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12/11/2018
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»Der Mensch muss träumen können«

Mehr Gewalt für die Ohnmächtigen


AUTOR:  Jakob Moneta, März 1978


Jakob Moneta ist heute 92 Jahre und Mitglied der PDS. Er wurde in einer jüdsichen Familie 1914 geboren und wurde Trotskyst sehr jung. 1933 wanderte er nach Palästina aus aber kehrte nach Deutschland 1948 zurück, einige Monate vor der Gründung des Staates Israel. Moneta war nämlich kein Zionist.

Von1953 bis 1962 war er Sozialreferent der deutschen Botschaft in Paris und wurde1962 Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung Metall in Frankfurt am Main. Diesen Text schrieb er nach dem "deutschen Herbst" von 1977, nach der Flugzeugentführung von Mogadiscio und den Toden von Andreas Baader und Gudrun Ensslin, Gründern der Roten Armee-Fraktion, in Stammheim am 18. Oktober. Sein Zugnis über seine Erfahrung in Palästina ist wichtig : er beweist, dass nicht alle linken Juden , die nach Palästina flohen, Zionisten waren . Danke Tlaxcala, ist dieser Text, erschienen im Kursbuch von März 1978, endlich verfügbar im Internet.
I.
Blazowa liegt zwischen Krakau und Lemberg, westlich des Flusses San, der die Polen von den Ukrainern trennt. In Ostgalizien heissen sie Ruthenen. Als ich vier Jahre ait wurde, am 11. November 1918, ist die Republik Polen gegründet worden. Josef Pilsudski liess sich zum provisorischen Staatsoberhaupt ausrufen. Er war einmal Mitbegründer und Führer der polnischen Sozialistischen Partei gewesen. In Vilna gehörte er eine Zeitlang der gleichen illegalen Gruppe an wie Leo Jogiches, Kampfgenosse von Rosa Luxemburg, der wie sie von der deutschen Konterrevolution ermordet wurde. 1926 kam Marschall Pilsudski durch einen Staatsstreich zur Macht und errichtete ein autoritäres Regime. Die Wïedervereinigung von Galizien, das unter österreichischer Verwaltung, und von Kongress-Polen, das unter russischer Verwaltung stand, und von Preussisch-Polen, die Befreiung ihres Landes unter Pilsudski, feierten die Polen in meiner Geburtsstadt Blazowa - und nicht nur dort - mit einem Judenpogrom.

Dicht zusammengedrängt sassen Juden in einem Zimmer, Männer, Frauen und Kinder. Die Fenster hatten sie mit Matratzen verstellt, damit kein Licht nach aussen drang. Bewaffnete drangen in den Raum, schleppten einzelne hinaus, verprügelten sie, tasteten sie roh nach Geld ab. Meine Mutter wurde hinausgezerrt. Mein Vater wollte ihr helfen. Er erhielt einen Kolbenschlag, der ihm das Trommelfell zerschlug. Ich sah, wie meine Mutter sich an den Türpfosten klammerte, hörte ihren Hilferuf: “Gewalt!”. Der Bewaff­nete, der sie mit Füssen trat, war ein polnischer Schulkamerad von ihr. Der von polnischen Nationalisten genährte Judenhass konnte sich nicht überall an Wehrlosen entladen. Dort, wo der »Bund«, die stärkste organisierte Kraft im jüdischen Proletariat seine bewaffneten Kampftruppen gebildet hatte, holten sich die Pogromisten meist blutige Köpfe. Gegenwehr leisteten nicht nur Juden, sondern auch klassenbewusste Arbeiter jeder Nationalität. Für sie war der Antisemitismus eine gefährliche Propagandawaffe des Klassenfeindes. Man musste ihn bekämpfen. Mit allen Mitteln. Meinen Vater nannte man in Blazowa den “Deutschen”. Er war von Frankfurt am Main gekommen und hatte in dem kleinen galizischen Textilstädtchen seine Frau gefunden.  Nach dem Pogrom erstattete er Anzeige gegen die Rädelsführer. Sie drohten ihm Rache an. Daraufhin kehrte er nach Deutschland zurück. So kam ich 1919 nach Köln. Mit fünf Jahren wurde ich eingeschult. Schon mit drei Jahren hatte man mir im “Cheder”, einer Art Religionsschule, das hebräische Alphabet beigebracht. In Köln ging ich vormittags zur Schule und nachmittags ins »Cheder«, wo die Bibel in hebräisch und später der Talmud in aramäisch gelehrt wurde, Die Lehrer waren meist verkrachte Händler. Einer hatte stets eine lange Hundepeitsche, mit der er jeden erwischte, der unbotmässig war oder falsche Antworten en gab.

Wenn wir aus dem Cheder herauskamen, stand uns dann meist der eigent-liche Kampf bevor. Draussen wurden wir bereits von einer jungen Bande erwartet, die sich mit HEP-HEP-Geschrei auf die Judenjungen stürzte. Wir mussten lernen, entweder schneller zu laufen als sie, oder aber uns zu wehren. Aus dem Milieu der Cheder-Schüler gingen eine Reihe bekannter Amateurboxer hervor. Die Selbstverteidigung hatte zu ihrer sportlichen Ausbildung beigetragen.

HEP ist eine Abkürzung fur "Hierosilima est perdita - Jerusalem ist verloren". Ich begann von diesem verlorenen Jerusalem zu träumen. Eine jüdische Légende sagt, dass immer um Miiternacht ein Schakal über den verwüsteten Platz in Jerusalem läuft, auf dem die Römer im Jahre 70 nach Christi Geburt den Tempel zerstörten. Wenn es gelingt, diesen Schakal zu fangen, dann ersteht das alte judische Reich in seiner ganzen Herrlichkeit wieder auf. Was lag näher als dass ich, fast 1900 Jahre nach der Tempelzer-störung, diesen Schakal fangen würde. Die praktische Vorbereitung begann ich mit meinem Eintritt in eine zionistische Jugendgruppe. Aber noch lebten auch die Zionisten nicht in Palästina. Die deutsche Arbeiterbewegung, damals die mächtigste der kapitalistischen Welt, zog auch die zionistische jüdische Jugend in ihren Bann. Neun Millionen Stimmen hatte die fast eine Million Miiglieder starke SPD in den Reichstagswahlen 1924 erhalten und zog mit 152 Abgeordneten ins Parlament ein. Die KPD eroberte 54 Sitze, die nsdap - die Nazis - nur 12. In Preussen hatten die Sozialdemokraten mit 229 von 450 Sitzen die absolute Mehrheit errungen. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) hatte 4,7 Millionen Mitglieder, der Arbeiter-Turn- und Sportbund 770 ooo, der Arbeiter-Radfahrbund "Solidarität”- 220000. Es gab einen Arbeiter-Athletenbund, einen Schachbund, Samariterbund und sogar einen Schützenbund. Die Arbeiterbewegung schuf eine Gegengesellschaft im kapitalistischen Staat.

Als der Sozialdemokrat Hermann Müller die neue Reichsregierung bildete, erklärte sein Innenminister Karl Severing, die neue Regierung habe die Absicht, vier Jahre Ferien zu machen. Ferien von Regierungskrisen, Pro-grammentwürfen und Richtlinienberatung. In den Ferien würde man vier Jahre praktische Arbeit zum Aufbau der Republik leisten.

Der Abglanz von all dem fiel auch auf uns, die lernende, die lesende, die arbeitende jüdische Jugend. Wir wurden meist Sozialisten. Nicht immer durch Karl Marx, obwohl uns die wuchtige Sprache des Kommunistischen Manifestes mitriss. Leonhard Franks Der Mensch ist gut weckte unseren Hass gegen den Krieg. Hitler liess ihn dieses Buches wegen ausbürgern. Upton Sinclairs Der Sumpf schärfte unser soziales Gewissen. Sein Boston, wo er den Justizmord an Sacco und Vanzetti schildert, und Henri Barbusses Tatsachen wühlten uns auf gegen die Klassenjustiz.

Im Jahre 1929 setzte die hereinbrechende Winschaftskrise der »praktischen Arbeit zum Aufbau der Republik- durch die Sozialdemokraten ein rasches Ende. Die Zahl der Erwerbslosen erreichte zwei Millionen, ein Jahr später drei Millionen. Bis 1933 sollte sie auf sechs Millionen steigen. Dazu kamen Millionen Kurzarbeiter. Die Landwirte erzielten fur ihre Produkte in der Krise geringere Preise. Das Handwerk und die freien Berufe gerieten in den Strudel der Krise. Bestechungsskandale erschütterten zudem die politische Glaubwürdigkeit der SPD. In den Reichstagswahlen vom September 1930 verloren die Sozialdemokraten dennoch nur eine halbe Million Stimmen; die Stimmenzahl der KPD stieg sogar von 3 '/4 auf 4 1/2 Millionen. Entschei-dend aber war, dass die Nazis von 800 ooo auf 6,5 Millionen anstiegen und 107 Mandate eroberten. Von vier Millionen Neuwählern waren drei Millio­nen zu Hitler gegangen, 2 1/2 Millionen hatte er von anderen Rechtsparteien gewonnen.

Die wachsende politische Unruhe in der SPD wurde mit Disziplinierungs-massnahmen und Ausschlüssen beantwortet. Im Oktober 1931 gründeten die ausgeschlossenen Reichstags-Abgeordneten Max Seydewitz und Kurt Rosenfeld die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP). Ihre Jugendorganisation, der “Sozialistische Jugendverband” (SJV), zog einen grossen Teil der sozial-demokratischen Jugend herüber. Ich trat zusammen mit anderen Mitglie-dem der zionistisch-sozialistischen Jugend in den SJV ein und setzte so meinen Fuss auf die Strasse, die mich zum Internationalismus führte. Zum ersten Mal kam ich in Verbindung mit jungen, idealistischen, kampf-entschlossenen, revolutionären deutschen Jugendlichen. Dies genau in dem Augenblick, wo der Sieg der Nazis die deutsche Bourgeoisie vor dem Sozialismus retten sollte.

Auf den Strassen Kölns kam es fast täglich zu blutigen Zusammenstössen. Von Motorrädern aus schossen Nazis in eine Gruppe diskutierender Arbei-ter. Saalschlachten wurden ausgetragen. In der Elsässerstrasse, einer roten Hochburg von Köln, warfen Frauen ihre Mistkübel aus den Fenstern auf Nazidemonstranten. Auf dem Weg vom Gymnasium nach Hause geriet ich stets in diskutierende Gruppen von Arbeitern. Ich erinnere mich an die feurige Rede eines neugebackenen Nazi, der seine Zuhörer davon überzeu-gen wollte, dass Kriege nötig sind, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen.

Die Antwort, einfach und klar, erhielt er in reinstem Kölsch: »Dann häng dich doch op. Dann is doch also ein winniger do.« (Dann häng dich doch auf dann ist doch bereits einer weniger da.)

Am 20. Juli 1932 setzte die Reichsregierung von Papen per Notverordnung die sozialdemokratische preussische Regierung ab. Sie begründete das mit der Notwendigkeit, selbst für Ruhe, Ordnung und Sicherheit sorgen zu miissen, weil die Sozialdemokraten die von kommunistischer Seite hervor-gerufenen Unruhen in Preussen nicht im notwendigen Umfange be-kämpften.

Dieser kalte Staatsstreich der Reichsregierung brach der Republik das Rückgrat. Er verlief “programmässig und ohne Zwischenfälle”. So von Papen in: Der Wahreit eine Gasse (München 1952, S. 218). Um 10 Uhr morgens, am 20. Juli 1932, hatte der sozialdemokratische preussische Innenminister Karl Severing noch erklärt, er werde »nur der Gewalt weichen«. Um 20 Uhr abends erschien die Gewalt in Gestalt eines Polizeipräsidenten nebst zwei Polizeioffizieren, und er wich. Später sagte er, er habe Blutvergiessen vermeiden wollen.

Hätte er es doch damals nicht vermieden! Dann wären uns Millionen in Zuchthäusern und Konzentrationslagern, Gefolterte, Erschlagene, Verga-ste, im Zweiten Weltkrieg Gefallene vielleicht doch noch erspart geblieben. Evelyn Andersen jedenfalls schreibt über die ruhmlose Kapitulation der stärksten Festung der Sozialdemokratie: «In allen deutschen Städten stan-den Formationen des Reichsbanners und der Eisernen Front bereit, putzten ihre Gewehre und warteten auf den Befehl zur Tat« (Hammer oder Amboss, Nürnberg 1948, S. 206). Henning Duderstadt sagt noch bestimmter: »Wir fieberten, wir warteten auf das Signal zum Kampf! Generalstreik! Jeder bewaffnet sich, wo er kann. Sieg oder Tod!« (Vom Reichsbanner zum Hakenkreuz. Wie es kommen musste. Ein Bekenntnis, Stuttgart 1933, S.i.f.).

Der »Befehl zur Tat«, das «Signal zum Kampf«, sie blieben aus. Die Stationen der schrittweisen Kapitulation vor den Nazis bis zur tiefsten Erniedrigung in den Schreiben des Führers des Allgemeinen Deutschen Gewerkschafisbundes (ADGB), Theodor Leipart, vom 21. und 29. März 1933 an den Führer des Deutschen Reiches Adolf Hitler waren schändlich. Im Namen des Bundesvorstandes erklärte Leipart, der adgb musse seine sozialen Aufgaben erfüllen, “gleichviel welcher Art das Staatsregime ist”. Im Reichstag stimmten am 17. Mai 1933 die sozialdemokratischen Abge-ordneten Hitlers »Friedensresolution« zu, weil - wie sie sagten - dies eine Bejahung einer friedlichen deutschen Aussenpolitik und nicht ein Vertrau-ensvotum fur Hitler sei. In Wirklichkeit hofften sie, durch ihren offenen Verrat an der sozialistischen Idee, ihre Organisation zu retten und gnädigst in die “deutsche Volksgemeinschaft” aufgenommen zu werden. All das

grub sich tief in die Herzen und Köpfe derer ein, die mit Gefängnis, Zuchthaus, Konzentrationslager oder Emigration bezahlen mussten, dass ihre Führer der Gewalt der Mächtigen kampflos gewichen waren.

Erst als ich den Fackelzug der bewaffneten SA durch die kommunistische Hochburg Kölns, die Thieboldsgasse, marschieren sah, vorbei an den hasserfüllten, stummen, durch ihre Führung wehrlos gemachten Proletariern und ihren vor ohnmächtiger Wut weinenden Frauen, wusste ich: es ist vorbei. Wir wurden geschlagen, ohne auch nur einen Versuch zur Gegen-wehr. Wir wurden ausgeliefert.

Allen, die hinterher den »Massen« die Schuld fur ihr eigenes Versagen aufbürden wollten, muss man in Erinnerung rufen: In den letzten einiger-massen freien Betriebsratswahlen, die von den Nazis im April 1933 durchge-führt wurden, weil die Nazis selbst daran glaubten, sie hätten in den Betrieben an Boden gewonnen, erhielten die Freien Gewerkschaften 73,4 Prozent der Mandate und die Nationalsozialistische Betriebszellen -organîsation (NsBo) 11,7 Prozent. Die Basis zum Widerstand war da. Aber die Führung war desertiert.

 

2.

Sieben Monate nach meinem Abitur, am 2. November 1933, kam ich in Palästina im Hafen von Haifa an. Es war der Jahrestag der 1917 vom britischen Aussenminister Balfour abgegebenen Erklärung, die den Juden im arabischen Palästina eine “nationale Heimstätte” zusicherte. Die Araber streikten an diesem Tag. Sie protestierten gegen die Balfour-Deklaration. Wir wurden nach Jaffa verfrachtet, wo ich mit einem halben englischen Pfund in der Tasche landete. Mein Ziel war ein Kibbuz.

Würde man mich fragen, woher meine unverrückbare Zuversicht stammt, dass Menschen Habsucht, Jagd nach Geld, Konkurrenzneid, Selbstsucht, Unterwürfigkeit - jene ihnen zum grossen Teil vom Kapitalismus mühsam anerzogenen »menschlichen« Eigenschaften - ablegen können; würde man mich fragen, wo die tiefste Wurzel meines Glaubens daran liegt, dass Menschen ohne jeden äusseren Zwang als Gleiche und Freie im Kollektiv ihr Leben selbst gestalten können, ich würde antworten: Das hat mir meine Erfahrung in der Praxis des damaligen Kibbuz bewiesen. Isaac Deutscher schreibt in seinen Essais sur le problème juif (Payot 1969, S. 126 f.), ihm sei in einem Kibbuz, -dessen Mitglieder allen Grund haben, «stolz zu sein auf ihre (gesellschaftliche) Moral und die sich dessen sehr wohl bewusst sind», folgendes passiert: Der diplomatische Vertreter der Sowjetunion besuchte mit seinem Stab Kibbuzim, um sie mit den Kolchosen vergleichen zu können. Nachdem er die moderne Molkerei, die Schule, die Bibliothek und vieles andere gesehen hatte, erkundigte er sich nach dem Gefängnis. »Das gibt es hier nicht«, erhielt er zur Antwort. »Das ist unmöglich-, stiess der Diplomat hervor. »Was zum Teufel fangt Ihr mit Euren Verbrechern oder Missetätern an?« Man bemühte sich vergeblich, ihm zu erklären, dass es noch kein so schweres Verbrechen gegeben habe, das eine Gefängnisstrafe gerechtfertigt hätte. Schliesslich wähle man die Mitglieder des Kibbuz sorgfältig aus. Es seien Menschen mit einer hohen sozialistischen Moral. Man könne Mitglieder, deren Verhalten nicht gebilligt wird, auch ausschliessen. Dem sowjetischen Diplomaten wollte es jedoch nicht in den Kopf hinein, dass eine Gemeinschaft von hunderten Menschen ohne Gefangene auskommen kann. Er glaubte, man wolle ihm »potemkinsche Dörfer« vorführen.

Aber welcher Anhänger unserer »sozialen Marktwirtschaft« würde glauben, dass der  »Leistungswillen« in den Kibbuzim, in denen heute mehr als 100 000 Menschen leben, durch die egalitäre Befriedigung der Lebensbedürfnisse, ohne jegliche Geldentlohnung für die Arbeit, nicht beeinträchtigt wird? Wer von ihnen würde glauben, dass ein Genosse aus dem Kibbuz Parlamentsabgeordneter oder Diplomat sein kann und zu Hause als Traktorist oder Helfer in der Küche arbeitet, wenn er hierzu eingeteilt wird? Wer von ihnen würde begreifen, dass eine selbstverwaltete Gesellschaft ohne Vorgesetzte, ohne Polizei, mit frei gewählten, jederzeit abselzbaren Ausschüssen unter schwierigsten Bedingungen eine gewaltige Aufbauleistung vollbringen kann, wie die Kibbuzniks es taten?

Wer würde glauben, dass die Gemeinschaftserziehung der Kinder - sie sind nur wenige Stunden am Tag mir den Eltern zusammen - dazu führt, dass »die Kinder Kameraden sind, nicht Konkurrenten», dass die Hilfsbereit-schaft bei diesen Kindern viel stärker ausgeprägt ist als das Streben nach Herrschaft. Da keine Eltern da sind, um deren Gunst man (im Kinderhaus) buhlen könnte, und da das Wetteifern allgemein nicht geschätzt wird, verhalten sich die Kinder wie Geschwister; die Starken üben einen gewissen Einflss aus, aber sie wenden ihn auch im Interesse der Gruppe an« (Bruno Bettelheim, Die Kinder der Zukunft, dtv 888, S. 90).

Ich habe die Geburtswehen, die gesellschaftlichen Experimente, die grossar-tigen Versuche zur Herstellung neuartiger Beziehungen zwischen Mann und Frau, zur Eingliederung von Alten und körperlich Behinderten, das Leben in Zelten, durch die nachts Schakale liefen, wie die Legende es vom Tempelplatz erzählte, das Leben in Baracken, Malariaanfälle, die oft un-menschlichen Arbeitsbedingungen in den Orangenplantagen, in denen wir Lohnarbeiter waren, ehe der Kibbuz Siedlungsland erhielt, fünfeinhalb Jahre lang nicht etwa nur «ertragen». Mir war bewusst, an einem grossen Abenteuer mitzuwirken, das einmal zur Schaffung des sozialistischen Men­schen fiihren wird.

Viele Jahre später ging ich mit der siebenjährigen Nurith aus dem Kibbuz

Dalia durch die Altstadt von Jerusalem. Sie sah zum ersten Mal Bettler. Ich versuchte zu erklären, was das ist, gab ihr ein paar Münzen, damit sie eine gute Tat vollbringen konnte. Sie legte in die erste, in die zweite, in die dritte Hand, die sich ihr entgegenstreckte, eine Münze, dann trat sie entschlossen auf einen Bettler zu, gab ihm das ganze Geld und sagte: »Da, nimm das und teil es mit deinen Genossen! « In diesem Augenblick wusste ich, dass die gesellschaftliche Erziehung des neuen Menschen in Kibuzzim, in Kommunen, den neuen Menschen hervorbringen wird.

Ich trat aus dem Kibbuz nicht aus. Ich wurde ausgeschlossen. 1936 war ein arabischer Aufstand ausgebrochen. Wir zogen Stacheldraht um den Teil, der als Wohnfläche diente, schafften einen Scheinwerfer an, der nachts über das Lager kreiste, bauten aus Holz und Steinen Schanzen mit Schiesschar-ten. Noch kurze Zeit zuvor hatte der als Nachtwächter eingeteilte Genosse zu unser aller Schutz nur einen Knüppel erhalten. Das war die einzige Waffe, die wir hatten. Sie war der Grundstock zu der heute so mächtigen israelischen Armee. Jetzt wurden illégale, geheime Waffenarsenale unter den Zeltstangen gut versteckt eingebaut. Sie waren leicht erreichbar. Die »Hagana« - die zionistische «Selbstschutzorganisation« begann uns aus-zubilden: Revolver, Handgranaten, Gewehre, Maschinenpistolen. Aber wer war der Feind?

Das Dorf Karkur, wo unser Kibbuz damals war, lag an der Grenze des jüdischen Siedlungsgebietes. Aïs ich 1933 nach Palästina kam, lebten 175 ooo Juden unter 1,5 Millionen Arabern. Der »Haschomer Hazair«, die linkssozialistische, stark stalinistisch beeinflusste Kibbuzbewegung, wollte, dass sich die arabischen zusammen mit den jüdischen Arbeitern in einer gemeinsamen Klassenorganisation, der »Histadruth« (Gewerkschaft) zu-sammenschliessen. Der »Haschomer Hazair«, dem auch mein Kibbuz ange-hörte, erwartete, dass eines Tages ein «binationaler» arabisch-jüdischer Staat in Palästina entstehen würde. Beides wurde von der sozialdemokratischen Mehrheit in der Histadruth, der Mapai, abgelehnt.

Wenn man in einem solch armen Land wie in Palastina einen jüdischen Staat mit einer jüdischen Arbeiterklasse und nicht nur eine weisse Siedlerherrenschicht wie in Südafrika schaffen wollte, konnte dies nur auf Kosten der arabischen Bevölkerung gehen. Darum wurde propagiert: »Kauft die Produkte des Landes. « Das waren die jÜdischen Produkte, die teurer waren als die arabischen. »Erobert die Arbeit« sagte man uns, also: ersetzt die billige, unorganisierte arabische Arbeit durch teure, organisierte jüdische (wobei man gleichzeitig die Histadruth, die Gewerkschaftsorganisation, für die Araber versperrte!). «Erobert den Boden« hiess die dritte Lösung. Man kaufte von den reichen arabischen Effendis, den Grossgrundbesitzern, den Boden mit Hilfe des jüdischen Nationalfonds, der ihn ausschliessich an jüdische Siedler verpachtete. Die armen arabischen Fellachen, die meist Pächter waren, wurden mit Geld abgefunden, mit dem sie wenig anfangen konnten.

Die Haltung der Mapai war durchaus schlüssig. Man musste bereits inner-halb des arabischen Palästina einen geschlossenen jüdischen Wirtschaftssektor schaffen und diesen immer mehr ausweiten, wenn man eines Tages einen jüdischen Staat haben wollte. Unterstützung hierfür kam von zwei Seiten: vom britischen Imperialismus, der trotz aller Schwankungen stets auf der Seite der Zionisten blieb, und von den amerikanischen Juden, die Geld spendeten.

Dass dieser Plan aber überhaupt Erfolg haben konnte, verdanken die Araber Hitler. Er hatte die sich auflösenden, in voller Assimilation befindlichen deutschen Juden zunächst ins Ghetto und später in die Todes- und Ver-nichtungslager geschickt. Für sie, aber auch für die nichtzionistische jüdi-sche Arbeiterklasse in Osteuropa, wurde Palästina zum einzigen Schlupf-loch, weil die so humanen demokratischen imperialistischen Staaten, gebeutelt von der Weltwirtschaftskrise, sich weigerten, jüdische Flüchtlinge in grosser Zahl aufzunehmen.

Eines Tages, als ich im Kibbuz hinter unserer holzverkleideten steinernen Schanze auf Wache stand, sah ich Flugzeuge, die wie Raubvögel immer wieder auf einen kahlen Berg niederstiessen. Dann folgten Maschinenge-wehrgarben, die mit einzelnen Schüssen beantwortet wurden. Einige Stun-den später kamen britische Soldaten zu uns und erzählten, sie hätten eine arabische «Bande« - etwa 60 Menschen - wie Hasen abgeschossen. Die Briten bewunderten den Mut dieser Männer, die versuchten, mit ihren Gewehren die britischen Flugzeuge zu treffen und die sich, wenn man sie verwundet gefangen nehmen wollte, noch mit ihren »Djabries«, den arabi­schen Krummdolchen, auf die Soldaten stürzten.

(Dieser Tage las ich im Stern, Nr. 4/78, der GSG-Kommandeur Wegener habe sich in Mogadischu überrascht gezeigt über »die heftige Gegenwehr der Palästinenser«. Er habe geglaubt, dass Araber nicht sehr mutig seien. Jetzt kämpften sie wie Japaner auch in aussichtsloser Position weiter. Wegener: »Das war neu und erschreckend. Die Leute hatten eine riesige Energie und einen fanatischen Hass.

Niemand fragt danach, ob die Wurzel dieses Hasses nicht in der unter-drückten Freiheitsliebe dieses Volkes liegt, sowie in dem unbändigen Zorn darüber, dreissig Jahre lang in Lagern zu vegetieren.)

Einige von uns im Kibbuz begannen damais Fragen zu stellen über unsere -»Feinde«. Wir kamen zu dem Ergebnis: diesen Menschen geschieht un-recht. Wir, die wir selber Opfer Hitlers sind, verüben an ihnen Unrecht. Wenn wir es ernst meinen mit unserem Internationalismus, müssen wir einen Weg suchen zu diesen arabischen Massen.

Wir wollten den Kibbuz nicht verlassen, der unsere Heimat, unsere Lebensform, unsere Familie war. Bald aber mussten wir begreifen, dass, wer nicht mehr Zionist ist, nicht im Kibbuz leben darf, der trotz seiner fortschrittlichen gesellschaftlichen Expérimente dîe Speerspitze des Zionismus bildet. Standen nicht auch die katholischen Kloster im Mittelalter, diese wunderbaren Kommunen, die alle damaligen Schätze der menschlichen Kultur aufbewahrten und mehrten, im Dienste der feudalistischen Kirche, die eine der furchtbarsten Unterdrückungsmächte war, gegen die sich Reformation und Bauernaufstände richteten?

Wenige Monate nachdem wir den Kibbuz verlassen hatten, zwei Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurden drei von uns Ausgeschlossenen verhaftet und interniert. Administrativ, ohne jedes Gerichtsverfahren, erhielten wir 12 Monate zudiktiert, die beliebig verlängert werden konnten. Wir kamen zum ersten Mal mit dem britischen Imperialismus in Berührung, der jüdische Nichtzionisien als Gefahr ansah.

Im Polizeigefängnis von Haifa wurden etwa 30 Häftlinge so eng in einem Raum zusammengepfercht, dass man sich nicht einmal beim Schlafen aus-strecken konnte. Wir lagen nachts auf dünnen Matten, die von Gefangenen aus Lumpen geflochten waren; tagsüber sassen wir auf dem Zementboden zusammen mit Kriminellen, mit Menschen, die offene Tbc, Geschlechts-krankheiten, die Kratze oder Läuse hatten. Hier gab es zwischen Juden und Arabern keine Unterschiede mehr, ebensowenig wie zwischen Politischen und Kriminellen. In der Zelle gab es weder Tisch noch Stuhl. In der Ecke stand ein offener Pisskübel.

Einige Tage darauf wurden wir in die Festung Akko eingeliefert. Eine Nacht lang war ich dort mit Mitgliedern einer arabischen »Bande« zusammen, die wir heute Partisanen oder Freischärler nennen würden. Ihre Moral, die gespanme Aufmerksamkeit, mit der sie diskutierten, ihr Kampfwille - einige von ihnen waren zum Tode verurteilt und wurden hingerichtet - hinterliessen einen tiefen Eindruck auf mich.

Tags darauf wurden wir von einem Aufseher instruiert, wir wurden nun ärztlich untersucht und müssten Fragen mit »Yes Sir« beantworten. Wir standen in einer langen Reihe, wurden einem britischen Militärarzt vorge-führt, der fragte: »Everything allright? «- Wir antworteten: »Yes Sir«. Die medizinische Inspektion war beendet.

Nachdem 12 Monate meiner Internierung abgelaufen waren, wurde die Haft automatisch fur weitere 12 Monate erneuert. Mit uns zusammen - wir waren inzwischen nach Sarafand überführt worden und kamen später nach Masra - war ein Sekretär der Palästinensischen Kommunistischen Partei, Meir Slonim, interniert - seit sechs Jahren, ohne Prozess, ohne Urteil.

Eines Tages wurde eine Gruppe jüdischer Strafgefangener - 43 Mann - in das benachbarte Lager eingeliefert. Sie waren zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden, weil sie britischen Soldaten mit voller Bewaffnung in die Arme gelaufen waren. Ihr Anführer hiess Mosche Dajan. Natürlich wurden sie lange vor Ablauf ihrer Strafe entlassen.

Unter uns Häftlingen übten wir Solidarität, und da wir als Internierte das Recht hatten, Geld zu erhalten und zusätzliche Nahrungsmittel zu kaufen, schmuggelten wir einen Teil davon in das Lager der Strafgefangenen, in dem auch Mosche Dajan sass, mit dem ich über den Zaun hinweg fruchtlose Diskussionen führte. Zusammen interniert mit uns waren auch die bedeutendsten Führer der rechtsradikalen zionistischen Terroristen, wie Abraham Stern, Abrascha Zellner und David Razill, Vorläufer Begins als Führer des »Irgun«.

Die Linken im Lager organisierten gemeinsam mit den arabischen Häftlin­gen, die zu hunderten internien waren, einen Hungerstreik, um endlich ein ordentliches Gerichtsverfahren zu bekommen. Wir wurden zwangsernährt und erhielten nach sieben Tagen das Versprechen, dass wir vor eine Kom-mission gestellt wurden, die unsere Fälle überprüfen werde. In den zweieinviertel Jahren, die ich interniert war, habe ich nicht nur Sprachen gelernt, eine Art Lageruniversität mitorganisiert, sondern auch erfahren, was die drei Buchstaben CID (Criminal Investigation Depart­ment) bedeuten, die ich vor meiner Verhaftung gar nicht kannte. Sie bedeuteten, dass Häftlingen Holzstäbchen unter die Fingernägel getrieben wurden, dass man Feuer unter ihren Fusssohlen anzündete, dass sie an den Händen aufgehängt wurden, bis sie vor Schmerz brüllten; und all das, um Aussagen von ihnen zu erpressen. Ich lernte, dass der demokratische Imperialismus im Kampf fur die Erhaltung seines Imperiums manchmal nicht weniger zimperlich ist als der Faschismus, der auszieht, ein neues Imperium zu erobern.

Drei Monate nach dem Einmarsch der Nazis in die Sowjetunion kam ich endlich vor eine britische Untersuchungskommission. Sir Hartley Shawcross, ein in Giessen geborener englischer Jurist, der 1945 Labour-Abgeordneter, dann Kronanwalt und später Hauptankläger für Grossbritannien vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg war, führte den Vorsitz. Er wollte wissen, was eigentlich gegen mich vorliege, und war ebenso wie mein Anwalt, der bedeutende jüdische Arabist Goitein, über die »Beweise«, die von der Polizei geliefert wurden, überrascht, ja empört. Shawcross verfügte meine Freilassung.

In den zweieinviertel Jahren meiner Internierung hatte nur ein Vetter von mir es gewagt, mich ein einziges Mal zu besuchen. Jeder, der um die entsprechende Erlaubnis bat, wurde von der CID darauf aufmerksam gemacht, welchem Risiko er sich damit aussetzt.

Nach meiner Entlassung stand ich dennoch lange unter Polizeiaufsicht, was mich nicht daran hinderte, nun zum ersten Mal wirklich mit arabischen Linken Verbindung aufzunehmen, unter denen ich Freunde gewann. Wäh-

rend des Krieges kamen wir über sympathisierende marxistische Soldaten mit der ägyptischen Literaturzeitschrift Megalla Gedidah (Neue Zeitung) in Kontakt. Wir traten in eine politische Diskussion mit den Redakteuren ein, von denen 1947 einige an der ersten grossen Massenstreikbewegung ägyptischer Arbeiter Anteil hatten.

Das King David Hotel nach dem Anschlag vom 22. Juli 1946

Als das Kriegsende kam, bereitete ich mich auf die Rückkehr nach Deutschland vor. Einige meiner Freunde waren in die Armee, zur Marine oder zur UNNRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) gegangen und setzten sich in Europa ab. Eine internationalistische politische Arbeit in Palästina schien mehr und mehr aussichtslos. Die terroristischen Attentate des rechtsextremen Irgun Zwai leumi (Nationale Militärorganisation) - einer ihrer Führer war der jetzige Ministerpräsident Israels, Menachem Begin - die Anschläge der Stern-Organisation, das britische Hauptquartier in Jerusalem, das King David Hotel, wurde in die Luft gejagt, wobei fast 100 Menschen umkamen; der Terror vor den Raffinerien von Haifa, wo in der Schlange der dort nach einem Tag Arbeit anstehenden arabischen Fellachen eine Bombe explodierte, die mehr als 40 Menschen zerriss; schliesslich der blutige Pogrom gegen das arabische Dorf Dïr Yassin, in dem auch Frauen und Kinder ermordet wurden, und viele andere Attentate liessen eine friedliche Lösung immer weniger zu. Als ich sah, wie meist orientalische Juden aus arabischen Dörfern bei Jérusalem fortschleppten, was nicht niet- und nagelfest war, oder armselige Behausungen niederrissen, erinnerte ich mich wieder an den Pogrom der Polen. Nur: hier wurden Juden zu Pogromisten.

1947 beschlossen die Vereinten Nationen - die USA gemeinsam mit der Sowjetunion - die Zweiteilung Palästinas. Die Araber beantworteten dies mit einem Generalstreik. Tagtäglich explodierten nun arabische oder jüdische Bomben, wurden Menschen ermordet. Wenn man sich morgens verabschiedete und zur Arbeit ging, sagte man sarkastisch: »Auf Wiederse-hen in der Abendzeitung«. Dort wurden die Bilder der Ermordeten veröffenltlicht.

Anfang 1948 kam ich mit einem Touristenvisum und einem Pass des britischen Mandatsgebiets Palästina in Frankreich an. Von dieser Zeit an durchlebte ich zuerst in Frankreich, dann in Belgien das Schicksal eines Emigranten, dessen Mandatspass seine Gültigkeit verlor und der stets im Clinch mit den Polizeibehörden lag, die ihn ausweisen wollten. Denn die britische Regierung hatte beschlossen, ihre Truppen aus dem Mandatsgebiet Palästina am 14.5.1948 zurückzuziehen. Am gleichen Tag wurde der Staat Israel ausgerufen. Die Truppen der arabischen Staaten, die versuchten, die Entstehung des Staates zu verhindern, wurden geschlagen. In Panik flohen Hunderttausende Araber in die Nachbarstaaten. Sie gingen in die Diaspora wie  die Juden 1900 Jahre vor ihnen.

1933 war ich als Jude in das arabische Palästina gekommen. Als ich 1948 das Land verliess, waren die Araber zu Juden geworden. Ich kehrte im November 1948 als überzeugter Internationalist nach Deutschland zurück. In der falschen Hoffnung, die Geschichte würde dort weitergehen, wo sie nach der Revolution von 1918 unterbrochen worden war.

  Jakob Moneta 1976

3.

Mag sein, dass es wirklich Menschen gibt, die niemals schwanken. Die Heiligen der katholischen Kirche etwa, oder die Bolschewiken aus der Retorte der stalinistischen Geschichtsfälscher. Aber die Entwicklung des Nachkriegseuropa, vor allem die enttäuschte Hoffnung auf das Verschwin-den der blutigen Herrschaft Stalins nach dem Krieg und des Sièges der sozialistischen Demokratie in Europa und in der Sowjetunion machten mir schwer zu schaffen.

Drei Monate vor dem Tod Stalins veroffentlichte ich eine kleine Schrift: Aufstieg und Niedergang des Stalinismus - Kommentar zum kurzen Lehr-gang der Geschichte der Kommunistîschen Partei der Sowjetunion (Bol-schewiki). Unter den Linken in der Bundesrepublik, aber vor allem unter Kommunisten in der DDR, wo die Tradition der marxistischen Analyse durch den Faschismus und den Stalinismus angeschlagen war, löste diese Schrift Diskussionen aus.

Ein Kapitel darin trägt die Überschrift: «Revolutionärer und bürokratischer Terror«. Es beginnt mit der Fesistellung, dass, wie immer man subjektiv den Terror, die Gewaltanwendung in der Geschichte verabscheuen mag, sich nicht leugnen lasse, dass die Gewalt zuweilen eine Hebamme der Geschichte gewesen ist.

»Angefangen von der puritanischen englischen Revolution bis zu den amerikanischen Befreiungskriegcn gegen die Engländer, dem Kampf um die Befreiung der Sklaven in den Südstaaten Amerikas oder der Französischen Revolution hat die Gewaltanwendung eine Rolle gespielt. Gewalt wird in der gleichen Weise vom Chirurgen angewandt, der einen Patienten mit einem Skalpell behandelt, und vom Mörder, der sein Opfer mit einem Dolch tötet. Man kommt also um die Frage nicht herum, wer zu welchem Zweck Gewalt anwendet. Wie unterscheidet man jedoch die revolutionäre von der reaktionären Gewalt? Wie kann man feststellen, ob Gewalt­anwendung dem Fortschritt dient oder den Fortschritt behindert?  «

Ich zitierte, was Mark Twain, einer der aufrichtigsten amerikanischen Schriftsteller und Journalisten, ein wahrhafter Verfechter der amerikani­schen Demokratie, über die Schreckensherrschaft der Französischen Revo­lution in seinem Buch Ein Yankee am Hofe von König Artus schrieb:

» Es gab zwei Schreckensherrschaften, wenn wir uns daran erinnern und es erwägen würden. Die eine verübte Mord in heisser Leidenschaft, die andere hatte tausend Jahre gedauert. Die eine verhängte Tod über zehntausend Personen, die andere über hundert Millionen, aber unser Schaudern gilt nur dem >Schrecken< des kleineren Terrors, des momentanen Terrors sozusagen : Was aber ist der Schrecken eines raschen Todes durch das Beil, verglichen mit dem lebenslangen Sterben durch Hunger, Kälte, Schimpf, Grausamkeit und an gebrochenem Herzen? Trotz allem scheinheiligen Gewinsel vom Gegenteil hat noch kein Volk der Welt  je durch gütiges Zureden und moralische Überredung seine Freiheit erlangt, da es ein unabänderliches Gesetz ist, dass jede Revolution, die Erfolg haben will, mit Blutvergiessen beginnen muss, wenn auch nachher vielleicht etwas anderes genügt. «

 

Wie aber sah es mit der Schreckensherrschaft der russischen Revolution aus? Ich schrieb:

»Man kann ohne jede Übertreibung feststellen, dass die vom Stalinismus angewandten Mittel den von ihm selbst angegebenen Zweck beständig verfehlen. Die Sowjet-Demokratie hatte sich als hinreichend erwiesen, die herrschenden Klassen selbst zu vernichten. Aber um die ‘Überbleibsel’ (der herrschenden Klassen) in der Wirtschaft und im zurückgebliebenen Bewusstsein der Menschen zu bekämpfen, braucht Stalin angeblich den gewaltigen Machtapparat seiner Geheimpolizei! In Wirklichkeit ist es so, dass das Aufleben der Ideologie der geschlagenen antileninistischen Gruppen die immer wieder aufflackernde Idee des echten Marxismus und Leninismus ist, der eben nie ausstirbt, weil er von der Sowjetwirklichkeit selbst tausendfach immer neu hervorgebracht wird: jene tiefe Sehnsucht der Massen zur Wiederbelebung der Demokratie in der Sowjetunion und das Drängen zur Beseitigung jener stalinistischen Kaste, die, ohne im wissenschaftlichen Sinne eine besitzende Klasse zu sein, zehnfach die Laster aller besitzenden Klassen enthält.

Der stalinïstische Terror, angeblich ein Mittel, die Klassenherrschaft zu beseitigen, ist in Wahrheit ein Mittel, das dieses Ziel beständig verfehlen muss, und insofern eben kein Mittel, das den Zweck heiligt, sondern ihn schändet . . .

Der bürokratische Terror ist im Gegensatz zum revolutionären hinterhältig, inquisitorisch und unehrlich. Er wendet sich mit grosser Niedertracht gerade gegen jene, die sich weigern, in diesem Regime der Unterdrückung eine klassenlose sozialistische Gesellschaft zu sehen. Die Wahrheit ist der grösste Feind der Bürokratie, aber sie kann auf die Dauer nicht mit terroristischen Methoden ausgerottet werden. Sie wird auch die stalinistische Geheimpolizei überleben.

Das hat sie getan. Der 20. Kongress der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die Arbeiteraufstände in den Satellitenstaaten, jetzt die Charta 77, das Buch von Bahro, der Protest der 14 polnischen Kommunisten, die Entwicklung der Eurokommunisten bei all ihren Mangeln - all das bezeugt, dass ich mich nicht in allem geirrt habe, als ich drei Monate vor Stalins Tod den Niedergang des Stalinismus kommen sah. Dennoch, meine optimisti-sche Zeitrechnung, meinen Optimismus in Bezug auf die Entwicklung der Linken in den sozialdemokratischen Parteien muss ich revidieren. Die kurze Zeitspanne eines Menschenlebens reicht eben nicht aus, um historische Prozesse an ihr zu messen, obwohl sich der Gang der Geschichte erheblich beschleunigt hat. Das macht uns ungeduldig.

Was für den stalinistischen Terror gilt, trifft abgewandelt auch auf den idividuellen Terror zu. Auch er verfehlt beständig den selbst angegebenen Zweck. Er führt nicht zur »Vernichtung des Klassenfeindes«, sondern hilft seine Herrschaft zu stabilisieren. Er fordert nicht das zuriickgebliebene Bewusstsein der Massen, sondern er verwirrt es. Der individuelle Terrorist macht sich selbst zum Helden der Geschichte, anstatt die Klasse der Arbeitenden über ihre historische Aufgabe aufzuklären, sie ihr bewusst zu machen, damit sie selbst wieder als Held auf die Bühne der Geschichte tritt.

Noch zweimal wurde ich nach der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus mit dem Problem der Gewalt konfrontiert. Das eine Mal - ich war damals Sozialreferent im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik in Paris - als der Aufstand in Algerien ausbrach. Mir war, nach allem, was ich von den Terrormassnahmen, den Folterungen, den Razzien, den Bombardierungen in Algérien wusste, unbegreiflich, das die »Front de Libération Nationale« und das algerische Volk all dem standhielten und nicht zusammenbrachen; dass die Algerische Befreiungsfront, die seit 1954 pausenlos einem gnadenlosen Terror ausgesetzt war, nicht aufgab. In einem Pariser Café stellte ich diese Frage der jungen, algerischen Schriftstellerin Assja Djebar. Sie antwortete: »Wenn ein algerischer Fellache für den FLN rekrutiert wird, erhält er zum ersten Mal in seinem Leben ein paar Schuhe und ein Gewehr. Damit wird er zum ersten Mal zu einem Menschen. Das Selbstbewusstsein, das er hierdurch gewinnt, das Gefühl, dass er fur die Befreiung seines Volkes kämpft, jetzt kämpfen kann, lässt ihn alles enragen bis zum Sieg. «

Viele Jahre später kam dieser Sieg, wenn auch wiederum nicht so, wie ihn viele erhofft und erwartet hatten: als Sieg des Sozialismus in Algerien. Aber dennoch; Algerien wurde frei.

Das zweite Mal trat mir die Gewalt in Chile entgegen, als ich zwei Monate nach dem Militärputsch fur die Gewerkschaftszeitung Metall nach Chile ging. Ich fragte chilenische Gewerkschafter, ob man der Regierung Allende vorwerfen könne, sie habe die Verfassung verletzt, wie das damals ein grosser Teil der bürgerlichen Presse in der Bundesrepublik behauptete. Sie antworteten:

»Wenn die Regierung Allende zugrunde gegangen ist, so höchstens darum, weil sie sich allzu sehr an die Verfassung gehalten hat. Wir, die Gewerk-schaften, wollten rechtzeitig der Sabotage der Unternehmer und dem Boykott der von ihnen aufgehetzten Lastwagenbesitzer und Ärzte entge-gentreten. Wir forderten, den Kampf gegen die Terroristen von "Patria e Libertad" aufzunehmen. Aber die Regierung Allende liess im Parlament ein Gesetz verabschieden, das die Suche nach Waffen erleichterte. Gefunden wurden seltsamerweise nur die spärlichen Waffen, die Arbeiter zu ihrem eigenen Schutz in den Betrieben hatten, während die Rechtsextremisten bis an die Zähne bewaffnet blieben. Als der Putsch der Junta begann, befahl man uns, die Betriebe zu besetzen. Wir haben es getan. In der Hoffnung, dass die christlich-demokratische Partei von Eduardo Frei uns gegen die putschenden Generäle ebenso unterstützen würde, wie wir ihn unterstüzt hatten, als er an der Regierung war und General Viaux gegen ihn putschte. Aber er hat geglaubt, die Junta werde ihm nach ihrem Putsch die politische Macht überreichen. Sie dachte nicht daran. Wir aber waren in den Betrieben ohne Waffen, ohne Schutz, ohne die Möglichkeit, uns zu verteidigen.

Es war falsch, dass die Regierung Allende die Armee in die Politik hineingebracht hat, dass sie immer weiter zurückwich. Sie hätte mehr Vertrauen zu uns, zu den Gewerkschaften, zu den in den Betrieben Beschäftigten haben müssen, die bereit waren zu kampfen, die aber mit leeren Handen nicht kämpfen konnten . . .

Mancher von uns denkt heute: Hätte die ‘Unidad Popular’ doch den Mut gehabt, zwei Dutzend Generäle und drei Dutzend Spekulanten so zu behandeln, wie man heute mit Tausenden von uns umgeht, dann hätte uns das viele Opfer und Qualen erspart.

Ich fühlte mich wieder wie im Jahr 1933. Die politisch und militärisch unbewaffnete Gerechtigkeit hatte ihren Kampf gegen die waffenstarrende Ungerechtigkeit verloren.

 

4.

Aber aus welchen Quellen speist sich trotz aller Niederlagen meine Zuver-sicht in den Sieg des Sozialismus, den wir wollen? Die Befreiung Algeriens, Vietnams ist nur ein Teil der Antwort. Ein anderer Teil liegt in der Hoffnung, die jene vernichtete, in Gaskammern erstickte jüdische Arbeiterklasse Osteuropas bis zum letzten Atemzug, bis in ihrem Todesgesang aufrecht erhalten hat.

Die Hymne des »Bund« hatte in seltsam geheimnisvoller Weise einiges davon vorweggenommen, vorausgeahnt. In freier Ubersetzung beginnt sie:

»Vielleicht bau ich in der Luft nur meine Schlösser.
Vielleicht ist mein Gott überhaupt nicht da.
Im Traum wirds leichter mir, im Traum wird es mir besser.
Im Traum ist der Himmel blau und völlig klar.«

 

Wer nicht im KZ ermordet, nicht in den Gaskammern umgebracht wurde, nicht in imperialistischen Kriegen gefallen ist, hat kein Recht dazu, den

Kampf für den Sozialismus aufzugeben.

Lenin, der grösste revolutionäre Realist war es, der sagte: »Der Mensch muss träumen können.« 

 

Aus : Kursbuch Nr 51, März 1978, “Leben gegen Gewalt”


Nachwort

Aus Neues Deutschland, 16. Juli 2005


»Ohne die Arbeiter ist nichts zu erreichen«
Jakob Moneta über Chancen, Schwierigkeiten und Strategien einer neuen Linkspartei 
 

Jakob Moneta, 91, langjähriger Redakteur der IG-Metall-Mitgliederzeitung »Metall«, war Anfang der 90er Jahre Mitglied im PDS-Parteivorstand. Trotz seines hohen Alters nimmt das PDS-Mitglied auch heute noch rege am politischen Leben und an politischen Veranstaltungen teil.

 

ND: Der anstehende PDS-Parteitag soll grünes Licht für die gemeinsame Kandidatur mit der WASG und das Projekt Linkspartei geben. Welche Erwartungen haben Sie?
Moneta: Ich gehe davon aus, dass der Parteitag dies billigen wird. Dies eröffnet eine Chance für die Zukunft. Wichtig ist heute die Tatsache, dass es überhaupt eine Linke im Parlament gibt, egal wie weit sie vielleicht nach rechts gehen mag und wie sozialistisch sie tatsächlich ist. Als Antistalinist habe ich in der PDS immer Wert darauf gelegt, dass die Linke in der Partei eine eigene Fraktion bilden konnte. Nebenbei gesagt habe ich mich auch gegen einen Ausschluss von Sahra Wagenknecht stark gemacht. Die PDS ist keine SED mehr; in ihr kämpfen alle möglichen Strömungen in der Arbeiterbewegung um Einfluss. Das Fraktionsverbot in der frühen KPdSU war ein Hauptfehler. Daraus müssen wir lernen.

Manche befürchten, durch die Verschmelzung mit der WASG verabschiede sich die PDS vom sozialistischen Bezug.

Die WASG ist aus einer Ablehnung der aktuellen Politik entstanden, hat aber ein unklares Verhältnis zum Sozialismus. Ich glaube nicht, dass die Programme von PDS und WASG im Kapitalismus eine Chance auf Realisierung haben. Ohne sozialistische Demokratie ist die Arbeiterbewegung verloren. Noch hat die Arbeiterklasse Angst davor und ist eingeschüchtert. Das müssen wir in den Köpfen langsam beseitigen, denn ohne die Arbeiterklasse können wir in diesem Land nichts erreichen.

Welche Empfehlung würden Sie einer künftigen Linksfraktion im Bundestag geben?

Sie muss begreifen, wie sie sich in der Arbeiterklasse fest verankern kann, die sich derzeit in einer schwierigen Situation befindet. Sie ist zwar gegen den Kapitalismus, aber noch nicht für den Sozialismus. Wir müssen sie nehmen, wie sie ist, und auf dem Weg begleiten und die Gewerkschaften zwingen, in diese Richtung zu gehen. Gewerkschaften sind heute ebenso wie SPD und SPD-Linke im Kapitalismus verhaftet, daher müssen wir sozialistische Ideen im Bewusstsein der Menschen verankern.

Könnte die neue Linkspartei – wie bereits Grüne und PDS – nicht schneller als gedacht als Juniorpartner einer wortradikal gewandelten Nach-Schröder-SPD enden?

Wir vergessen immer wieder, dass es in der PDS immer einen linken Flügel gegeben hat, der dies ablehnt. Ich glaube auch nicht daran, dass dies so gelingen wird.

Kritische Gewerkschafter setzen Erwartungen in eine neue Linkspartei. Kann diese Orientierung auf eine linke Parlamentsfraktion die Arbeiterbewegung aus der Defensive herausbringen?

Es ist eher umgekehrt. Die Kämpfe, die die Arbeiterklasse führen wird, können eine Unterstützung sein für diejenigen, die im Parlament sind, und nicht umgekehrt. Uns kommt heute zugute, dass die Menschen Erfahrungen mit einer SPD-Grünen-Regierung gemacht haben, die ihnen nichts gebracht hat. Wir müssen inhaltlich erklären, was die Ziele einer demokratisch-sozialistischen Revolution in Deutschland und Europa sind.

Zu Ihrem 90. Geburtstag haben Sie erklärt, Sie wollten mindestens 100 werden, um das Ende des Neoliberalismus noch zu erleben.

Ich habe Hitler und Stalin ebenso überlebt wie die unendliche Regierung Kohl. Ich werde auch Schröder überleben und noch so lange leben, um zu sehen, was daraus wird.


Französische Fassung


KANAAN: 25/09/2006

 
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