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04/12/2016
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Lieberman: Wunsch nach III. Weltkrieg?


AUTOR:   Friends of Lebanon

Übersetzt von  Einar Schlereth


Wir haben uns seit langem an die unverschämten Statements des israelischen Außenministers Avigdor Lieberman gewöhnt. Und es ist sicherlich keine Überraschung, dass Israel die USA fest in seiner politischen Tasche glaubt. Folglich ist es nur eine milde Irritation, in der Haaretz zu lesen, dass Lieberman, voll Zuversicht, dass ”die Obama-Administration neue Friedensinitiativen nur in Gang setzen wird, wenn Israel es wünscht”, öffentlich verkündet: ”Glaubt mir, Amerika akzeptiert alle unsere Entscheidungen.” (Lieberman: U.S. to accept any Israeli policy decision)

Am interessantesten an Liebermans erstem umfassenden Interview über Außenpolitik seit Antritt seines Postens ist seine Auffassung von Russland. Lieberman, hebt Haaretz hervor, gab sein erstes größeres Interview nicht einer israelischen Zeitung, sondern Alexander Rosensaft, dem israelischen Korrespondenten einer der ältesten russischen Tageszeitungen, der  Moskovskiy Komosolets. Buhlt er um die Gunst der slawischen Weltmacht?

Russische Immigranten sind ein beherrschender Teil der israelischen Gesellschaft. Und Russland, laut der Jewish Virtual Library, steht an sechster Stelle der ”Länder mit der größten jüdischen Bevölkerung”.* Die Länder von Platz 2-5 (USA, Frankreich, Kanada, GB) sind bereits verlässliche Freunde Israels. Andererseits hat Russland in der jüngsten Vergangenheit einen unabhängigen Charakter in seinen ausländischen Beziehungen demonstriert.

Lieberman sucht nach einem weiteren Bündnispartner. In seinem Interview sagte er, dass ”Russland einen besonderen Einfluss in der moslemischen Welt habe, und ich betrachte es als einen strategischen Partner, der im Nahen Osten eine Schlüsselrolle spielen könnte. Ich habe seit einiger Zeit argumentiert, dass Israel nicht hinreichend den 'Kreml-Faktor'  berücksichtigt; ich beabsichtige, diese Lücke zu füllen.”

Eine weitere unverschämte Äußerung, um andere zum Wohle Israels zu manipulieren. In Verbindung mit einer weiteren von Lieberman gemachten Behauptung beginnt man jedoch zu verstehen, was er mit ”Schlüsselrolle” meint. Lieberman äußerte, dass Afghanistan  und  Pakistan beide als die größte strategische Bedrohung Israels angesehen werden. Iran ist auf den zweiten Platz der Bedrohung herabgestuft worden und Irak auf den dritten Platz. Afghanistan und Pakistan ”bilden ein zusammenhängendes Gebiet des Radikalismus, das im Geist von Bin Laden beherrscht wird”, sagt Lieberman und ”sind eine Bedrohung nicht nur für Israel, sondern für die globale Ordnung insgesamt.”

Nun sehe man sich einmal genau die unten stehende Karte der Region an. Und denke daran, dass Präsident Obama kürzlich die Afghanistan-Pakistan (AFPAK) Strategie (27/03/09) verkündete – zwei Länder, eine Herausforderung, Al Qaida, mehr amerikanische Truppen, Russland mit an Bord nehmen – und Liebermans frohes Angebot von Israels Rolle, die USA und Russland näher aneinander heranzuführen. Nachdem die USA bereits Irak aus dem Feld geschlagen und verwundbar gemacht haben, würde die ins Auge gefasste Schlüsselrolle Russlands – das große, große Russland – darin bestehen, bei der weiteren Zerschlagung von Afghanistan und Pakistan mitzuhelfen ... um die globale Ordnung aufrechtzuerhalten natürlich.

 

Die iranischen Grenzen würden dann keine Hindernisse, sondern Ausbeutungsobjekte sein. Die irakischen, afghanischen und pakistanischen Grenzen würden unter die wachsamen Blicke der USA/Israel und ihres möglichen Partners Russland fallen. Blieben nur noch die Türkei und Turkmenistan. Trotz ein paar öffentlichen Zänkereien unterhalten die Türkei und Israel eine Arbeitsbeziehung und militärische Zusammenarbeit. Und da das unruhige Turkmenistan eine geringe Drohung für niemanden außer sich selbst darstellt, würde dieser neue Status politischer Macht Israel befähigen, etwas realistischer die Überwindung seiner ehedem erklärten Erz-Nemesis (-Feindes) ins Auge zu fassen. Würden Israel und seine Partner erst einmal in der Lage sein, Iran zu zerschlagen, könnten sie, so nehmen sie an, der Hisbollah im Libanon den Lebenssaft abschneiden und auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Ist es zu weit hergeholt, sich derartige weitausgreifenden militärischen Operationen vorzustellen? Man bedenke die Grösse von Hamas. Man schaue sich nochmals die Karte an, um um die rechte Perspektive zu gewinnen: Hamas gibt es nicht einmal auf der Karte. Was war Liebermans Vorschlag (130109), um diesen Dorn in seinem Auge zu beruhigen? "Wir müssen fortfahren, Hamas zu bekämpfen, genau wie die USA es im 2. Weltkrieg mit den Japanern machten. Danach war eine Besetzung ebenfalls überflüssig".

Wie sah denn das Geheimnis der USA aus? Nachdem die USA zwischen 1941-1945 bereits über eine Million Japaner getötet hatten, konnten sie ihre Pläne für eine Invasion zu Lande beiseitelegen, weil die Japaner kapitulierten. Sie gaben auf,  weil die USA Atombombenangriffe auf die Städte Hiroshima (140 000 tote Japaner) und drei Tage später auf Nagasaki (weitere 80 000 tote Japaner) durchführten. Schneller und billiger als eine Besetzung, sagt der Geschäftsmann. Lieberman schätzt offenbar diese Logik. Ein erschreckender Gedanke, wenn man bedenkt, dass Israel nach all seinen eindeutigen Anklagen die einzige Macht im Nahen Osten mit atomaren Waffen ist und ständig seine Bereitschaft demonstriert hat, ”unangemessene Gewalt” anzuwenden.

Aber Russland lässt sich nicht zum Narren halten. In einer langen, schwierigen Geschichte, die beinahe 500 Jahre zurückreicht, haben die Russen ihre Fähigkeit gezeigt, dass sie durchhalten können. Sie haben nicht Erfolg gehabt, indem sie die Interessen anderer betrieben haben. Nur als Beispiel: Russland mag kürzlich Überwachungs-Drohnen von Israel gekauft haben, aber es erwägt immer noch, an Iran strategische Luftverteidigungs-Systeme zu verkaufen, trotz Israels deutlichen Einwendungen gegen den Deal. Sagte ein israelischer Beamter über die russische Zurückweisung von Bedingungen: ”Die Russen machen nicht Versprechungen dieser Art.” Die Russen halten an ihrer Auffassung fest.

Selbst als die UN Nachsorge-Konferenz gegen Rassismus Kritik von einigen (hauptsächlich aus dem israelischen Lager) auf sich zog, akzeptierte Russland die Position des stellvertretenden Vorsitzes im Vorbereitungs-Komitee für die Arbeit an der Deklaration und der Tagesordnung der Konferenz. Russland hielt an seiner hochrangigen Teilnahme fest, ohne Rücksicht auf die Boykott-Aktionen der anderen.  Als Andrej Podoplekin, politischer Wissenschaftler an der führenden Pomor Staatsuniversität, sagte: ”dies sei für Russland eine Art zu zeigen, dass es eine unabhängige Rolle spielen kann. Indem es zur Teilnahme bereit war und als Moderator bei einem Ereignis diente, das von anderen boykottiert wurde, bewies es, dass es unabhängig handeln kann, in erster Linie unabhängig von den westlichen Ländern.”

Wie passt Libanon hier ins Bild? Wie immer gibt es ein politisches und militärisches Tauziehen. Moskau  übergab zum Beispiel vor vier Monaten 10 MiG-29 Kampfflugzeuge an Libanon, kostenlos, als Beistand zum Aufbau der libanesischen Armee.  Die New York Times war schnell zur Hand, diese Geste als einen ”Schlag gegen die Vereinigten Staaten” zu bezeichnen. Um nicht ausgestochen zu werden, haben die USA angekündigt (14/04/09), dass sie ”die libanesischen Streitkräfte (LAF) in den kommenden Monaten mit zwölf unbemannten Raven-Flugzeugen ausrüsten werden.”  Sie werden in Verbindung mit einem Trainings-Kurs geliefert, ”finanziert vom US-Verteidigungsministerium (DOD) und ist Teil eines umfassenden, starken US-amerikanischen militärischen Beistandsprogramms für den Libanon.”

Man muss allerdings daran denken, dass die Obama-Administration bekräftigt hat, dass die Weltfinanzkrise ihr Versprechen von 30 Mrd. $ Militärhilfe allein an Israel über die nächsten 10 Jahre nicht beeinträchtigen wird. 2007 haben die USA angekündigt, dass sie die Militärhilfe von 13 Mrd. $ an Ägypten von 2009 bis 2018 weiterführen und die Militärhilfe an Israel um 25% auf 30 Mrd. $ erhöhen werden. Der US-amerikanische stellvertretende Außenminister Nicholas Burns, der das Memorandum der Verständigung für das Hilfspaket unterzeichnete, konstatierte, dass die Hilfe ”es Israel erlauben würde, seine Verteidigungsausgaben auf rationale Weise zu planen, auf eine Weise, die seine eigene Einschätzung seiner Lage in der Region in Rechnung stellt. Wenn wir die Region betrachten, verstehen wir, dass ein sicheres und starkes Israel im Interesse  der USA liegt.”

Wie die Jerusalem Post erläutert, bedeutet dies, dass ”keine Bedingungen an diese Hilfe geknüpft sind – keine speziellen Zusätze – und dass sie nicht von der israelischen Politik abhängig sei. Burns unterstrich, dass die Hilfe zu einer Zeit käme, in der ”Iran erstarke” und sowohl nach atomaren Waffen trachte als nach Ausdehnung seiner konventionellen Macht in der Region. Er sagte, dass Iran und Syrien terroristische Organisationen finanzierten und bewaffneten, die in allen Teilen des Nahen Ostens Gewalt schürten, sei es die Hamas, die Hisbollah oder schiitische Gruppen im Irak.” Vielleicht dachte Burns damals im August 2007 nicht, dass Afghanistan so lange aushalten würde, wie es tatsächlich tat, oder dass Pakistan eine hübsche Ergänzung der Zielliste wäre.

Am 22. April 2009 zementierte Außenminister Lieberman einen weiteren ”strategischen Partner”: Ägypten. Trotz Spannungen wegen Liebermans früherer feindlicher Äußerungen bezüglich Ägyptens, scheinen sich die diplomatischen Beziehungen zwischen den ehemals kriegführenden Ländern zu verbessern. Der ägyptische Geheimdienstchef Omar Suleiman traf sich mit Premier Netanyahu, Präsident Peres und Außenminister Lieberman. Laut israelischen Medien ”betonte [Lieberman] wiederholt seine Wertschätzung Ägyptens als einen strategischen Partner.”

Unterdessen haben sich die Beziehungen zwischen Ägypten und Palästina und Ägypten und Libanon verschlechtert. Vielleicht braucht es deshalb einen ”strategischen Partner”: zur Verstärkung von Israels Spielplan. Vielleicht ist es das, was Lieberman im Sinne hat, dass er so um eine Partnerschaft mit Russland bemüht ist. Die Freunde auf der einen Seite aufstellen und die Feinde auf der anderen.  Aber am Ende bekommt man keinen Gang-Krieg. Wenn man Waffen im Wert von Milliarden Dollar anhäuft, dann bekommt man einen Weltkrieg.

Es ermangelt jedoch nicht der Ironie, dass inmitten all dieser gewichtigen globalen Teilnehmer an diesem Drama der springende Punkt für Israel der ist, dass es niemals in der Lage war, Libanon zu besiegen. Israel hat immer wieder versucht, Libanon in die Unterwerfung zu bomben und hat versagt, egal wie viele strategische Partner es aufstellt. Man sehe sich nochmals die Karte an. Man braucht ein Vergrößerungsglas, um die beiden darauf zu finden. Doch die Welt scheint die Absicht zu haben, ihre Agenda danach auszurichten, was dort vorgeht. Etwas lächerlich, wirklich.

Russland ist nicht geneigt, in Liebermans Falle zu gehen. Nochmals, Russland lässt sich nicht zum Narren halten. Es ist weniger als ein Jahr vergangen, dass Russland entschlossen eine Aggression Georgiens zur Gewinnung Südossetiens – von den USA und Israel unterstützt – erstickt hat. Israel mag nun begierig sein, Russland als Partner zu haben; es ist jedoch höchst unwahrscheinlich, dass Russland es nötig hat, Israel als Partner zu haben. Und Russland hält an seiner Auffassung fest.

So wie Russland weiß auch Libanon, mit all seinen Fehlern, an seiner Auffassung festzuhalten. Jedes libanesische Kind kennt die Politik, was es heißt, Libanese zu sein. Jeder Erwachsene hat die Kriege erlebt und die globalen Schikanen. Wer anders als Libanon brächte es fertig, Israel zu besiegen und dennoch eine Milliarde $ Beistand nach dem 2006-Konflikt plus 410 Millionen $ Militärhilfe von Amerika, Israels Lieblingsverbündeter, einzuheimsen? Die Libanesen könnten klüger sein, als Lieberman sich vorstellt.

Libanon lässt sich nicht einschüchtern. Syrien wird sich nicht bezirzen lassen. Russland kann nicht darauf reduziert werden, was Lieberman den ”Kreml-Faktor” betitelt hat, als ob er sich als ein Jason Bourne sähe. Lieberman meinte, dass er beabsichtige, den Riss zwischen der Knesseth und dem Kreml zu flicken . Aber ein Riss muss von beiden Enden geflickt werden. In einem halben Jahrhundert hat Russland Kriege durchgemacht, weit schlimmer als die, die von Lieberman geplant sind. Wenn Russland entscheidet, seine Bündnisse neu zu ordnen, wird es das nicht auf Geheiß des winzigen Tel Aviv tun, sondern wann und, falls es wählt, zu seinen eigenen russischen Bedingungen.

*Man beachte, dass es Israels eigenes Beharren ist, Menschen nach ihrem Glauben zu unterscheiden, jüdisch oder sonstwie, das dieses Thema erfordert. FOL (Friends of Lebanon) zieht es vor, Menschen als Individuen zu betrachten – nicht als Repräsentanten einer bestimmten Religion.


Quelle: Friends of Lebanon-News Editorial Lieberman: Wishing for World War III?

Originalartikel veröffentlicht im April 2009

Über den Autor

Einar Schlereth ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

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KANAAN: 04/05/2009

 
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