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06/03/2021
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Ein Manifest von kontrapunkt*

Eine Wirtschaft, die den Menschen dient, braucht eine ethische Grundlage


AUTOR:   Mario von Cranach, Peter Ulrich & Philippe Mastronardi


zf. Die derzeitige Finanzkrise ist  für aufmerksame Beobachter keine Überraschung, auch wenn dies in vielen Medienberichten so dargestellt wird. Im folgenden geben wir das Manifest des Schweizer Rates für Wirtschafts- und Sozialpolitik wieder, das im Mai dieses Jahres erstmals publiziert wurde. Darin ruft eine Gruppe von namhaften Wirtschaftswissenschaftlern aus der ganzen Schweiz zu einem  nachhaltigen, verantwortungsbewussten Wirtschaften auf ethischer Grundlage auf, das der vorherrschenden neoliberalen Wirtschaftsdoktrin diametral entgegensteht [1] Volkswirtschaft muss dem Volk dienen und ist nicht dazu da, dass sich einige wenige auf Kosten der Allgemeinheit bereichern. Sinnvolles und legitimes Wirtschaften beruht auf Werten und verwirklicht Werte. Nur so erfüllt die Wirtschaft ihr Ziel, dem guten Leben und dem fairen Zusammenleben der Menschen in einer freiheitlichen Bürgerdemokratie zu dienen. Angesichts des Verlusts der Glaubwürdigkeit und der Legitimität der Finanzbranche braucht es ein Umdenken. Das Manifest ist ein wertvoller Anstoss dazu, diese dringend notwendige Aufgabe in Angriff zu nehmen.

Der Glaube an den freien Markt

Die Organisation der globalen und nationalen Wirtschaftsprozesse beruht zurzeit weitgehend auf der Vorstellung, dass ein «freier», das heisst möglichst unregulierter Markt, die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Menschen am besten befriedigen könne. Der Wunsch der beteiligten Unternehmen und Investoren, ihre Gewinne zu maximieren, soll als regulatives Prinzip ausreichen, ganz ohne weiterreichende soziale Verantwortung: «Die soziale Verantwortung des Unternehmens besteht darin, seinen Gewinn zu steigern» – so formulierte es Milton Friedmann, einer der Begründer dieser Doktrin der Marktvergötterung. Deregulierung, Liberalisierung, Privatisierung und die möglichst weitgehende Einschränkung gesellschaftlicher Steuerungsmöglichkeiten («möglichst wenig Staat») sollen die Richtschnur wirtschafts-politischen Handelns darstellen, Wettbewerb zur «Optimierung» aller Prozesse und Ergebnisse führen. Dieses Marktprinzip soll auf möglichst viele gesellschaftliche Bereiche ausgedehnt werden. Die Wirtschaft wird nicht mehr als Teil der Gesellschaft gesehen, sondern umgekehrt die Gesellschaft lediglich als Ergebnis wirtschaftlicher Prozesse. Oder noch extremer: «Es gibt keine Gesellschaft, sondern nur Individuen.» (Margret Thatcher) Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftspraxis, Politik und Behörden haben diese Doktrin weitgehend übernommen.

Grenzenloses Gewinnstreben führt zur Amoralität

In den letzten Monaten hat sich deutlicher denn je zuvor gezeigt, dass diese marktradikale Doktrin, wenn sie zum leitenden Organisationsprinzip wird, nicht nur unzureichend ist, sondern grosse Gefahren für die Menschen und Gesellschaften in sich birgt und manche Wirtschaftsakteure zu abenteuerlichen, ja amoralischen bis kriminellen Handlungen anleitet. Wettbewerb ist nur gesellschaftsdienlich, wenn ihm ein klarer rechtlicher Rahmen human-, sozial- und umweltverträglicher Voraussetzungen vorgegeben wird. Sonst kann Gewinnorientierung schnell zur masslosen Gier nach immer grösseren Profiten oder zur Angst vor Verlusten degenerieren. Gier führt dazu, dass Vorsicht und moralische Bedenken verdrängt werden; Angst löst Panikreaktionen aus, die blitzschnell immer weitere Kreise ziehen und weite Teile der Wirtschaft in die Katastrophe mitreissen. Gier und Angst sind daher keine tauglichen Leitmotive wirtschaftlichen Handelns. Gewinn ist unternehmerisch notwendig, aber nicht das einzige, was zählen darf. Wirtschaft ist nicht Selbstzweck; sie dient dem guten Leben und fairen Zusammenleben der Menschen in der freiheitlich-demokratischen Bürgergesellschaft, in der wir leben möchten. Ja sie kann längerfristig überhaupt nur auf der Basis der Grundsätze und Wertvorstellungen der Gesellschaft funktionieren. Kurz: Sinnvolles und legitimes Wirtschaften beruht auf Werten und verwirklicht Werte.

Zum Glück ist das noch immer den meisten Unternehmern unseres Landes bewusst; aber es ist Zeit, dass sich auch die Wissenschaft, die Politik und die angestellten Führungskräfte der «Global Players» dazu ohne Wenn und Aber bekennen. Denn die drei grossen und miteinander zusammenhängenden Krisen der letzten Jahre und Monate – die Umwelt-, die Kredit- und die Nahrungsmittelkrise – sind auch und vor allem moralische Krisen. Das heisst: Sie sind Ausdruck des verlorenen Sinns für die ethisch richtige Rangordnung der Dinge.

Elementare menschliche Lebensbedürfnisse werden in skrupelloser Weise zur Geschäftemacherei missbraucht. Gewinnmaximierung wird unter Missachtung grundlegender ethischer Prinzipien, zwischenmenschlicher Rücksichtnahme und Verantwortung für die Folgen angestrebt. Und die Doktrin von der «unsichtbaren Hand» des Marktes, die angeblich von selbst dafür sorgt, dass alles gut wird, dient als ideologische Rechtfertigung.

Doch es gibt kein ökonomisches Prinzip oder System, das aus dem rein egoistischen Streben von Wirtschaftsakteuren in wunderbarer Weise ganz automatisch das Gemeinwohl hervorbringt. Deshalb ist es auch unsinnig, alle humanitären, sozialen und ökologischen Probleme immer nur mit «mehr vom Selben», mit marktwirtschaftlicher Deregulierung und Wirtschaftswachstum, lösen zu wollen. Was heute not tut, ist vielmehr ein tiefgehendes Umdenken.

Die gegenwärtigen Krisen sind im Kern moralische Krisen

•   Unbegrenzte Ausbeutung der Natur

Die ökologische Krise, längst erkannt und doch noch allzuoft Gegenstand politischer Feilscherei um Partikulärinteressen, beruht im Grunde auf einer nicht länger haltbaren Vorstellung von der Ausbeutbarkeit der Natur. Gelöst werden kann sie jedoch nur von allen Gesellschaftsgruppen und Ländern in gemeinsamer Solidarität und Verantwortung für unsere Nachwelt. Ökonomische Massnahmen wie der Kauf von Emissionsrechten in den Entwicklungsländern mögen «anreiztechnisch» noch so wirksam sein, sie können dennoch allein niemals ausreichen, weil sie kein Beispiel geben, keine Solidarität der Schweiz zeigen und daher die Entwicklungsländer nicht zum Mitmachen ermutigen.

Erforderlich ist also auch bei uns ein glaubwürdig vorgelebtes Umweltbewusstsein in allen Lebensbereichen.

•   Missbrauch der Finanzmärkte

Die besonders in den USA verbreitete Neigung zum Leben auf Kredit bei Leuten mit geringen Einkommen («Heute konsumieren, morgen zahlen») ist schamlos ausgebeutet worden durch verantwortungslose amerikanische Immobilienfirmen und Kreditinstitute. Die hohen Ausfallrisiken versteckten sie in fantasievollen Konstruktionen spekulativer «Finanzprodukte», die sie mit Hilfe mitverdienender Rating-Agenturen weltweit den getäuschten Anlegern verkauften – unter ihnen in unfassbaren Milliardendimensionen den Grossbanken. Deren unprofessioneller Leichtsinn beim Eingehen solcher Klumpenrisiken ist letztlich kaum anders erklärbar als durch die Gier bonusgesteuerter Investmentbanker und Manager – und durch das Versagen der Kontrollinstanzen. Schliesslich lösten das längst absehbare Platzen der «Immobilienblase» in den USA und die resultierende Angst der Finanzinstitute vor Verlusten die Subprime-Kreditkrise aus, deren Folgen noch immer nicht absehbar sind. Diese schwere Krise hat einige skandalöse Sachverhalte deutlich gemacht. Wieder einmal werden die Verluste grosser Banken (auch bei uns) direkt oder indirekt sozialisiert, um den Zusammenbruch des ganzen Weltwirtschaftssystems zu verhindern, nachdem zuvor die masslosen Gewinne aus denselben riskanten Geschäften privatisiert wurden. Weiter verloren dabei in den USA auf der einen Seite Hunderttausende von Menschen ihr Heim und Zehntausende ihren Arbeitsplatz, und zahllose rechtschaffene Bürger müssen um ihre Existenz bangen, während auf der anderen Seite einige Hedgefonds Milliarden an der Krise selbst verdient haben. Gesellschaften, in denen so etwas möglich ist, sind moralisch krank; es mangelt ihnen an Gemeinsinn und sozialem Kitt. Die symptomatischen Folgen lassen meistens nicht lange auf sich warten (abnehmende Legitimität von Besitz, Verlust des «bürgerlichen» Respekts zwischen den auseinanderdriftenden sozialen Schichten, entsprechend wachsende Kriminalität, soziale Unruhen …). – Internationale und nationale Kommissionen arbeiten nun an Regelwerken, die derartige Krisen künftig verhindern sollen, und das ist gut so. Aber auch Regelwerke brauchen eine ethische Grundlage, sie müssen von in der Gemeinschaft verankerten Werten getragen werden, und wenn diese fehlen, werden sie über kurz oder lang umgangen und ausgetrickst werden. Geldstrafen sind nutzlos, wenn sie von Gewinnerwartungen übertroffen werden. Und freiwillige Vereinbarungen schliesslich, die Lieblingsmassnahme der Wirtschaftsliberalen, binden nur die ohnehin Gutwilligen.

•   Spekulation mit der Lebensgrundlage anderer

Und nun haben wir als dritte akute Krise die scheinbar aus dem Nichts entstandene Nahrungsmittelkrise. Die Preise für Weizen, Reis, Mais und Soja haben sich in den letzten Monaten teilweise verdoppelt, und in vielen Entwicklungsländern kann die grosse Mehrheit der Bevölkerung ihre Grundnahrungsmittel kaum noch bezahlen. Ursachen sind eine falsche Landwirtschafts- und Entwicklungs-politik, Naturkatastrophen, die Produktion von Biotreibstoffen und schliesslich die Spekulation an den Nahrungsmittelmärkten. Basis der unheilvollen Entwicklung war auch hier ein unbegrenztes Gewinnstreben weltweit agierender Agro- und Handelskonzerne. Es wurde gefördert von einer Politik der reichen Länder, die vor allem die Interessen der eigenen Import- bzw. Exportwirtschaft im Blick hatte, ohne Sinn und Verständnis für die Bedeutung der weniger produktiven, aber von den Schwankungen der Weltmarktpreise auch weniger abhängigen lokalen Landwirtschaft als Ernährungsbasis in gering entwickelten Regionen. Viele verarmte Bauern wanderten in die Städte ab und bilden dort nun eine Schicht von arbeitslosen Slumbewohnern.

Die Zusammenhänge sind gewiss komplexer, als wir sie hier darstellen können. Zum Beispiel wächst die Konkurrenz um Nahrungsmittel auch durch die wachsenden Ernährungsansprüche in Ländern wie China oder Indien, in welchen mehr Fleisch gegessen wird, wodurch viel mehr Getreide für die Tierzucht benötigt wird. Erschwerend kamen sodann in den letzten Jahren Dürreperioden und Flutkatastrophen hinzu, die vermutlich ökonomisch mitverursacht sind. Ein weiterer auslösender Faktor ist in jüngerer Zeit die Produktion von Treibstoffen aus Nahrungspflanzen, die Umstellung vieler Anbauflächen auf Biodiesel und damit die Verknappung von Nahrungsmitteln. (Durch den grossen Wasserbedarf dieser Produktion wird zugleich die kommende Wasserkrise mit vorbereitet). Ist etwa die Mobilität der Reichen wichtiger als der Hunger der Armen? Dieser Trend ist moralisch verwerflich und zudem gefährlich. Viele Regierungen haben das erkannt und Rahmenbedingungen für die Förderung und Vermarktung von Bio-treibstoffen erlassen.

Aber damit nicht genug, denn nun nimmt die Amoralität des Gewinnstrebens Züge an, die als kriminell gewertet werden müssen: Spekulanten, darunter auch Hedgefonds und institutionelle Anleger wie Pensionskassen, haben sich von den Finanzmärkten, auf denen sie zurzeit keine genügend grossen Gewinnchancen sehen, abgewendet und auf den Nahrungsmittelmarkt gestürzt. Der Anteil reiner Finanzspekulation am Umsatz an den Nahrungsmittelbörsen wird von Fachleuten derzeit (Mitte April 2008), zum Beispiel bei Kakao und Kaffee, auf 50–70%, bei Weizen auf 40% geschätzt. Die daraus resultierende Preissteigerung führt zu Hungerrevolten und droht, viele Länder in ihrem Entwicklungsstand um Jahre zurückzuwerfen. Die gewinn-orientierte Spekulation mit Nahrungsmitteln ist eigentlich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und sollte entsprechend bestraft werden.

Wir alle werden jetzt in Form staatlicher bzw. internationaler Unterstützungsleistungen oder über die Finanzierung der Hilfswerke den Preis bezahlen, um die schlimmsten Folgen zu lindern. Auch auf diesem Gebiet werden die Gewinne privatisiert, die Verluste sozialisiert werden.

Konsequenz: Wirtschaft ohne Ethik zerstört sich selbst

Diese Sachverhalte beunruhigen viele Mitbürger. Aber Beunruhigung genügt nicht. Welche Konsequenzen müssen wir aus diesen Entwicklungen ziehen? Für uns, die wir dieses Manifest geschrieben oder unterzeichnet haben, ist klar:

Es gilt endlich zu erkennen und anzuerkennen, dass jede lebensdienliche Wirtschaft auf ethischen Grundlagen beruht. Ohne entsprechend richtiggestellte An- und Abreize, also ohne entsprechende ordnungspolitische Rahmenbedingungen und Schranken, wird der Markt niemals allen Menschen ein menschenwürdiges Leben und faire Lebenschancen bieten. Wenn Wirtschaft statt dessen zum Kampf aller gegen alle (und zur Selbstbedienung der Stärkeren) entartet, zerstört sie ihre eigene Legitimations- und Vertrauensbasis – und damit die Kooperationsbereitschaft und gesellschaftliche Solidarität der Bürger. Marktwirtschaftlicher Wettbewerb ist kein Ziel, sondern nur ein Mittel, um das wirtschaftliche Gesamtwohl zu fördern. Dieses setzt Fairness und ein Minimum an sozialer Gerechtigkeit voraus. Eine Wirtschaftskultur, in welcher der Eigennutz die Gerechtigkeit verdrängt, muss immer wieder in tiefgreifende Krisen fallen. Was wir heute erleben, sind Symptome dieser wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Selbstzerstörung.

Unser Appell

Verantwortlich sind wir alle, aber in besonderem Masse die nachfolgenden Adressaten dieses Appells.

Wir appellieren an die Wirtschaftswissenschaften und ihre Vertreter, die Bedeutung von ethischen Prinzipien des zivilisierten Zusammenlebens als Grundlage gesellschaftsdienlicher Wirtschaftsprozesse anzuerkennen, ihnen in den wirtschaftstheoretischen und -politischen Ansätzen systematischen Platz zu geben und sie den Studierenden in der Lehre zu vermitteln. «Mehr Markt» darf nicht einfach pauschal als richtig gelten; gewiss sind die Chancen und Vorzüge, aber eben auch die Gefahren und Nachteile der Lösung gesellschaftlicher Koordinationsprobleme durch das Prinzip Markt in unvoreingenommener Weise zu erörtern (zum Beispiel die Entschleunigung von Börsenprozessen oder die Möglichkeiten der Verhinderung gesellschaftsschädigender Spekulationen und anderer mit den aktuellen Krisen zusammenhängender Probleme). Wir appellieren an die Wirtschaftsverbände, in ihrer Politik die ethischen Grundlagen wirtschaftlichen Handelns und das volkswirtschaftliche Allgemeinwohl, nicht lediglich die von ihnen vertretenen Partikulärinteressen, zu berücksichtigen, und ihren Mitgliedern entsprechende Einstellungen zu vermitteln. Nur so können die Wirtschaftsverbände auch ihre in breiten Bevölkerungskreisen verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen (man denke etwa an die offenkundig parteiliche Haltung bestimmter Verbände bezüglich der Parallelimporte).

Wir appellieren an die Regierungen von Bund und Kantonen, ihr Handeln auf tragfähige wirtschaftsethische Prinzipien abzustützen, berechtigten Anliegen «befreundeter» Staaten oder Wirtschaftsregionen in fairer Weise Rechnung zu tragen (Problematik um das Steuerrecht) und bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen konsequent den Gesichtspunkten des Gemeinwohls, auch des Wohls der Weltgemeinschaft, angemessene Beachtung zu schenken (man denke an die Landwirtschaftspolitik); sich auf nationaler wie auch internationaler Ebene dafür einzusetzen, dass internationale Organisationen in ihrem Handeln auch ethischen Grundsätzen verpflichtet werden (zum Beispiel die WTO) und ihre Arbeit besser koordinieren (die WTO zum Beispiel mit der ILO, FAO und WHO); und dafür, dass sozial schädliches Handeln (zum Beispiel die Spekulation mit Lebensmitteln) international geächtet und geahndet wird.

Natürlich wissen wir, dass unsere Forderungen das Handeln nicht leichter machen. Aber es sind nicht die ethischen Überlegungen, die uns in Konfliktlagen führen! Sie machen uns den ganz normalen Sachverhalt, dass wirtschaftliches Handeln mitten im Brennpunkt gesellschaftlicher Wert- und Interessenkonflikte steht, nur bewusst. Und sie machen es überhaupt erst möglich, mit diesen Konflikten vernünftig umzugehen. Wie anders sollte es unter mündigen Bürgern in einer modernen, freiheitlich-demokratischen Gesellschaft möglich sein, solche Konflikte einvernehmlich und «nachhaltig» zu lösen? Wir sind davon überzeugt, dass eine ethisch tragfähig begründete, human-, sozial- und umweltverträglich geordnete Marktwirtschaft auch im globalen Rahmen mittel- und langfristig zu den besten Ergebnissen führt.  

* kontrapunkt, der zurzeit 22köpfige «Schweizer Rat für Wirtschafts- und Sozialpolitik», entstand auf Initiative des «Netzwerks für sozial verantwortli­che Wirtschaft».
Die Gruppe will die oft unbefrie­digende und polarisierende öffentliche Diskussion über politische Themen durch wissenschaftlich fundierte, interdisziplinär erarbeitete Beiträge ver­tiefen. kontrapunkt möchte damit übersehene As­pekte offenlegen und einen Beitrag zur Versach­lichung der Debatte leisten. Diesen Text haben folgende Mitglieder von kontrapunkt mit unter­zeichnet: Prof. Dr. Gabrielle Antille Gaillard, Öko­nomin, Universität Genf; Prof. Dr. Klaus Armin­geon, Politikwissenschaftler, Universität Bern; Prof. Beat Bürgenmeier, Universität Genf; Prof. Dr. Jean-Daniel Delley, Politikwissenschaftler, Univer­sität Genf; Dr. iur. Gret Haller, Universität Frank­furt am Main; Prof. Dr. Hanspeter Kriesi, Poli­tikwissenschaftler, Universität Zürich; Prof. Dr. Franz Schultheis, Soziologe, Universität St. Gallen; Prof. em. Dr. Peter Tschopp, Volkswirt, Universität Genf; Prof. Dr. Karl Weber, Soziologe, Universität Bern; Daniel Wiener, MAS-Kulturmanager, Basel; Prof. em. Dr. Hans Würgler, Volkswirtschafter, ETH Zürich.

Kontakt: Geschäftsstelle kontrapunkt, c/o ecos, Elisabethenstr. 22, 4051 Basel, Daniel Wiener, Tel. +41 61 205 10 10; www.rat-kontrapunkt.ch ; Mail: info@rat-kontrapunkt.ch 

Unser Manifest ist ausserhalb der Mitglieder von «kontrapunkt» noch von folgenden angeschrie­benen Professoren der geistes- und sozialwissen­schaftlichen Fakultäten an den Universitäten der Schweiz unterzeichnet worden:

Prof. Alsaker Francoise, Universität Bern; Prof. Back Andrea, Universität St. Gallen; Prof. Becchi Paolo, Universität Luzern; Prof. em. Beck Eugen Alexander, Universität Bern; Prof. Bortis Hein­rich, Universität Fribourg; Prof. Cattacin Sandro, Universität Genf; Prof. Dachler Peter, Universität Genf; Prof. Fahrni Fritz, ETH Zürich; Prof. Ger­hard Anselm, Universität Bern; Prof. Guski An­dreas, Universität BaselProf. Hänggi Yves, Universität Zürich; Prof. Hir­sig René, Universität Zürich; Prof. Hunkeler Tho­mas, Universität Fribourg; Prof. Jonas Klaus, Uni­versität Zürich; Dr. Klapproth Danièle, Universität Basel; Prof. Kollmar-Paulenz Karénina, Universi­tät Bern; Prof. Korenjak Martin, Universität Bern; Prof. Krüger Oliver, Universität Fribourg; Prof. Loosli-Buschor Andrea, Universität Fribourg; Prof. Mäder Ueli, Universität Basel; Prof. Maercker An­dreas, Universität Zürich; Prof. Manzotti Emilio, Universität Genf; Prof. Mariaux Pierre Alain, Uni­versität Neuenburg; Prof. Marti Urs, Universität Zürich; Prof. Mathieu Jon, Universität Genf; Prof. Mattioli Aram, Universität Luzern; Prof. Moretti Bruno, Universität Bern; Prof. Müller Markus, Uni­versität Bern; Prof. Reichenbach Roland, Universi­tät Basel; Prof. Robinson Alan, Universität St. Gal­len; Prof. Schnell Rüdiger, Universität Basel; Prof. Sczesny Sabine, Universität Bern; Prof. Solèr Clau, Universität Genf; Prof. Tanner Carmen, Universität Zürich; Dr. Thielemann Ulrich, Universität St. Gal­len; Prof. Varone Frédéric, Universität Genf; Prof. Winiger Bénédict, Universität Genf; Prof. Wunde­rer Rolf, Universität St. Gallen;

   

Kernaussagen des Manifests

Unser Manifest vom 11. Mai enthält, kurz zusammengefasst, die folgenden Kernaussagen:

1.  Die herrschende, in der öffentlichen Diskussion «neoliberal» genannte Doktrin vom kapitalistischen «freien» Markt betrachtet die wirtschaftliche Tätigkeit, abgesehen von der Beachtung gesetzlicher Vorschriften, als frei von ethischen Verpflichtungen und propagiert und legitimiert das unbegrenzte, eigennützige Gewinnstreben. Sie ist zur vielfach befolgten Handlungsanweisung geworden.

2.  Die drei grossen gegenwärtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen (die ökologische, die Finanz- und die Ernährungskrise) hängen in ihren Ursachen und Wirkungen miteinander zusammen.

3.  Diese Krisen beruhen unter anderem auch auf dieser neoliberalen Ideologie; deren Folgen, Gier, Angst und amoralisches Handeln, haben nicht unwesentlich zu ihrer Entstehung beigetragen.

4.  Die dabei von wenigen Nutzniessern erzielten grossen Gewinne sind privatisiert worden; die zur Bewältigung und Milderung der Folgen aufgewendeten und auch in Zukunft erforderlichen gewaltigen Mittel werden von der Allgemeinheit getragen; sie werden «sozialisiert».

5.  Auf diesen Überlegungen aufbauend fordern wir Politik, Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsverbände und Unternehmer auf, die Notwendigkeit der ethischen Begründung wirtschaftspolitischen und wirtschaftlichen Handelns anzuerkennen und entsprechende konkrete Massnahmen zu treffen.

 



[1] Das Manifest kontrapunkt wurde am 11.5.2008 veröffentlicht und ist unter www.rat-kontrapunkt.ch/  zu finden. Auf der gleichen Internetseite ist die nicht anders als zynisch und arrogant zu bezeich­nende Stellungnahme von Avenir Suisse zu fin­den, dem von der Hochfinanz gegründeten und fi­nanzierten Think tank der Schweiz. Sie wird von den Wirtschaftswissenschaftlern in einer Antwort sachlich widerlegt.


Quelle: Zeit-Fragen Nr.44

Originalartikel veröffentlicht am 27.10.2008  

Dieser Artikel kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autoren als auch die Quelle genannt werden.

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RAUCHENDE GEHIRNE: 30/10/2008

 
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