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22/10/2020
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Ein vergessener Krieg

Ein Blick auf den Norden Sri Lankas hinter den «eisernen Vorhang»


AUTOR:  Ian HART

Übersetzt von  Zeit-Fragen


thk. Seit der einseitigen Aufkündigung des Waffenstillstandsabkommens im Januar 2008 durch die Regierung Sri Lankas hat der Krieg gegen das tamilische Volk grausame Formen angenommen. Bis zum Ende dieses Jahres, so die Regierung, will sie das «Tamilen-Problem» gelöst haben. Eine Ankündigung des Genozids. Mit allen Mitteln soll der Widerstand der Bevölkerung, der sich vor allem in der Organisation der Tamil Tigers (LTTE) manifestiert, zerschlagen werden. Dabei nimmt die Armee Sri Lankas keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Zehntausende sind auf der Flucht, ohne internationale Hilfe. Die Regierung Sri Lankas hat die internationalen Hilfsorganisationen aufgefordert, die tamilischen Siedlungsgebiete zu verlassen, man könne für ihre Sicherheit nicht mehr bürgen. Auch die Uno musste ihr Büro räumen. Mit dem Abzug der letzten 60 Mitarbeiter werde sich die humanitäre Lage in den Gebieten noch weiter verschlechtern, so der Kommentar eines Angehörigen der UN-Mission.

Eines der im Moment am heftigsten umkämpften Gebiete ist Kilinochchi, ein von der LTTE kontrolliertes Gebiet und eines der historischen Stammlande der Tamilen. Die dort lebende Bevölkerung zieht sich trotz der Aufforderung der Regierung Sri Lankas, das Gebiet zu verlassen, weiter in die tamilischen Siedlungsgebiete zurück, um nicht von den marodierenden Soldaten der Regierungstruppen ermordet zu werden. Mit dem Abzug der letzten neutralen Beobachter hat die Regierung freie Hand. Ungeachtet der Weltöffentlichkeit vollzieht sich ein grauenhaftes Morden gegen die tamilische Zivilbevölkerung, das unbeschreiblich ist. Militärexperten berichteten, dass sowohl chemische als auch biologische Waffen von Regierungsseite eingesetzt werden sollen. Selbst Appelle des Generalsekretärs der Uno, Ban Ki Moon, die Probleme am Verhandlungstisch zu lösen, werden vom Präsidenten Sri Lankas, Rajapaske, in den Wind geschlagen.

Der nachfolgende Bericht eines Kenners der gesamten Situation ist vor vier Wochen geschrieben worden und hat leider nichts an seiner Aktualität eingebüsst. In einer Situation, in der die Regierungen versagen und diesem Genozid ohne Reaktion zusehen, ist die Zivilgesellschaft in den europäischen Ländern gefordert, sich dafür einzusetzen, dass der Krieg sofort gestoppt wird und die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zurückkehren müssen.

«Ich lag in meinem Bett und wurde durch die Explosion aus dem Bett geworfen. Es folgten weitere Explosionen rund um meine Wohnung in zweiminütigem Abstand. Ich konnte nicht aus dem Haus, solange die Explosionen andauerten, und bis dahin war jede Explosion begleitet von erschreckenden Geräuschen.» Dies waren die Worte der Regierungsvertreterin des Bezirks Mullaitivu, Frau Imelda Sukumar, mit der sie ihre schreckliche Qual in der Nacht von Donnerstag, dem 7. August, beschrieb. (Die Regierungsvertreterin ist der höchste Staatsbeamte eines Bezirkes und repräsentiert praktisch die Regierung.) «[…] der Arzt aus dem nahegelegenen Ärzteviertel kam, um mich zum Krankenhaus zu bringen. Ich hatte sehr hohen Blutdruck und ich war leicht verletzt. Ich sah viele Verletzte ins Krankenhaus kommen. Es gab einen sehr stark verletzten Körper eines Babys. Fünf oder sechs der verletzten Menschen muss-ten in andere Krankenhäuser gebracht werden, weil ihr Zustand sehr ernst war […]. Ich sah auch Patienten im Krankenhaus, die versuchten, sich aus dem Krankenhaus zu entfernen aus Furcht vor den Explosionen drum herum.»

Da die Regierung Sri Lankas den Nachrichten über das Kriegsgebiet im Norden eine strenge Zensur auferlegt hat und Pressereporter von Besuchen in diesem Gebiet abgehalten werden, lassen die Nachrichten, die durch diesen eisernen Vorhang durchsickern, nichts Gutes erahnen: Gerade wenn die Regierung ihre Militäroffensive verstärkt, eskaliert die humanitäre Krise der Zivilisten, besonders der Binnenflüchtlinge.

Vor einigen Monaten versprach die Regierung, Kilinochchi und den Rest der Vanni-Region bis zum August dieses Jahres zu erobern. Um dieses allzu ehrgeizige Versprechen zu erfüllen, haben die Regierungskräfte unter Verwendung von Raketenabwehrpanzern, von Splitterbomben, Artillerie, Mörsergranaten, Hubschraubern und des K’fir-Bomberjets ihre Angriffe auf die von der LTTE-beherrschte Region Vanni an mehreren Fronten verstärkt.

Die Region Vanni – mehr oder weniger das Gebiet südlich der Halbinsel Jaffna

In den letzten Monaten vertrieben die unnachgiebigen Angriffe durch die Regierungskräfte Tausende von Zivilisten aus ihren Häusern und hielten sie ständig auf der Flucht. Diese neuen Binnenflüchtlinge sind zu den in der Region bereits vorhandenen hinzugekommen und haben die Gesamtzahl auf etwa 180 000 angehoben.

Eine tragische Folge der Vertreibung ist, dass die Leute, wenn ihr Dorf gezielt angegriffen wird, in ein Gebiet flüchten, das derzeit gerade nicht angegriffen wird. Aber früher oder später wird auch dieser Ort zum Ziel, und sie flüchten in ein anderes vermeintlich «sicheres» Gebiet. Da sie sich einer mehrfachen Vertreibung ausgesetzt sehen, können sie nicht viel Eigentum mitnehmen. Häufig müssen sie sogar das wenige zurücklassen, was sie gerade noch gerettet haben, da Bomber und Granaten mit Getöse herannahen.

Das Bild, das sich einem aufdrängt, ist das von den wilden Tieren in afrikanischen Ebenen, die Hals über Kopf in eine bestimmte Richtung laufen, wenn Hubschrauber in geringer Höhe über sie hinwegfliegen. Was für eine Wahl haben diese hilflosen Leute ausser der Flucht vor der unaufhörlichen Flut blinder, wahllos verwendeter Waffen wie Artillerie- und Mörsergranaten sowie Raketenwerfern, die 40 Geschosse auf einmal, eines nach dem anderen, abfeuern und nur wenig Respekt vor den Menschen und den Orten haben, die eigentlich von den Genfer Konventionen geschützt sind, wie beispielsweise die Zivilbevölkerung und Krankenhäuser? Niemand ist sicher. Kein Ort ist sicher.

Die Regierungsvertreterin beklagte: «Ich habe immer meinen Wohnsitz für einen sicheren Ort gehalten. Ich habe die Position meines Wohnsitzes persönlich den Sicherheitskräften gegenüber bestätigt. Das Krankenhaus und das Ärztezentrum sind auch hier. Viele andere Viertel für jene Staatsbeamte, die unter mir arbeiten, liegen auch hier in der Gegend. Alle haben sich sicher gefühlt, wenn sie hier arbeiten. Es ist tragisch, dass dieser Vorfall geschehen ist und alle ein Gefühl der Unsicherheit bekommen, wenn sie hart für die Flüchtlinge arbeiten müssen.»

Die Region Vanni hat bereits sämtliche Arten von Engpässen miterlebt, da seit der Sperrung der einzigen Versorgungsroute A9 am 11. August 2006 diese absolut nicht ausreicht, um mit der grossen Zahl von Flüchtlingen fertig zu werden.

Die Regierung behauptet wie üblich, dass man sich gut um die Flüchtlinge kümmern würde. Wie von AFP am Dienstag, dem 19. August, berichtet wurde, sagte das Aussenministerium Sri Lankas in einem Statement, dass «absolut keine Wahrheit in den Berichten über die Binnenflüchtlinge ist, die angeblich unter Bäumen lebten». Die Realität steht jedoch im krassen Widerspruch zu den Behauptungen des Ministeriums.

Weiter wird behauptet, dass dringende Massnahmen ergriffen wurden, «um den Flüchtlingen ausreichend Nahrung und Schutz zur Verfügung zu stellen». Aber die nicht-staatlichen Organisationen, sowohl international als auch national, bezeugen etwas anderes. Entsprechend dem Bericht von Anfang Juli des Ständigen interinstitutionellen Ausschusses der Vereinten Nationen (IASC), der vom Uno-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs, OCHA) veröffentlicht wird, werden Art und Menge der in den Notvorratskammern von Vanni fehlenden Nahrungsmittel ergänzt durch Nahrungsmittel aus dem Weltnahrungsmittelprogramm (WEP).

Die nichtstaatlichen Organisationen sind ratlos, wenn es darum geht, die Flüchtlinge mit ihren Hilfsdiensten zu unterstützen. Einer der Gründe ist, dass der Transport einiger Hilfsgüter in die Vanni-Region vom Militär verboten wird. Diese Güter sind unter anderem grosse Plastikwasserbehälter, Aluminium, Kochgeräte, Metallwannen, Plastikwannen, Fahrräder, Spaten, Batterien, elektrische Drähte und – kaum zu glauben – die Taschen, in denen die Hilfsgüter vor der Verteilung an die Flüchtlinge normalerweise verpackt werden!

Den Elementen der Natur im Dschungel schutzlos ausgeliefert, haben die Menschen mit allen Gefahren für ihre Gesundheit und Hygiene sowie mit der Bedrohung durch Moskitos, wilde Tiere und Schlangen zu kämpfen. (Inzwischen wurden in den letzten Wochen 33 Schlangenbisse behandelt.) Diese Notlage wird durch die Einschränkungen beim Transport von Medizin sowie Nahrung und anderen Hilfsgütern verschlimmert.

Jaffna – die Nordhalbinsel

Trotz der gegenteiligen Behauptung der Regierung wird die Situation auf der Halbinsel immer trostloser. Die vom Militär auferlegten Einschränkungen beim Fischfang wurden wieder verstärkt und haben Auswirkungen bei 90% der Fischerfamilien entlang der südlichen Küste der Halbinsel. Unterernährung nimmt überhand, und die Kinder sind davon am schlimmsten betroffen. Infolge von Armut sehen sich immer mehr arme Familien gezwungen, für ihre Kinder um Aufnahme in Waisenheimen nachzusuchen.

Eine einheimische Nichtregierungsorganisation berichtet: «Es gibt nicht einmal den Anschein einer ausreichenden Versorgung von Menschen mit dem, was normalerweise ein demokratischer Staat seiner Bevölkerung an Normalität bzw. Schutz gewährt. […] Die Menschen auf der Halbinsel Jaffna sehen sich gezwungen, wie in einem offenen Gefängnis zu leben. Sie sind nicht frei, dorthin zu reisen, wohin sie wollen […], nicht einmal um familiären oder sozialen Verpflichtungen nachzugehen. Sogar innerhalb der Halbinsel sind sie an vielen Fronten eingeengt, was das ungehinderte Reisen angeht […]. Checkpoints sind zahlreich, und viel Zeit wird von jedem vergeudet. Seit dem 11. August 2006 ist das Reisen bei Nacht verboten. Einige Strassen sind dauerhaft geschlossen und ausschliesslich reserviert für die Streitkräfte. Das Reisen ausserhalb der Halbinsel Jaffna liegt jenseits der Möglichkeiten eines Durchschnittsbürgers.»

Die Zukunft?

Die Streitkräfte der Regierung behaupten, über 5000 LTTE (Tamil Tigers)-Mitglieder in diesem Jahr schon getötet und die Möglichkeiten der LTTE für herkömmlichen Krieg zunichte gemacht zu haben. Sie rühmen sich, dass sie bald den finalen Schlag ausführen werden, der die LTTE für immer vernichtet.

Es wäre zu leichtgläubig, diesen Behauptungen Glauben zu schenken, besonders was die zitierten Zahlen angeht. Ähnliche Behauptungen wurden schon früher gemacht, sind aber wirksam widerlegt worden. Ende der neunziger Jahre erklärten die Streitkräfte, nachdem sie grosse Landstriche auf der Halbinsel Vanni erobert hatten, sie würden «die gesamte LTTE innerhalb von zwei weiteren Wochen eliminieren».

Aber die Tiger liessen nur zu, dass die Streitkräfte sich weiträumig verteilten, und dann sprangen sie zurück. Und es dauerte nur drei Tage, um die Streitkräfte aus den Gebieten zu vertreiben, für deren Eroberung sie drei Jahre gebraucht hatten.

Wenden die Tiger jetzt eine ähnliche Strategie an? Es scheint, dass sie bis jetzt noch nicht ihre speziellen Kommandoeinheiten eingesetzt oder ihre militärische Hardware verloren haben. Vornehmlich die Sea Tigers und die Air Division waren in den vergangenen Monaten nicht aktiv. Ducken sich die Tiger jetzt, um im günstigen Moment loszuspringen?

Wenn dies der Fall ist, werden die Folgen für das gesamte Land verhängnisvoll sein.

Der Sieger?

Die Frage ist nicht, welche der bewaffneten Parteien gewinnt. Es geht eher darum, wer den Frieden gewinnen wird. Das gegenwärtige Drehbuch ist zu düster, um für die unmittelbare Zukunft optimistisch zu sein. Am Ende wird jedoch nur der «Staatsmann» gewinnen – ein Staatsmann, der bereit ist, für gerechten Frieden zu verhandeln. Denn nicht der Krieg – sondern der Frieden ist die zu gewinnende Trophäe.             


Quelle: Zeit-Fragen Nr. 39

Originalartikel veröffentlicht am 22 September 2008

Über den Autor

Die Wochenzeitung Zeit-Fragen ist ein Partner von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
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TAIFUNZONE: 29/09/2008

 
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