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11/04/2021
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Die israelische Besatzungspolitik und ihre Folgen

«Sie wollen uns entwurzeln!»-Der Kampf gegen die Apartheidmauer


AUTOR:  Jamal JUMA

Übersetzt von  International


«Die Mauer ist Land- und Wasserraub; sie verändert den historischen und demographischen Status der Region. Sie bedeutet die Entwurzelung unserer Bäume und die Zerstörung unserer Natur. Sie widerspricht allem, was menschlich und zivil ist
Gemeinsame Erklärung von Gemeinden der Region Qalqiliya, 2002

Erst kürzlich hat Ni’lin’1, eine Kleinstadt mit 5000 Einwohnern nordwestlich von Ramallah, weltweit Schlagzeilen gemacht. Seit drei Monaten ist die Bevölkerung auf den Strassen und den Feldern in fast täglichen Demonstrationen gegen die Apartheidmauer. Die Mauer droht ihr Land zu zerstören und ihre Kleinstadt zwischen Stacheldraht, Siedlungen und ihren Strassen einzukesseln und so die Lebensgrundlage der Bevölkerung zu vernichten. Die Brutalität der israelischen Besetzung ist über das Dorf hereingebrochen. Ashraf Abu Rahma, 27 Jahre alt und während einer Demonstration kurzfristig festgenommen, war in Handschellen und mit verbundenen Augen, als die Besatzungssoldaten ihm aus nicht einmal zwei Metern Entfernung in den Fuss schossen. Keine drei Wochen später ruhte sich Ahmad Mousa, zwölf Jahre, nach einer Demonstration mit drei Freunden unter einem Baum aus, als ein israelischer Militärjeep auf die Jungen zufuhr. Zwei Soldaten stiegen aus und setzten die Gewehre an: Ahmad Mousa wurde kaltblütig mit einer Kugel in die Stirn ermordet. Am folgenden Tag, während des Protests, der der Beerdigung von Ahmad Mousa folgte, schoss die Besatzungsarmee aus nur wenigen Metern zwei Gummigeschosse auf Yousef Amira, 17 Jahre. Sie hatten auf den Kopf gezielt. Der Junge war hirntot und starb wenige Tage später.

Andauernde Demonstrationen

Die Besatzungsarmee hatte die Bevölkerung von Ni’lin gewarnt: Wenn sie nicht aufhörten, gegen den Mauerbau auf ihrem Land zu protestieren, würden sie schwerwiegenden Repressalien ausgesetzt. So stand es auf den von der Armee verteilten Flugblättern. So ist es dann auch passiert: methodische Terrorisierung der Bevölkerung, gefolgt von Kriegsverbrechen. Ni’lin ist nicht die einzige Ortschaft, die regelmässig gegen den Mauerbau demonstriert. Zurzeit finden in vier Gegenden jeden Freitag Proteste statt, und an Tagen nationaler Mobilisierung protestieren die Menschen in Dutzenden von Ortschaften entlang der Mauer – von Jenin bis Hebron. In fast jedem der von der Mauer betroffenen Dörfer gibt es ein Volkskomitee, das den Widerstand gegen die Mauer organisiert. Auch wenn dies kaum Schlagzeilen macht, ist die Bewegung gegen die Apartheidmauer ein Eckstein des palästinensischen Befreiungskampfes geworden.

Grossprojekt Mauerbau

Der Mauerbau begann im Frühjahr 2002 nördlich von Jenin. Die sogenannte israelische Wiederbesetzung des Westjordantals, die überall Tod und Verwüstung mit sich gebracht hat, war gerade abgeschlossen. Die Menschen in Jenin bargen die Toten im Flüchtlingslager in Jenin, das während des Massakers zu einem Trümmerhaufen gebombt worden war. Damals fingen Dutzende von Bulldozern an, die Felder der Bauern nördlich von Jenin zu zerstören. Bald waren die Bulldozer der Besetzer auch in den Regionen von Tulkarem und Qalqiliya. Niemand wusste recht, weshalb und warum die Zerstörung vor sich ging – das einzige, das allen bewusst war, war, dass es sich um ein Gross-projekt handeln musste.

Heute haben wir Karten, die den Mauerverlauf kennzeichnen. Wir wissen, dass sie sich ungefähr 700 Kilometer lang durch palästinensische Felder und Wohngebiete frisst und zusammen mit den Siedlungen, ihren Infrastrukturen und den militärischen Sperrgebieten die Hälfte des Westjordantals von seinen palästinensischen Bewohnern isoliert. Damals haben sich die Bauern spontan organisiert, um ihre Felder gegen die Bulldozer zu verteidigen, und der Begriff der «Mauer» war noch vage. Nur ein Jahr später haben die Besatzungsbehörden die ersten vollständigen Karten des Mauerverlaufs veröffentlicht. Um die Dörfer in ihrem Widerstand zu unterstützen, ihnen Koordinationsmöglichkeiten zu geben und eine einheitliche Stimme zu verleihen, die nötigen Informationen zu sammeln und auszuwerten und schliesslich weltweit Aufmerksamkeit und Protest zu stimulieren, ist Anfang Oktober 2002 die Kampagne gegen die Apartheidmauer gegründet worden. In den sechs Jahren seit dem Beginn des Mauerbaues hat sich der Widerstand gegen die Mauer politisch weiterentwickelt, seine Basis sind allerdings immer noch die Dorfgemeinschaften, die sich tagtäglich gegen die Mauer und den damit verbundenen Landraub und die Isolierung ganzer Dörfer wehren.

Jayyous, Oktober 2002. Foto PENGON/Anti-Apartheid Wall Campaign

Jayyous,2 ein Dorf mit ungefähr 4000 Einwohnern nördlich von Qalqiliya, war mit eines der ersten Dörfer, das sich gegen die Mauer zur Wehr gesetzt hat. Schon im Juli 2002 haben die von der Mauer betroffenen Gemeinden der Region Qalqiliya eine gemeinsame Erklärung herausgebracht, in der sie die Mauer als «die Besetzung in ihrer hässlichsten Weise» beschreiben: «Sie ist Land und Wasserraub; sie verändert den historischen und demographischen Status der Region. Sie bedeutet die Entwurzelung unserer Bäume und die Zerstörung unserer Natur. Sie widerspricht allem, was menschlich und zivil ist.»

In jenem Oktober des Jahres 2002 fanden die ersten regelmässigen Demonstrationen statt. Die Proteste der Bevölkerung gegen die Mauer wurden brutal niedergeschlagen, konnten aber nicht gestoppt werden. Nicht mehr als ein Jahr später war trotz allem der Mauerbau im Norden des Westjordantals schon so weit fortgeschritten, dass die Besetzung Tore in der Mauer installierte und ein Pass-System einführte. Dieses neue System gewährt es der Besatzungsmacht, nach Belieben zu entscheiden, wer zu seinen Feldern darf und wer nicht – ein vorzügliches Instrument der Kollektivstrafe. Die Bauern in Jayyous beschlossen, im Protest gegen diese neue Zwangsmassnahme permanent auf ihren Feldern zu bleiben und dort zu campieren. Jenin und Tulkarem folgten schnell in der Mobilisierung gegen das Pass-System. Viele haben sich geweigert, Erlaubnisscheine bei der Besetzung zu beantragen. Fünf Jahre später haben auch die meisten derjenigen, die sie beantragt haben, keine mehr. Von den 400 landbesitzenden Familien in Jayyous haben nur noch 40 Prozent Erlaubnisscheine, und die, die keinen Landbesitz nachweisen können, haben ihren Arbeitsplatz auf den Feldern verloren. Die Erlaubnisscheine haben sich – wie erwartet – als ein Mechanismus herausgestellt, der Schritt für Schritt die Bauern vom Zugang zu ihren Feldern abhält und gleichzeitig Druck auf sie ausübt, nicht politisch aktiv zu sein. Hani Amers Haus in Mas’ha und seine Widerstandskraft sind ein Modell des Widerstands gegen die Mauer geworden.

Mas’ha ist in der Region Salfit zwischen Qalqiliya und Ramallah gelegen. Die Siedlung Elkana hat sich auf palästinensischem Land bis auf fünf Meter an Hani Amers Haus heran ausgedehnt. Zwischen seinem Haus und der Siedlung war nicht genügend Platz, die Mauer zu bauen – das Haus sollte zerstört werden. Kontinuierliche Proteste und internationale Medienberichte über Hani Amer und die Pläne der Besetzung haben die Armee zu einer anderen Taktik bewogen. Bewaffnet mit viel Geld und dem Angebot, Hani Amer Land zurückzugeben, das ohnehin sein rechtmässiges Eigentum, aber durch die Militärs konfisziert worden war, versuchten die Besatzungsbehörden, Hani Amer von seinem Haus und Land wegzukaufen. Hani Amer wollte kein Geld, wäre aber willens gewesen, mit der Besetzung einen Deal auszuhandeln: «Lasst mich nach Kufr Qasem zurückkehren, von wo ihr mich 1956 vertrieben habt, und ihr könnt das Haus haben.»

 
Jayyous, Juli 2003.Foto PENGON/Anti-Apartheid Wall Campaign

Die Vorstellung, auch nur einen palästinensischen Flüchtling in sein Heimatdorf zurückkehren zu lassen, hat die Unterhändler der Besetzung nachhaltig verscheucht. Heute lebt Hani Amer zwischen Stacheldraht auf der zu der Siedlung zeigenden Seite und einer acht Meter hohen Zementmauer, die ihn und seine Familie von Mas’ha und dem Rest des Westjordantals abtrennt. Nicht mehr als fünf Meter ist dieses merkwürdige Gefängnis breit. Fast täglich werfen Siedler Steine oder Müll über den Zaun, zumeist wenn die Kinder vor dem Haus spielen. Ein Eisentor ermöglicht es Hani Amer, die Aussenwelt zu betreten. Nach langem Kampf hat die Besetzung es ihm erlaubt, einen Schlüssel für das Tor zu haben. Für Monate war es ihm und seiner Familie nur erlaubt, das Haus zu verlassen, wenn die Besatzungssoldaten ihnen das Tor aufsperrten.

Anfang 2004 hatte sich die Mauer schon bis in die Region Ramallah ausgedehnt. Die betroffenen Dörfer in West-Ramallah begannen ihren Widerstand gegen die Bulldozer, die nun ihre Felder zerstörten. Während der Internationale Gerichtshof in Den Haag die Untersuchungen über die Illegalität der Mauer begann, fing die Besatzungsarmee an, gezielt palästinensische Aktivisten in den Demonstrationen gegen die Mauer zu erschiessen. In Biddu3 wurden insgesamt fünf Menschen ermordet. In nur einer Demonstration im Februar wurden vier Menschen erschossen – einer starb Tage später im Krankenhaus – und fast 70 Menschen verletzt. Schliesslich verordneten die Militärs, die Bauarbeiten bis auf weiteres zu stoppen. Nur Monate später wurde die Zerstörung der Felder von Biddu wiederaufgenommen.

Als die Arbeiten an der Mauer in der Region Ramallah weitergingen, breitete sich der Widerstand aus. Regelmässige Proteste fanden statt in Deir Qaddis, Qattana, Ni’lin, Mediya, Zawiya, Rafat, Qattana und Deir Ballut. In Khirbatha Bani Hareth wurden 42 Menschen in einer einzigen Demonstration von der Besatzungsarmee verletzt. Ein Jahr später wusste sich die Besatzungsmacht gegen die Massendemonstrationen in Beit Liqyia, die die Bulldozer von der Zerstörung der Felder abhielten und getane Arbeit an der Mauer zunichte machten, wieder nur mit gezielter Tötung zu helfen. In Beit Liqyia testete die Armee zum ersten Mal die Ermordung der Kinder und Jugendlichen des Dorfes, um den Widerstand gegen die Mauer zu brechen.


Jayyous, dezember 2004. Foto PENGON/Anti-Apartheid Wall Campaign

Am 8. Juli 2005, fast genau ein Jahr nachdem der Internationale Gerichtshof die Mauer als illegal erklärte und die Demolierung aller schon gebauten Strukturen forderte, ermordete die Besatzungsarmee den 15jährigen Mahmoud Assi, während er Trauben erntete. Er war auf dem nahe der Mauer gelegenen Feld seiner Familie. Die Militärs schossen ihm eine Kugel in die Brust und eine in die Schulter. Am nächsten Tag, nach der Begräbnisprozession, schoss das Militär dem 13jährigen Zahi Ragib, dem einzigen Augenzeugen der Ermordung Mahyoubs, ein Gummigeschoss in den Kopf. Er überlebte. Zwei Monate früher, am 14. Mai 2005, hatte die Besatzungsarmee schon Jamal Jaber (15) und Uday Mofeed (14), beide aus Beit Eiqyia, aus wenigen Metern Entfernung erschossen. Abu Iyad, ein Verwandter der Toten, kommentierte: «Das ist die israelische Besetzung und was wir von ihr erwarten. Die können tun, was sie wollen … unser Land stehlen, unsere Kinder ermorden … aber wir werden unser Land nicht verlassen. Die wollen uns entwurzeln, aber die Zukunft gehört uns, und es wird die Besetzung sein, die wir entwurzeln werden.»

Vor diesem Hintergrund ist die Ermordung der zwei Jugendlichen in Ni’lin im Juli dieses Jahres keine Überraschung mehr – grausam und tragisch bleibt sie allemal. Ni’lin hat nicht nur Mord, sondern auch eine Woche komplettes Ausgangsverbot erlebt. Wie in vielen anderen Orten, sind in Ni’lin viele verschiedene neuartige Waffen und sogenannte «crowd control tools» erprobt worden. Das Allerneueste: Stinkballons. Ballons, die mit ekelerregender, Kloakenwasser ähnelnder Brühe gefüllt sind, werden auf die Demonstranten geworfen, welche sich dann übergeben müssen.

Die Demonstrationen und Proteste gegen die Apartheidmauer sind seit ihrem Beginn ein entscheidender Bestandteil der zweiten Intifada gewesen und führen den Widerstand der Bevölkerung fort. Studenten und Frauenorganisationen organisieren Aktivitäten und Proteste und fordern statt Anpassung Widerstand. Studenten haben in vielen Universitäten im Westjordantal den von der ersten Intifada bekannten Boykott israelischer Produkte unter dem Slogan «Break their Siege, Boycott their Products» wiederbelebt. Damals wie heute ist der Boykott nicht nur eine Möglichkeit, palästinensische Bauern und ihre Wirtschaft zu unterstützen, sondern eine Kultur des Widerstandes.

Nicht auf parteipolitischer Basis gebaut, sondern auf die örtlichen Aktivisten und Autoritätspersonen zählend, ist der Widerstand gegen die Mauer ein klares Gegenstück zu den Fraktionskämpfen, die die palästinensische politische Elite grossteils paralysieren. Nach über einem Jahr Machtkämpfen zwischen Hamas und Fatah mobilisierten im Jahr 2007 die Proteste am Tag der Erde (30. März) das Westjordantal von Nord nach Süd. Überall entlang der Apartheidmauer und in den Städten waren die Menschen auf der Strasse, um die fundamentalen Prinzipien und Ziele ihres Kampfes der Besetzung, der Welt und nicht zuletzt ihrer eigenen politischen Führung in Erinnerung zu rufen. Das palästinensische Volk kämpft seit 60 Jahren um sein Land, das Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge zu ihren Häusern und das Recht auf Selbstbestimmung, nicht um einen Regierungsposten, wo es ohnehin nichts zu regieren gibt, da alle Autorität bei der Besetzung liegt.


Eine der zwei einzigen Durchgangsmöglichkeiten in Jayyous, der "Gate Nr. 943"

Die Mauer, die niemand sehen will

Der Widerstand gegen die Apartheidmauer ist bei weitem nicht nur auf die Zementblöcke und Stacheldrähte fixiert. Die Mauer ist kein alleinstehendes Projekt, sondern integraler Teil einer viel weiter reichenden Politik der Vertreibung und Ghettoisierung des palästinensischen Volkes, die notwendige Vorbedingung für die Kolonisierung unseres Landes ist. […] Der Widerstand richtet sich deshalb gegen das System der Mauer – gegen die Zerstückelung des Westjordantals durch die Siedlungen, gegen deren Infrastruktur und schlussendlich gegen die Mauer sowie die Normalisierung und ökonomische Tragbarkeit der Ghetto-Struktur, die die Mauer bildet. Der Widerstand richtet sich auch gegen das Vergessen und Verschweigen der Katastrophe, die der Mauerbau für die palästinensische Bevölkerung bedeutet, sowie das tatenlose Zusehen – oder besser Wegsehen – all derer, die die politische Verantwortung tragen, den Mauerbau nicht verhindert zu haben.

Es waren die Volkskomitees, die im Sommer 2003 vor dem Präsidentengebäude, der Muqata’ in Ramallah, demonstrierten, dem damaligen Premierminister Mahmoud Abbas die Karten und Informationen über den Mauerbau überreichten und ihn dazu bewegten, den Mauerbau zum ersten Mal international zur Sprache zu bringen. Während seines nächsten Besuchs in Washington hat das Weisse Haus dann unbesonnenerweise über die Mauer, «die sich durch das Westjordantal schlängelt» gesprochen. Nicht, dass dies eine Veränderung US-amerikanischer Politik bewirkt hätte, aber die Mauer war von nun an auf der Agenda der internationalen Öffentlichkeit. Die Vereinten Nationen beantragten ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofes und verlangten später die Bildung eines Schadensregisters.4

Seitdem scheint die Mauer allerdings ein fast so heisses Eisen wie die Rechte der palästinensischen Flüchtlinge geworden zu sein. Noch am Tag der Konferenz in Annapolis hat eine von der Kampagne gegen die Apartheidmauer und den Volkskomitees der Flüchtlingslager angeführte grosse Koalition, die alle politischen Parteien und den Grossteil der palästinensischen Nichtregierungsorganisationen einschloss, eine Massendemonstration in Ramallah organisiert. Die Demonstration rief die palästinensische Autorität und die PLO dazu auf, in Annapolis die grundlegenden Rechte des palästinensischen Volkes einzufordern. Die Mauer ist dennoch weder in den Verhandlungen noch in dem in Annapolis unterzeichneten Dokument je genannt.

Die Vereinten Nationen haben die Einhaltung der im Gutachten des Internationalen Gerichtshofs aufgestellten Forderungen angemahnt, welches den Abriss der Mauer fordert und alle Unterzeichner der IV. Genfer Konvention daran erinnert, dass sie Verantwortung dafür tragen, dass Verstösse gegen die Konvention – einschliesslich des Mauerbaus – unterbunden werden. Dennoch hat der damalige Generalsekretär Kofi Annan es abgelehnt, während seines Besuchs in Ramallah die Apartheidmauer, die Ramallah von Jerusalem abriegelt, auch nur zu besichtigen. Tausende Aktivisten der Volkskomitees gegen die Mauer machten dann in einer Demonstration vor der Muqata’ aber doch die Stimme all derer, deren Land und Leben von der Mauer bedroht sind, lautstark geltend. Es ist denn auch nicht verwunderlich, dass die Vereinten Nationen – von den Anfängen eines Schadensregisters abgesehen – nichts getan haben, um das Gutachten konkret umzusetzen. Die PLO hat sich stets geweigert, dieses wieder vor den Sicherheitsrat oder die Hauptversammlung zu bringen. Während die Apartheidmauer ständig riskiert, als solche von der Agenda der internationalen Verhandlungstische zu verschwinden, sind die Diskussionen, wie man den Status quo samt Mauer tragbar machen kann, überall gross angeschrieben. Grosse Wirtschafts- und Infrastrukturprojekte werden mit Milliarden von US-Dollar finanziert, um die hinter der Mauer eingesperrten Palästinenser als Billiglohnarbeitskräfte auszubeuten.

Trotz allem sind und bleiben die Forderungen, die Mauer abzureissen und die Bevölkerung für ihre Verluste zu entschädigen, sowie die Forderung, dass Apartheid nicht die Zukunft Palästinas sein kann, Grundforderungen all derer, die unter der Apartheidmauer leiden. Ihr Widerstand ist auch ein Kampf darum, die Stimme der Betroffenen (wieder) in den palästinensischen politischen Prozess einzubringen.

Noten

1  Ni’lin: 1948 sind 40000 dunum von den 58000 dunum (l dunum = 0,01 Hektar), die Ni’lin besass, auf der «falschen» Seite der Waffenstillstandslinie gelandet und von Israel konfisziert worden. Die illegalen Siedlungen Kiryat Sefer, Mettet-yaho und Makabbem sind auf dem verbliebenen Land von Ni’lin gebaut worden. Die Strassen, die die Siedlungen Nili und Na’le an das israelische Strassennetz anschliessen, haben weiteres Land zerstört. Die Siedlungen und Strassen haben zusammen 8000 dunum Land in Anspruch genommen. Die Apartheidmauer im Westen und die Militärbase im Süden nehmen weitere 2500 dunum Land ein. Die Konstruktion eines Tunnels, der unter der nur für Siedler zugänglichen Strasse, stiehlt weitere 200 dunum. Schlussendlich bleiben den Einwohnern von Ni’lin nicht mehr als 2300 dunum, die zum Grossteil schon verbaut sind, und ein einziger Zugang zum Dorf, der durch einen von der Besetzung kontrollierten Tunnel führt.

2  Jayyous liegt nördlich von Qalqiliya. Seine 4200 Einwohner verfügten vor dem Mauerbau über 12500 dunum Land. Schon 1948 ist ein Grossteil des Landbesitzes des Dorfes von Israel konfisziert worden. Die israelische Stadt Ra’anana steht heute auf Jayyous’ Land. 1986 wurden 1362 dunum Land für den Bau der Siedlung Zufim konfisziert; 1990 wurden weitere Felder gestohlen, um eine Müllhalde für die Siedlung zu bauen, deren Absickerungen ins Grundwasser Umwelt und die Gesundheit der Einwohner von Jayyous bedrohen. 85 Prozent der Dorfbewohner arbeiteten vor dem Mauerbau in der Landwirtschaft, wovon der Grossteil heute arbeitslos ist. Jayyous hat durch den Mauerbau unter anderem die folgenden Verluste erlitten:
•   Land: 9800 dunum (zirka 78 Prozent des Dorfbesitzes) sind heute hinter der Mauer isoliert; neue Pläne wollen dies auf 5585 dunum bringen und im Gegenzug das Tor in der Mauer für immer verriegeln.
•   Bäume: 2000 Olivenbäume und 1500 Fruchtbäume sind entwurzelt, 4000 Olivenbäume stark beschädigt und mehrere Gemüsefelder zerstört; mehr Schaden wird angerichtet, sollte der Mauerverlauf tatsächlich verändert werden.
•   Wasser: sechs von sieben Brunnen sind hinter der Mauer.

3  Die Apartheidmauer umzingelt Biddu und acht andere kleine Dörfer und trennt sie vom Rest des Westjordantals ab. 500 dunum von Biddu’s Land liegen unter der Mauer, 3500 dunum werden durch die Mauer von ihren Besitzern isoliert und 25000 Bäume werden entwurzelt werden. Die Menschen, die in Biddu während der Demonstrationen von der Besetzung ermordet wurden, sind:

•   Diya’ Abd et Kareem Eid, 24 Jahre, aus Biddu, erschossen am 18. April 2004
•   Zakariya Salem, 30 Jahre, aus Beit Ijza, erschossen am 27. Februar 2004
•   Mohammad Rayan, 27 Jahre, aus Beit Duqu, erschossen am 27. Februar 2004
•   Mohammad Badwan, 21 Jahre, aus Biddu, am 27. Februar in den Kopf geschossen, stirbt einige Tage später an den Verletzungen
•   Abed Arahman Abed, 70 Jahre, stirbt um 27. Februar 2004 an einem von Tränengas bewirkten Herzinfarkt

4  des Internationalen Gerichtshofes, Den Haag, 9. Juli 2004:

A Der Bau der Mauer durch die Besatzungsmacht Israel in dem besetzten palästinensischen Gebiet, einschliess-lich in Ost-Jerusalem und seiner Umgebung, sowie die mit der Mauer verbundenen Vorkehrungen verstossen gegen das Völkerrecht;

B Israel ist verpflichtet, sein völkerrechtswidriges Verhalten zu beenden; es ist verpflichtet, die Bauarbeiten an der […] Mauer umgehend zu beenden, die dort befindlichen Strukturen unmittelbar abzubauen und […] alle einschlägigen Gesetze und Verordnungen umgehend aufzuheben oder ausser Kraft zu setzen;

C  Israel ist verpflichtet, für alle durch den Bau der Mauer […], verursachten Schäden Wiedergutmachung zu leisten;

D Alle Staaten sind verpflichtet, die rechtswidrige Situation nicht anzuerkennen, die sich aus dem Bau der Mauer ergibt, und Hilfsmassnahmen, die zur Aufrechterhaltung der durch den Bau der Mauer geschaffenen Lage beitragen, zu unterlassen; alle Parteien des IV. Genfer Abkommens […] sind darüber hinaus verpflichtet, […] sicherzustellen, dass Israel das in diesem Abkommen niedergelegte humanitäre Völkerrecht einhält;

E  Die Vereinten Nationen und insbesondere die Generalversammlung und der Sicherheitsrat sollten prüfen, welche weiteren Massnahmen erforderlich sind, um die sich aus dem Bau der Mauer und den dazugehörigen Vorkehrungen ergebende rechtswidrige Situation zu beenden, und dabei das vorliegende Gutachten gebührend berücksichtigen.«


"Das ist ein Verbrechen": Demonstration in Jayyous


Quelle: International, III/2008 und Zeit-Fragen

Originalartikel veröffentlicht im Oktober 2008

Über den Autor

Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

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KANAAN: 18/11/2008

 
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