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15/08/2020
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Wem nützt das „positive Bild“ Afrikas?


AUTOR:  Vladislav MARJANOVIĆ


Die Sorge der afrikanischen Diaspora

Was findet man über Afrika in den etablierten Medien im Westen? Hauptsächlich dürftige Berichte über Kriege, Krisen, Krankheiten und Hungersnot. Aber auch diese Bilder werden von einem noch schrecklicheren Bild verdrängt: von Migranten. Sie kommen jeden Tag in ihren brüchigen Booten. Viele von ihnen sterben unterwegs, die anderen aber brechen bereits die Schutzwälle der Festung Europas und sind in fast jedem europäischen Land sichtbar und erzeugen Angst. Sie nehmen den Einheimischen ihre Arbeitsplätze weg, sie handeln mit Rauschgift, sie treiben Prostitution, bedrohen die Sitten. Man fürchtet bereits, dass Europa sich afrikanisiert und infolge dessen verfallen könnte, weil angeblich Migranten aus Afrika in ihrem Gepäck Barbarei und Anarchie mitschleppen.

Selbstverständlich wollen die afrikanischen Gemeinschaften im Westen dieses negative Bild  ihres Kontinentes und seinen Menschen korrigieren. Da sie sich inzwischen organisiert haben und auch eigene Medien besitzen, bemühen sie sich durch diese, der westlichen Öffentlichkeit zu erklären, dass es auch ein anderes Afrika gibt, ein Afrika von kreativen und erfolgreichen Menschen, denen es gelungen ist, in verschiedenen Lebensbereichen etwas zu leisten und dafür auch international anerkannt zu werden. Außerdem wiesen sie darauf hin, dass in Afrika wesentlich weniger Kriege geführt werden als es früher der Fall war, dass der Friedensprozess im Vormarsch ist, dass die Demokratie sich etabliert hat und dass die Presse immer freier wird. Ihrer Meinung nach, sollte man solche Errungenschaften bei der Berichterstattung über Afrika in den Vordergrund bringen. Andere Themen, die diesem positiven Bild schaden könnten, sind eher wie schmutzige Wäsche zu betrachten und  die eigene schmutzige Wäsche zeigt man der Öffentlichkeit nicht oder, zumindest, nicht unbedingt.

Diese „mediale Philosophie“ ist nicht neu. In den ehemaligen kommunistischen Staaten war das die Regel. Schon den Kindern wurde  eingehämmert, dass man den Fremden stets ein „positives Bild“ über das eigene Land bzw. über das herrschende System darstellen muss. Das war nicht schwer , weil die Medien die Richtlinien gaben. In den Zeitungen der kommunistischen Staaten konnte man ausschließlich positive Bilder finden: politische Referate über die gelungenen Errungenschaften bei der Durchführung von Fünfjahresplänen, strahlende Arbeiter und Arbeiterinnen, Verleihung von Preisen an Vertreter der sogenannten „ehrlichen (d.h. parteitreuen) Intelligenzia“, Berichte über den Rekordertrag an irgendwelchen Kolchosen, ein bisschen Sport und das war es. In kommunistischen Gesellschaften gab es keine Konflikte, ließen ihre Medien wissen, und wenn schon, dann nur nebenbei. Es sind die Geburtswehen der neu entstandenen Gesellschaft, wurde damals offiziell erklärt. Wichtig ist der Schein…

 

Das positive Bild Afrikas und die globale Wirtschaft

In seiner Bemühung, Afrika positiv darzustellen, ist die Diaspora nicht allein. Um das negative Bild über Afrika in den westlichen Zeitungen zu ändern, haben sich bei der regionalen afrikanischen Vorbereitungskonferenz für den Weltgipfel über die Informationsgesellschaft die von 25. bis 30. Mai 2002 in der Hauptstadt Malis Bamako stattfand, die UNESCO, der frankophone Fernseherkanal TV5 und der französische Sender Radio France Internationale entschlossen, zusammenzuarbeiten. Was hat sie dazu motiviert? Die professionelle Ethik?

Man könnte fast daran denken. Aber am 13. April 2005 veröffentlichten 11 afrikanische Staatschefs, die an den afrikanischen Präsidentenrundtisch an der Universität Boston (USA) ihre gemeinsame Erklärung, in der stand, dass Afrika für die globale Wirtschaft eine zentrale Bedeutung hat. Deshalb richteten sie an die US Medien einen Ruf, um eine gerechte und ausbalancierte Berichterstattung über Afrika zu fördern. Ebenfalls wurde an die afrikanischen Staaten und Institutionen wie  die Afrikanische Union appelliert, Strategien zu entwickeln, um negativen Darstellungen in den Medien über Afrika  positive gegenüberzustellen. Endlich wurde den US NGOs empfohlen „neue Paradigmen zu entwickeln, um westliche und afrikanische Journalisten auszubilden, die dann die aufstrebenden afrikanischen Demokratien erfassen werden“. Dabei wurde verlangt, bei den skeptischen und kritischen Kommentaren keine zynischen Bemerkungen zu machen und darauf zu achten, dass das Potential des Kontinentes sowie sein Fortschritt auch ans Tageslicht kommt.

Am 22. Mai 2005, anlässlich des 54. Kongresses des Internationalen Presseinstituts in Nairobi sagte der ruandische Präsident Paul Kagame ganz deutlich, dass „Negative Reportagen für  direkte ausländische Investitionen in Afrika Hindernisse legen“. Diese Äußerung war schon kennzeichnend. Aus dem Hintergrund rückten beim Einsatz für die Darstellung eines „positiven Bildes“ von Afrika reine wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund. Das war bei der Tagung einer prominenten internationalen Institution, die sich als Wachhund der Pressefreiheit betrachtet, aus dem Mund eines Staatschefs zu hören, in dessen Land die Presse keinesfalls frei ist. O tempora, o mores! Das war aber nicht alles.

Wegen der negativen Darstellung Afrikas in der Welt, haben einige Teilnehmer an der Konferenz über die Medien in Afrika, die in August 2006 in Nairobi stattfand, afrikanische Journalisten als „innere Feinde ihres eigenen Kontinentes“ bezeichnet, weil diese bei keiner afrikanischen Regierung etwas Gutes gefunden haben! Um das zu ändern, wurden Programme für die Ausbildung von Journalisten empfohlen. Es wurde vorgeschlagen, dass die US Pointer und American Press Institute diese Programme durchführen. Die offiziellen US-Presseinstitutionen haben den Ruf…

In der Bekämpfung des „negativen“ Bildes Afrikas in der Öffentlichkeit hat sich auch die Afrikanische Union eingeschaltet. Zwar nicht allein, sondern gemeinsam mit der Europäischen Union. Am Ende des Forums „Media und Entwicklung“, das in der Hauptstadt Burkina Fasos Ouagadougou von 11. bis 13. September 2008 stattfand, wurde eine „Panafrikanische Beobachtungsstelle der Medien“ gegründet. Diese soll von „prominenten und anerkannten Personen, die für ihre Unparteilichkeit  anerkannt sind“ besetzt werden. Außerdem, wurde von den afrikanischen und europäischen Staaten verlangt, solche institutionelle Rahmen zu schaffen, die den Medien, nicht nur Unabhängigkeit, Redefreiheit oder Rechte, sondern auch Pflichten garantieren würden. Von der Presse wurde verlangt, gegen die Stereotypen zu kämpfen und bei der Darstellung von Dokumenten und Texten, ihren Sinn nicht zu ändern. Ebenfalls soll sich die Presse von jeder Form der parteilichen Hetze, mit der Absicht, Gewalt zu erzeugen, enthalten. Schließlich soll demnächst eine Charta über Rechte und Pflichten der afrikanischen und europäischen Medien ausgearbeitet werden.

Das Bangen um die Investoren

 Es zeigt sich ein Trend, dass die Darstellung des positiven Bildes Afrikas von hohen internationalen Institutionen sanktioniert wird. Jean Ping, der Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union hat diese Forderung mit dem Argument begründet, dass das negative Bild Afrikas die potentiellen Investoren abschrecken wird. Diese Besorgnis scheint als Argument zu dominieren. Schon 2001 hat der frühere britische Premierminister Tony Blair darauf hingewiesen, wie die negative Berichterstattung über Großbritannien wegen der BSE-Krankheit beim Vieh dem britischen Tourismus geschadet hat. Man kann sich nur vorstellen, sagte er damals, was für Schaden das negative Bild Afrikas dem afrikanischen Tourismus zufügen könnte. „Um das Vertrauen der Investoren zu erhöhen und ausländisches Kapital anzukurbeln, sollen  sich afrikanische Staaten solche Mittel beschaffen, mit denen sie das negative Bild des Kontinentes energisch bekämpfen können“, schrieb am 25. Januar 2005 der Direktor für die wachsenden Märkte von „Pazisma Corporation“ aus Kanada Amevi Atiopu. „Die Änderung der Darstellung Afrikas könnte Investitionen und das Wachstum fördern und ebenfalls garantieren, dass die Geschäfte sich jetzt wie nie zuvor entwickeln“, behauptete die Direktorin des Internationalen Wirtschaftszentrums Patricia R. Francis in der Zeitschrift „Forum du Commerce International“ (Nr. 1/2007), die einer Institution der Welthandelsorganisation und der UNO unterstellt ist.

Auffallend ist, dass die hochrangigen Befürworter der positiven Darstellung Afrikas vor allem Sorge um die Wirtschaft, um die Investitionen, um das Wachstum haben. Damit entsteht eine Situation, die sogar den stellvertretenden Direktoren der Entwicklungsabteilung der Europäischen Kommission Bernard Petit zum Nachdenken gebracht hat. In seinem Aufsatz,der im: „The Courier. The Magazine of ACP and EU Cooperations and Relations“ vom 28. August 2008 veröffentlicht wurde, fragte sich Bernard Petit, ob Afrika wirklich eine neue Mediencharta braucht, ob die Pressefreiheit als Kriterium für die gute Regierungsweise betrachtet werden kann und wie man gegen die Zensur kämpfen soll? Aufgrund seiner Überlegungen kam Bernard Petit zum Schluss, dass die Notwendigkeit Privatinvestoren anzuziehen, um die Unabhängigkeit der Medien und ihre Qualität zu erhöhen, zu einer Abweichung führen könnte. Laut ihm könnten die Medien nämlich unter die Obhut der Privatinvestoren, deren Priorität nur die Rentabilität ist, fallen. Dadurch könnte die Qualität der Information leiden, weil diese dem Spektakel- und Sensationsjournalismus ausweichen wird.


Peter Nieuwendijk

Idealisten oder Kollaborateure

Haben sich die Idealisten aus der afrikanischen Diaspora darüber Gedanken gemacht? Wenn internationale Institutionen, Staatsmänner, die seit langem die Demokratie im Namen des Marktes ausgehöhlt haben und die mit untertänigster Ergebenheit den neuen Herrschern der Welt dienen, sowie „prominente“ Wissenschaftler, die von multinationalen Unternehmen und dem politischen Establishment bezahlt werden, um ihre Interessen zu legitimieren, sich so eifrig für die Herstellung eines „positiven Bildes“ von Afrika einsetzen, geschieht das dann nicht deshalb, weil sie um ihr eigenes Bild zittern? Jede „negative“ d.h. kritische Darstellung der Ereignisse in Afrika droht, ihre eigene Machenschaften auf dem Kontinent ans Tageslicht zu bringen. Deshalb ist ihr Einsatz für das Schaffen eines „positiven Bildes“ von Afrika nicht dem Wunsch unterstellt, eine bessere Qualität der Information zu erreichen, sondern den Bedürfnissen einer politischen Propaganda. Die Aufblähung jeder Errungenschaft in Afrika auf Mikroebene könnte als Rechtfertigung für die Richtigkeit der Anwendung von Maßnahmen der sogenannten Internationalen Gemeinschaft verwendet werden, obwohl sie sich auf Makroebene als Desaster entpuppt. Daher auch bemüht sich dieselbe internationale Gemeinschaft, die Kontrolle über die Information über Afrika zu bekommen. Der Vorschlag über eine neue Mediencharta, in der die Pflichten der Journalisten festgesetzt werden, sowie die Bereitschaft der Afrikanischen Union 106 Stipendien an junge Journalisten zu vergeben, um sie „professionell“ ausbilden zu lassen, mit anderen Worten um Propagandisten zu bekommen, dient demselben Zweck. Von da an bis zur offenen Zensur, die international sanktioniert wird, ist es nur ein kleiner Schritt. Leider geschieht das bereits im Namen der Pressefreiheit.

Umso mehr muss man aber auch fürchten, dass idealistische Angehörige der Diaspora diese Tatsache nicht erkennen und deshalb umso leichter zu nützlichen Wegbegleitern der Einrichtungen, die Globalisierung befürworten herabgesetzt werden. Durch Erhaltung  einiger kleiner Funktionen in irgendwelchen staatlichen oder internationalen Institutionen, steht dann für ein Almosen für ihre Vereine und für einige Huldigungen in den offiziellen Medien der Weg zur Kollaboration offen und zwar gerade mit jenen Kräften, die der Entwicklung Afrikas am meisten schaden. Aber auch für die Schande, die deshalb früher oder später auf sie fallen wird. Es könnte jedoch anders sein, wenn die Angehörigen der afrikanischen Diaspora im Westen gegensteuern würden. Denn bei der Informierung über Afrika geht es nicht um das Bild, sondern um Probleme, die sich verschlimmern, weil sie im Rahmen des herrschenden Weltsystems nicht gelöst werden können. Darauf muss man hinweisen und die Öffentlichkeit in- und außerhalb Afrikas ermuntern, sich für eine humanere und sozial gerechtere Gesellschaft einzusetzen. Ob sie aber dafür Mut und Kraft haben werden ?


 „Afrika ist in Mode“. Aus Label, Magazin des französischen Aussenministeriums


Quelle: vom Autor vorgeschlagen

Originalartikel veröffentlicht am 17. September 2008

Über den Autor

Vladislav Marjanovic ist ein assoziierter Autor von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=5895&lg=de

 


MUTTER AFRIKA: 17/09/2008

 
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