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04/12/2016
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Das Recht auf Heimkehr

Die Umkehrung der ethnischen Säuberung


AUTOR:  Salman Abu Sitta

Übersetzt von  Eva Hirschmugl


Dr. Salman Abu Sitta ist der Koordinator des Komitees für das Rückkehrrecht des palästinensischen Volkes auf der internationalen Konferenz „Stop the Wall in Palestine“ im Juni 2004 in Köln.

 

photo :

http://www.arbeiterfotografie.de/galerie/reportage-2004/index-2004-06-05-koeln-stop-the-wall-2.html


www.arbeiterfotografie.com

 

5. Juni 2006

Die Umkehrung der ethnischen Säuberung

Das Recht auf Heimkehr

Von Salman Abu Sitta

Im Frühling des Jahres 1948 wandten sich einige jüdische mukhtars (Dorfoberhäupter) jüdischer Kolonien in Palästina an arabisch-palästinensische muhktars in den nahegelegenen Dörfern, mit denen sie gute nachbarschaftliche Beziehungen unterhielten, und raunten in ihre Ohren: „wir sind Eure guten Freunde und Nachbarn und wir müssen Euch einen ernstgemeinten Rat geben. Diese fiesen Palmach Soldaten, die gerade aus Europa angekommen sind, kennen keine Gnade. Sie neigen dazu, arabische Dörfer „zu säubern“. Nehmt Eure Familien und rennt um Euer Leben bevor es zu spät ist“. Das war natürlich kein „ernstgemeinter“ Rat. Diese „Flüsterpost“ wurde vom Palmach Kommandanten Yigal Allon (Paicovich) befohlen und hatte die Entvölkerung von mindestens 12 Dörfern zur Folge.

Es gibt viele Arten von israelischen Soldaten und nicht alle tragen Waffen. Ein erst kürzlich aufgestelltes Regiment führt eine Public Relations Kampagne, „hasbara“ genannt, durch, die dazu dient, die brutale und rassistische israelische Besetzungspolitik rein zu waschen. Ironischerweise ist der Begriff „hasbara“ stark mit dem passenderen Begriff „za’bara“ verbunden, der soviel wie „viel Lärm um nichts“ bedeutet.

Gershon Baskin (Right of Return to Palestine, AMIN, 25. Mai 2006) gibt seinen palästinensischen Freunden einen „ernstgemeinten“ Rat als „wahrer Freund des palästinensischen Volkes“: gebt Euer Recht auf Heimkehr auf. Die Dorfbewohner aus Safad, die dem Rat ihrer freundlichen jüdischen Nachbarn Folge leisteten, und ihre Kinder, müssen heute auf ihre neuen israelischen Freunde hören: vergesst Euer grundlegendstes Menschenrecht, das Recht ein eigenes Heim zu haben, es zu behalten und dahin zurückzukehren.

Warum sollte diese Kampagne von irgendjemandem geführt werden und warum vor allem von europäischen Juden, die, um mit den Worten von Arnold Toynbee zu sprechen, am ehesten aus ihrer eigenen Geschichte gelernt haben sollten?

Baskin erklärt seine Gründe (und die der Israelis), warum das Recht auf Heimkehr verwehrt wird. Jeder dieser Gründe hält keiner ernsthaften Analyse stand. Jeder dieser Gründe ist eine Standardwaffe des mittlerweile diskreditierten israelischen Arsenals von Mythen und Desinformation.

Als erstes nennt Baskin die UNO Resolution 181 (Teilungsplan), die „vom jüdischen Volk mit überwältigender Mehrheit akzeptiert wurde“ – was bedeutet, dass der Plan von den europäischen jüdischen Immigranten in Palästina angenommen wurde, doch nicht von den Palästinensern. Warum hätten sie das tun sollen?

Baskin erwähnt nicht, dass dieser Plan 55,5% von Palästina den jüdischen europäischen Immigranten zuteilte, die nicht mehr als 5,5% besassen, trotz des stillschweigenden Einverständnisses des britischen Mandats. Er erwähnt nicht, dass 457 palästinensische Städte und Dörfer plötzlich, dem Plan zufolge, der Herrschaft dieser Immigranten untergeordnet waren, wobei viele dieser Immigranten gerade erst im Schutz der Dunkelheit von einem Schlepperschiff an die palästinensische Küste gewatet waren. Er erwähnt auch nicht, dass 48% der Bevölkerung des sogenannten „jüdischen Staates“ palästinensische Araber waren. Auch erwähnt er nicht, dass Ben Gurion, der aus taktischen Gründen den Teilungsplan akzeptiert hatte, sofort die ethnische Säuberung von palästinensischen Bürgern der Küstenregion seines neuen Staates befahl.

Ben Gurion entvölkerte 250 Dörfer und vertrieb die Hälfte aller Flüchtlinge bevor der Staat Israel am 15. Mai 1948 ausgerufen wurde und bevor irgendein normaler arabischer Soldat die ethnische Säuberung stoppen konnte.

Baskin geht nicht näher ein auf die von den Israelis eingefädelte grösste, längste und andauerndste ethnische Säuberungsaktion der modernen Geschichte, in deren Verlauf im Jahre 1948 774 palästinensische Städte und Dörfer unter zionistische Kontrolle gebracht wurden, von denen wiederum 675 völlig entvölkert wurden und 99 für eine Periode von 16 Jahren unter Militärherrschaft gestellt wurden und dann einen Status zweiter Klasse erhielten. Die Zahl der Flüchtlinge aus diesen Dörfern beläuft sich heute auf 6.400.000 (sowohl die von der UNO registrierten als auch die nicht registrierten) und nciht auf 5 Millionen wie Baskin behauptet. Tatsächlich sind 75% des palästinensischen Volkes entweder Flüchtlinge oder sie sind umgesiedelt worden – so ist ein ganzes Volk Israel zum Opfer gefallen. Ihr Land umfasst 93% des israelischen Staatsgebiets. Ihr mobiler und immobiler Besitz wurde von Israel beschlagnahmt im grössten Raubzug seit dem Zweiten Weltkrieg. Das war das Ergebnis der Nakba von 1948. Doch die Nakba geht heut noch weiter im besetzten Palästina von 1967. Diejenigen, die die Nakba von 1948 verpasst haben können sie heutzutage am Fernsehbildschirm miterleben, wenn auch in einer anderen Form mit geschickterem „hasbara“.

Ich denke es ist elementar klarzustellen, dass es sich bei ethnischer Säuberung um ein Kriegsverbrechen handelt. Die Römer Verträge von 1998 und die Sechste Nürnberger Charta drücken das klar aus. Selbstverständlich begehen auch diejenigen ein Kriegsverbrechen, die ethnische Säuberung stillschweigend dulden oder dazu auffordern in Wort und Tat. Die Verweigerung des Rechts auf Rückkehr trägt zur Weiterführung der ethnischen Säuberung bei. Warum also, fragen wir uns nochmals, verweigern die Israelis das Recht auf Heimkehr trotz der Tatsache, dass die UNO dieses Recht mehr als hundert Mal bestätigt hat und dass Israels Aufnahme als Mitgliedstaat der UNO an diese Bedingung geknüpft war?

Die Antwort darauf scheint „Realismus“ zu sein: man kann nicht rückgängig machen, was vor 58 Jahren geschah. Das ist als würde man sagen: wenn Du planst, jemand zu töten, wirst Du bestraft, doch wird Dir vergeben, wenn Du es erfolgreich tust.

Realismus hat viele Aspekte, die Baskin nicht erwähnt. Da ist die 58 Jahre andauernde Realität der Nakba. Jeden Tag wird eine weitere Seite dieser tragischen Geschichte mit palästinensischem Blut und israelischer Brutalität geschrieben. Da ist die Realität, dass die Flüchtlinge niemals ihr Recht heimzukehren aufgegeben haben oder es jemals tun werden. Da ist die Realität, dass 97% von ihnen in einem Umkreis von 100 km von ihrem Zuhause leben, 50% in einem Umkreis von 40 km und viele können ihr einstiges Zuhause sogar sehen. Die Realität ist, dass sie, trotz der Kriege, der Überfälle, der Besetzung und der brutalen israelischen Politik, sich niemals ergeben oder aufgegeben haben, und das seit drei Generationen.

Die zionistische Propaganda hat die westliche Gedankenwelt mit Unwahrheiten versorgt. Doch der dichte Nebel der „hasbara“ lichtet sich langsam. Immer mehr Menschenrechtsgruppen, Universitäten und Kirchen rufen zum Boykott Israels und zum Investitionsstopp auf.

Ja, einige, wie Baskin, spielen das alte Spiel: „Dörfer werden zerstört“, „es gibt keinen Ort an den man zurückkehren kann“, etc. Solch laue Argumente beleidigen die Intelligenz jedes Durchschnittsmenschen, vor allem jedes Experten, und lassen ihren Autor in einem schlechten Licht erscheinen.

Was, wenn das wahr ist? Wenn ein Räuber ein Haus zerstört oder es weiter ausbaut, gehört es dann ihm? Wenn dem so ist, auf welcher Basis haben dann die europäischen Juden ein halbes Jahrhundert später ihre Häuser und ihren Besitz, bis zum letzten Gemälde, von ihren europäischen Mitbürgern zurückerhalten?

Die Menschenrechte und sogar die nationalen Gesetzbücher halten kein Recht so hoch wie die Unantastbarkeit des privaten Besitzes und das Recht, dorthin zurückzukehren.

Doch die israelischen Behauptungen über die Unmöglichkeit der Rückkehr sind einfach falsch. Es gibt genug Platz. Das meiste des beschlagnahmten palästinensischen Landes (93% Israels) wird von der israelischen Armee genutzt und von bankrotten Kibbutzen, deren Bewohner nur 1,5% der israelischen Juden ausmachen. Achtzig Prozent der israelischen Juden leben auf nur 14% des israelischen Territoriums. Die auf dem Lande lebenden Juden in der Südhälfte des Landes sind weniger zahlreich als die Menschen in einem einzigen Flüchtlingslager.

So können nicht nur zerstörte Dörfer wieder aufgebaut werden (90% dieser Orte sind immer noch ungenutzt), sie müssen sogar 6 mal grösser aufgebaut werden, auf Grund des natürlichen Bevölkerungswachstums. Amman, Beirut und Kuwait haben sich um 10-30 Mal vergrössert und Palästinenser haben zu ihrer Entwicklung beigetragen. Israel selbst ist um das achtfache gewachsen, grossteils durch Immigration. Warum sollte es schwierig sein 6000 Häuser in einem Dorf zu errichten, ob die ursprünglichen 1000 Häuser noch stehen oder nicht?

Doch Baskin nennt den wahren Grund nicht. Israel will seine rassistische Apartheidpolitik weiterführen unter dem Deckmantel des „jüdischen Staates“ und der Bedrohung der palästinensischen demographischen Bombe.

Was bedeutet „jüdischer Staat“? Es gibt keine legale Bedeutung für einen jüdischen Staat, weder im Teilungsplan, der die 50% seiner arabischen Bevölkerung beschützte und der „mit überragender Mehrheit“ von den jüdischen Einwanderern „angenommen wurde“, noch irgendwo anders im internationalen Gesetz, das ethnische religiöse rassistische Staaten nicht toleriert.

Von einer palästinensischen „demographischen Bedrohung“ zu sprechen ist purer Rassismus. Was täten britische Juden, wenn die Londoner Stadtverwaltung entscheiden würde, dass die Juden im Viertel „Golders Green“ eine demographische Bedrohung darstellen und dass eine ethnische Säuberung stattfinden muss, wenn sie die Anzahl überschreiten, die von der rassistischen britischen nationalistischen Partei festgelegt wurde?

Dann erzählt uns Baskin von der israelischen „Grosszügigkeit“, weil es einer „begrenzten Anzahl“ von Palästinensern gestattet, ihren gestohlenen Besitz im Rahmen des Familienwiedervereinigungsplans zurückzuerlangen. Diese begrenzte Anzahl ist gleich null, besonders nach in Kraft Tretens des israelischen Gesetzes zur Aufhebung des Familienwiedervereinigungsprogramms.

Doch Israel ist grosszügig. In Taba bot es den Flüchtlingen vier Möglichkeiten: wählt Euer Lieblingsexilland irgendwo auf der Welt, doch nicht Eure Heimat.

Was Entschädigung betrifft ist Israel noch grosszügiger. Es will sich 18,6 Millionen dunams (ein dunam = 1.000 m2 – Anmerkung des Übersetzers) an palästinensischen Land, eine grosse Menge von Häusern, Geschäften, Unternehmen, Farmen, mobilen Besitzes, mindestens 1200 Millionen Kubikmetern Wasser und anderer natürlicher Ressourcen, öffentlichen und historischen Besitzes, Flughäfen, Militärlagern, Eisenbahnstrecken, Strassen, Bergwerke – und all das wird von einem „internationalen Fond“ finanziert mit einem bescheidenen Beitrag Israels. Im Gegenzug wäre dann Israel rechtlicher Besitzer all dieser gestohlenen Besitztümer. Ganz zu schweigen von Entschädigung für Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Selbstverständlich wird nirgendwo erwähnt, dass Palästinenser in ihre Häuser zurückkehren dürfen UND dass sie irgendeine Entschädigung erhalten sollen für ihr Leid und ihre Verluste.

Baskin fasst den israelischen Standpunkt gut zusammen: „Jeder, der sich irgendwie mit Israel und den Israelis auskennt muss erkennen, dass Israel keinen Schritt zurück machen wird“. Einfacher ausgedrückt bedeutet das, dass Israel die ethnische Säuberung und seine rassistische Apartheidpolitik weiterführen will und dass es nicht „wirklich in Frieden“ mit den Palästinensern leben möchte, sondern an deren Stelle.

Die Palästinenser, und mit ihnen fast die ganze Welt, streben weiterhin nach Gerechtigkeit, nach der Abschaffung von Rassismus und Apartheid. Genau wie in Südafrika. Sie werden nicht so einfach verschwinden.

Baskins ernstgemeinter „freundschaftlicher Rat“, sollte an die Israelis gehen, um ihnen dabei zu helfen, ihre kollektive Amnesie darüber abzuschütteln, was sie den Palästinensern antun und angetan haben und ihnen mitzuteilen, dass ihre Rettung in der völligen und andauernden Verbannung von Rassismus liegt. Sie müssen ihre Handlungsweisen revidieren, die ethnische Säuberung stoppen und Reparationen leisten.

Denn es ist klar, dass die Geschichte der Juden letztendlich für immer davon gebrandmarkt sein wird, und zwar stärker als durch alle anderen historischen Ereignisse, was sie den Palästinensern angetan haben.

*Salman Abu Sitta ist ein palästinensischer Autor und betreibt Recherchen zum Thema Flüchtlinge.

http://www.amin.org/eng/uncat/2006/june/june5-0.html

Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von Eva, einem Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt (www.tlaxcala.es). Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft.


KANAAN: 22/06/2006

 
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