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01/07/2016
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Weigerung israelischer Ärzte, ihre palästinensischen Kollegen über Behandlungsmethoden für Verbrennungen durch weißen Phosphor zu informieren


AUTOR:  Naoki TOMASINI

Übersetzt von  Schattenblick


Israelische Ärzte haben sich geweigert, ihren palästinensischen Kollegen Informationen darüber weiterzugeben, wie man Wunden, die durch weißen Phosphor verursacht wurden, behandelt.

Dr. Abu Schaban ist Chefarzt der Abteilung für Verbrennungen am Krankenhaus Al Schifa in Gaza und hat zahlreiche Beweise für den Einsatz weißer Phosphormunition gegen die Zivilbevölkerung im Gazastreifen gesammelt. Als er von den Schwierigkeiten berichtete, die sie zur Zeit der Offensive hatten, weil niemand wußte, wie durch weißen Phosphor verursachte Wunden zu behandeln seien, legte er darüber hinaus offen, daß er israelische Ärzte von "Ärzte für Menschenrechte" (Physicians for Human Rights)[1] um Hilfe gebeten hatte, die nichts für ihn hätten tun können.

PeaceReporter hat Miri Weingarten interviewt, die Aktivistin der Ärzte für Menschenrechte, die das vertrauliche israelische Dokument veröffentlicht und verbreitet hat, über das wir gestern berichteten.[2]

"Das Dokument, das Anweisungen darüber enthält, wie man Wunden, die durch weißen Phosphor hervorgerufen wurden, erkennt und heilt, wurde vom Roten Davidstern und von Militärärzten verfaßt", erklärte Miri. "Sobald wir von seiner Existenz erfuhren, haben wir die Kriegsabteilung der Regierung angerufen und eine Kopie davon verlangt. 'Was nützt Ihnen das?' haben uns die Funktionäre geantwortet und erklärt, es handle sich um ein internes Dokument ... 'Wir wurden von einigen israelischen Patienten danach gefragt', antworteten wir. Und auf diese Weise haben sie es uns geschickt. Also haben wir es übersetzt und an das Gesundheitsministerium im Gazastreifen geschickt und danach über eine Mailingliste an die NROs weitergeleitet, die im Gazastreifen hauptsächlich aktiv sind."

PR: Hätten sie es Ihnen auch dann geschickt, wenn sie gewußt hätten, daß Sie es übersetzen und den Palästinensern übermitteln?

MW: Ganz sicher nicht.

PR: Doktor Abu Schaban versichert, daß er dieses Dossier, das ihm ermöglicht hätte, viele Menschenleben zu retten, nie gesehen hat. Stimmt es, daß Sie nicht in der Lage waren, ihm zu helfen?

MW: Ja, es stimmt, was der Arzt sagt. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir Dokument vom Roten Davidstern [3] erhalten haben, wußten wir nicht, wie wir ihm helfen konnten. Wir haben versucht, Hilfe von einem Arzt am Krankenhaus Schiba in Tel-Aviv zu erhalten, der im Verlauf des Libanonkrieges 2006 phosphorverletzte Soldaten behandelt hat. Aber als wir ihn gefragt haben, ob er bereit sei, mit einem palästinensischen Arzt zu sprechen, hat er sich geweigert. Das Dokument haben wir am 15. Januar erhalten, es hat drei Tage gedauert, es zu übersetzen und zu verteilen, und es ist wahrscheinlich bei den Medizinern im Gazastreifen nach dem 18. angekommen, dem Tag, als die Waffenruhe einsetzte.

PR: Aber Doktor Abu Schaban hat versichert, das israelische Dokument vor dem 10. Februar noch nie gesehen zu haben ...

MW: Sofort nachdem das Feuer eingestellt wurde, haben wir eine Gruppe Mediziner in den Gazastreifen geschickt, die mit verschiedenen Ärzten vor Ort über Fälle von Phosphorverwundungen gesprochen haben, darunter auch Abu Schaban. Man muß sich jedoch klarmachen, daß in jenen Tagen das totale Chaos herrschte. Es ist möglich, daß er die E-Mails nicht gelesen hat ... Auf jeden Fall sind alle Informationen, die er uns gegeben hat, immer korrekt und zuverlässig gewesen; und wir selbst glauben, daß wir in Bezug auf ihn alles getan haben, was wir konnten.

PR: Stellt die Tatsache, daß der Rote Davidstern und die israelischen Mediziner, die dieses Dokument erhielten, es palästinensischen Kollegen nicht zur Verfügung stellen wollten, nicht einen Verstoß gegen ethische Verpflichtungen dar?

MW: Das ist es auf jeden Fall. Es ist eine offenkundige Verletzung der Genfer Konvention, die jede medizinische Organisation dazu verpflichtet, Verwundeten alle nur mögliche Hilfe zuteil werden zu lassen, gleich auf welcher Seite sie stehen. Abgesehen vom Phosphor trifft unterlassene Hilfeleistung auch auf die Armee zu, die im Verlauf dieser Offensive in sehr vielen Fällen Verwundete hat verbluten und sterben lassen, ohne ihnen zu helfen. Verstehen Sie, der Phosphor wird mit Artillerie abgefeuert, die Soldaten wissen also nicht, wo er niedergeht; bei Kanonen und Handwaffen hingegen sehen sie, wen sie getroffen haben. Ich wiederhole: Die Soldaten und die Rettungskräfte der israelischen Armee blieben im Falle Dutzender Menschen, die dringend der medizinischen Hilfe bedurften, ungerührt. Das ist ein Kriegsverbrechen, und das ist noch viel schlimmer, als Phosphor in dicht besiedelten Gebieten mit Zivilisten einzusetzen. Und was den Phosphor angeht, gibt es noch einen weiteren Verstoß: Die Tatsache, daß sich die Armee bis zum Ende des Krieges geweigert hat zuzugeben, daß sie ihn eingesetzt hat.

PR: In dem Dokument wird behauptet, die Hamas stehe kurz davor, Phosphormunition auf Israel zu schießen, ohne zu erläutern, woher diese stammt. Aber es ist offensichtlich, daß es sich bei dem Phosphor, der sich zur Zeit in den Händen der Hamas befindet, um den gleichen handelt, den Israel auf den Gazastreifen abgeschossen hat...


Die 155mm-Granaten sind deutlich mit der Nummer M825A1 markiert, das ist eine US-Munition mit weißem Phosphor.

MW: Ja, so paradox wie die Anschuldigung erscheinen mag, mit der das Dokument beginnt, stellt das genaugenommen kein Eingeständnis dar. Die gleichen Armeekräfte haben jedoch ausdrücklich bestätigt, diese Art Munition verwendet zu haben, aber erst nach dem Waffenstillstand und ohne zuzugeben, daß sie sie in dichtbesiedelten Gebieten eingesetzt haben. Das ist eine Tatsache, die man unterstreichen muß, weil die Weigerung es zuzugeben das Leben der Ärzte in Gaza zu Beginn sehr erschwert hat ... Sie wußten, daß sie ungewöhnliche Verbrennungen vor sich hatten, konnten aber nicht sicher sein, daß es Phosphor war und nicht irgendeine andere mysteriöse Substanz. Übrigens wäre es als mildernder Umstand für den israelischen Arzt zu werten, der sich geweigert hat, mit palästinensischen Kollegen zu sprechen, daß er möglicherweise keine Ratschläge geben wollte, weil er nicht persönlich verifizieren konnte, daß es sich bei dem Typ der eingesetzten Waffe wirklich um weißen Phosphor gehandelt hat, und nicht um irgendeine andere experimentelle Phantom-Waffe. 

Anm. der SB-Redaktion:

[1] Physicians for Human Rights in Israel (PHR)
[2] Naoki Tomasini: Munizioni al fosforo minacciano Israele - 02/03/2009 
[3] Magen David Adom - deutsch: Roter Schild Davids 
jüdische Hilfsorganisation Roter Davidstern, seit 2006 anerkannt durch das IKRK


Quelle: Mancato soccorso: I medici israeliani si rifiutarono di passare ai colleghi palestinesi le informazioni su come curare le ferite da fosforo bianco

Originalartikel veröffentlicht am 3.3.2009

Über den Autor

Schattenblick ist ein Partner von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=7449&lg=de

 


KANAAN: 17/04/2009

 
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