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19/09/2019
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Kann es eine Diskussion über den Islam geben, die nicht dumm ist?


AUTOR:  Farish AHMAD-NOOR

Übersetzt von  http://muslimische-stimmen.de


Es ist interessant über die idiotischen Zeiten nachzudenken, in denen wir leben. Besonders wenn man, wie ich, in nebulöse Dinge, die 'Interkultureller Dialog' genannt werden, involviert ist. In den vergangenen vier Wochen habe ich an verschiedenen Dialogrunden zwischen Europäern und muslimischen Migrantencommunities in Amsterdam, Paris und Berlin teilgenommen und in jeder dieser Treffen bin ich Stereotypen über Muslimen und dem Islam begegnet. Jene waren so oberflächlich und kindisch, dass ich schon fast beschämt bin, diese hier zu wiederholen. Schlimmer noch als das platte Sinnieren über den Islam und die Muslime war, dass diese Gedanken nicht vom Ottonormalverbraucher kamen, sondern von denjenigen, die behaupten sich auszukennen und als Wissenschaftler und Historiker bewundert werden.

In einem dieser Treffen wurde mir folgendes gesagt: "Der Islam ist eine faschistische, Frauenhassende, Christentötende, Homosexuelle beschimpfende, männliche-macho Hass-Ideologie, die seit 14 Jahrhunderten auf Eroberungen, Blutvergießen, Mord und Vergewaltigung basiert. Deshalb kann es keine Integration von Muslimen in Europa geben, weil die Muslime, die wir hier haben, Primitive der arabischen Welt sind, die barbarisch, gewalttätig und brutal sind. Sie glauben nicht an die Vernunft und an die Aufklärung und die islamische Zivilisation hat nichts Wissenschaftliches, Rationales oder Humanes hervorgebracht." Versuchen Sie das Wort "Muslim" mit Schwarz zu ersetzen und man wird sehen, wie weit hergeholt und rassistisch diese Behauptungen wirklich sind.

Warum ist es heutzutage so, dass wann immer über den Islam und die Muslime geredet wird, einige von uns denken, sie haben die Lizenz ihren IQ-Level um hundert Punkte zu senken? Ist die Rede über den Islam eine Lizenz irgendetwas Dummes, Beleidigendes, Provokatives zu sagen oder die Massen aufzubringen, um ein paar Schlagzeilen zu machen? In Holland forderte sogar ein Politiker ein Verbot für das Koranlesen, weil der Koran mit Hilters 'Mein Kampf' zu vergleichen sei. Andere behaupten alle Muslime seien in erster Linie durch ihren Glauben geprägt, der nun mal irrational, unwissenschaftlich und gegen die Aufklärung sei.

Ich war getroffen von der eigenwilligen Blindheit der so genannten 'liberalen' und 'rationalen' Europäer, ihrer Unfähigkeit, sowohl Dinge in eine verhältnismäßige Perspektive zu setzen als auch ihre Unfähigkeit, ihre Annahmen von sich selbst zu hinterfragen. In meiner Arbeit als akademischer Aktivist habe ich versucht, diese großen Narrativen von der offiziellen Geschichte zu zerlegen, sei es auf der Ebene des  Staates oder der Religion. Ich bin der Tatsache bewusst, dass die Geschichtsschreibung ein umstrittener Prozess ist, der zumeist  von den Gewinnern einer Gemeinschaft betrieben wird und nicht von den besiegten oder marginalisierten Stimmen. Ist es dann eine Überraschung, dass die Geschichte des Westens nur die Geschichte von weißen, männlichen, mittelständischen Stimmen ist? Wo ist die Geschichte der Frauen und der Partizipation von Frauen an Politik, Wirtschaft und Nationsbildung? Erst seit Neustem durch die Avancen der feministischen Geschichtsschreibung und der dekonstruktiven Geschichte, wie der von Simon Schama und deren Gleichen, haben wir eine Geschichtsschreibung gesehen, die inklusiv, plural und nachgefragt ist.

Jetzt werden die bewussten Historiker Sie informieren, dass es schon immer Gegenströmungen zur dominanten Geschichtsschreibung gibt und gab, sowohl im Westen als auch in der muslimischen Welt (sowie es auch liberal progressive Gegenströmungen gegen orthodox-konservativen Hinduismus, Buddhismus Christentum und Judentum gibt.) Darüber hinaus existieren alle Zivilisationen und Kulturen in relationalen Begrifflichkeiten und sie entwickeln sich in Relation mit- und zueinander: Es wäre lächerlich zu behaupten, die Europäische Aufklärung sei lediglich ein selbst generierter Fall eines isolierten Genius, wo wir doch alle wissen, dass die europäische Zivilisation in Interaktion mit der muslimischen Zivilisation entstanden ist, so wie die muslimische Zivilisation in Relation zu und mit der chinesischen, indischen und persischen Zivilisation sich entwickelt hat.

Natürlich sind die Muslime in der Welt heute Geiseln einer Geschichte, die bestimmt ist von Herrscher-Eliten oder ihren konservativen Lakaien, wie den Wahabiten in Saudi-Arabien. Von den Stiftern dieser konservativen Sektierer bekommen wir nur eine statische Beschreibung der muslimischen Geschichte, die aus der Sicht der Könige, Sultane und Diktatoren – wie die Geschichte des Iraks, die in der Zeit von Saddam Hussein geschrieben worden ist –  oder die verdrehte Geschichte der Araber, geschrieben von dem Establishment nahe stehenden Wahabiten. Aber hier muss wieder die Frage gestellt werden: Wie war dieses geschichtliche Ausradieren möglich und wer steckte dahinter? Leider muss auch hier mitunter  der Zeigefinger auf den aufgeklärten Westen gerichtet werden, der in Diktatoren wie Saddam Hussein und der saudischen Königsfamilie strategische Verbündete sah.

Das Emporkommen des konservativen, fundamentalistischen, sektiererischen und gewaltsamen Islams wurde während des Kalten Krieges von westlichen Staaten unterstützt, was zum Aufstieg von Männern wie Saddam Hussein, den anti-sowjetischen Mujahedin und später den Taliban führte. Jene wiederum haben das plurale Vermächtnis der muslimischen Welt zerstört. Dennoch beschuldigen westliche Liberale heutzutage die Muslime, keine Geschichte zu haben und dass ihre eigene Geschichte eine Geschichte der Gewalt sei. Wo ist der aufgeklärte Geist von Selbstkritik und Selbsterkenntnis? Eigentlich sollten die Liberalen im Westen nicht überrascht sein, vom Aufstieg der fundamentalistisch-muslimischen Regime in der Welt, wenn es doch ihre eigenen Regierungen waren, die diese anti-christlichen, anti-Frauen und anti-Homosexuellen Regimes an erster Stelle unterstützt haben, angeblich strategischer Allianzen halber, aber im Grunde für die Sicherung der Lieferung des viel gebrauchten Öls?

An dieser Stelle entschuldige ich keineswegs fundamentalistische konservative Muslime, weil es gewiss rechte Muslime gibt, die man nur als Faschisten im wirklichen Sinne des Wortes bezeichnen kann. Aber genauso wie Muslime heutzutage aus ihrer Hülle hinaustreten müssen und der Realität ins Gesicht blicken müssen, genauso müssen es die Europäer auch tun, die behaupten ach so aufgeklärt und liberal zu sein. Europas Aufklärungsprojekt hat nicht nur seine eigenen Unzufriedenheiten, sondern auch seine eigenen Anomalien.

Zu behaupten, dass jeder einzelne Europäer heute ein Produkt dieses geschichtlichen Prozesses ist, wäre so simplifizierend als würde man um den Glauben betteln. Wenn das der Fall sein sollte, dann könnten wir vielleicht fragen, wie aufgeklärt die Europäer waren als sie Asien und Afrika kolonisierten. Schauen Sie auf die Weltkarte und sehen Sie wie viele Flicken heute auf der Welt – von Nord-Amerika bis Australien – Erinnerungen an die koloniale Expansion sind, welche von einer irrationalen Gier, einem irrationalen Rassismus und einem irrationalem Hass gegen das Andere motiviert war, und nicht geleitet von Werten der Vernunft oder des universalen Humanismus. Sagen Sie mir, war es Kant oder Descartes, der den Kolonialisten sagte, in Australien einzufallen und es zu besetzen, die Aborigines von Tasmanien auszurotten und ihre Köpfe als Trophäen aufzuhängen? Oder die Körper der nordamerikanischen Indianer zu enthäuten, um daraus Stiefel und Tabakbeutel zu machen? Wo war da die europäische Aufklärung? Im Schlaf?


Quelle des Originalartikels: http://www.othermalaysia.org/content/view/116/55/

Originalartikel veröffentlicht am 25. September 2007

Quelle der deutschen Übersetzung :
http://muslimische-stimmen.de/index.php?id=20&no_cache=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=313&tx_ttnews%5BbackPid%5D=11

Über den Autor

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=4194&lg=de

  


UMMA: 25/11/2007

 
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