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20/11/2017
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Das Porzellan bleibt weiterhin sehr zerbrechlich, auch wenn es imperial ist - Ein postmoderner Arbeitsunfall


AUTOR:  Fausto GIUDICE

Übersetzt von  Isolda Bohler, vom Autor überprüft


Die Kaiserliche Porzellanmanufaktur von Sankt Petersburg, 1744 von der Zarin Elisabeth II, der Tochter Peter des Großen, gegründet, gibt den Russen Anlass zu Nationalstolz. Sie erlang ihren angesehenen Namen zurück, nachdem sie von 1925 bis 1993 Staatliche Porzellanfabrik Mihail Lomonossov (der Name des Gründers der russischen Akademie der Wissenschaften) geheißen hatte. Ihre Privatisierung stand im Zentrum schwerer politisch – juristischer Auseinandersetzungen.

Flash-back: 1992 verschleudert das Machttrio Yeltsin-Tschoubais-Gaidar 70 000 Staatsunternehmen an private Anleger. Die Käufer solcher Unternehmen sind üblicherweise die vorherigen „roten“ Direktoren. Der Preis, ein paar Brotkrümel. Diese brutale Privatisierung, aus der die sogenannten Oligarchen  hervorgehen werden, ruft gewaltsame Reaktionen der Nationalisten, der Patrioten und der Kommunisten hervor, die sagen: „Yeltsin hat die Nation an einige Banditen verkauft“. Ein neues Wort kommt im russischen Vokabular auf: Deprivatizatsia, Zurücknahme der Privatisierung.

Die Porzellanfabrik Lomonossov interessiert Investoren aus den USA, die aber eher das Porzellanmuseum neben der Fabrik erlangen wollten. 1998 übernimmt das Unternehmen US-Russia Investment Fund und Kohlberg Kravis Roberts, ein Korsar der Wall Street, mit 54 % seiner Aktien, im Austausch für die bescheidene Summe von 4, 5 Millionen Dollars, die Kontrolle der Manufaktur. Aber im Oktober 1999 entscheidet das Schiedsgericht von Sankt Petersburg, dass die Privatisierung illegal war. Die Presse spricht von einem großen Sieg der russischen Nation.

Das Porzellanmuseum wird vom Museum der Eremitage übernommen und die Fabrik fällt in die Hände eines Oligarchen, Nikolai Tsvetkov, einem Veteranen des Kriegs in Afghanistan, ehemaliger Oberstleutnant der Luftwaffe, 1959 geboren, und seiner Finanzgruppe Nikoil Financial.

Mit einem auf 8, 4.Tausend  Millionen Dollar geschätzten Vermögen, befindet sich Tsvetkov auf dem 83. Platz der Liste mit den reichsten Männern der Welt, die von der Zeitschrift Forbes jährlich veröffentlicht wird. Nach dem Kauf der Kaiserlichen Manufaktur gründet Tsvetkov eine Gruppe mit dem pompösen Namen Imperial Porcelain Holding. Ab da wird zur Eroberung der neu entstehenden Märkte geblasen ( Asien, insbesondere China) und sie übernimmt die Kontrolle einer Reihe von Unternehmen in Italien, Deutschland, Spanien, England, Österreich und ... Frankreich.

2002 „stürzt sich“ Tsvetkov „auf die Rettung“ der Fabrik Deshoulières von Chauvigny (Vienne), 30 km von Poitiers entfernt; später, 2007, macht er das selbe mit der Fabrik Foëcy, im Cher, den US-amerikanischen Käufer Haviland übertrumpfend.

Deshoulières ist ein 1826 gegründetes Familienunternehmen, das vier Fabriken in vier Produktionsstätten besitzt und insgesamt 470 Lohnabhängige beschäftigt: Chauvigny, Foëcy, Porcelaines de Sologne in Lamotte-Beuvron, Porcelaines de Limoges (PDL) und Dorelaine in Doras, Haute-Vienne. Sie stellt die wichtigste Porzellanfabrikantengruppe von Frankreich dar.

Aber ab 2004 erwirtschaftet die Gruppe keine guten Ergebnisse und häuft innerhalb von drei Jahren ein Defizit von 30 Millionen Euros an.

Im Oktober 2008 entlassen die Russen den Direktor Yann Deshoulières, ersetzen ihn durch das Doppel Cyrill Roze und Gérard Zinck und kündigen einen ihrer bekannten „Sozialpläne“ an, was  tatsächlich die Streichung von 82 Arbeitsplätzen bedeutet, fast die Hälfte von den in Chauvigny Arbeitenden. Der Kampf beginnt.

Philippe Widdershoven steht an der Spitze dieses Kampfes. Dieser 56jährige Leiter der Informatik in der Fabrik ist der Delegierte der Gewerkschaft CGT der Fabrik. Er steht immer in der ersten Linie bei den Aktionen der Arbeiter für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Diesen Kämpfer stempeln die neuen Patrone jetzt zum Sündenbock. Im November 2008 geben sie ein Schreiben heraus, in dem sie ihn anklagen, der Verantwortliche für die Schwierigkeiten des Unternehmens zu sein.

Am Dienstag, den 24. März 2009 wurde der Körper von Philippe Widdershoven im See von Morthemer, seinem Wohnort, aufgefunden. Im Gewerkschaftslokal fand sein Vorgänger als Gewerkschaftsdelegierter die Fotokopie eines Briefes von Philippe, in dem er schreibt, „sie haben mich umgebracht“. Er bittet seine Familie um Entschuldigung (er hinterlässt eine Ehefrau und eine Tochter über 20 Jahre), erklärt seine Tat durch den starken beruflichen Druck und verlangt, dass sein Selbstmord als Arbeitsunfall betrachtet wird. Seine Gewerkschaftsgenossen begannen sofort mit den Formalitäten zur Anerkennung seines Selbstmordes als Arbeitsunfall, über die eine Gerichtsbarkeit sehr nach dem Bild der verrückten Epoche, in der wir leben, zu entscheiden haben wird.


Philippe Widdershoven in Aktion

Die wegen dem tragischen Ableben von Philippe Widdershoven hervorgerufenen Emotionen waren sehr stark. Ségolène Royal, Präsidentin der Region Poitou-Charentes, zollte ihm Achtung. Eine kommunistische Senatorin veranlasste eine Schweigeminute im Senat.

Philippe Widdershoven, ein Mann aus Pozellans, vom russischen Elefanten zertreten, reiht sich in die immer länger werdende Schar der Märtyrer der kapitalistischen Globalisation ein.

 


N. Danko. Matrose mit Fahne, 1919. Produkt der staatlichen Porzellanfabrik aus der revolutionären Epoche, als Sankt Petersburg Petrograd hieß, ehe es seinen Namen in Leningrad änderte.



Quelle: Même impériale, la porcelaine reste très fragile - Un accident du travail post-moderne

Originalartikel veröffentlicht am

Über den Autor

Fausto Giudice und Isolda Bohler sind Mitglieder von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
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IM BAUCH DES WALFISCHES: 09/04/2009

 
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