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27/11/2014
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Wer ist Jude?


AUTOR:  Gilad ATZMON جيلاد أتزمون گيلاد آتزمون

Übersetzt von  Thomas Immanuel Steinberg


Um die Frage, wer Jude ist, wird in Israel gestritten, seit Israel ein Staat ist. Im jüdischen Staat wühlen Behörden, Rabbiner und Medien ohne jede Scham in jemandes Stammbaum. Für die Israelis und für orthodoxe Juden ist Jüdischkeit offensichtlich ein auf das Blut bezogener Begriff. Doch nun werden im britischen Königreich Jüdischkeit und Fragen des Blutes zum Gegenstand einer anschwellenden Debatte. Seit ein paar Tagen versuchen der Daily Telegraph und der Guardian zu entscheiden, ob der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad ein „selbsthassender Jude“ ist oder einfach ein gewöhnlicher Antisemit. Ebenso wie die israelischen Rabbiner wühlen beide in Ahmadinedschads Stammbaum. (1)

Ahmadinedschad, so sei aufgedeckt worden, habe eine „jüdische Vergangenheit“, meldete der Daily Telegraph am Samstag. Dem Blatt zufolge ergebe ein Foto, auf dem der iranische Präsident während der Wahlen im März 2008 seinen Ausweis hochhält, „klar“, daß seine Familie jüdische Wurzeln habe. Der Telegraph fand sogar die „Experten“, die nahe legen, daß „Herrn Ahmadinedschads Liste haßerfüllter Angriffe auf Juden eine Überkompensation sein könnte, um die eigene Vergangenheit zu verbergen.“ Unnötig zu sagen, daß von Ahmadinedschad niemals auch nur ein einziger „haßerfüllter“ antijüdischer Angriff verzeichnet wurde, wie der Telegraph behaupet. Ahmadinedschad steht in der Tat dem jüdischen Staat und seiner Raison d’être extrem kritisch gegenüber. Auch steht er der geschmacklosen und manipulativen Mobilisierung des Holocaust auf Kosten des palästinensischen Volkes sehr kritisch gegenüber.

Man fragt sich, wie es kommt, daß ein westliches Presseorgan sich ausgerechnet gezielt mit Fragen befaßt, die mit der rassischen oder ethnischen Herkunft des iranischen Präsidenten zu tun haben. Schließlich ist das Wühlen in anderer Leute ethnischer Vergangenheit und Stammbaum nicht die übliche Praxis in der westlichen Presse. Das ist etwas, was man eher Rassisten, Nazis und Rabbinern überläßt. Aus irgendeinem Grund hat niemand in der sogenannten freien Presse versucht, sich in den engen Verbindungen zwischen dem Multi-Milliarden-Betrüger Bernie Madoff und seinem Stamm zu ergehen. Die freie Presse ersparte sich auch, die Ethnizität von Wolfowitz zu erörtern, trotz der Tatsache, daß der zionistische Krieg, den er uns verschafft hat, bisher anderthalb Millionen Leben gekostet hat. Wenn Sie sich fragen, wie es kommt, daß die westliche freie Presse auf „Pathologisches“ zurückgreift, wenn es um einen muslimischen Präsidenten geht, dann ist die Antwort darauf einfach, um nicht zu sagen trivial:

Der sogenannte „liberale Westen“ muß die Antworten auf den Präsidenten Ahmadinedschad im Rahmen der Vernunft noch finden. Ihm mangelt es an der argumentativen Fähigkeit, sich Ahmadinedschad zu stellen. Stattdessen besteht er darauf, abgedroschene Rassenvorstellungen abzuspulen, die nicht stichhaltig sind. „Durch seine antiisraelischen Äußerungen“, so der Daily Telegraph, „versucht er, jeden Verdacht jüdischer Verbindungen loszuwerden“. Die Wahrheit liegt auf der Hand. Ahmadinedschad hat bereits vermocht, mit einem Flutlicht aus Argumenten und Skepsis unsere dunkelste Ecke der Heuchelei genau auszuleuchten. Er schafft es irgendwie, uns alle daran zu erinnern, worum es beim Denken geht.


Dieses Bild "beweist" die "jüdische Vergangenheit" Ahmadineschads, demTelegraph zufolge

  Ahmadinejad showing papers during election

Es ist ziemlich unmöglich, die Tatsache zu leugnen, daß Ahmadinedschads Sicht auf den Holocaust und Israel kohärent, konsistent und valide ist. Er wirft drei Fragen zum Narrativ auf: 

1. Ungefähr sechzig Millionen starben im Zweiten Weltkrieg, von denen die Mehrheit unschuldige Zivilisten waren. Wie kommt es, fragt Ahmadinedschad, daß wir darauf bestehen, uns auf die Besonderheit des Leids einer „ganz“ bestimmten Gruppe von Leuten zu konzentrieren, nämlich die Juden?

2. Der iranische Präsident beharrt zu Recht darauf, daß dieses historische Kapitel historisch untersucht werden muß. Das heißt zugleich, daß jedes vergangene Ereignis genauer Prüfung, Aufbereitung und Überarbeitung bedarf. „Wenn wir uns gestatten, Gott und die Propheten in Frage zu stellen, so können wir uns ebenso gestatten, den Holocaust in Frage zu stellen.“

3. Abgesehen vom Wahrheitsgehalt des Holocaust-Narrativs ist es eine banale Tatsache, daß das Leid der Juden in Europa nichts mit dem palästinensischen Volk zu tun hat. Daher gibt es keinen Grund dafür, daß die Palästinenser für die Verbrechen Anderer zahlen. Wenn sich manche westliche Führer für die von ihren Vorfahren begangenen Verbrechen gegen die Juden schuldig fühlen, wie sie offenbar geltend machen, dann sollten sie den Juden lieber auf eigenem Gebiet Land zuweisen, als von den Palästinensern zu erwarten, daß diese weiter die mörderische zionistische Bürde tragen.

So, wie offensichtlich klar ist, daß obige von Ahmadinedschad aufgegriffenen Punkte völlig valide sind, ebenso ist schmerzhaft erkennbar, daß dem Westen die Mittel fehlen, diese Fragen anzugehen. Stattdessen fallen wir offenbar zurück in eine Vormachthaltung und einen pseudowissenschaftlichen Diskurs und ergehen uns in Blut, Pathologischem und verkrüppelter Psychoanalyse.

Wie peinlich es auch sein mag, in nur drei Schritten versteht es Ahmadinedschad, die betrügerische westliche Argumentationsweise zu entlarven. Denn er schält den Holocaust als den Kern unserer heuchlerischen Position heraus, einer Richtung, die unsere moralische Urteilskraft zu erschüttern vermocht hat. Der Holocaust diente dazu, die Aufmerksamkeit von den ungeheuren Verbrechen der Alliierten abzulenken. Hiroshima, Nagasaki und Dresden sind nur die Kürzel für den institutionalisierten Völkermord aus der Hand des englischsprachigen Imperiums. Der Holocaust ist erfolgreich zu einer neuen Religion gereift. Indes fehlt ihm eine Theologie. Er gestattet keine Art von Kritik oder Reform. Tatsächlich ist er eine anti-westliche Religion, getrieben von Haß und Rache. Er ist finster, blind und entbehrt des Erbarmens und des Mitleids. Er ist ein Glaube, der jeden Zweifel zu einem Angriff erklärt. Er ist ein plumpes brutales Glaubenssystem, der Gegenbegriff von Freiheit und Güte. Als wenn das nicht genug wäre, die Anhänger dieser Religion sind Komplizen bei einem andauernden Angriff auf Gnade und Frieden.

 So wie die Dinge im Augenblick stehen, ist die britische Presse noch dabei zu entscheiden, ob Ahmadinedschad ein „jüdischer Rebell“ oder bloß ein „meschuggener Goy“ ist. Der Guardian hat seine eigene Sicht auf das Thema schnell veröffentlicht und die Darstellung des Telegraph zurückgewiesen. Indes ist eines klar: Weder der Guardian noch der Telegraph noch irgendein anderes sogenanntes „freies Presseorgan“ ist frei genug, die von Ahmadinedschad aufgeworfenen Fragen anzugehen. 1. Warum nur die Juden? 2. Warum sagt ihr alle NEIN zur Untersuchung der Vergangenheit? 3. Warum müssen die Palästinenser den Preis zahlen? Statt sich mit diesen entscheidenden grundlegenden Fragen zu befassen, verfallen die großformatigen britischen Zeitungen in rassisch ausgerichtetes Stammbaumgewühle.

Statt uns der abgedroschenen zionistischen Erkundung zu widmen, „wer ein Jude ist“, schlage ich vor, im Diskurs einen Schritt weiter zu gehen und eine ganz einfache Frage zu stellen: Wofür steht Jüdischkeit? (2)

AdÜ

(1) In Ahmadinedschads Stammbaum wühlt seit längerem der US-Staatssender Radio Liberty / Radio Free Europe, siehe Hasbara - Zionistische Propaganda 

(2) Was Jüdischkeit sei, erläuterte Gilad Atzmon in einem Interview, das er dem Übersetzer 2007 in Hamburg gewährte. Siehe außerdem: Darf man die Juden als Ethnie bezeichnen? Eine Antwort vom 18. Juni 2003 unter Bekenntnis


Quelle: Who is a Jew?

Quelle dieser Übersetzung: http://steinbergrecherche.com/holocaust.htm#weristjude

Originalartikel veröffentlicht am 6/10/2009

Über den Autor

Thomas Immanuel Steinberg ist der Herausgeber der Webseite SteinbergRecherche, einem Partner von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=8923&lg=de

 


KANAAN: 09/10/2009

 
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