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14/12/2019
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Grauzone

Die Kinder des Jahres 5767


AUTOR:  Gideon LEVY ÌÇÏÚæä áíÝí

Übersetzt von  Ellen Rohlfs


Es war ein ziemlich ruhiges Jahr – relativ ruhig.  Nur 457 Palästinenser und 10 Israelis wurden getötet – nach B’tselem, der Menschenrechtsorganisation, einschließlich der Opfer der Qassamraketen. Weniger Todesfälle als in vielen früheren Jahren. Trotzdem war es ein schreckliches Jahr: 92 palästinensische Kinder wurden getötet  (glücklicherweise wurde nicht ein einziges israelisches Kind von Palästinensern getötet trotz der Qassams)  Ein Fünftel der getöteten Palästinenser waren Kinder und Jugendliche – eine unverhältnismäßige, fast nie da gewesene hohe Zahl. Das war im jüdischen Jahr  5767. Fast einhundert Kinder, die am vorigen Neujahrstag noch lebten und spielten, überlebten nicht, um dieses neue Jahr zu erleben.

Ein Jahr. Nahezu 8000km wurden in dem kleinen gepanzerten Rover der Zeitung (Haaretz) gefahren, wobei die Hunderte von Kilometern im alten gelben Mercedestaxi - das Munir und Said gehört und unsere engagierten Fahrer im Gazastreifen sind - nicht mitgezählt wurden. So feierten wir den 40. Jahrestag der  Besatzung. Keiner kann behaupten, dass dies nur ein vorübergehendes Phänomen ist. Israel ist die Besatzungsmacht. Die Besatzung ist Israel.

 

Jede Woche gehen wir in den Fußstapfen der Kämpfer in die Westbank und in den Gazastreifen und versuchen, die Taten der IDF-Soldaten, der Grenzpolizei, des Shin Beth-Geheimdienstes und des Personals der Zivilverwaltung –  also der mächtigen Besatzungsarmee zu dokumentieren, die ein schreckliches Töten und Zerstören zurücklässt, dieses Jahr genau wie in den vier vergangenen Dekaden.

Und dieses Jahr war das Jahr der Kinder, die getötet wurden. Wir gelangten nicht zum Haus von einem jeden, sondern nur zu einigen; Häuser von trauernd  Hinterbliebenen, wo die Eltern bitterlich über ihre Kinder weinten, die entweder auf einen Feigenbaum im Hof geklettert waren oder auf einer Bank auf der Straße saßen, oder sich für ein Examen vorbereiteten, oder auf dem Weg zur Schule waren oder friedlich schliefen – in der falschen Sicherheit ihrer Wohnung.

Ein paar von ihnen warfen Steine gegen ein gepanzertes Fahrzeug oder berührten einen verbotenen Zaun. Alle kamen unter direkten Beschuss, einige wurden gezielt beschossen und beendeten so  ihr junges Leben. Von Mohammed ( al-Zakh) bis Mahmoud ( al-Qarinawi), vom Jungen , der im Gazastreifen 2 mal beerdigt wurde bis zu dem Jungen, der in Israel beerdigt wurde. Hier sind die Geschichten von den Kindern von 5767.

Das erste wurde zweimal beerdigt. Abdullah al-Zakh identifizierte die halbe Leiche seines Sohnes  Mahmoud  in der Leichenhalle des Shifa-Krankenhauses in Gaza am Gürtel des Jungen und seinen Socken an den Füßen. Das war kurz vor Rosh Hashana. Am nächsten Tag, als die IDF-Kräfte erfolgreich die sog. „Operation geschlossener Kindergarten“ vollendet hatten, ließen sie 22 Tote zurück und einen zerstörten Ortsteil und ließen Sajiyeh in Gaza den trauernden  Vater die restlichen Teile des Leichnams finden. Nun fand eine 2. Beerdigung statt.

Mahmoud war 14 Jahre alt, als er starb. Er wurde 3 Tage vor Schulbeginn getötet. So sind wir auf das Neujahrsfest Rosh Hashana 5767 zugegangen. In Shifa sahen wir Kinder, deren Beine amputiert wurden, die gelähmt waren und am Beatmungsgerät hingen. Familien wurden im Schlaf getötet oder während sie auf Eseln ritten oder auf dem Feld arbeiteten. Die „Operation geschlossener Kindergarten“ und „Operation Sommerregen“ – wer erinnert sich noch daran? -  Bei der  ersten Operation mit dem schrecklichen Namen wurden 5 Kinder getötet. Eine Woche lang lebte  Sajiyeh in Ängsten wie die Kinder in Sderot, es nie erlebten – wobei ich ihre Ängste nicht verniedlichen will. Diese Ängste bestehen auch.

Am Tag nach Rosh Hashana fuhren wir nach Rafah. Dam Hamad, 14, war im Schlaf getötet worden, in den Armen ihrer Mutter – ein  von Israelis verursachter Steinschlag in Gestalt eines Betonpfeiler fiel  krachend auf ihren Kopf. Sie war die einzige Tochter ihrer gelähmten Mutter. Sie war das einzige, was die Mutter hatte. Im armseligen Haus der Familie im Brazil-Stadtteil von Rafah trafen wir die Mutter, die in einem Betthaufen lag, beraubt  vom einzigen, das sie auf dieser Welt besaß. Draußen bemerkte ich gegenüber dem mich begleitenden Reporter vom französischen Fernsehen, dass dies einer der Momente war, in dem ich mich als Israeli schämte. Am nächsten Tag rief er mich an und sagte: „Das was Sie sagten, brachten sie im Fernsehen nicht, aus Angst vor den jüdischen Zuschauern in Frankreich.“

Bald danach fuhren wir nach Jerusalem zurück und besuchten Maria Aman, das bezaubernde kleine Mädchen aus dem Gazastreifen , das bei einem falsch gelaufenen Raketenbeschuss fast alle  ihre Familienangehörigen verlor, einschließlich der Mutter, als die Familie in einem Wagen fuhr. Ihr hingebungsvoller Vater weicht nicht von ihrer Seite. Seit anderthalb Jahren wird sie im wunderbaren Alyn-Krankenhaus gepflegt. Sie hat gelernt, einen Papagei mit ihrem Mund zu füttern und mit ihrem Rollstuhl herumzufahren, indem sie ihr Kinn bewegt. Alle ihre  anderen Glieder sind gelähmt.Tag und Nacht ist sie mit einem Beatmungsgerät verbunden. Noch ist sie  ein fröhliches, sauber gepflegtes Kind – nur ihr Vater fürchtet den Tag, an dem sie in den Gazastreifen zurückgesandt werden.

Vorläufig bleiben sie in Israel. Viele Israels habe sich Maria angenommen und kommen sie regelmäßig besuchen. Vor ein paar Wochen nahm sie die Radio-Journalistin Leah Lior in ihrem Wagen mit, damit sie das Meer in Tel Aviv sehen kann. Es war ein Samstagabend und der Strand war voller Leute  -- das Mädchen im Rollstuhl zog die Aufmerksamkeit vieler auf sich. Einige Leute erkannten sie und  begrüßten sie und wünschten ihr alles Gute. Wer weiß? Vielleicht war auch der Pilot dabei, der eine Rakete auf den Wagen ihrer Familie warf, der zufällig gerade auch dort vorbeifuhr.

Nicht jeder ist so  glücklich gewesen, eine so gute Behandlung wie Maria zu bekommen. Mitte November, ein paar Tage nach dem Bombardement in Beit Hanoun – Erinnert sich jemand daran ? – kamen wir in die geschlagene und blutende Stadt: 22 Leute waren in einem Augenblick getötet worden, 11 Granaten fielen in eine dicht bevölkerte Stadt. Islam, 14, saß dort in schwarz und trauerte über ihre acht Verwandten, die getötet worden waren, auch ihre Mutter und Großmutter. Die von diesem Angriff nun Verletzten und Behinderten schafften es nicht, ins Alyn –Krankenhaus zugelangen.

Zwei Tage vor dem Bombardement auf Beit Hanoun feuerten unsere Kräfte eine Rakete ab, die einen Minibus traf, der die Kinder des Indira-Ghandi-Kindergartens in Beit Lahia traf. Zwei Kinder, ein Passant wurden auf der Stelle getötet. Die Kindergärtnerin starb zwei Tage später. Sie war vor den Augen der 20 kleinen Kinder, die im Bus saßen, verwundet worden. Nach ihrem Tod malten die Kinder ein Bild: eine Reihe blutender Kinder lagen auf dem Boden, vor ihnen die Lehrerin, ein israelisches Flugzeug beschießt sie. Im Indira Gandhi-Kindergarten mussten wir  uns vom Gazastreifen  verabschieden; denn seitdem war es uns nicht mehr möglich gewesen, den Gazastreifen zu betreten.

Aber die Kinder sind zu uns gekommen. Im November wurden 31 Kinder im Gazastreifen getötet. Eines von ihnen Ayman al-Mahdi, starb im Sheba-Medizinzentrum in Tel Hashomer, wohin in  großer Eile gebracht worden war, weil er in einem ernsten Zustand war. Nur seinem Onkel war es erlaubt,  während der letzten Tage bei ihm zu bleiben. Ayman, ein Fünftklässler, saß mit Freunden auf einer Bank auf einer Straße in Jabalya, direkt neben seiner Schule. Eine von einem Panzer abgefeuerte Kugel traf ihn. Er war gerade erst 10.

IDF-Soldaten töten auch Kinder in der Westbank. Jamil Jabaji, ein Junge, der im Askar-Flüchtlingslager Pferde pflegte, wurde in den Kopf geschossen. Er war 14, als er im Dezember getötet wurde. Er und seine Freunde warfen auf gepanzerte Militärfahrzeuge, die am Lager  in der Nähe von Nablus vorbeifuhren , Steine. Der Fahrer provozierte die Kinder: einmal fuhr er langsam, dann wieder schnell, und wieder langsam … schließlich stieg ein Soldat aus, zielte auf den Kopf des Jungen und schoss. Jamils Pferde bleiben seitdem im Stall da seine Familie nun nur noch trauern. Kann.

Und was tat der 16Jährige Taha al-Jawi, um getötet zu werden? Die IDF behauptete, dass er versucht habe, den Stacheldrahtzaun zu sabotieren, der rund um den verlassenen Flughafen steht; seine Freunde sagten, er habe nur Fußball gespielt und sei hinter dem Ball her gerannt. Egal wie die Umstände waren, die Soldaten waren schnell und entschlossen und feuerten ihm eine Kugel ins Bein. Er verblutete, als er im schlammigen Graben neben der Straße lag. Kein Wort des Bedauerns, kein Wort der Verurteilung, als wir den IDF-Sprecher um eine Erklärung baten. Scharfes Schießen auf unbewaffnete Kinder, die niemanden gefährden – ohne vorher einen Warnschuss abgegeben zu haben.

Abir Aramin war noch jünger, sie war gerade 11. Sie ist die Tochter eines Aktivisten der  Combattants for Peace (Friedenskämpfer)- Organisation. Im Januar verließ sie das Schulegebäude in Anata und war auf dem Weg zu einem kleinen Laden, um sich eine Süßigkeit zu kaufen. Man schoss  von einem Grenzpolizeiwagen aus auf sie. Bassam , ihr Vater, erzählte uns mit blutunterlaufenen Augen und gebrochener Stimme: „Ich sagte zu mir selbst, ich werde keine Rache nehmen. Rache ist für diesen „Helden“, der so sehr von meiner Tochter bedroht war, dass er sie erschoss, dass er vor Gericht stehen soll.“ Doch vor nur wenigen Tagen ließen die Behörden verlauten, dass der Fall abgeschlossen sei: Die Grenzpolizei habe unpassend reagiert.

„Ich werde nicht das Blut meiner Tochter zu politischen Zwecken ausnützen. Ich werden nicht meinen Verstand verlieren, weil ich das Liebste verloren habe,“ sagt der trauernde Vater, der viele israelische Freunde hat, auch zu uns.

In Nablus dokumentierten wir, wie Kinder als menschliche Schutzschilde missbraucht wurden, die Anwendung der sog.“ Nachbar-Prozedur“. Es waren ein 11 jähriges Mädchen, ein 12 jähriger Junge und ein 15 jähriger Junge daran beteiligt worden. Hatte der Oberste Gerichtshof dies nicht verboten?  Wir notierten auch die Geschichte vom Tod des Säuglings Khaled, dessen Eltern Sana und Daoud Fakih, versuchten, ihn schnell mitten in der Nacht ins Krankenhaus zu bringen – es ist eine Zeit, in der palästinensische Babys nicht krank werden dürfen. Das Baby starb am Kontrollpunkt.

In Kafr al-Shuhada (dem Märtyrerdorf) südlich von Jenin floh im März der 15 jährige Ahmed Asasa vor Soldaten, die ins Dorf gekommen waren. Der Schuss eines Scharfschützen traf ihn in den Nacken.

Bushra Bargis hatte nicht einmal das Haus im Flüchtlingslager verlassen. Ende April lernte sie am frühen Abend für eine Prüfung. Sie hatte ihr Buch in der Hand und lief im Zimmer hin und her. Da schoss ihr ein Scharfschütze von ziemlich weit weg  mitten in die Stirn. Das Blut getränkte Buch ist ein Zeugnis für ihre letzten Augenblicke.

Und wie ist es mit den ungeborenen Kindern? Sie sind genau so wenig sicher. Eine Kugel traf Maha Qatuni, eine Frau im siebten Monat schwanger, in den Rücken. Sie war während der Nacht aufgestanden, um ihre Kinder zu Hause zu schützen. Die Kugel traf das Ungeborene am Kopf. Die verletzte Mutter lag im Rafidiye Krankenhaus in Nablus  - an mehrere Schläuche angeschlossen.  Sie wollte dem Baby den Namen Daoud geben. Gilt es als Mord, wenn man einen Fötus tötet? Und wie „alt“  war das Verstorbene?. Er war sicher der Jüngste der vielen Kinder, die Israel im vergangenen Jahr tötete.

Ein glückliches neues Jahr!      


Quelle: Haaretz

Originalartikel veröffentlicht am 28. September 2007

Über den Autor

Zeichnungen: Handala von Naji Al Ali

Ellen Rohlfs ist eine Freundin von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

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KANAAN: 07/10/2007

 
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