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18/10/2019
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Giftmüll in und aus Neapel : Flucht aus dem Dreieck des Todes


AUTOR:   Zeit-Fragen, präsentiert von Fausto Giudice

Übersetzt von  Eva Luise Hirschmugl


Ein wahrer Krieg

Die katastrophale Situation rund um Müll und Abfälle in Neapel und Umgebung, Kampanien, ist zu einer kollektiven Tragödie geworden. In diesem wahrlichen Krieg stehen sich zahlreiche Akteure gegenüber: der italienische Staat und seine nationalen, regionalen und lokalen Einrichtungen, die politischen Parteien, die Polizei und die Armee, die Camorra (die napolitanische Mafia) und die Bevölkerung. Letztere hat sich aufgelehnt und trägt, gewalttätig niedergeschlagene, Kämpfe aus, für das Recht auf eine intakte Umwelt, Gesundheit und Leben. Anfang Januar gab es einen neuen Zwischenfall in diesem Krieg: ein Paar aus dem „Dreieck des Todes“ – er Wirtschaftswissenschaftler, sie, schwanger, Forscherin, hat um Asyl im Kanton Tessin in der Schweiz angesucht. Sollte ihr Ansuchen positiv beschieden werden, so wäre dies eine Weltpremiere: sie wären die ersten anerkannten Umweltflüchtlinge.

Einige Zahlen, um Ihnen eine Vorstellung von der Situation zu geben: Neapel produziert 1.500 Tonnen Abfall pro Tag, Kampanien produziert 4 Millionen Tonnen pro Jahr. In Kampanien gibt es 15.500 Müllhalden von denen ... 15.000 illegal sind. Auf diesen Müllhalden findet man hochgiftige und radioaktive Abfälle. Ausserdem ist die gesamte Region von Dioxin verseucht, ein Abfallprodukt, das vor allem bei der Müllverbrennung entsteht. Momentan bricht in Kampanien alle 15 Minuten ein Müllbrand aus.

Der Krieg um die Abfälle, der die lokale Bevölkerung mobilisiert, versetzt alle möglichen Gruppen in Aufruhr: einfache Bürger, Umweltschutzvereine, Gruppen junger Autonomer, faschistische oder „post-faschistische“ Gruppen (die Partei Alleanza nazionale, respektable gewordene ex-MSI) und, selbstverständlich, die Mitglieder der Camorra.

In der italienischen Presse spricht man viel vom „nimby“ Effekt („not in my back yard“ – nicht in meinem Garten), der angeblich der Ursprung der täglichen Proteste der Einwohner ist, die, in Kampanien, wie auf Sizilien und Sardinien, die Müllablagerung, das Vergraben oder Verbrennen der Abfälle auf ihrem Territorium verweigern. Die Bevölkerung von Marigliano hat gerade ihren Kampf verloren: die Karabinieri haben die Demonstranten, die am 30. Januar die Zufahrt zur Müllhalde blockierten, gewaltvoll evakuiert; unter den Demonstranten befanden sich auch schwangere Frauen und Kinder (siehe Videos der Schlacht von Marigliano). Die Bevölkerung des Viertels Pianura in Neapel wiederum hat ihren Kampf gerade gewonnen: der Oberstaatsanwalt hat, nach Beschwerden der Bevölkerung wegen Gesundheits-und Umweltschäden, die Müllhalde Contrada Pisani unter Zwangsverwaltung gestellt. Die Bevölkerung gibt sich mit blosser Empörung nicht zufrieden: sie trägt ihre Kämpfe vor Gericht aus (eine Vereinigung von 1.600 Einzelhändlern aus Neapel hat gerade eine „class action“, eine Massenbeschwerde, niedergelegt), sie sucht nach Alternativen zur derzeitigen Misswirtschaft: Arbeitslosen-und Naturschutzorganisationen haben einen realistischen und realisierbaren Plan zur Müllverwaltung aufgestellt, der gleichzeitig ökologisch wäre und Arbeitsplätze schaffen würde. Zum derzeitigen Zeitpunkt sind sie noch nicht angehört worden.

In der enormen Verwirrung dieses Krieges bleiben einige zielstrebig: die transnationale französische Firma Veolia Environnement macht ihre Schachzüge und antwortet begierig auf Ausschreibungen für die Müllverwaltung in Neapel. Diese Firma verwaltet bereits die Wasserversorgung und Abwasserreinigung gewisser Städte im Latium, in denen die Kosten in Folge für die Bewohner um ... 300% gestiegen sind. Das Ziel Veolias ist es, sich zuallererst die Verwaltung der Abfälle in Neapel zu sichern und dann die Wasserversorgung. Gustave Flaubert hätte dies in seinem Nachschlagewerk der vorgefassten Meinungen so ausdrücken können: „Veolia = edler als Camorra“.

Lesen Sie im Nachfolgenden die explosive Akte, zusammengestellt von unseren Schweizer Freunden der Kooperative Horizons et débats/Zeit-Fragen/Current Concerns.

Fausto Giudice, Tlaxcala

 

  

Der Präfekt Gianni De Gennaro, 59 Jahre alt, ist seit Januar 2008 der x-te Sonderkommissar, der sich mit dem Notfallplan zur Behandlung der Abfälle von Kampanien befasst. Im Krieg gegen die Abfälle wird dieser Polizist vom Generalleutnant Franco Giannini unterstützt.
1994 wurde der Ausnahmezustand verhängt. Allein im Jahre 2004 wurden 676 Millionen Euro für die Abfallbehandlung ausgegeben – ohne sichtbare Ergebnisse. De Gennaro, Chef der italienischen Polizei von 2000 bis 2007, musste sich einer gerichtlichen Untersuchung unterziehen, da er so scheint es Polizisten in Führungsposition, die in die Gewalttätigkeiten gegen die Demonstranten beim G8 Gipfel in Genua im Jahre 2001 verwickelt waren, zu lügen befohlen hatte. Anstatt ihn zu bestrafen, wurde er im Juli 2007 auf den Posten des Kabinettchefs des Innenministerium befördert. Am 31. Januar präsentierte er einen Plan zur Beseitigung der Abfälle in Neapel, dem zufolge 6 neue Deponien eingerichtet und zwei weitere reaktiviert werden sollen. Am gleichen Tag stellte die Komission in Brüssel Italien ein Ultimatum von 2 Monaten, um das Abfallproblem nach den europäischen Normen zu lösen und drohte Italien damit, bei Nichterfüllung, gerichtliche Folgen vor dem Europäischen Gerichtshof an. Der Senator auf Lebenszeit und ehemaliger Präsident der Republik, Francesco Cossiga, sprach bezüglich De Gennaro folgenden vernichtenden Satz aus: „Gianni De Gennaro ist so moralisch ruchlos, dass er mich nicht einmal dann beleidigen könnte, wenn er mir ins Gesicht spuckte.“

 

   

Antonio Bassolino, 60 Jahre alt, ist seit 2000 Gouverneur (Präsident) der Region Kampanien und sein Mandat wurde 2005 bestätigt. Er ist seit seinem 17. Lebensjahr Kommunist und ist seiner Partei durch alle ihre Veränderungen hindurch zur sozialdemokratischen Partei (PDS), dann zur einfach nur demokratischen Partei (PD) treu geblieben. Er war Abgeordneter, Minister und Bürgermeister von Neapel. Er unterstützt Kommissar De Gennaro bedingungslos.

Missachtung von Umweltschutzgesetzen durch willfährige Kehrichtimporte?

zf. In Neapel türmt sich der Müll auf der Strasse. Der mitfühlende Leser lässt sich  durch die Bilder unmittelbar überzeugen von der Dringlichkeit, der geplagten Bevölkerung zu helfen. Die Schweiz bietet als «Krisenmanagement» ihre hilfreiche Hand sofort an: Unsere nicht ganz ausgelasteten Kehrichtverbrennungsanlagen würden den Müll übernehmen und verbrennen. Klingt sehr plausibel. Doch der Müll ist hochgiftig und radioaktiv. Keine andere Region in Italien will den Müll, es gibt Krawalle gegen den Export des Mülls, beispielsweise nach Sardinien.
Der Import von hochgiftige, radioaktive Substanzen enthaltendem Müll aus Italien wäre ein Unding sondergleichen. Hochgiftige Schwermetalle aus Schlämmen, undefinierte Spitalabfälle, die nicht vorgängig desinfiziert wurden, dürfen nicht in Kehrichtverbrennungsanlagen verbrannt werden. Kein Mensch weiss heute sicher, was nicht sonst alles an Industriemüll seit 20 Jahren in der Region um Neapel vergraben und deponiert wurde.
Man kann nicht einmal sicher sein, dass sich nicht auch «Geschenke» der Amerikaner darin verbergen, die infolge der Aufräumarbeiten der DU-Verseuchung in Kosovo und im Irak wahrscheinlich über die europäischen Länder verteilt werden.



Der Dreieck des Todes

Zeit-Fragen hat mit Ehepaar X* gesprochen, das kürzlich im Tessin einen Asylantrag gestellt hat, um dem entsetzlichen Umweltdesaster zu entrinnen. Aus dem Asylantrag geht hervor, was dem Zeitungsleser verschwiegen wird: Seit mehr als 20 Jahren werden Abfälle – jeglicher Art – unterirdisch und in alten Höhlen vergraben gelagert. Kein Mensch spricht in unseren Medien darüber, welche Substanzen dort eigentlich unter der Erde lagern, warum sie dort lagern, woraus ihre gesundheitlichen Gefahren bestehen. Tatsache ist, dass sie, wie im Lancet Oncology zu lesen ist, im «triangolo della morte» zu einer sehr hohen Rate an Leberkrebs, Leukämien und Lymphomen führen und viel Leid verursachen.

Zeit-Fragen: In ihrem Asylgesuch erwähnen Sie sehr konkrete Fakten über die dramatische Situation in Ihrem Dorf. Können Sie uns sagen, welche gefährlichen Substanzen im Müll vorhanden sind?

Ehepaar X: Es gibt den schwerwiegenden Verdacht, dass in den umliegenden Feldern (zwischen Acerra, Nola und Merigliano) und innerhalb der legalen Deponien Schwermetalle, hochtoxische chemische Substanzen und radioaktives Material vergraben sind.

Um welche radioaktiven und krebserregenden Substanzen handelt es sich?

Spitalabfälle, aber man vermutet auch andere gefährliche Stoffe.

Gibt es auch radioaktives Material aus den Kriegsgebieten, Kosovo und Irak, oder von woher kommt es sonst noch?

Ich weiss es nicht, aber ich glaube, dass es vorwiegend aus Italien stammt.

Wenn ja, in welcher Form ist es hierhergekommen?

Mit Lastwagen. Aber ich wiederhole, dass es sich um Substanzen aus Italien handelt, auch wenn ich nicht ausschliesse, dass sich auch giftige Abfälle aus anderen Ländern darunter befinden können.

Wo hat man in der Nahrungskette radioaktive und krebserzeugende Substanzen gefunden?

Dafür gibt es keine Sicherheit, weil bei den Nahrungsmitteln niemand eine Kontrolle durchgeführt hat, aber die Krebstoten sind sehr zahlreich, man spricht in einigen Fällen sogar von 350% mehr als in anderen europäischen Gebieten.

Welche Missbildungen bei Kinder- und Tierföten sind gefunden worden, und gibt es Foto­material dazu?

Tiere mit zwei Köpfen und schwer missgebildete Föten.

Ist die Versorgung mit Trinkwasser noch garan­tiert?

Ja, sicher.

In einem Film spricht man von unterirdischen Deponien und Kavernen mit verseuchtem Material. Was meinen Sie dazu? Haben Sie diesbezüglich Informationen?

In der Hauptsache ist der Müll in alten Gruben unter der Erde.

Sind Untersuchungsresultate über Tumore publiziert worden, beispielsweise vom Institut für Tumore in Neapel oder von anderen, oder wurde darüber geschwiegen?

Ja, es gibt viele Untersuchungen seitens der WHO (Weltgesundheitsorganisation), unabhängiger Onkologen, des Istituto Superiore di Sanità (ISS) und des Lancet Oncology.

Wie erklären Sie sich, dass gerade in Ihrer Region seit so langer Zeit Müll und verseuchtes Material in so grossen Mengen deponiert wird?

Das Territorium wurde nie kontrolliert, und die Anzeigen wurden nie wirklich ernst genommen.

Wir hoffen, dass es Ihnen und Ihrer Familie gut geht, insbesondere auch Ihrer Ehefrau. Wir sind sehr beeindruckt, und wir sind Ihnen sehr dankbar, dass Sie auf direkte und persönliche Weise auf diese furchtbaren Angelegenheiten aufmerksam machen.

Vielen Dank Ihnen allen. 

*    Die Namen sind der Redaktion bekannt.


Die Campania felix gesehen mit den Augen des flämischen Künstlers Iris Hofnaegel Ende des 16. Jahrhunderts

 

Asylantrag von Ehepaar X an Staatsrätin Patricia Pesenti, Direktorin des Departementes für Gesundheit und Soziales des Kantons Tessin

Sehr geehrte Frau Präsidentin Pesenti
Ich heisse X und lebe seit 32 Jahren in … in der Provinz Neapel. Mein Dorf gehört seit langer Zeit zu jenem Gebiet der Region Campania, das man «Campania felix» nannte. Dies wegen der ausserordentlichen Qualität der Böden, die aus jahrtausendalten vulkanischen Ablagerungen bestehen und darum so fruchtbar sind und so wunderschöne Landschaften bilden. Diese entstanden durch das Zusammenspiel des Reichtums des Bodens, der extremen Formenvielfalt des vulkanischen Ursprungs und durch das Spiel des Wassers von Flüssen und Meeren. Feuer, Land und Wasser haben so, im Zusammenspiel mit der Photosynthese, eine Landschaft von höchster Qualität mit einem sehr hohen ästhetischen, kulturellen und wirtschaftlichen Wert geschaffen.
Heute wird mein Dorf nicht mehr zur «Campania felix» gerechnet, sondern zum verrufenen Dreieck des Todes, wo die Sterblichkeitsrate infolge von Krebserkrankungen diejenige von Europa um 350% übersteigt. 43% der Umweltverschmutzung in Italien geht zu Lasten der Region Campania. Der grösste Teil davon betrifft den Ort, wo ich lebe.
Im August 2004 veröffentlichte The Lancet Oncology einen der ersten wissenschaftlichen Artikel weltweit mit dem Titel «Triangle of death» (Dreieck des Todes). Die grauenhafte Bezeichnung bezog sich auf das neapolitanische Gebiet zwischen Nola, Acerra und Marigliano, wo man mit einer bedeutend höheren Wahrscheinlichkeit an Krebs stirbt als im übrigen Italien. Dies beweisen die Statistiken der letzten Jahre: In diesem Gebiet mit über einer halben Million Einwohnern erreicht die Sterberate infolge Lebertumors auf 100 000 Einwohner fast 35,9 für Männer und 20,5 für Frauen. Der nationale Durchschnitt liegt bei 14. Die Sterberate ist auch bezüglich Blasen- und Prostatakrebs sowie bösartigen Tumoren des Nervensystems bedeutend höher als im übrigen Italien. Nach der erwähnten Studie ist die höhere Krebsrate eine direkte Folge der Entsorgung von Müll in den illegalen Deponien der Region. Während zwanzig Jahren hat man dort krebserregende und radioaktive Substanzen vergraben, die heute wieder auftauchen und in die Nahrungskette eindringen: Ammonium- und Aluminiumsalze, Blei, Autoreifen, die beim Verbrennen krebserregende Substanzen entwickeln. In diesem Gebiet wurden auch radioaktive Substanzen aus Sonderabfällen von Spitälern vergraben. Diese riesige Verschmutzung verseucht nun die Wiesen, wo die Schafe weiden: ein echter Umweltkiller.
Die verheerenden Folgen für den Menschen unterscheiden sich in zwei Kategorien: Missbildungen bei Föten oder Fehlentwicklungen bei Organen und das Auftreten von Tumoren, sei es bei Erwachsenen oder Kindern. Betroffen sind besonders die empfindlichsten Organe des Körpers, Blase, Leber und Magen, bei denen die grösste Gefahr besteht, dass die giftige Substanz in die Zellen eindringt. Daraus resultiert ein erhöhtes Risiko, zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr an Leukämie oder an einem Lymphom zu erkranken.
Im übrigen ist die Gefahr des Dioxins allgegenwärtig, das sich in fast allen Substanzen befindet, die verbrannt werden oder einem Zersetzungsprozess ausgesetzt sind. Dioxin wurde vor allem im Grundwasser nachgewiesen: Zwischen 2002 und 2004 mussten 79 artesische Brunnen infolge Verseuchung geschlossen werden, mit entsprechendem Schaden für die Landwirtschaft und die Viehzucht. Die Situation hat sich nicht verbessert: Vor nicht so langer Zeit, am 5. Februar 2006, wurden viele vergiftete Tiere aufgefunden. Die Autopsien zeigten, dass die Tiere gestorben waren, weil im Futter und im Wasser Dioxin gefunden wurde.
Es ist ja heute bekannt, dass in den legalen und illegalen Müllhalden der Region Campania alles Mögliche deponiert wurde und dass man dadurch eine Umweltbombe biblischer Dimension generiert hat. Damit erreichte die Verzweiflung der Bürger und insbesondere meine eigene einen unerträglichen Höhepunkt.
Mein Recht auf Gesundheit und auch dasjenige meiner Lieben, das in Art. 32 der italienischen Verfassung festgeschrieben ist, wurde verletzt. Ich habe Angst um meine Gesundheit, um die Gesundheit meines Sohnes, der bald geboren wird und dem dieses Recht bereits abgesprochen wurde. Ich habe Angst um meine Verwandten, die seit zu langer Zeit einem zu hohen Risiko ausgesetzt sind. Bereits seit langer Zeit lebe ich mit der Angst, dass ein ungerechter Schaden unser Leben für immer zerstören wird, nachdem bereits das Leben meines Vaters im Jahr 2002 durch einen Krebs an den Nebennierendrüsen zerstört wurde. Ich lebe mit Angst und zunehmender Panik in einem ungesunden Gebiet, das für immer verseucht ist. In diesem Gebiet sind keine Sicherheit und kein würdiges Leben mehr möglich. In den letzten Jahren wurde es auf eine nicht mehr gutzumachende Art geschädigt, gequält und vergewaltigt, und die Zeichen der ökologischen Katastrophe sind offensichtlich. Es ist unmöglich, das Gebiet zu säubern, weil die in den über 1550 legalen und illegalen Deponien (1500 davon illegal) gelagerte Müllmenge immens ist. Die Verseuchung ist in der Nahrungskette, in der Luft, die ich atme, im Boden, den ich betrete, im Wasser, das ich trinke. Die giftigen Abfälle sind um mich herum und sehr wahrscheinlich bereits in mir drinnen. Es ist gefährlich und unzumutbar, hier zu leben. Die Missbildungen an Föten von Menschen und Tieren sind ebenso zahlreich wie diejenigen, die in Tschernobyl registriert wurden, mit dem Unterschied, dass es hier weder Atomkraftwerke noch Umwelt-verschmutzende Industrien gibt. Die Wahrscheinlichkeit der Inbetriebnahme der Kehrichtverbrennungsanlage von Acerra erhöht mein Unbehagen in bezug auf die Lebensqualität an diesem Ort. Es ist für mich zurzeit unmöglich, mir eine Zukunft in diesem bereits vergifteten Gebiet vorzustellen, besonders auch für mein Kind, das auf Grund seiner Zerbrechlichkeit in erhöhtem Masse den geschilderten Gefahren ausgesetzt ist. Mein Recht auf Gesundheit kann nicht mehr garantiert werden. Meine Unversehrtheit ist in Gefahr, so wie die meiner Lieben und des ungeborenen Kindes. Ihr Leben ist in Gefahr, und ihr Leben ist mein Leben.
Auf Grund der geschilderten Fakten ersuche ich für mich und für meine Ehefrau um politisches Asyl. Wir sind bereit, unsere Arbeit aufzugeben und einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Ich ersuche Sie und die Institution, die Sie vertreten, mein verzweifeltes Gesuch anzunehmen. Helfen Sie uns, uns in Ihr soziales Netz einzufügen. Helfen Sie uns, nicht zu einem statistischen Wert für Wissenschaftler zu werden.
In der Sicherheit, auf Ihr Interesse zu stossen, grüsse ich Sie hochachtungsvoll

Herr und Frau X

(Übersetzung Zeit-Fragen)

  

Die Mülldeponie Lo Uttaro bei Caserta

Dioxin – von der Mülldeponie zu den Lebensmitteln

Die toxischen Substanzen, die bei der Verbrennung der Abfälle entstehen, verseuchen das Wasser, den Boden, die Pflanzen und die Tiere. Dies enthüllt eine Analyse bei Schafen des Nationalen Forschungsrates (CNR) von Neapel und Caserta.
Seit Tagen herrscht wegen des Abfalls ein Ausnahmezustand in der Campania mit ungefähr 3000 Tonnen Müll, der Neapel in die Knie zwingt. Brände an den Müllbergen, die von Bewohnern angezündet werden, tragen durch Gestank, Schmutz und Ansteckungsgefahren zudem zur Verschlimmerung der Situation bei: Das Dioxin, das von den Bränden freigesetzt wird, ist eine schlimme Gefahr für die Gesundheit der Bewohner. Und nicht nur das. Gemäss einer aktuellen Studie vom Labor für tierzytogenetische und genetische Erfassung vom Ispaam/CNR (istituto per il sistema produzione animale in ambiente mediterraneo = Institut für Tierzucht im Mittelmeerraum) von Neapel besteht eine Gefahr für die Nahrungskette.
Das Dioxin kontaminiert das Wasser, den Boden, die Pflanzen und verursacht Schäden auch bei Tieren, insbesondere bei den Schafen der Gegend.

 

  Vincenzo Cannavacciuolo, Schafzüchter aus Acerra, 59 Jahre alt, ist am 16. April letzten Jahres an einem Lungentumor gestorben. Der Gehalt an Dioxin in seinem Blut überstieg die tolerierte Menge ums 25-fache. Seine Tochter sagt, die behandelnden Ärzte „rauften sich die Haare“. „Sie hatten noch niemals einen so agressiven Tumor gesehen.“ In den 4 Jahren vor seinem Tod starben 2.200 seiner Lämmer an Vergiftungen. Seine Familie tritt als Zivilkläger gegen die Firma Pellini auf, die in der Region toxische Abfälle aus Industrien im Norden Italiens abläd. Die örtlichen Behörden haben nach der Entdeckung eines hohen Dioxingehalts in der Milch der Lämmer ein Weideverbot ausgesprochen; sie haben jedoch noch immer kein Anbauverbot ausgesprochen und die, stark toxischen, landwirtschaftlichen Produkte weiter weiterhin auf den Märkten der Region Neapel verkauft. Pankreas-und Leberkrebs breiten sich unter den Bewohnern immer weiter aus. Die Bevölkerung ist darüber stark erbost, vor allem weil in der Region gerade eine Müllverbrennungsanlage (im Italienischen euphemistisch, doch unpassend, als termovalorizzatore = „thermische Aufbereitungsanlage“ bezeichnet) gebaut wird.

Sehen Sie sich dazu die bewegende Reportage von Pupia TV vom 4. Oktober 2007 an.

 

«Die illegalen Mülldeponien in der Campania, vor allem in den Provinzen von Neapel und Caserta, und die systematischen Verbrennungen der verschiedenen Abfälle, mit dem Ziel, deren Volumen auf ein Minimum zu reduzieren, haben eine beträchtliche Anhäufung von umweltschädlichen Stoffen mit sich gebracht, unter denen das Dioxin eine hochtoxische und krebserregende Substanz ist», erklärt Leopoldo Iannuzzi vom Ispaam CNR. «Die Situation hat sich durch die systematischen Verbrennungen der Müllcontainer von seiten der lokalen Bevölkerung in diesen Monaten verschlechtert. Ahnungslos haben sie dadurch den Eintritt dieses Giftes in den Lebenskreislauf begünstigt, welches sich zuerst in Pflanzen, im Boden und im Wasser abgelagert hat und sich sukzessive in den Fettgeweben der Tiere (inklusive Fett der Milch), die die kontaminierte Nahrung eingenommen haben, festsetzt.»
Um die Bedingungen der Aufzucht in der Gegend zu untersuchen, hat das Ispaam CNR, von der Gemeinde Acerra finanziert, zwei Studien durchgeführt, in denen Schafe tiefen und hohen Dioxingehalten ausgesetzt waren. Dafür wurden zwei genetische Lymphozyten-Tests im Blut durchgeführt. Das Dioxin hinterlässt somit Spuren auf der Chromosomen­ebene, weil es imstande ist, die Struktur der DNA zu verändern.
Iannuzzi präzisiert: «Die zwei Untersuchungen haben eine bemerkenswerte Brüchigkeit der Chromosomen der Schafe gezeigt, die dem Dioxin ausgesetzt waren. Im speziellen hat sich eine vierfach erhöhte Häufigkeit, im Vergleich zu den Kontrollschafen, bei den Schafen gezeigt, die einem tiefen Dioxingehalt ausgesetzt waren, und eine 8- bis 14-fache Erhöhung bei denen, die einer hohen Dosis ausgesetzt waren. Ausserdem zeigte sich bei der Zucht derjenigen Schafe, die einer hohen Dosis an Dioxin ausgesetzt waren, eine hohe Anzahl an Missgeburten und Aborten.»
Die Resultate sind bedeutsam, da die Schafe, die sich vorwiegend auf natürlichen Weiden ernähren, optimale biologische Wächter für die Umweltverschmutzung in den Risikogebieten darstellen. •

Quelle: www.galileo.it vom 22.5.2007
(Übersetzung Zeit-Fragen)


Polis Nova, periodico a cura dell'ASCA Associazione per lo sviluppo del Centro Antico di Napoli

Sehen Sie die Videos der Schlacht von Marigliano


Quelle: Zeit-Fragen Nr.4 vom 21.1.2008 und Tlaxcala

Originalartikel veröffentlicht am 21. Januar 2008

Fausto Giudice und Eva Luise Hirschmugl sind Mitglieder von
Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autoren, die Übersetzer als auch die Quellen genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=4614&lg=de


 


IM BAUCH DES WALFISCHES: 07/02/2008

 
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