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09/02/2010
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Guttenberg oder wie kleinbürgerlich-untertänig sind die Deutschen?


AUTOR:  Jutta DITFURTH


Statt zu streiken traten letztes Jahr 221 Busfahrer der Verkehrsbetriebe Saarbahn GmbH in eine Partei ein, um die drohende Privatisierung zu verhindern. Bei Schaeffler und Porsche fielen Arbeiter ihren Kapitaleignern schluchzend um den Hals, anstatt sie zum Teufel zu jagen. Und gleichzeitig himmeln viele Deutsche den Wirtschaftsminister Guttenberg an, halten ihn gar für etwas Besonderes. Warum dieser untertänige und kleinbürgerliche Blick?

Wer die Weltwirtschaftskrise anrichtet, scheint manchmal fast gleichgültig – Hauptsache die Täter und die Elendsverwalter haben gute Manieren. Das Bürgertum klaubt für die eigene „Elite“-Produktion Vordemokratisches aus der „adligen Kultur“ (Rituale, Manieren, Erziehung, Militärisches).

Fast 90 Prozent der Menschen (ARD, Tagesschau v. 6.8.2009) glauben, dass die Weltwirtschaftskrise ihre soziale Lage verschlechtern wird und dass die Banken so weiter machen werden wie bisher. Und alle diese Millionen Menschen sagen: »Man kann nichts machen.« Millionen – Man will nicht. Man müsste sich ja streiten, informieren und organisieren. Da ist es bequemer zu maulen und zu jammern und zu warten, dass …. ja, was? Ein Führer kommt? Damit die Menschen nicht aufmucken und sich von den herrschenden Verhältnissen befreien, wird das Gift des Nationalen mobilisiert. Das soll helfen, die Vorstellung klein zu halten, dass diese Verhältnisse Widerstand verdienen. Wir sind aber nicht »alle in einem Boot«, sondern die einen ersaufen im Meer oder schuften im Maschinenraum, und die anderen logieren im Penthouse der Reederei. Es bedarf also einer Meuterei. Das Gift des Nationalismus ist in Deutschland immer virulent. Es wird gern gespritzt, wenn dem Kapitalismus Gefahr droht. Dann entwickelt sich die Ideologie der »nationalen Schicksalsgemeinschaft«, und auf einmal – hast du nicht gesehen? – gibt es keine sozialen Klassen mehr und keine internationale Solidarität. Es wird unterstellt, dass ausgerechnet der kapitalistische deutsche Staat eine fürsorgliche, auf das Wohl aller Deutschen – vor allem der schwächsten – ausgerichtete Institution ist. Der Arbeitslose in England, der Wanderarbeiter in China, die Gewerkschafterin in Venezuela, der revoltierende Jugendliche in Griechenland – alle rücken plötzlich weit weg. Dem national berauschten Deutschen ist sein deutscher Kapitalist näher als ein Mensch ähnlicher sozialer Lage, der wie der Zufall der Geburt es so will, in einem anderen Teil der Welt aufgewachsen ist.«

Und was bekommt der Untertan für seine Unterwerfung? Man verspricht ihm den scheinbaren Schutz: »vor größeren Schicksalsschlägen, vor Fremden, vor Veränderungen und anderen ‚Sicherheits’-Problemen. Wirklich wertvolle Grundwerte wie soziale Gleichheit aller Menschen, Freiheit von Ausbeutung, Erniedrigung, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus, Solidarität über alle nationalen Grenzen hinweg und eine umfassende gesellschaftliche Emanzipation hat die Nation niemals im Angebot. Ganz besonders nicht die deutsche, die nicht mal ein Recht auf ‚résistance’ kennt.« (Zeit des Zorns, S. 219/202) Wer wird der Adressat ihrer Wut, wenn sie feststellen, dass alle Unterwerfung nichts nützt? Manche Menschen zerstören sich selbst. Andere aber lassen sich leicht gegen sozial Schwächere aufhetzen.

»Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, dem wir es verdanken, dass es die Auschwitz-Prozesse (1963–1965) gegeben hat, hat kurz vor seinem Tod im Juli 1968 darauf hingewiesen, dass ein ureigenes Widerstandsrecht des Menschen existiert, das sich gegen den Staat und die Obrigkeit richtet. […] Für Bauer war der Kontrast zwischen Deutschland und Frankreich augenfällig: ‘Frankreich hatte seine Revolution. Es bekannte sich zu den Menschenrechten. Hierzu wurde sofort das Recht auf résistance gezählt. Anders in Deutschland. Die deutschen Philosophen machten im Kielwasser des autoritären Staates dem Widerstandsrecht der Jahrtausende den Garaus.’ Bauer zitierte Kant, der dem Untertan kein bisschen Widerstand erlaubt, was auch immer der Staat verbricht, um den Menschen unglücklich zu machen. ‘Die Worte Kants, denen ganz ähnliche Hegels, auch […] Treitschkes und vieler anderer entsprechen, sind das Spiegelbild der sozialen Realität in Deutschland.’« (Zeit des Zorns, S. 214) Ist es nicht schön, dass es viele Menschen gibt, die aus dieser verzerrten Realität ausbrechen?


Quelle: www.jutta-ditfurth.de und Verlagsgruppe Dromer Knaur - http://www.was-sache-ist.de/2009/08/guttenberg-oder-wie-kleinburgerlich-untertanig-sind-die-deutschen

Originalartikel veröffentlicht am

Über die Autorin

Der Blog ist eine Diskussion zum Buch von Jutta Ditfurth: ZEIT DES ZORNS. Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft, Droemer Verlag, EUR (D) 16,95, EUR (A) 17,50, sFr 29,90, ISBN: 978-3-426-27504-7. Dieser Artikel kann frei verwendet werden unter der Bedingung, dass der Text nicht verändert wird und die Quellen und Hinweise ungekürzt aufgeführt werden.  © Jutta Ditfurth

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=8334&lg=de

  


 


IM BAUCH DES WALFISCHES: 11/08/2009

 
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