser oder jener Seite und waren daher meinen rationalen Argumenten gegenüber unzugänglich.

Unterdessen fuhr ich fort, die wichtigen Themen der marginalisierten Völker Indiens aufzugreifen. Unterdessen wurde auch die sogenannte Operation Green Hunt (OHH = Operation Grüne Jagd) im Staat Jharkhand im Namen der Säuberung von den Maoisten eingeleitet. Ich versuchte verzweifelt, die Wahrheit über die OGH, die Absichten des indischen Staates mit der OGH und die Leiden der Dorfbewohner durch die OGH ans Licht zu bringen. Als Ergebnis intensivierten sogenannte gebildete Leute ihre mehr persönlichen Angriffe gegen mich. Es gibt auch ein paar e-Gruppen, die versuchten, mich als Maoisten-Sympathisanten und -Unterstützer abzustempeln. Am Ende porträtierten sie mich als Maoisten-Ideologen. Ich musste lachen, lachen, lachen. Wie kann eine Person plötzlich ein Maoisten-Ideologe werden, ohne ein eingehendes Studium des Maoismus gemacht zu haben? Ich habe niemals etwas über den Maoismus gelesen.

Ich lese bewusst nichts über irgendwelche Ideologien, weil ich weiß, dass die Maoisten die Adivasi den Maoismus lehren. Die Gandhianer lehren sie den Gandhismus und die Marxisten wollen, dass sie mit dem Marxismus marschieren; aber niemand kümmert sich um den Adivasismus, der der beste 'Ismus' von allen ist, der vielleicht zu einer gerechten und gleichen Gesellschaft führt. Ich habe Fragen aufgeworfen, weshalb der indische Staat bewusst den Adivasismus zerstört hat. Die Adivasi-Religion wurde von der indischen Verfassung nicht anerkannt, die traditionelle Selbst-Verwaltung wurde vernachlässigt, die Kultur wurde zerstört, das Land wurde gestohlen und unsere Ressourcen wurden im Namen der Entwicklung geraubt. Und was haben wir davon gehabt? Sollen wir still halten? Sind wir nicht Bürger dieses Landes, die gleich behandelt werden müssen? Kümmern sie sich um unser Leiden?


Adivasi Tanz, Warli Gemälde von Isha Wahan, 2001

Ich bin einer dieser unglücklichen Menschen, die alles verloren haben für die sogenannte Entwicklung der Nation, und ich kämpfe selbst heute noch täglich um das Überleben. Als ich gerade einmal ein Jahr alt war, wurde meine Familie vertrieben. Unsere 5 Hektar fruchtbaren Bodens wurden uns weggenommen im Namen der Entwicklung. Das Land unserer Vorfahren wurde unter Wasser gesetzt durch einen Staudamm, der 1980 am Chinda-Fluß in der Nähe der Stadt Simdega gebaut wurde. Wir verloren unser Haus, unsere Felder und Gärten und uns wurden nur 11 000 Rupien [= 190€] als Kompensation bezahlt. Als das ganze Dorf dagegen protestierte, wurden alle ins Gefängnis von Hazaribagh gesteckt. Kann eine Familie von sechs Personen Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Erziehung und Gesundheitsfürsorge für ein ganzes Leben mit 11 000 Rs bezahlen?

Nach der Vertreibung hatten wir keine andere Wahl als in dem dichten Wald zu siedeln, um unseren Lebensunterhalt zu sichern. Dort hatten wir ein kleines Stück Land erworben. Wir sammelten immer Blumen, Früchte und Holz, um die Familie zu unterhalten. Wir hatten auch ausreichendes Vieh, was zum Lebensunterhalt beitrug. Überflüssig zu sagen, dass die staatliche Unterdrückung gegen uns weiterging. Als wir im Wald lebten, wurde mein Vater  mit vielen Anzeigen vom Forstministerium (dem größten Grundbesitzer des Landes) überhäuft, die ihn des unbefugten Eindringens und Holzfällens bezichtigten. Ein Schulgebäude gab  es nicht in unserem Dorf – weshalb wir unter den Bäumen lernten, und wenn es regnete, war die Schule geschlossen. Aber mein Vater lehrte uns immer, für Gerechtigkeit zu kämpfen. Obwohl es schwer für ihn war, die Familie zu unterhalten, hörte er niemals auf, sich für die Gemeinschaft einzusetzen.

Unglücklicherweise wurden meine Eltern am 20. Juni 1990 brutal ermordet, als sie nach Simdega zum Gericht gingen, um einem Prozess beizuwohnen, und wir vier Kinder wurden Waisen. Kann sich jemand vorstellen, wie sehr wir danach litten? Das Schlimmste war, dass die Schuldigen niemals vor Gericht kamen. Kann uns jemand sagen, warum der indische Staat uns keine Gerechtigkeit widerfahren ließ, der unser Hab und Gut im Namen der Entwicklung raubte? Warum gibt es selbst heute keine Elektrizität in meinem  Dorf? Warum bekommt mein Volk kein Wasser für seine Felder, deren Land für Bewässerungsprojekte gestohlen wurde? Warum gibt es keine Elektrizität in diesen Häusern, die ihr Land für  ein Stromkraftwerk opferten? Und warum leben die Leute immer noch in kleinen Lehmhäusern, deren Land wegen eines Stahlwerks geraubt wurde? Es scheint, dass die Adivasi nur geboren wurden, um zu leiden, und dass andere auf ihren Gräbern tanzen können.

Nach einem langen Kampf geriet unser Leben wieder in normale Bahnen, aber meine Leiden und Schmerzen waren damit nicht zu Ende. Als ich als Beamter eines staatlichen Programms arbeitete, das von der Europäischen Kommission finanziert wurde, stellten ein höherer Regierungsbeamter und der Herausgeber einer Zeitung (beide aus einer hohen Kaste) meine Referenzen in Frage und fragten, wie ich als Adivasi in so eine verantwortungsvolle Position habe kommen können. Oder, als ein Freund mich mitnahm, um ein frisch verheiratetes Paar einer höheren Kaste in Ranchi zu treffen, wurde es mir nicht erlaubt, es zu treffen, weil sie meinten, dass wenn ich als Adivasi das Paar treffen würde, könnte es unglücklich werden und ihr ganzes Leben zerstört werden. War ich für sie ein Teufel?

Als ich jedoch in eine andere Firma eintrat, grub man mir völlig das Wasser ab, und ich bekam nicht die Position, die ich rechtens verdiente. Ich wurde rassisch diskriminiert, ökonomisch ausgebeutet und geistig zerrüttet. Kann mir irgendjemand sagen, warum ich nicht für Gerechtigkeit kämpfen sollte? Können diese sogenannten Unterstützer des ungerechten Entwicklungsprozesses, die nicht ein Zoll Land für das sogenannte nationale Interesse geopfert haben und mich als maoistischen Ideologen, Sympathisanten und Unterstützer  brandmarken, mir sagen, warum ich mein Maul halten soll und aufhören soll, gegen Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Diskriminierung zu schreiben?

Ich habe im Namen von Entwicklung alles verloren, und jetzt habe ich nichts zu verlieren, und deshalb bin ich entschlossen, für mein Volk zu kämpfen, weil ich nicht will, dass es im Namen der Entwicklung festsitzt. Ich habe den demokratischen Weg des Kampfes gewählt, den die indische Verfassung im Artikel 19 garantiert. Eine Feder, ein Mund und Geist sind meine Waffen. Ich bin weder Maoist noch ein Gandhianer, sondern ein Adivasi, der entschlossen ist, für sein Volk zu kämpfen, das der indische Staat entfremdet, vertrieben und seiner Ressourcen beraubt hat, und der es selbst heute noch täglich tut im Namen der Entwicklung, der nationalen Sicherheit und des nationalen Interesses.


Quelle: CounterCurrents-Am I a Maoist?
 
Originalartikel veröffentlicht am 3.5.2010

Über den Autor

Einar Schlereth und Fausto Giudice sind Mitglieder von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Herausgeber als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10526&lg=de


TAIFUNZONE: 10/05/2010

 
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