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23/03/2017
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"Unsere Söhne werden ihrer Organe beraubt"


AUTOR:  Donald BOSTRÖM

Übersetzt von  Hergen Matussik


Man könnte mich einen „Kuppler“ nennen, sagte Izhak Levi Rosenbaum aus Brooklyn in einem heimlich aufgezeichneten Gespräch mit einem FBI-Agenten, den er für einen Kunden hielt.

Zehn Tage später, Ende Juli diesen Jahres, wurde Rosenbaum verhaftet und ein ausgedehntes und verästeltes Netzwerk von Geldwäscheunternehmungen und illegalem Organhandel aufgedeckt. Das von Rosenbaum organisierte „Spiel“ hatte wenig Romantisches an sich. Es ging ausschließlich darum, Nieren aus Israel auf dem Schwarzmarkt zu kaufen und zu verkaufen. Rosenbaum gibt an, daß er die Nieren für $10.000 Dollar von armen Leuten kauft, die er anschließend an verzweifelte Patienten in den Staaten für $160.000 Dollar verkauft.

Die Anschuldigungen haben das Geschäft mit Transplantationen in  Amerika insgesamt erschüttert. Wenn sie zutreffend sind, ist hiermit zum ersten Mal der Nachweis für illegalen Organhandel in den USA erbracht, sagten Experten gegenüber den New Jersey Real-Time News.

 

Unga palestinska män kastar sten och glasflaskor mot israeli Junge Palästinenser werfen in der nördlichen West Bank mit Steinen und Flaschen auf israelische Soldaten. Dies ist die Gegend, in der Bilal Ahmed Ghanem erschossen und sein Körper in einem Krankenhaus geöffnet wurde.  Foto: Donald Boström

Bilal Achmed Ghanan, 19, sköts och fördes bort av israeliska Bilal Ahmed Ghanem, 19, wurde von israelischen Soldaten mit Schüssen verletzt und an einen unbekannten Ort verbracht. Als seine Leiche freigegeben wurde, wies sie eine grobe Naht vom Bauch bis zum  Kinn auf. Foto: Donald Boström

Levy Izhak Rosenbaum förs bort av FBI-agenter. Rosenbaum ska Levy Izhak Rosenbaum wird von Agenten des FBI abgeführt. Rosenberg wird verdächtigt, sich als Makler im Handel mit menschlichen Organen betätigt zu haben. Foto: AP

Auf die Frage, wieviele Organe er verkauft habe, antwortet Rosenbaum: „Ziemlich viele.“ Und er brüstet sich: „Ich habe stets geliefert.“

Das Geschäft lief seit geraumer Zeit. Francis Delmoncini, Professor für Transplantationschirurgie in Harvard und Mitglied des Direktoriums der National Kidney Foundation [Nationale Nierenstiftung] sagte gegenüber derselben Zeitung, daß illegaler Organhandel ähnlich dem, über den aus Israel berichtet wird, auch in anderen Teilen der Welt stattfindet. 5000 – 6000 Operationen, das sind circa 10 Prozent der Nierentransplantationen weltweit, werden Delmoncini zufolge illegal durchgeführt.

Länder, die wegen dieser Aktivitäten verdächtigt werden, sind Pakistan, die Philippinen und China, wo die Organe angeblich hingerichteten Häftlingen entnommen werden. Aber Palästinenser hegen ebenfalls starken Verdacht gegen Israel, junge Männer zu entführen und sie als Organreserve des Landes zu mißbrauchen – eine sehr schwerwiegende Anschuldigung mit ausreichend Fragezeichen, um den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) dazu zu bewegen, eine Untersuchung über mögliche Kriegsverbrechen anzustrengen.

Israel ist bereits des öfteren wegen seiner unethischen Methoden im Umgang mit Organen und Transplantationen in die Kritik geraten. Frankreich war unter den Ländern, die in den 1990er Jahren die Zusammenarbeit mit Israel  auf dem Gebiet der Organtransplantationen einstellten. Die Jerusalem Post schrieb, es sei zu erwarten, daß die übrigen europäischen Länder dem Beispiel Frankreichs in Kürze folgen würden.“

Die Hälfte der Nieren, die israelischen Patienten seit dem Jahr 2000 eingesetzt wurden, wurde illegal in der Türkei, Osteuropa und Lateinamerika eingekauft. Die israelischen Gesundheitsbehörden sind hierüber vollständig im Bilde, aber unternehmen nichts, diese Praxis zu unterbinden. Auf einer Konferenz im Jahr 2003 zeigte sich, daß Israel das einzige westliche Land ist, dessen Mediziner den illegalen Organhandel nicht verurteilen. Das Land ergreift keine rechtlichen Maßnahmen gegen Ärzte, die sich an den illegalen Geschäften beteiligen – im Gegenteil, die Chefärzte an den großen Krankenhäusern des Landes sind der Zeitung  Dagens Nyheter zufolge (Ausgabe vom 5. Dezember 2003) an den meisten illegalen Organtransplantationen beteiligt.

Im Sommer 1992 versuchte der damalige Gesundheitsminister Ehud Olmert etwas gegen den Mangel an Organen für Transplantationen zu unternehmen und startete eine Kampagne, die darauf zielte, die israelische Öffentlichkeit dafür zu gewinnen, sich als Organspender registrieren zu lassen. Eine halbe Million Flugblätter wurde über lokale Zeitungen verteilt. Ehud Olmert selbst war der erste, der sich registrieren ließ. Ein paar Wochen später berichtete die Jerusalem Post, die Kampagne sei ein Erfolg gewesen. Nicht weniger als 35.000 Menschen hatten sich registrieren lassen. In einem normalen Monat vor der Kampagne wären es 500 gewesen. In dem besagten Artikel schrieb die Reporterin Judy Siegel aber gleichzeitig, daß zwischen Angebot und Nachfrage weiterhin eine große Lücke klaffe. So warteten 500 Patienten auf eine Niere, es konnten  aber nur 124 Transplantationen durchgeführt werden. Von 45 Personen, die eine Leber benötigten, konnten nur drei in Israel operiert werden.

Während die Kampagne lief, begannen junge palästinensische Männer in den Dörfern der West Bank und Gazas zu verschwinden. 5 Tage später wurden sie von israelischen Soldaten tot zurückgebracht; ihre Leichen waren offensichtlich geöffnet worden.

Die Nachrichten über die Leichen terrorisieren die Bevölkerung in den besetzten Gebieten. Es gab  Gerüchte über einen dramatischen Anstieg von jungen Männern, die verschwanden und von anschließenden nächtlichen Beisetzungen von obduzierten Leichen.

Zu jener Zeit war ich ebenfalls in der Gegend und arbeitete an einem Buch. Mehrfach traten UN-Mitarbeiter an mich heran, die über die Entwicklungen besorgt waren. Die Personen, mit denen ich sprach, sagten, daß Organ-Raub definitiv stattfand, daß sie aber keine Möglichkeit hätten, etwas dagegen zu unternehmen. Ich reiste auch im Auftrag eines Fernsehsenders umher und interviewte zahlreiche palästinensische Familien in der West Bank und Gaza. Dabei traf ich auch Eltern, die berichteten, daß ihren Söhnen Organe entnommen worden waren, bevor sie getötet wurden. Eines der Beispiele, die mir genannt wurden, war der junge Steinewerfer Bilal Ahmed Ghanem.

Es war um Mitternacht als die Motorengeräusche einer israelischen Militärkolonne in den Außenbezirken von Imatin zu hören waren, einem kleinen Dorf im Norden der West Bank. Die zweitausend Bewohner waren wach. Sie warteten still, wie schweigende Schatten in der Nacht. Einige lagen auf Dächern, andere versteckten sich hinter Vorhängen, Wänden oder Bäumen, die während der Ausgangssperre Schutz boten, aber gleichzeitig volle Sicht auf den Platz gewährten , der das Grab für den ersten Märtyrer des Ortes werden sollte. Die Militärs hatten die Stromversorgung unterbrochen und der gesamte Bereich war jetzt abgeriegeltes Militärgebiet – noch nicht einmal eine Katze hätte sich im Freien bewegen können, ohne ihr Leben zu riskieren. Die überwältigende Stille der Nacht wurde nur durch unterdrücktes Schluchzen unterbrochen. Ich erinnere nicht mehr, ob wir aufgrund der Kälte oder wegen der Anspannung zitterten. Fünf Tage zuvor, am 13. Mai 1992 hatten israelische Spezialeinheiten die Schreinerei des Ortes benutzt, um einen Hinterhalt vorzubereiten. Ihr Auftrag war es, Bilal Achmed Ghanem außer Gefecht zu setzen, einen der jungen palästinensischen Steinewerfer, die  den israelischen Soldaten das Leben schwer machten. Ghanem wurde von den Militärs schon seit ein paar Jahren gesucht. Zusammen mit anderen jungen Steinewerfern versteckte er sich unter freiem Himmel in den Bergen von Nablus. Gefangen genommen zu werden, bedeutete Folter und Tod für diese Jungen – sie mußten um jeden Preis in den Bergen bleiben.

Am 13. Mai machte Bilal eine Ausnahme, und ging aus irgendeinem Grund ungeschützt an der Schreinerei vorbei. Noch nicht einmal sein älterer Bruder Talal weiß, warum er dieses Risiko einging. Vielleicht waren den Jungen die Vorräte ausgegangen und sie mussten sich wieder versorgen.

Für die israelischen Spezialkräfte ging alles nach Plan. Die Soldaten drückten ihre Zigaretten aus, stellten ihre Coladosen beiseite und zielten in aller Ruhe durch das zerbrochene Fenster. Als Bilal nahe genug war, brauchten sie nur noch abzudrücken. Der erste Schuss traf Bilal in die Brust. Aussagen der Dorfbewohner zufolge, die Zeugen des Vorfalls waren, wurde ihm anschließend mit je einer Kugel in die Beine geschossen. Dann liefen zwei Soldaten aus der Schreinerei herbei und schossen ihm noch einmal in den Bauch. Schließlich packten sie Bilal bei den Füßen und schleiften ihn die zwanzig Steinstufen der Treppe zur Werkstatt hinauf. Die Dorfbewohner sagen, daß Mitarbeiter der UN und des Roten Halbmondes in der Nähe waren und herbeikamen, als sie die Schüsse hörten, um nach hilfsbedürftigen Verwundeten Ausschau zu halten. Es kam zu einer Diskussion darüber, wer sich um das Opfer kümmern sollte.

Die Diskussion endete damit, daß die israelischen Soldaten den schwer verwundeten Bilal auf einen Jeep luden und an den Rand des Dorfes fuhren, wo ein Militärhubschrauber bereits wartete. Der Junge wurde an einen der Familie nicht bekannten Ort geflogen.

Fünf Tage später wurde er zurückgebracht, tot und in grüne Krankenhauslaken gewickelt. Ein Dorfbewohner erkannte Captain Yahia, den Anführer der Militärkolonne, die Bilal vom Obduktionszentrum Abu Kabir außerhalb von Tel Aviv zu seiner letzten Ruhestätte transportiert hatte. „Captain Yahia ist der Schlimmste von allen,“ flüsterte mir der Dörfler ins Ohr. Nachdem Yahia die Leiche abgeladen und die grünen Laken gegen ein leichtes Baumwolltuch ausgetauscht hatte, bestimmten die Soldaten zwei männliche Verwandte Bilals, das Grab auszuheben und Zement anzumischen. Zusammen mit den scharfen Geräuschen der Schaufeln hörten wir das Gelächter der Soldaten, die sich gegenseitig Witze erzählten, während sie darauf warteten, nach Hause zu gehen. Als Bilal ins Grab gelegt wurde, wurde seine Brust entblößt. Mit einem Mal wurde den wenigen Anwesenden klar, welcher Art von Mißhandlungen der Junge ausgesetzt gewesen war. Bilal ist bei weitem nicht der einzige junge Palästinenser, der mit einem Schnitt von Bauch bis Kinn bestattet wurde. Die Familien in der West Bank hatten das Gefühl, sie wüssten genau, was geschehen war: „Unsere Söhne werden als unfreiwillige Organgeber benutzt, sagten  Verwandte von Khaled aus Nablus, ebenso wie die Mutter von Raed aus Jenin und die Onkel von Mahmud und Nafes aus Gaza, die alle für einig Tage verschwunden waren, nur um nachts tot und obduziert zurückgebracht zu werden. „Warum behalten sie die Leichen bis zu fünf Tage lang, bevor sie sie uns bestatten lassen? Was geschah mit den Körpern während dieser Zeit? Warum nehmen sie gegen unseren Willen eine Autopsie vor, wo die Todesursache offensichtlich ist? Warum werden die Leichen nachts zurückgebracht? Warum geschieht dies in Begleitung einer Militäreskorte? Warum ist die Umgebung während der Bestattung abgeriegelt? Warum wird die Stromversorgung unterbrochen?“ Der Onkel von Nafe war aufgebracht und hatte viele Fragen. Die Verwandten der toten Palästinenser hielten nicht länger mit ihren Zweifeln über die wahren Gründe der Tötungen zurück, aber der Sprecher der israelischen Armee behauptete, daß die Anschuldigungen wegen des Raubes von Organen Lügen seien. Alle palästinensischen Opfer würden routinemäßig obduziert, sagte er.

Bilal Ahmed Ghanem war einer von 133 Palästinensern, die in jenem Jahr auf unterschiedliche Weise zu Tode kamen. Palästinensischen Statistiken zufolge waren die Todesursachen: auf der Straße erschossen, Explosionen, Tränengas, mutwillig überfahren, im Gefängnis aufgehängt, in der Schule erschossen, zu Hause getötet usw. Die 133 getöteten Personen waren zwischen vier Monate und 88 Jahre alt. Nur die Hälfte von ihnen wurde nach ihrem Tod obduziert. Die routinemäßige Autopsie, von der der Armeesprecher sprach, findet in den besetzten Gebieten in Wirklichkeit nicht statt. Die Frage besteht also weiter. Wir wissen, daß Israel einen großen Bedarf an Spenderorganen hat, daß es seit vielen einen ausgedehnten und illegalen Handel mit Organen gibt, daß die Behörden davon wissen und daß sich Ärzte in führenden Positionen an den großen Krankenhäusern daran beteiligen, ebenso wie Beamte verschiedener Rangstufen. Wir wissen auch, daß junge palästinensische Männer verschwanden, daß sie nach Ablauf von fünf Tagen zurückgebracht wurden, nachts und unter enormer Geheimhaltung, grob zusammengenäht, nachdem sie vom Bauch bis zum Kinn auf geschnitten worden waren.

Es ist an der Zeit, in dieser makabren Angelegenheit Klarheit zu schaffen, Licht auf das zu werfen, was in den von Israel besetzten Gebieten gegenwärtig geschieht und was hier seit Beginn der Intifada geschehen ist.


 


Quelle: Aftonbladet Kultur- ”Våra söner plundras på sina organ”

Originalartikel veröffentlicht am 17.8.2009

Über den Autor

Hergen Matussik ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer als auch die Quelle genannt werden.

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KANAAN: 02/09/2009

 
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