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11/12/2018
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Die Herren der Wirklichkeit


AUTOR:  Julio Carreras (h), Oktober 2006

Übersetzt von  Hergen Matussik , überprüft von Fausto Giudice


Eine gefährliche rechtliche Falle zieht sich um die Leser im Internet zusammen.
Es handelt sich um eine Programmierung der Betriebssysteme, die die Magnaten der Weltpresse durchsetzen wollen, um Informationen zu filtern.
Ein spektakulärer Schritt in diese Richtung wurde vor einigen Tagen gemacht, als Google von einem belgischen Gericht nach der Klage von zwei Mediengiganten des Landes, den Zeitungen "Le Soir" und "La Libre Belgique" mit Geldstrafen in Millionenhöhe belegt wurde. Es handelt sich um eine exemplarische Bestrafung wegen der Reproduktion von Informationen aus den beiden Tageszeitungen "ohne ausdrückliche Genehmigung der Unternehmen, die sie herausgeben."
Jetzt haben die internationalen Medienmagnaten angekündigt, ein Programm zu entwickeln, "das es den Suchmaschinen im Internet erlaubt, die Nutzungsbedingungen von Inhalten zu erkennen, die Urheberrechten unterworfen sind."
Was bedeutet dies in der Praxis? Von diesem Moment an können Systeme durchgesetzt werden, die verhindern, daß Informationen, die in Tageszeitungen im Internet veröffentlicht sind, zur Reproduktion in alternativen Medien kopiert werden.
"Es geht darum, künftige Konflikte zwischen den Betreibern der Suchmaschinen und den Herausgebern von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern zu vermeiden", versichern die Mitglieder der Weltassoziation der Zeitungen (AMP), der Europarat der Herausgeber (EPC), der Internationale Herausgeberverein (IPA) und die Europäische Assoziation der Zeitungen (ENPA).
Das neue Programm, Automatisiertes Protokoll zum Zugang zu Inhalten (ACAP) getauft, "wird wie ein Rahmen funktionieren, in dem die Herausgeber ihre Politik in Sachen Urheberrechte festlegen, in einer Sprache, die die Suchmaschinen lesen können."
Tatsächlich wird dieses Protokoll eine Mauer um die Informationen errichten, die von diesen Magnaten als ihr "Privateigentum" betrachtet wird.
Diejenigen, die hiervon am stärksten betroffen sein werden, sind ohne Zweifel die alternativen Medien und Journalisten, die wir in unserer täglichen Arbeit auf die Informationen angewiesen sind, die im Internet veröffentlicht werden. Nach diesem Protokoll - und nach den Gesetzen, die alle Staaten zweifellos erlassen werden - beginnen wir Gefahr zu laufen, angezeigt zu werden - nur wegen des Deliktes, zu ... informieren.
Um ein Beispiel zu geben: Ein guter Internetjournalist findet heute im rechten Moment eine Information (nehmen wir an: Eine Gruppe von chinesischen Arbeitern zündet eine Lagerhalle von Walmart an). Die Nachricht wurde eine halbe Stunde nach dem Vorfall in einem chinesischen Medium veröffentlicht und wird von unserem Journalisten unverändert für die westliche Welt reproduziert. Schon bald könnte sich diese für die alternativen Medien alltägliche Praxis in eine strafbare Handlung verwandeln. Die chinesische Zeitung könnte rechtliche Schritte gegen den Journalisten einleiten, weil er diese Nachricht ohne ihre Einwilligung weitergegeben hat.
Hier stellt sich die grundlegende Frage: Haben Nachrichten Eigentümer? Verwandeln sich die Handlungen der chinesischen Arbeiter in das Eigentum einer Zeitung, nur weil sie die erste war, die sie fotografiert, gefilmt, oder sonstwie in ihr Medium aufgenommen hat?

Im Unterschied zur künstlerischen Schöpfung wurde die journalistische niemals wirklich als "Urheberrechten unterworfen" betrachtet. Hiervon ausgenommen sind Leitartikel, Kommentare oder die Analyse von Nachrichten, in denen die spezielle Wahrnehmung des Autors eine Rolle spielt. Aus diesem Grunde wird es im journalistischen Bereich für absolut legitim gehalten, Informationen aus anderen Medien widerzugeben - unter Angabe der Quelle, um denjenigen zu respektieren, der die Information erlangte.

Eine weitere kapitalistische Offensive

Bis Mitte des Jahres 2000 erfreute sich die Welt des Internet einer kostenlosen Freiheit, und sie glich in vieler Hinsicht einer virtuellen "kommunistischen Gesellschaft". Trotz der unterschwelligen Bedrohungen, die es seit der allgemeinen Popularisierung des Internet - ungefähr sei 1996 - gab haben die Mächtigen die Nutzer des Internets nicht in jenen juristischen Spinnennetze verstrickt, die ansonsten die allgemeine Öffentlichkeit quälen.
Damit sind Gesetze gemeint, wie zum Beispiel Regelungen das Wasser betreffend, die es den Bürgern verbieten, ein Loch im Innenhof ihres Hauses zu bohren und sie stattdessen verpflichten, sich an die Versorger zu wenden, die solche Arbeiten in ihrer Region gegen Bezahlung anbieten.

Dies sind typische Gesetze für einen Raubkapitalismus, der die Welt als seinen Jagdgrund betrachtet, wo die Stärkeren das Recht haben, Eigentum an allen kommerziell nutzbaren Dingen einzufordern.

Aber dann tat sich eine Gruppe von Magnaten im Musikgeschäft zusammen und begann Rechtsstreitigkeiten gegen die Urheber von Napster wegen erlittener Schäden und um Grundsätze und Rechte festzulegen.
Napster war ein kleines Programm, das ein Universitätsstudent erfunden hatte, mit dem jeder mit einem Computer unkompliziert seine spezielle Sammlung von Musikstücken der Allgemeinheit zugänglich machen konnte. Es war, als wenn ich sagte: "Also, ich habe bei mir zuhause Hunderte von Platten, die ich großartig finde. Ich schließe meine Tür nicht ab, und wer will, kann kommen, um Musik zu hören. Ich werde das nicht verhindern." Kurz nach seinem Auftauchen im Internet wurde das Programm zur beliebtesten Software in den Vereinigten Staaten. Schon bald hatten Tausende Zugang zu einer ungewöhnlichen Erweiterung ihrer Plattensammlung und fanden obendrein Titel, nach denen sie bereits jahrelang erfolglos gesucht hatten.
Dies verursachte den ersten Skandal des Internet, angeschoben von den Feldherren des Privateigentums. Sie waren der Ansicht, daß Napster ihnen eine Unmenge von Kunden wegnahm. Immer mehr Menschen zogen es vor, im Internet statt in den Plattengeschäften nach ihrer Musik Ausschau zu halten.
Nach einigen Auseinandersetzungen und einer massiven Medienkampagne, gewannen die Musikunternehmen: Napster wurde verurteilt, eine Strafe in Millionenhöhe zu zahlen und gezwungen, seine Erfindung den Nutzern des Internet nicht mehr kostenlos zur Verfügung zu stellen.
In der Zwischenzeit waren Nachahmer von Napster aufgetaucht - das beste, ein deutsches Programm namens Audiogalaxy, das Millionen von Nutzern in aller Welt fand.
Audiogalaxy hielt sich bis ungefähr 2002. Obwohl es nicht aus Amerika stammte, wurde es von der Zerstörungsmachinerie des internationalen Kapitalismus ausgelöscht.

Die Herren der Wirklichkeit

Die Entwicklung der alternativen Informationsmedien - ein Prozess, der mit der Widergeburt der revolutionären Prozesse in direktem Zusammenhang steht - ist gegenwärtig der Hauptgrund für die Besorgnis der Kraken, die traditionellerweise Informationen verteilen. Nicht so sehr aus ideologischen Gründen - obwohl diese sicher eine unterschwellige Rolle spielen - sondern vor allem aus rein kommerziellen Gründen. Diese traditionellen "Eigentümer" der Information - die wiederum die öffentliche Meinung formt - begannen, sich aufgrund der Beliebtheit der neuen Medien ernsthaft bedroht zu fühlen. Der Hauptgrund für diesen radikalen Wandel wurzelt fast ausschließlich in der Qualität aufrichtiger und wahrhaftiger Information, die die neuen alternativen Medien an den Tag legen.
Anstelle der von den Giganten zur Schau gestellten Überlegenheit - Scharen von Kameraleuten am "Schauplatz des Geschehens", High-Tech und spektakuläre Aufmachung - präsentieren sich die alternativen Medien ohne nennenswerte Mittel, ohne großen Apparat und mit offenen Händen, in denen die Botschaft leuchtet: "Wir sagen Ihnen die Wahrheit."

Als die großen Medienkonzerne schrien: "Man muß den Irak invadieren, weil der Irak im Besitz von Waffen ist, die die internationale Gemeinschaft gefährden", versicherten die alternativen Medien: "Es gibt keine Massenvernichtungswaffen im Irak." Und dieses sagten sie nicht nur, weil sie gute Absichten hatten, sondern aufgrund solider Informationen. Woher hatten sie diese? Nun, aus dem Internet.
Als die führenden Zeitungen Spaniens erklärten, das schreckliche Attentat vom 11. März sei von ETA begangen worden - und damit einen verachtenswerten Schachzug Aznars unterstützten - meldeten die alternativen Medien praktisch im selben Moment, daß dies nicht der Wahrheit entspreche. Dies war das erste Mal, daß sich - fast beiläufig - die enorme Macht bestätigte, die das Internet erworben hatte: Fast ausschließlich aufgrund von Informationen, die über e-mails und die alternativen Medien verbreitet wurden, entstand eine Massenbewegung, die die von den Mächtigen lancierte Lüge demaskierte und die Entlarvten zu ungeordnetem Rückzug zwang.

Genau dies ist es, was man heute seitens der Zentren der Meinungsmacht zu verhindern sucht. Deren Absicht ist es, alles was sich heute in den vielfältigen Verzweigungen des Netzes bewegt und abspielt, zu kontrollieren.

Die Präsentation des erwähnten Protokolls wird am 6. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse statfinden. Das Programm selbst wird offiziell gegen Ende des Jahres gestartet, mit einer Probephase von bis zu zwölf Monaten. Wie mein Freund Hector Schmucler beispielhaft sagte, wissen die Herren des Kapitals mit beeindruckender Präzision, was geschehen wird, nicht weil sie besonders hellsichtig wären, sondern "weil sie es programmiert haben."
Der Präsident der AMP, Gavin O'Reilly, prophezeite, daß "dieses System jeden Konflikt zwischen den Herausgebern und den Suchmaschinen vermeiden" würde, und versicherte, daß "sich die Beziehungen zwischen beiden mit dem ACAP in ausgewogener Weise verbessern würden."
Er zeigte sich davon überzeugt, daß diese Maßnahme der "wachsenden Frustration der Herausgeber begegnete, die viel investieren, um Inhalte zu erzeugen, die verbreitet und genutzt werden."
Der Präsident der EPC, Francisco Pinto Balsemao, zeigte sich überzeugt, daß ACAP für "einen umfassenderen Zugang zu unseren veröffentlichten Inhalten gewährleisten und sie jenen besser zugänglich machen wird, die sie nutzen wollen, die Verletzung der Urheberrechte verhindern und die Betreiber der Suchmaschinen vor künftigen Rechtsstreitigkeiten schützen wird."
In gewöhnlicher Umgangssprache heißt dies, daß in Zukunft möglicherweise die einzigen, die "berechtigt" sind, Informationen zu verbreiten, jene Unternehmen sein werden, die die entsprechenden technischen Möglichkeiten und den institutionellen Rückhalt haben, um sich unverzüglich auf Ereignisse zu stürzen, mit der Absicht, sie sich anzueignen und weiterzuverbreiten - oder auch nicht, ganz nach Lust und Laune, wie und wann es ihnen paßt.
Wir aber sagen ganz wie Diogenes auf die Frage Alexanders des Großen ("Was wünscht Du von mir?") einmal mehr: "Geh mir aus der Sonne!"* Als alternative Medien brauchen wir nicht großartige technischen Strukturen, um zu informieren, und auch nicht beeindruckende Geldvermögen. Diejenigen, die in den neuen Medien arbeiten, tun dies vor allem aus der Überzeugung, daß die Wahrheit zu sagen einen wesentlichen Beitrag dazu leistet, daß wir Menschen einmal in einer besseren Welt leben werden.
Wir begehren nur, daß sie uns weiterhin ohne Druck in dem baden lassen, was für Internet-Journalisten "die Sonne" ist: In den weltweiten Quellen freier Information.

* Diogenes saß an einem schönen Wintermorgen im Eingang seiner bescheidenen Höhle. Alexander der Große zog mit seinem Gefolge vorbei, und machte eigens einen Umweg, weil er den berühmten Philosophen kennenlernen wollte. Er baute sich vor ihm auf und rief ihm vom Pferd aus zu:
"Ich bin Alexander, der König. Bitte mich, um was Du willst und ich werde es Dir erfüllen."
"Dann geh mir aus der Sonne," sprach Diogenes.


Quelle :

Über den Autor

Übersetzt vom Spanischen ins Deutsche von Hergen Matussik und überprüft von Fausto Giudice, Mitgliedern von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft: sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle und die Übersetzer genannt werden.

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IM BAUCH DES WALFISCHES: 15/10/2006

 
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