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19/09/2019
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Ein regional verankertes Bankenwesen ist solider - Lehren aus dem Bankrott der US-Banken Fannie Mae und Freddie Mac


AUTOR:  W. WÜTHRICH


«Wer kann das bezahlen,
wer hat soviel Geld,
wer hat soviel Pinke Pinke
…»
(Schlager aus den 1950er Jahren)

Wir erleben heute eine Finanzkrise – wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Informationen aus den Führungsetagen der betroffenen Banken sind nur bruchstückhaft und lassen noch viele Fragen offen. Manchmal sind sie auch falsch. In den Finanzzeitungen sind Horrorzahlen über den vor allem in den USA aufgehäuften Schuldenberg, über die täglich neuen Schulden, über zweifelhafte Hypotheken, die Krise des Immobilienmarktes, über die rasante Verschlechterung der Wirtschaftslage, über massive Abschreibungen der Geschäftsbanken und über Zusammenbrüche auch von Grossbanken zu lesen. Trotzdem ist es schwierig, sich ein Bild über die wahre Situation zu machen. In diesen Tagen sind zwei Grossbanken, die beiden US-Hypothekarinstitute mit den Spitznamen Fannie und Freddie, kurz vor dem Bankrott verstaatlicht worden. Die Hintergründe sollen hier ausgeleuchtet werden.

Ausgangspunkt meiner Untersuchung sind vier Banken – zwei in den USA und zwei in der Schweiz: Es sind dies Fannie Mae und Freddie Mac, beide grosse Hypothekarfinanzierer in den USA, und zwei Banken mit weniger poetischen Namen aus der Schweiz – die Pfandbriefbank Schweizerischer Hypothekarinstitute und die Pfandbriefzentrale der Schweizerischen Kantonalbanken. Gemeinsam ist allen: Sie beschaffen Geld, das sie den Banken in der jeweiligen Region zur Verfügung stellen. Damit sollen diese günstige Hypothekardarlehen gewähren und so den Wohnbau fördern. Der Unterschied besteht darin: Die beiden US-Banken sind in diesen Tagen kurz vor dem Bankrott verstaatlicht worden. Sie stehen im Zentrum der heutigen Finanzkrise. Die beiden Schweizer Banken arbeiten dagegen mit Erfolg.  

Zur Geschichte von Fannie und Freddie

Fannie Mae (Federal National Mortgage ­Association) wurde 1938 gegründet. Sie war Teil des New Deal von F. D. Roosevelt. Der Hypothekarmarkt war in der Wirtschaftskrise weitgehend zusammengebrochen, und Roosevelt versuchte – allerdings spät – mit staatlichen Mitteln Gegensteuer zu geben. Fannie Mae als staatliches Hypothekarinstitut hatte die Aufgabe, Geld zu beschaffen und den regionalen und lokalen Banken zur Verfügung zu stellen, was die Bank über dreissig Jahre erfüllte. 1968 privatisierte Lyndon B. Johnson die Bank. Ihre Aktien kamen an die Börse, was dem Staat einiges Geld einbrachte. 1970 wurde Freddie Mac (Federal Home Loan Mortgage Corporation) – quasi als Bruderorganisation – gegründet. Die beiden Hypothekarbanken wurden – auch als private Aktiengesellschaften – weiter vom Staat unterstützt. Diese Hilfe bestand darin, dass die beiden Banken bei der Regierung Kredite aufnehmen konnten, keine Steuern bezahlen mussten und weniger streng beaufsichtigt wurden als andere Banken. Eine explizite Staatsgarantie für ihre Schulden gab es jedoch nicht, was fälschlicherweise oft angenommen wurde.

Zur Geschichte der Schweizer Hypothekarbanken

Die beiden schweizerischen Hypothekarinstitute wurden zu Beginn der Wirtschaftskrise 1931 als Aktiengesellschaften gegründet. Ihre Aufgabe ist es bis heute, Gelder für den Wohnungsbau zu beschaffen und den Kredit-gebenden Banken zur Verfügung zu stellen. Sie machen dies, indem sie Obligationen herausgeben. Man nennt sie Pfandbriefe, weil ihnen die Liegenschaften als Pfand für die Rückzahlung dienen. Diese Aufgabe wurde im Gesetz von 1931 genau definiert und reglementiert.
Wie ist die Situation heute? Die beiden schweizerischen Hypothekarinstitute erfüllen nach wie vor mit Erfolg ihre Aufgabe. Sie können sich rühmen, dass im Zusammenhang mit Pfandbriefen in den 78 ereignisreichen Jahren ihrer Geschichte niemand auch nur einen einzigen Franken verloren hat.

Fannie und Freddie heute

Die beiden US-Hypothekarbanken aber haben einen Schuldenberg in gigantischem Ausmass aufgehäuft und sind pleite. Ihre Aktien haben in den letzten Wochen mehr als 99% ihres Wertes eingebüsst. In diesen Tagen wurden die beiden Geldinstitute verstaatlicht – samt ihren Schulden. Das in diesem Geschäft nötige Vertrauen haben sie weitgehend verloren. Versuche, neues Eigenkapital zu beschaffen, sind gescheitert.

Wie kam es dazu?

Warum erledigen die beiden US-Banken nicht nach wie vor ihre Aufgabe (die ihnen Roosevelt 1939 aufgetragen hat), nämlich für die lokalen und regionalen Banken Gelder zu beschaffen, mit denen diese günstig Hypothekarkredite gewähren, und den Wohnungsbau zu fördern?
Man wird hier vielleicht schnell sagen, die Amerikaner hätten mit dem Schuldenmachen einfach übertrieben. Schulden gehörten in den USA zum Alltag wie Burger und Pommes. – Das trifft den Sachverhalt nicht ganz. Weltmeister in Sachen «Hypotheken» sind die Schweizer. Die hypothekarische Verschuldung je Einwohner beträgt hier ungefähr 90 000 Franken – deutlich mehr als in den USA. Zentrum und Ausgang der Hypothekar- und Finanzkrise ist jedoch nicht die Schweiz, sondern sind die USA.

Was ist schiefgelaufen?

Prof. Dr. Thomas J. Jordan, Mitglied des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank, hat am 15. Mai 2008 an der Generalversammlung der Pfandbriefbank Schweizerischer Hypothekarinstitute einen Vortrag gehalten mit dem Titel «Finanzierung von Hypotheken: Pfandbriefe und Verbriefungen im Lichte der Finanzkrise». Darin sind Antworten enthalten. Ich folge inhaltlich seinen Ausführungen. Dabei sind in dieser komplizierten Materie Vereinfachungen unerlässlich. Für weitere Vertiefungen verweise ich auf den klaren und sehr informativen Vortrag.  

Zauberwort «Verbriefung»

Fannie und Freddie und auch andere Hypothekarinstitute, die ähnlich arbeiten, haben in der ersten Hälfte der 1990er Jahre begonnen, die Hypotheken zu «verbriefen». Dies war damals eine neuartige Methode, Hypotheken zu finanzieren. Was heisst das? Es soll an einem konkreten Beispiel erläutert und veranschaulicht werden:

Ben Johnson in Santa Barbara (Kalifornien) will ein Haus bauen. Er nimmt bei seiner Regionalbank einen Hypothekarkredit von einer halben Million Dollar auf. Nun – so könnte man meinen – beginnt eine langjährige Geschäftsbeziehung von Ben Johnson zu seiner Bank. So ist es jedoch nicht. Die Regionalbank verkauft das Hypothekarguthaben, das sie gegenüber Ben Johnson besitzt, an einen sogenannten Hypothekarfinanzierer, wie z. B. Freddie oder Fannie, weiter. Was machen diese damit? Freddie «verbrieft» die Hypothek. Das heisst: Die Bank wählt eine grössere Zahl Hypotheken von verschiedenen Personen aus (darunter die von Ben Johnson), fügt sie zusammen zu einem Pool (einem gemeinsamen «Gefäss») und bildet damit ein Wertpapier. Dieses verkauft sie weiter an Finanzinstitute (vor allem Banken, Versicherungen, Hedge Funds, Pensionskassen) auf der ganzen Welt. So kommt es, dass Ben Johnson in Santa Barbara seine halbjährlichen Hypothekarzinsen an Freddie bezahlt. Das Finanzinstitut in Schanghai oder sonst irgendwer auf der Welt erhält den vereinbarten Zins aus dem Wertpapier. Ben Johnson weiss gar nicht, wer sein Geld bekommt. Aus der persönlichen Geschäftsbeziehung in Santa Barbara ist eine globale Beziehung geworden, in der sich Schuldner und Gläubiger gar nicht kennen.

Was passiert nun, wenn Ben Johnson seinen Job verliert und die Zinsen nicht mehr bezahlen kann? Die Regionalbank, die die Hypothek ursprünglich gewährt hat, hat damit nichts mehr zu tun. Sie hat ja die Hypothek weiterverkauft und das Kreditrisiko an Freddie übertragen. Es ist niemand da, mit dem man die Situation in Ruhe besprechen könnte. Das Finanzinstitut in Schanghai ist schon gar nicht in der Lage, dies zu tun, weil sie Ben Johnson gar nicht kennt. Es besteht keinerlei Beziehung zwischen dem Geldgeber in Schanghai und dem Kreditnehmer Ben Johnson in Santa Barbara. Deshalb kommt es recht schnell zur Zwangsverwertung seines Hauses. Weil die Immobilienpreise in den USA massiv eingebrochen sind, ist der Erlös gering, und Freddie erleidet einen Verlust. Das Wertpapier (das sie ausgestellt hat) verliert an Wert.

Vorteil der Verbriefung

Wo liegt der Vorteil für die beteiligten Banken? – Bleiben wir bei unserem Beispiel: Die Regionalbank in Santa Barbara verkaufte die Hypothek von Ben Johnson weiter und erhielt Geld dafür. Mit diesem Geld konnte sie gleich nochmals eine Hypothek gewähren, die sie dann wieder verkaufte usw. Das Kreditvolumen lässt sich so vervielfachen. Entsprechend nehmen die Gewinnmöglichkeiten zu. Freddie und Fannie denken ähnlich. Auch sie verkaufen die Hypotheken (als Wertpapiere) weiter, auch sie bekommen dafür Geld, auch sie kaufen dafür neue Hypotheken usw. – Diese und ähnliche Mechanismen dürften der Hauptgrund sein, weshalb Fannie und Freddie so unkontrollierbar gross geworden sind und die Hälfte aller US-Hypotheken finanziert haben.
Welche Vorteile hatten die beteiligten Banken? Die Verbriefungen waren lukrativ – für alle, die damit zu tun hatten. Die Angestellten haben wahrscheinlich Boni (Lohnzuschüsse) bekommen. Auch die Aktionäre haben massiv profitiert. Im Jahr 1990, als das «Verbriefen» und der Handel mit Hypotheken begann, konnte man die Aktie von Fannie für 10 Dollar kaufen. Im Jahr 2000 musste man bereits 100 Dollar bezahlen. In den letzten Wochen kam der tiefe Fall. Die Aktien von Fannie und Freddie sind noch ein paar Cents wert. Die Aktionäre verlieren ihren gesamten Einsatz, weil der Staat nun der neue Eigentümer ist.

Ausmass

Nun – welches Ausmass hat dieses «Verbriefungsgeschäft» angenommen? Thomas ­J. Jordan nennt eine Zahl. US-Hypotheken im Gesamtbetrag von 6500 Milliarden Dollar wurden auf diese oder eine ähnliche Art verbrieft und an Finanzinstitute (vor allem Banken, Versicherungen, Hedge Funds usw.) auf der ganzen Welt weiterverkauft. Dies ist deutlich mehr als die US-Staats- und Unternehmensobligationen zusammengenommen. Die Hypothekarverschuldung der USA wurde auf diese Weise zu einem grossen Teil ausgelagert. Das heisst, Asien und Europa finanzieren in einem hohen Masse die Wohnungen und Häuser in den USA.

Übermässige und unvorsichtige Kreditgewährung

Kehren wir zurück zur Geschichte von Ben Johnson: Der Bankangestellte in Santa Barbara, der Ben Johnson die Hypothek gewährt hatte, hat die Einkommenssituation und die Vermögensverhältnisse von Ben Johnson nicht oder nur oberflächlich abgeklärt. Eigentlich ist dies in diesem Geschäft sonst üblich. Schliesslich geht es um grosse Geldbeträge. Warum hat er dies nicht getan? Der Bankangestellte weiss, er wird diese Hypothek weiterverkaufen an Freddie. Danach hat er nichts mehr damit zu tun. Wenn Ben Johnson seine Zinsen nicht mehr bezahlt, wird ihm das keine schlaflose Nacht bereiten. Andere sind dann zuständig. Der Angestellte bei Freddie denkt genauso. Er verpackt die Hypothek in ein Wertpapier und verkauft sie so weiter. Dieses landet dann irgendwo auf diesem Erdball bei einem Finanzinstitut, das damit eine attraktive Rendite erzielen will.
So oder ähnlich muss es sich millionenfach abgespielt haben. Wie Thomas J. Jordan ausführte, kam es immer wieder vor, dass Hauskäufe mit Hypotheken finanziert wurden, ohne dass der Schuldner über eigenes Vermögen verfügte und ohne dass der Bankangestellte sein Einkommen seriös abklärte. Es war fast für jedermann kinderleicht, an eine Hypothek zu kommen. Es wurde Mode, mit fremdem Geld Häuser zu kaufen. Die Banken nahmen es ja nicht so genau. So kam es in den Jahren 2003 bis 2006 zu einem eigentlichen Immobilienboom. Die Preise stiegen von Jahr zu Jahr rasant an. Ebenfalls kam es vor, dass Hypotheken aufgenommen wurden, um Ferien und Autos zu finanzieren. Warum nicht? Die Banken nahmen es ja nicht so genau. Die amerikanische Notenbank heizte den Boom zusätzlich an, indem sie viel neues Geld in den Kreislauf pumpte. Die Jahre 2003 bis 2006 waren wie eine grosse «Party». Jede Party endet. Im Juli 2007 war es soweit.
Bevor unsere Geschichte weitergeht, ein paar Worte zu den Wertpapieren, die Fannie und Freddie und andere ähnlich arbeitende Hypothekarinstitute ausgaben.

MBS und CDO

Auch dies vereinfacht: Wie bereits ausgeführt, fasst die Bank eine grössere Zahl von Hypotheken in einem Pool zusammen und bildet daraus ein Wertpapier. Die klassische Form ist die MBS (Mortgage Backed Securities). Weniger reglementiert und mit noch mehr Risiko behaftet sind die CDO (Collateral Debt Obligations). Wo liegt das Problem? Wenn man zahlreiche persönliche Hypotheken zu einem einzigen Wertpapier zusammenfügt, verliert man leicht den Überblick: Was sind das für Personen, die mir Geld schulden? Sind sie vertrauenswürdig? Richtig schwierig wird es, wenn diese Personen auf der anderen Seite der Welt und in einem anderen Kulturraum wohnen. So entsteht Unsicherheit, wieviel diese Wertpapiere überhaupt wert sind. Dies gilt auch für den Fachmann, der nichts anderes macht als Wertpapiere auf ihre Sicherheit zu überprüfen. Es sind Fälle bekannt, dass renommierte Rating-Agenturen wie Moody’s und Standard and Poors solche Wertpapiere als mündelsicher (Note AAA) beurteilt haben. In Wirklichkeit waren sie aber nur halb soviel wert wie angenommen. MBS und CDO bekamen so den Ruf von «Wundertüten».
Inzwischen wirken Abkürzungen wie CDO oder MBS wie Warnfarben im Tierreich. Das knallige Gelb des Salamanders signalisiert an alle Räuber: «Lass mich ja in Ruhe, sonst wirst du dir den Magen verderben». CDO und MBS werden gemieden und verlieren ihren Wert. Die Banken und Versicherungen, die diese Papiere besitzen, müssen massive Abschreibungen vornehmen.

«So etwas verkraftet die stärkste Bank nicht»

Diese nachlässige Kreditvergabe US-amerikanischer Banken kam nach und nach ans Tageslicht, und die krass überhöhten Immobilienpreise begannen zu sinken. Es kam dazu, dass die Hypotheken nicht mehr gedeckt waren. Die Banken erhöhten die Zinsen und verlangen Rückzahlung – wie in den Verträgen vorgesehen. Zahlungsausfälle und Zwangsverwertungen waren die Folgen.
Die Finanzinstitute rund um die Welt, die in Billionenhöhe im Besitz der MBS oder CDO waren, bekamen Angst und versuchten, die Wertpapiere zu verkaufen. Und es war niemand da, der sie kaufen wollte. – Das war der Beginn der Finanzkrise im Juli 2007. Die Krise dauert an, und ein Ende ist nicht in Sicht.
Seit Januar 2008 haben über 1,4 Millionen Zwangsverwertungen stattgefunden. Die Ausfallraten betreffen nicht nur Hypotheken mit geringer Bonität (Subprime). Immer mehr sind auch sogenannte Prime-Hypotheken (1. Hypotheken) betroffen. Weil die Immobilienpreise massiv eingebrochen sind, haben Fannie und Freddie grosse Verluste erlitten, und ihre Wertpapiere haben massiv an Wert verloren. Deshalb kam es zum Bankrott.

Verbriefung – ein globaler Trend

Verbriefungen von Hypothekardarlehen sind nicht nur in den USA zu beobachten. Wir finden diesen Trend – wie Thomas J. Jordan in seinem Vortrag ausführte – auch in Deutschland, Grossbritannien, den Niederlanden, Italien und Spanien. In der Schweiz kamen Verbriefungen praktisch nicht vor. So fällt auf, dass sich die Hypothekarabteilung der UBS zum Beispiel zurückgehalten hat, ihre eigenen Hypotheken zu verbriefen und global auszulagern. Ihre Investmentbanker (in den USA) dagegen haben – wie man hört – für den horrenden Betrag von 80 Milliarden Franken MBS, CDO und ähnliches gekauft. Die Bank hat inzwischen etwa 40 Milliarden Franken davon abschreiben müssen und durchleidet die grösste Krise seit ihrer Gründung.

Ende der Verbriefungen?

Seit Beginn der 1990er Jahre werden Hypotheken verbrieft und auf dem globalen Kapitalmarkt gehandelt. Sie sind im Rahmen des WTO-Prozesses quasi zu einem Handelsgut geworden. Fannie und Freddie haben für etwa 2000 Milliarden Dollar MBS herausgegeben. Sie wurden damit zu Börsenstars und ihre CEO (Geschäftsführer) sonnten sich im Scheinwerferlicht der Wallstreet. Die Folgen sind verheerend – wie wir heute sehen. Eignen sich Hypotheken wirklich für den globalen Freihandel? Bedeutet das heutige Debakel das Ende der sogenannten «Verbriefungen»?
Thomas J. Jordan äusserte sich als Mitglied des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank im Mai 2008 vorsichtig. Verbriefungen hätten für die Kapitalbeschaffung Vorteile. Man dürfe das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Problematisch sei, dass das Risiko (das mit jeder Hypothek verbunden ist) mit dem Weiterverkauf einfach weitergegeben werde. Er empfahl stärkere Kontrollen und Reglementierungen. Seine Aussage datiert jedoch vom Frühjahr 2008. Seither hat sich die Situation massiv verschärft.
Freddie und Fannie sind pleite und werden mitsamt ihren Schulden verstaatlicht. Die staatliche Aufsichtsbehörde führt die Geschäfte weiter und will das Unternehmen schrittweise verkleinern. Der amerikanische Steuerzahler muss für die Schulden geradestehen. Wie gross sind diese? Niemand weiss es so genau. US-Finanzminister Paulson spricht von 200 Milliarden Dollar, die der Steuerzahler wahrscheinlich übernehmen muss. In den Büchern von Fannie und Freddie sind gegen 2000 Milliarden Schulden aufgeführt, vor allem Obligationenschulden (bonds and notes). Wie die Wirtschaftssendung Eco des Schweizer Fernsehens berichtet, müssen die beiden Banken (und heute der Staat) – direkt oder indirekt – 12 000 Milliarden Dollar Hypotheken garantieren. Das macht je Einwohner 40 000 Dollar Garantieverpflichtungen. Die Folgen sind nicht abschätzbar. «Wer kann das bezahlen, wer hat soviel Geld …»

Warum nicht Konkurs?

Warum gehen Fannie und Freddie nicht einfach Konkurs – so wie es der Swissair passiert ist? Alle Aktionäre verlieren ihr Geld, und die Gläubiger erhalten vielleicht noch 10 oder 15 Prozent ihres Guthabens. Danach wird das Unternehmen – stark verkleinert – irgendwie weitergeführt. Das wäre für die Regierung in Washington das einfachste. – So einfach ist die Sache jedoch nicht. Die Gläubiger sind zu einem grossen Teil im Ausland beheimatet. Die chinesische Zentralbank soll für 600 Milliarden Dollar Wertpapiere von Fannie und Freddie besitzen, die russische Zentralbank für 100 Milliarden. Insgesamt sind mehr als die Hälfte dieser Papiere in Europa und in Asien. «Wenn die US-Regierung den Bankrott zulässt, bedeutet das das Ende des internationalen Finanzsystems», erklärte Yu Yongling, ehemaliger Berater der chinesischen Zentralbank gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Niemand zweifelt, dass die Chinesen in der Lage sind, mit ihren riesigen Dollarreserven das Finanzsystem in Gefahr zu bringen. Die Geschichte ist politisch also hochbrisant.
Weiter wird davon ausgegangen, dass Fannie und Freddie zu gross sind, um in Konkurs gehen zu können (too big to fail). Sie haben mehr als die Hälfte aller Hypotheken in den USA finanziert. Die Folgen eines solchen gigantischen Konkurses wären nicht kalkulierbar. Man erinnere sich an das «Erdbeben», das der im Vergleich kleine Konkurs der Swissair ausgelöst hat. Wallstreet reagierte mit Applaus auf die Verstaatlichung von Fannie und Freddie. Als ob der Staat der liebe Gott ist, der alles richten kann. – Viele Geldgeber auf der ganzen Welt atmeten auf. Sie rechnen und hoffen, dass es ihnen nicht so geht wie den Swissair-Gläubigern. – Der amerikanische Staat hat sich jedoch eine riesige Hypothek aufgeladen. Zudem sind Fannie und Freddie nicht die einzigen Banken, die staatlich aufgefangen werden müssen. Es gibt eine Liste von über 100 US-Banken, die akut gefährdet sind. Fast jeden Tag kommen neue Hiobsbotschaften – auch von Grossbanken. In diesen Tagen ist Lehmann Brothers am Zusammenbrechen.

Hypotheken – persönlich und in der Region verankert

Wie hier aufgezeigt wurde, eignen sich Hypotheken in keiner Weise als Objekt für den globalen Freihandel. Es sprechen handfeste Gründe dagegen, Hypotheken zu verbriefen und als Wertpapiere global auszulagern. Hypotheken sind etwas Persönliches. In der Schweiz wird der Schuldner von seiner Bank beraten, betreut und begleitet, auch wenn Schwierigkeiten auftauchen. Ausgeprägt ist dies der Fall in den genossenschaftlich und regional organisierten Banken. Bei den Raiff­eisenbanken zum Beispiel wird der Hypothekarschuldner Genossenschafter und gehört damit zur «Familie». Die Idee, seine Hypothek auszulagern, zu verbriefen und als Wertpapier nach Schanghai oder sonst irgendwohin zu verkaufen, ist deshalb undenkbar.
Ich will mich – im Unterschied zu Thomas J. Jordan – zum Schluss deutlich äussern. Persönliche Hypotheken zu verbriefen und in die ganze Welt zu verkaufen ist ein verfehltes Konzept. Eine vermehrt regionale und nationale Ausrichtung hat zum Beispiel den Vorteil, dass ein Volk spart und damit seine Häuser und Wohnungen selber finanziert. Genau dies machen die US-Amerikaner nicht.

Positiver Ausblick

Diese Ausführungen sollen nicht so düster enden. Kehren wir deshalb zum Schluss zu den beiden schweizerischen Hypothekarfinanzierern zurück – ohne poetischen Namen: zur Pfandbriefbank Schweizerischer Hypothekarinstitute und zur Pfandbriefzentrale der Schweizerischen Kantonalbanken. Sie machen ihren Job seit 78 Jahren gut. Kein einziger Franken ist in dieser ereignisreichen Zeit verlorengegangen. Ihre Aktien sind nicht an der Börse. Sie sind regional und national ausgerichtet. Sie arbeiten seriös und im stillen, sie haben keine Hypotheken «verbrieft» und damit gehandelt und sind nicht auf Rendite versessen. Viele Schweizerinnen und Schweizer wissen gar nicht, dass sie existieren. Für Thomas J. Jordan sind sie Vorbilder im internationalen Finanzsystem. Ihre Arbeitsweise ist Ausdruck der «alten» Banktugenden. Wer den Ausführungen von Jordan folgt, hat den Eindruck, dass sie noch in hundert Jahren existieren werden. Und das kann man heute wirklich nicht von jeder Bank sagen. •


Quelle: Zeit-Fragen  Nr. 38

Originalartikel veröffentlicht am 15. September 2008

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IMPERIUM: 17/09/2008

 
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