HOME TLAXCALA
das Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt
TLAXCALAS MANIFEST  WER SIND WIR ?  FREUNDE VON TLAXCALA  SUCHEN 

SÜDLICH DER GRENZE (Lateinamerika und Karibik)
IMPERIUM (Globale Fragen)
KANAAN (Palästina, Israel)
UMMA (arabische Welt, Islam)
IM BAUCH DES WALFISCHES (Aktivismus in den imperialistischen Metropolen)
FRIEDEN UND KRIEG (USA, EU, NATO)
MUTTER AFRIKA (afrikanischer Kontinent, indischer Ozean)

TAIFUNZONE (Asien, Pacifik)
KALVELLIDO MIT K (Tagebuch eines Prolos)
RAUCHENDE GEHIRNE (Kultur, Kommunikation)
DIE NICHT EINZUORDNENDEN 
DIE TLAXCALTEKISCHEN CHRONIKEN 
DIE TLAXCALA KARTEI (Glossare, Lexika, Karten)
BIBLIOTHEK DER AUTOREN 
GALERIE 
TLAXCALAS ARCHIV 

22/11/2019
Español Français English Deutsch Português Italiano Català
عربي Svenska فارسی Ελληνικά русски TAMAZIGHT OTHER LANGUAGES
 

Sozialismus des 21. Jahrhunderts: Intellektuelle Konstruktion, politischer Slogan oder Ausdruck eines Kampfes gegen das System?


AUTOR:  François HOUTART

Übersetzt von  Herbert Berger. Vorwort des Übersetzers


Dieser Beitrag wurde von François Houtart bei einem Seminar zum Gedenken an Andrés Aubry (Sozialanthropologe, der über 40 Jahre in Chiapas arbeitete und aïs einer der besten Kenner des Gebiets und seiner Probleme gilt) gehalten, welches vom 13. bis 16. Dezember 2007 in San Cristobal de las Casas, Chiapas, Mexiko uber die antisystemischen Bewegungen stattfand.

Kapitalismus mit menschlichem Antlitz?

Ein Vorwort von Herbert Berger

Wer spricht heute noch von Sozialismus? Warum über einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts nachdenken? Nach all den negativen Erfahrungen, nach dem Ende so vieler Illusionen? Nach den Verbrechen des Stalinismus, der sich auf den Sozialismus berief, nach der schleichenden, aber zugleich gründlichen Aufgabe sozialistischer Positionen in der westlichen Sozialdemokratie?

Adndererseits meinen viele, es könne doch nicht sein, dass wir vor dem Kapitalismus endgültig kapitulieren. Denn wir erleben und sehen doch tâglich, was der Kapitalismus heute im Gewand des globalen Neoliberalismus anrichtet, wo zwar nicht ein politisches System Verbrechen begeht, wo aber ein ökonomisches System 800 Millionen Menschen hungern lässt und durch die von den Kapitalinteressen getriebene Wirtschaft unsere Lebensgrundlagen zerstört.

Sind es lateinamerikanische Romantiker, die heute von einem Sozialismus des 21. Jahrhunderts reden, wie etwa der Präsident Venezuelas, Hugo Chávez? (Es würde sich lohnen, sich mit seinen Vorstellungen genauer auseinanderzusetzen, als es aufgrund mangelhafter Information heute bei uns geschieht.) Zugegeben, viele Anstöße, dieses Thema zu diskutieren, kommen aus Lateinamerika - weil dort die unlösbaren Widersprüche des Kapitalismus noch deutlicher zutage treten aïs in Europa. Aber auch wir sind immer mehr gezwungen, uns die Frage zu stellen, ob mit dem Untergang der Sowjetunion tatsächlich das Ende der Geschichte gekommen ist, ob wir uns abfinden mit diesem Ende?

Vielleicht gehört die Zukunft einem »Dritten Weg«, auch wenn alle bisherigen Versuche dieser Art nicht erfolgreich waren. Oder anders gefragt; gibt es nicht einen reformierten Kapitalismus, einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz? François Houtart, ein Priester und Soziologe aus Belgien, der die soziale, ökonomische und politische Erfahrung Lateinamerikas mit europäischer wissenschaftlicher Gründlichkeit verbindet, ist anderer Meinung. Er stellt fest, dass der Kapita­lismus nur dann »menschlich« agiert, wenn er dazu durch entsprechende Gegenkräfte gezwungen ist, aber, sobald er kann, wieder in die Unmenschlichkeit seiner internen Logik zuruckfällt.

Ich lernte François Houtart schon 1967 in Löwen bei meiner Vorbereitung auf Lateinamerika kennen. Er hat mich schon damais sehr beeindruckt, und ich finde die Gedanken seines hier abgedruckten Beitrages, den ich aus dem Spanischen übersetzte, fur alle, die sich nicht mit einem inhumanen Ende der Geschichte zufrieden geben wollen, sehr wichtig.

Houtart gibt kein Modell vor fur den Sozialismus des 21. Jahrhunderts, sondern er geht davon aus, dass das System des Kapitalismus nur durch einen globalen sozialen Prozess überwunden werden könne, der sich nicht anordnen lasse, son­dern das »Ergebnis von konkreten Akteuren« sei, aus deren Praxis ein soziales Geflecht entstehe. Inhaltlich musse der Kampf gegen das System mit der Delegitimierung des Kapita­lismus beginnen, die nicht nur moralisch, sondern auch ökonomisch zu begründen sei. Es sei eine Vielfalt von Strategien notwendig, und die jeweiligen Prioritäten seien legitim, jedoch müssten die Akteure eine grundlegende Übereinstimmung finden, um wirksam zu werden. Es werde immer Situationen der Mehrdeutigkeiten geben, es musse unter den Mehrdeutigkeiten im Hinblick auf das gemeinsame strategische Ziel eine Wahl getroffen werden.

Als mobilisierende Utopie eines zukünftigen Sozialismus sieht Houtart vier Themen: Erstens müsse von der Ausbeutung der Natur zu einer Symbiose mit der Natur gefunden werden, zweitens müsse der Wert einer Ware oder einer Dienstleistung vom Gebrauchswert her definiert werden, nicht vom Marktwert, drittens brauche es eine Demokratie in allen sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen und viertens müsse allen Kulturen und Religionen eine gleichwertige Möglichkeit gegeben werden, einen Beitrag zum Aufbau einer neuen Gesellschaft zu leisten. Die Vorstellung einer überlegenen Kultur oder Religion musse überwunden werden.

Das sind hochgesteckte Vorgaben, aber die Geschichte des 20. Jahrhunderts lehrt uns, dass der Verzicht auf sie den Keim des Scheiterns in sich trägt.

Herbert Berger arbeitete von 1968 bis 1973 in Chile aïs Pries­ter und Sozialarbeiter, war Vorsitzender der Chile-Solidaritätsfront. Weiters war er im Dr. Karl Renner-Institut und im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit tätig.

« ««

Ein sozialer Prozess ist zugleich Aktion und Reflexion, Ana­lyse und Betroffenheit. Aktionen ohne Reflexion führen häufig zu Umbrüchen ohne Zukunft; Ideen ohne eine kon-stante Bezugnahme auf die Realität werden zu abstrakten und ohnmächtigen Konstruktionen; Analyse ohne Emotion mündet in intellektuellen Zynismus; und Gefühle ohne Denken tendieren dazu, ein konkretes soziales Projekt mit dem Reich Gottes zu verwechseln.

1      Die Kämpfe gegen das System sind soziale Prozesse

Kein Element darf von den anderen getrennt werden. Die Ehe zwischen Praxis und Théorie muss das Kennzeichen jeder antisystemischen Bewegung sein. Rosa Luxemburg beobachtete, dass sich Reformen ohne eine theoretische Perspektive rasch in Pragmatismus verwandeln und sehr leicht vom kapitalistischen System vereinnahmt werden. Die Theologie der Befreiung zeigt uns, dass der religiöse Glaube ein machtvolles Element der revolutionären Entschlossenheit sein kann. Und die Vielfältigkeit der Kulturen des Kampfes wurde bei den Weltsozialforen sichtbar.

Einen sozialen Prozess kann man nicht anordnen. Er ist das Ergebnis von konkreten Akteuren, die an bestimmten Orten zu einer bestimmten Zeit leben. Aus ihrer Praxis entsteht ein soziales Geflecht. Die Geschichte der sozialen Be­wegungen lehrt uns das. Als der 80. Jahrestag der Oktoberrevolution gefeiert wurde, erinnerte man sich daran, dass sie nicht ohne die Existenz der Sowjets möglich gewesen wäre, jenen Basisgruppen, die durch ihre Ausbreitung ein Netz aufbauten, das ein antisystemisches Gewicht hatte. Als die Erste Internationale gegründet wurde, insistieren Marx und Engels auf der Bedeutung des Ablaufes von Entscheidungsprozessen. Sie sagten, eine Entscheidung, die von allen getragen wird, ist mehr wert als zehn, die von oben durchgesetzt werden.

Ein sozialer Prozess ist jedoch auch eine Konstruktion, seine Institutionalisierung spielt eine wichtige Rolle. Die Erfahrungen der sozialen Bewegungen belegen die Dialektik zwischen anarchistischen Strömungen, die die Kreativität, die Basisinitiativen und den kulturellen Aufbruch bevorzugen, und jenen Bemühungen, die auf die Organisation, auf die Klarheit der Ziele und auf die Anpassung der Mittel auf die Ziele insistieren. Das Paradoxe ist, dass beide notwendig sind, wenn der Bezug zur Utopie nicht zu einer Kultivierung von IIlusionen und die Institutionalisierung in einem pyramiden-ähnlichen System, das zum Selbstzweck wird, nicht die Ziele

in ihr Gegenteil verkehren soll. Diese Erfahrungen werden auf allen Gebieten des sozialen Lebens gemacht: in der Politik, im Sozialen, in der Kultur und in der Religion.

Die Begeisterung der antisystemischen Kämpfe darf die menschliche Natur nicht ignorieren. Ich erinnere mich an ein Gespräch in Ho-Chi-Minh-Stadt, kurz nach der Vereinigung von Vietnam. Die Gesprächspartner waren der Erzbischof von Saigon, Mons. Binh, ein weiser Mann, den ich während des II. Vatikanischen Konzil kennen lernte und Herr Ba, Sekretär der Kommunistischen Partei der Stadt, der Repräsentant der Nationalen Befreiungsfront in Brüssel und Paris war. Herr Ba sprach mit grofser Uberzeugung von den Plänen der Veränderung der Stadt auf politischer, sozialer und kultureller Ebene und der Erzbischof hörte ihm auf-merksam zu. Als der Sekretär seine Erklärungen beendet hatte, meinte der Erzbischof mit grossem Respekt: »Das ist sehr interessant, aber ich hoffe, dass die Kommunisten ein bisschen mehr an die Erbsünde glauben.« Heute würden wir Dialektik sagen.

Jede Institutionalisierung trägt in ihrem Inneren den Keim des eigenen Gegenteils. Wir dürfen das nicht verleugnen oder vor der Realität flüchten, sondern wir müssen uns diesem Faktum stellen und die Mechanismen der Korrektur finden, wie die partizipative Demokratie, die »Caracoles« (die „Schnecken“, Selbstverwaltungsstrukturen in den zapatiststischen Gemeinden, AdR) und die »andere Kampagne« (eine breite Plattform, gebildet von den Zapatisten während der letzten Präsidentschaftswahl in Mexiko; AdR), den Tausch der Rollen und anderes mehr.

Bei den Intellektuellen und verschiedenen sozialen Bewegungen hat heute das postmoderne Denken einen wichtigen Platz. Die Erfahrung einer Welt, die durch das Denken und die Praxis des Westens dominiert ist, führt zum Gedanken, man müsse weiter gehen als bloß zur Kritik der Ökonomie und der Politik. Es sei die Logik der Aufklärung, die hinterfragt werden musse, sie, die zugleich Frucht, Mittel und Inspiration eines zerstörerischen ökonomischen Systems ist. Ihre Prinzipien müssen einer erkenntnistheoretischen Kritik unterzogen werden, ihr eigentlicher Sinn muss in Frage gestellt werden. Es handelt sich um einen Wandel der Zivilisation.

Es gibt einen radikalen Postmodernismus, der die Geschichte auf das Unmittelbare reduziert, der das Individuum aïs das exklusive Zentrum des Realen einsetzt, die Vorstellungen von Strukturen und Systemen verwirft, sich auf die »kleinen Erzählungen« konzentriert, sie jedoch aïs »große Erzählungen« ansieht, der meint, dass die Theorien notwendigerweise dem Denken und Handeln ein totalitäres Gewicht auferlegen. Das ist das Beste fur den gegenwärtigen Kapitalismus. Es ist ihm gelungen, die materielle Basis fur seine weltweite Reproduktion zu schaffen, eines Weltsystems, wie Im­manuel Wallenstein es nennt. Nichts ist besser fur den Kapitalismus als eine Ideologie, die die Existenz von Syste­men und Strukturen leugnet.

Nicht alle Kritiker der Modernität fallen dieser Ubertreibung anheim. Sie leugnen nicht die Existenz von Paradigmen, wenn auch in einer Welt der Unsicherheiten. Edgar Morin, der französische Soziologe und Philosoph, bemerkt, dass in der physischen, biologischen und anthropologischen Welt das Chaos und die Unsicherheit immer in eine Reorga­nisation des Lebens münden, das ist das fundamentale Paradigma. Aus diesem Grund kritisiert er den Kapitalismus ganz scharf, denn er meint, dass er die Reorganisation des Eebens unmöglich macht.

 

2      Der Inhalt der antisystemischen Kämpfe

2.1   Die Delegitimierung des Kapitalismus

Es genügt nicht, die Exzesse und den Missbrauch des Kapita­lismus zu verdammen, wie es die meisten Religionen machen. Die Unterscheidung zwischen einem »wilden« und einem »zivilisierten« Kapitalismus ist sinnlos, denn der Kapitalismus ist »zivilisiert«, wenn er es sein muss, und »wild«, wenn er kann. Es sind die gleichen ökonomischen Kräfte, die einmal gewisse, durch die sozialen Kämpfe erzwungene Grenzen ak-zeptieren müssen, und die jedes Mal, wenn es möglich ist, bis zur extremen Ausbeutung gehen, vor allem im Süden.

Es ist die Logik der Akkumulation, die durch den antisys­temischen Kampf angegriffen werden muss, ein Prozess, der sicher eine lange Zeit in Anspruch nimmt, der aber unabdingbar ist. Heute heißt das, gegen die neuen Versuche der Akkumulation des Kapitals zu kämpfen: gegen die Umwandlung der bäuerlichen Kultur in eine kapitalistische Agroin­dustrie, gegen die Privatisierung der öffentlichen Dienste, gegen den Profit bei natürlichen und politischen Katastrophen (Naomi Klein).

Die Zerstörungskraft des Kapitalismus gegenüber der Natur und der menschlichen Arbeit war nie so stark und so rasch wirksam wie in der Zeit des Neoliberalismus. Die Erde kann zerstört werden und noch nie gab es soviel Reichtum neben so großer Armut. Die Menschheit hat noch nie ein so ineffizientes System hervorgebracht. Die Deligitimierung darf nicht nur moralisch, sondern sie muss vor allem ökonomisch begründet werden.

2.2   Die Schritte des antisystemischen Kampfes

Antisystemische Veränderungen können nur das Ergebnis eines Kampfes sein, der heute auf globaler Ebene geführt wird, gegen globale Akteure und einen globalen Imperialismus, der allen Formen des Kapitalismus innewohnt und durch die USA repräsentiert wird. Dieses Imperium befindet sich heute vielleicht schon in einer Phase des Abstieges, aber es ist mit seiner atomaren Hegémonie, mit den mehr aïs 700 Militärbasen außerhalb seines Territoriums und in Lateinamerika durch seine »Botschaften«, denn nur diese eine zählt in jedem Land, noch immer sehr aktiv.

Der erste Schritt ist, diese Realität zur Kenntnis zu nehmen. Der Einfluss des Kapitalismus geht weit über die wirtschaftliche und politische Dominanz hinaus, er betrifft auch die Kultur und dringt tief in die Mentalität der Menschen ein. Die globalen Sozialforen haben auf Weltebene viel zu diesem Bewusstwerdungsprozess beigetragen. Zweitens ist es notwendig, Strategien des Kampfes, ja eine Vielfalt von Strategien aufzugreifen, angefangen von der lokalen Ebene und der Praxis aller Akteure. Das sind die Garantien eines wirklichen Fortschrittes.

Die Konzptualisierung dieser Situationen ist eine wichtige Aufgabe, und in dieser Hinsicht scheint uns der Begriff der "Multitude" von Hardt und Negri unangemessen zu sein. Zu abstrakt läuft er die Gefahr, demobiliserend zu wirken. Weil es sich um den Aufbau eines neuen historischen Subjekts, (warum sollte man dieses Konzept aufgeben) handelt, einen pluralen, demokratischen, volkstümlichen solchen.

Die Übereinstimmung der Akteure ist eine Bedingung fur ihre Wirksamkeit. Alle haben wir denselben Gegner, denn die Globalisierung ist die generelle Unterwerfung der menschlichen Arbeit unter das Kapital, real durch den Lohn und formell durch die finanziellen und juridischen Mecha­nismen, wie den Zinssatz, die Auslandsschuld, die Steueroasen, die Strukturanpassungen etc. Keine menschliche Gruppe entkommt dem Gesetz des Mehrwertes. Daher gemeinsame Aktionen, wo die Teilnehmer nicht in den Kategorien von Prioritäten denken, denn jeder hat seine eigenen, sondern in der Kategorie von strategischen Zielen zum Aufbau eines neuen Weges. So wie der Kampf gegen ALCA (Freihandelszone fur ganz Amerika, die US-Präsident Bush durchsetzen wollte; AdÜ.), an dem sehr unterschiedliche Bewegungen teilnahmen, wie progressive NGOs, Kirchen und politische Kräfte.

Die größte aktuelle Herausforderung, sowohl in Lateinamerika als auch in anderen Kontinenten, ist, wie Gilberto Valdez aufzeigte, die Verbindung der antisystemischen Bewegungen mit der Politik. Wie können neue politische Initiativen, wie ALBA (Bolivarische Alternative Amerikas, Zusammenschluss von Ve­nezuela, Bolivien, Nicaragua und Kuba; AdR) oder »Banco del Sur«, organisch integriert werden, ohne dass diese ihre Auto­nomie verlieren? Wie zum Wechsel beitragen, wie ihn von unten her aufbauen, wobei eine neue politische Kultur geschaffen wird, wie die »Andere Kampagne« [verfolgen], ohne in die Falle einer Sackgasse zu geraten? Dennoch, wir dürfen nicht auf eine Situation ohne Mehrdeutigkeiten warten, son­dern wir müssen unter den Mehrdeutigkeiten auswählen.

Um es klar auszudrücken: es war vermutlich fur Mitglieder von antisystemischen Bewegungen ziemlich hart, Lula in Brasilien bei den letzten Wahlen trotz seiner sozialdemokratischen Innenpolitik zu unterstützen, oder in Nicaragua fur die Sandinisten zu stimmen, trotz ihrer institutionellen Fehler und trotz der Fehler einiger ihrer Führer. Aber es ging darum, rechte Alternativen mit schweren Konsequenzen fur die Innenpolitik und fur die neue lateinamerikanische Inte­gration zu verhindern.

Mit allem Respekt, kann man sich nicht fragen, ob in Mexiko nicht eine ähnliche Uberlegung eine rechte, eine rücksichtslose, sogar illegitime und abhängige Präsidentschaft hätte verhindern können? Ist es tatsächlich unmöglich, eine gerechte und radikale Kritik mit einer neuen politischen Pra­xis zu verbinden, mit einem dialektischen Politikverständnis? Nur eine Frage. Das ist nicht die sogenannte Realpolitik und auch nicht eine Rechtfertigung der Mittel durch den Zweck, sondern wir müssen uns dem Dilemma stellen, zwischen Mehrdeutigkeiten zu wählen. Das ist keine Aufgabe der Ethik, denn die Ethik darf nicht der Ersatz einer politischen Entscheidung sein. Auch die Kritik an den politischen Formationen, die aus antisystemischen und emanzipatorischen Bewe­gungen, wie in Brasilien, Mexiko oder noch schlimmer in China, entstanden sind, muss fortgesetzt werden, denn sie bewegen sich nach rückwärts und widersprechen damit ihren eigenen Prinzipien.

2.3   Die Achsen des Postkapitalismus oder eines Sozialismus des 21.Jahrhunderts

Um Ideen vorzuschlagen, können wir auf die Lektionen der Geschichte schauen, auf die Erfahrungen der sozialen Bewe­gungen und ihrer Zusammenschlüsse, auf die Hoffnungen der Völker.

Eine Idee darf nicht von oben her aufgezwungen werden, und die Diskussion soll sich auf mehrere Alternativen beziehen. Das Gelebte muss aufgenommen und Theorie und Pra­xis in einer gemeinsamen Anstrengung versöhnt werden. Re­volution und Reformen miissen in der Suche nach einer notwendigen und mobilisierenden Utopie vereint werden, ohne die kleinen Schritte zu verachten, denn die Menschen leiden und sterben nicht morgen, sondern heute.

Es sind vier Achsen, die den Inhalt eines emanzipatorischen und antisystemischen Projektes bestimmen:

1. Die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen, was eine andere Philosophie der Beziehung zur Natur verlangt: von der Ausbeutung zur Symbiose. Der Kapitalismus ist unfähig, diese Veränderung zu machen, das impliziert eine erkenntnistheoretische Revolution, bei der die Sicht der »Pachamama« (»Mutter Erde« in der Kosmovision der Aymara und Quechuavölker Lateinamerikas; AdR), die orientalischen Philosophien und der traditionellen Kulturen Afrikas entscheidend beitragen können.

2.   Der Gebrauchswert muss Vorrang vor dem Tauschwert haben. Der Markt existiert vor dem Kapitalismus. Dieser machte aus dem Tauschwert den alleinigen Faktor der menschlichen Entwicklung, er zwang diese Logik der ganzen Gesellschaft auf. Die Rückkehr zum Gebrauchswert hat ernorme praktische Konsequenzen, von der sozialen Kontrolle der Produktionsmittel iiber die längere Eebensdauer der Produkte bis zur Verkürzung der Transportwege. Vor allem bedeutet es eine Veränderung der Wirtschaftsphilosophie: von der Schaffung eines Mehrwertes zugunsten privater Interessen hin zu Aktivitäten, die bestimmt sind, die Basis fur das physische, kulturelle und geistige Leben aller Menschen auf dieser Erde zu sichern.

3.   Die Schaffung einer umfassenden Demokratie, nicht nur eine repräsentative und partizipative Demokratie, sondern eine Demokratie in allen sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen, zwischen den Völkern, zwischen Männern und Frauen. Das verlangt eine andere Auffassung von Macht, die dem Konzept des Kapitalismus völlig fremd ist.

4.   Eine Multikulturalität schaffen, das heißt, allen Kulturen, allen Kenntnissen, allen Philosophien und allen Religionen die Möglichkeit geben, ihre eigenen Beiträge zum Aufbau einer neuen Gesellschaft zu erbringen. Das ver­langt ein anderes Konzept der Kultur, verlangt, die Arroganz einer überlegenen Kultur oder Religion abzulegen. Noch einmal: die Kultur des Kapitalismus und seines Entwicklungsmodells ist unfähig, diesen neuen Perspektiven zu entsprechen.

Trotz seiner realen Errungenschaften können wir nicht sagen, dass der Sozialismus des 20. Jahrhunderts diesen Erfordernissen gerecht wurde. Das Drama des Sozialismus ist, wie Maurice Godelier sagt, dass er mit den Füßen des Kapi­talismus gehen lernen musste. Das zeigt sich in mehreren Bereichen: in der Ausbeutung der Natur, in der fehlenden De­mokratie und in der Schwierigkeit, eine Multikulturalität zu akzeptieren.

Die Konvergenz der sozialen Kämpfe, ein Charakteristikum unseres Jahrhunderts, das Streben nach Würde und ihren materiellen Grundlagen und die uns innewohnende Geistigkeit erlauben uns, in die Worte eines Oratoriums einzustimmen, das nach dem Mord an Mons. Romero von einem israelischen Komponisten entstand: »Die Gerechtigkeit kann man nicht töten.«


"Dorthin gehen wir!" (Ruben, Venezuela, 2007)


Quelle:  Socialismo del siglo XXI: construcción intelectual, eslogan político o expresión de las luchas antisistemicas?

Originalartikel veröffentlicht am 15.12.2007

Über den Autor

Diese Übersetzung erschien ursprünglich in der österreichischen Zeitschrift  International Nr. III/2008. Sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=6382&lg=de


IM BAUCH DES WALFISCHES: 20/11/2008

 
 SEITE DRUCKEN SEITE DRUCKEN 

 SEITE SENDEN SEITE SENDEN

 
ZURÜCK ZURÜCK  

 tlaxcala@tlaxcala.es

  9:17