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11/04/2021
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Interview mit dem Schriftsteller Manuel Talens zum 92. Jahrestag der Russischen Revolution

“Die Russische Revolution war der klare Beweis, den die Verdammten dieser Erde als Bestätigung brauchten, dass der Traum von Marx nicht irreal war”


AUTOR:  Salvador LÓPEZ ARNAL

Übersetzt von  Isolda Bohler. Lektoriert von Einar Schlereth


Die Oktoberrevolution stellte vom ersten Augenblick an für die internationale und internationalistische Arbeiterbewegung, sowie für die sozialistischen Organisationen, die vor der Kriegstreiberei und den Eroberungsgelüsten der Mächtigen auf der Erde nicht umfielen, einen wichtigen Bezug dar, und wurde außerdem in diesem Sinne gefeiert. Die zur Ehre dieses ruhmreichen Datums, dem 7. November, organisierten Feierlichkeiten sind vielen revolutionären Kämpferinnen und Kämpfer in Erinnerung. Seit dem Auseinanderfallen der UdSSR, seit dem Triumph der kapitalistischen (ungehemmten) Konterrevolution im Land von Gorki und Majakowski, herrscht auch hier auf diesen rotgefärbten Seiten das Vergessen, ein ungerechtes und selbstmörderisches Vergessen. Zur Erinnerung an dieses Datum, um über die Bedeutung dieser sozialistischen Revolution zu sprechen, führten wir mit dem Schriftsteller, Wissenschaftler, Übersetzer und Aktivisten Manuel Talens ein Gespräch.

*     *     * 
 

SLA: Vor noch nicht langer Zeit hast du mich an deinen ersten Roman Die Parabel von Carmen der Königin, erinnert, der mit folgenden Worten endet:

Es posible que tu navegador no permita visualizar esta imagen.[In Artefa, einem winzigen Dörfchen in der Alpujarras, sind die Trompeten der Apokalypse zu hören]...

“Maria Espinosa befand sich im Hof, die Hühner mit Körnern fütternd; sie hatte davon geträumt, dass José Botines ihr seine Liebe erklärt, sie mit heißen Worten beim Kerzenschein streichelnd, und wachte in so fröhlicher Stimmung auf, dass sie vergaß, das Fenster zum Lüften zu öffnen und bemerkte nicht, dass sich der Himmel in der Nacht langsam mit einigen bleiernen Wolken bedeckt hatte; aber sie blickte auf, als sie fühlte, dass ihr schneeweißes Haar feucht wurde und danach sah sie das Licht des Blitzes über dem Kreuz des Glockenturms niedergehen; sie eilte auf der linken Seite aus ihrem Haus, bis sie wegen der Trompetenstöße mit fast geplatztem Trommelfell auf den Platz kam; es roch nach Schwarzpulver, und die Flammen prasselten aus den Fenstern der Kirche; obwohl sie zwei Schritte vor dem Tod war, glaubte sie, aus dem Klang des Donners den Beginn einer neuen Hoffnung herauszuhören; es war der 7. November des Jahres 1917, und im selben Augenblick sprangen im Takt des siebten und letzten Trompetenstoßes die Scharen zur Befreiung über die Barrikaden, um zwischen dem dichten Rauch der Kanonen siegreich direkt in das Winterpalais vorwärts zu stürmen...”

Ich möchte dir fast ein Jahrhundert später genau zu diesem 7. November Fragen stellen. Du hast hier von einer neuen Hoffnung gesprochen, von Scharen zur Befreiung. Was geschah nun am 7. November 1917? Warum glaubst du, dass dies für die Arbeiterklasse auf der ganzen Welt eine neue Hoffnung darstellte?

MT: Da deine Frage Fiktion und Realität vermischt, etwas das mir sehr gefällt und was ich als Erzähler zu verwenden pflege, werde ich zuerst ein wenig den Zusammenhang des aus meinem Roman Zitierten erläutern, damit der Leser dies versteht. Die Parabel von Carmen der Königin spielt in der Gebirgsregion der granadinischen Alpujarras, einem Winkel Andalusiens aus dem die Familie meiner Mutter stammt, und befasst sich mit dem Klassenkampf im Verlauf des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in dem imaginären Dorf Artefa. Die exakte Übereinstimmung der Daten zwischen den apokalyptischen Ereignissen in Artefa und dem Sturm auf das Winterpalais – der Geburt der UdSSR – kommt nicht von ungefähr, sondern ist ein rhetorisches Mittel, mit dem ich dieses historisch elementare Ereignis, das die Oktoberrevolution war, würdigen möchte. 

In Bezug auf den 7. November muss ich noch klarstellen, dass sich das zaristische Russland nach dem alten Julianischen Kalender, der nicht mit em heutigen überall verwendeten Gregorianischen identischist, richtete. Dies ist der Grund, warum das Datum des Triumphs der Sowjets, der 25. Oktober mit dem gregorianischen 7. November zusammenfällt. Von daher rührt der augenscheinlich zeitliche Widerspruch einer Oktoberrevolution, die im November gefeiert wird.

Die neu geborene Sowjetunion übernahm jedoch sofort den Gregorianischen Kalender, behielt aber  in Bezug auf den Höhepunkt ihrer Revolution den Monat Oktober bei. Später verfestigte der unvergessliche Film von Eisenstein für immer dieses verwirrende Datum. Die Welt ist heute so globalisiert und einförmig, dass diese Abweichungen unlogisch erscheinen, aber in jener nicht so weit zurückliegenden Zeit war das Normale der Kontrast zwischen den Ländern und Kulturen, und nicht die Gleichförmigkeit. Nachdem dies geklärt ist, kommen wir auf deine Frage zurück.

Über den 7. November 1917 und seine historische Bedeutung wurden tonnenweise Seiten geschrieben und, was ich jetzt in diesem Interview hinzufügen möchte, ist meine unbedeutende persönliche Meinung – ohne die Absicht, jemanden überzeugen zu wollen – von einem, der jene Tatsachen immer mit wohlwollenden Augen betrachtete. Ich entschuldige mich im voraus, falls meine Kommentare nicht auf der Höhe der Aktualität sind.

Die russische Revolution war die zweite in der Geschichte, aber die erste, die das Proletariat gewann, denn die französische – bürgerlichen Charakters – ließ das kapitalistische Privateigentum an den Produktionsmitteln als herrschendes Wirtschaftssystem intakt. Im Unterschied dazu war die russische Revolution der greifbare Beweis, den die Verdammten dieser Erde brauchten, um sicher zu sein, dass der Traum von Marx nicht irreal war. Unmöglich, dass sie nicht den Beginn einer neuen Hoffnung darstellt. Die kapitalistische Ausbeutung blieb dieses Mal nicht aufrechterhalten, sondern sie wurde durch den Kommunismus ersetzt, einem sehr schönen Konzept, trotz aller Desinformation, das es in mehr als einem Jahrhundert erlitt, und dieser Kommunismus bedeutete Gleichheit beim Genuss der Erdengüter. 

Dass letzten Endes nach sieben Jahrzehnten jenes Gebäude zusammenbricht, macht ihren Aufbau nicht weniger erhaben. Allenfalls bestätigt es uns, dass die einmal umgesetzten Träume ein Leben lang liebevolle Pflege und täglichen Kampf brauchen, damit sie nicht erstickt werden.

Dann wäre der Kommunismus, dies nach deinen Worten schöne Konzept, die “Gleichheit beim Genuss der Erdengüter”?

Natürlich, es handelt sich um ein grundlegendes Konzept des historischen Materialismus, das von einer klassenlosen Gesellschaft und dem öffentlichen Eigentum an den Produktionsmitteln ausgeht. Das Paradies, sollte es existieren, befindet sich hier unten und muss überhaupt nicht nur für einige Wenige dasein, sondern für alle. Dies nennt man Verteilung, was dem Kapitalismus fremd ist. Die evangelische Botschaft des Christentums ist genau der des Kommunismus gleich, außer man dringt in das Gebiet des magischen Denkens ein, um über einen hypothetisch gleichen Genuss im Jenseits zu phantasieren.

Du hast dich auf einen Film von Eisenstein bezogen. Konkret auf welchen?

Auf Oktober, einem wunderbaren Stummfilm, der dem Proletariat von Petrograd gewidmet ist, den Eisenstein 1927 zur Feier des zehnten Jahrestages der Revolutiondrehte. Viele der Kämpfer,  die an dem Kampf teilgenommenen hatten,  spielten sich selbst  im Film, was neben der Meisterschaft, die der außergewöhnliche Regisseur Eisenstein zeigte, kein schlechtes historisches Detail ist.  Er steht im Internet zur Verfügung, obwohl es, je mehr Zeit vergeht, immer Weniger werden, die in der Lage  sind, eine derartige  filmische Erzählung  ohne Dialoge zu schätzen.  


Es wurde bei Gelegenheit behauptet, was gewöhnlich bei den ihr nicht freundlich Gesinnten auftaucht, dass die Russische Revolution eher ein Handstreich der Bolschewiki war. Was hälst du von dieser Einschätzung?

Hier begeben wir uns ganz auf das Terrain der Propaganda, deren Ziel kein anderes ist, als falsch zu informieren. Es ist offensichtlich, dass jedes revolutionäre Unterfangen die vom Feind neugeschriebene Geschichte wie eine Klette an sich kleben hat. Wir haben nahesliegende Beispiele: Kuba erträgt fünf Jahrzehnte lang Verleumdungen und in Bezug auf Venezuela vergeht kein Tag, an dem nicht die westliche, private Presse behauptet, dass jede von Hugo Chávez in Angriff genommene Sache schlecht ist. Man muss lernen, mit diesem Klotz am Bein zu leben, was im Augenblick unvermeidbar erscheint.

Der angebliche Handstreich der Bolschewiki hält keiner   Analyse standund stellt eine Beleidigung der Intelligenz dar. Er gründet sich auf die semantische Unwahrheit, dass jede Revolution ein Zustand des Wirrwarrs und der Unordnung ohne im voraus bedachte Kampftaktiken sei,  die mit der Auflösung der  legalen Ordnung ende, der dem Chaos vorausgeht. Mit einer so betrügerischen Prämisse wird es einfach, auf die Spitzfindigkeit zu verfallen, dass der Sturm auf das Winterpalais – das labschließende  revolutionäre Scharmützel, ein militärtaktischen Wunder – ein Handstreich von mehreren Hunderten unerschrockener Bolschewiki war, der damit endete, im Trüben zu fischen.

Es handelt sich zweifellos um eine unendlich reduzierte These, die  den ganzen vorhergehenden revolutionären Prozess außer Acht läßt, der im März den Zaren Nikolaus II zur Abdankung zwang und zur Bildung einer schwachen provisorischen bürgerlich-kapitalistischen Regierung führte. Diese These läßtt außerdem beiseite, dass Petrograd (Sankt Petersburg) schon unter der Kontrolle der Sowjets war und ignoriert überhaupt  die Intelligenz Lenins als denkenden  Kopf Beim Ziehen der  Figuren auf jdem Schachbrett zu jenem Zeitpunkt.

Es wäre das gleiche, wie wenn wir Fidel Castro und den Guerillakrieg, den er in der Sierra Maestra begann, vergessen wollten, um uns allein auf die Entscheidungsschlacht von Santa Clara – ein anderes Wunder der Militärtaktik - zu konzentrieren, die den endgültigen Triumph der Kubanischen Revolution mit sich  brachte. Werwürde bei vollem Verstand heute sagen, dies wäre lediglich ein Handstreich Che Guevaras gewesen? Das ist absurd, reiner Betrug.

Vor einem Augenblick sprachst du von der Intelligenz Lenins. Worin besteht deiner Meinung nach seine Intelligenz? In seiner Kühnheit? Seinem Mut? In seinen politisch ungewöhnlichen Analysen? In seiner Andersartigkeit? Gab es einen Lenin vor und einen nach der Revolution?

Die großen politischen und militärischen Anführer prägten, ob zum Guten oder zum Bösen, im Allgemeinen die Geschichte -  ob es sich dabei um Alexander den Großen, Julius Cäsar, Dschingis-Khan, Hernán Cortés oder in unserem Fall, um Lenin handelt – sind Wesen von außergewöhnlicher  Intelligenz, sind unsagbar tapfer und besitzen  ungewöhnliche strategische Fähigkeiten.

Natürlich ist diese Fähigkeit kein Verdienst an sich, aber sie wird dazu, wenn sie ausschließlich einer so noblen und selbstlosen Aufgabe wie der Verbesserung der Situation des menschlichen Geschlechts gewidmet ist. Lenin – genauso wie danach Fidel, Ho Chi Minh oder Nelson Mandela – sind Teil dieser seltenen Reihe  einmaliger Menschen. Damit, denke ich, habe ich die fünf ersten Fragezeichen, die du in deiner Frage aufgeworfenen hast, geklärt.

Und in Bezug auf die letzte Frage scheint es mir unbestreitbar, dass es bei Lenin einen Unterschied gab zwischen jenem, der den revolutionären Kampf befürwortete und dem Staatsmann, der er nach der Machtergreifung war. Aber dies ist normal, denn die Umstände in beiden Perioden waren radikal verschieden. Eines der Beispiele dieser Evolution war die wechselnde, immer wichtiger werdende Rolle, die er der Partei zuschrieb. Am Anfang war sie eine der Volkserziehung gewidmete Organisation, damit die Massen zur Avantgarde des Proletariats werden konnten, und dann  sie zum tonangebenden Organ der Machtausübung. Es ist eine traurige Paradoxie, dass Stalin diese Einzigartigkeit zur Legitimierung seiner Verbrechen ausnutzte.

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    Die Volkserziehung: “Das Buch ist dein bester Begleiter, schule dich”  
    (Sowjetisches Plakat, um 1919)
     

Wie war die Haltung der damaligen Großmächte – England, Frankreich, auch die USA – zu den neuen Ereignissen? Ließen sie die Revolution atmen?

Die Haltung von diesen Ländern war, wie zu erwarten , absolut feindlich. Der Schritt vom Kapitalismus zum Sozialismus ist nicht etwas, das in der Ordnung der Nationen  ungestraft bleiben darf, weil es den Verlust eines Marktes und gleichzeitig die Möglichkeit bedeutet, dass sich andere Völker vom Virus der Revolution anstecken. England, Frankreich, die USA und auch Japan, Kanada, die Tschechoslowakei und Deutschland  und andere Länder beeilten sich, die nationalistischen, zaristischen, antikommunistischen und konservativen Söldnerarmeen des 1918 in der UdSSR ausgebrochenen Bürgerkriegs zu finanzieren, der die Rote Armee mit der so sogenannten Armee der “Weißen”, das heißt dem Abschaum der damaligen Gesellschaft, einer Art Brutstätte avant la lettre, konfrontierte. Aber jener konterrevolutionäre Versuch scheiterte.

Das Kuriose – oder vielleicht nicht so sehr – ist, dass diese feindliche Haltung der Nationen bis heute besteht: Der geringste Versuch in irgendeinem Land oder Kontinent, die Spielregeln durch gerechtere zu ersetzen, bringt immer die- selbe Antwort mit sich. Lateinamerika weiß aus eigener Erfahrung viel davon. Honduras ist nur  das jüngste Beispiel einer langen Reihe konterrevolutionärer Interventionen, die im Ausland angezettelt wurden.

Lenin starb bald, 1924. Es wurde manchmal behauptet, er starb deprimiert, entmutigt angesichts der Entwicklung der Ereignisse, nicht nur wegen den Schwierigkeiten des revolutionären Prozesses, sondern wegen der Haltung einiger seiner Genossen. Erscheint dir dies eine korrekte Vermutung?

Persönlich erscheint mir dieses Argument eine ausgemachte Dummheit, eine mehr unter den vielen, die erfunden wurden, um nicht zu akzeptieren, was für den Kapitalismus inakzeptabel ist: Dass Lenin unverwüstlich ist, wie Mandela, wie Fidel, wie es wahrscheinlich Chávez sein wird. Wenn die Reaktion jemanden nicht ausstehen kann, dann macht  sie ihn schlecht. Es wurde auch gesagt, er wäre an Syphilis gestorben. Und wie wichtig ist es, dass einer an Syphilis, an einem Gehirnschaden  oder einem Sturz  stirbt? Ist es so schwer zuzugeben, dass Lenin starb, weil seine Stunde gekommen war? Es ist lächerlich, eine späte Depression zu erfinden bei jemandem, der das Gefängnis, die Deportationen, das Exil und alle Arten von Schicksalsschlägen überlebte, ohne vom Weg, den er sich zuvor abgesteckt hatte,abzukommen .

Auf alle Fälle möchte ich damit nicht andeuteen, dass Lenin für das Leiden unempfindlich war. Niemand ist das.

Warum glaubst du, dass der Prozess nach Ablauf von wenigen Jahren einen so autoritären Weg annahm?

Das ist der schmerzlichste Teil der UdSSR, denn er lädt zur Überlegung ein, was jenes große internationalistische Vaterland ohne Stalin hätte sein können, ohne den Verschleiß im Zweiten Weltkrieg und ohne Rüstungswettstreit, in dem sich das Land während des Kalten Kriegserschöpfte. Es ist das selbe, wie sich das Schicksal Spaniens ohne die Existenz Francos vorzustellen. Das Problem ist, dass es die Geschichte nicht erlaubt, nochmals zurückzugehen, um die Fehler zu korrigieren.

Gewiss – und schrecklich – ist, dass Stalin nicht nur für die Sowjetunion, sondern für die Idee des Kommunismus als Idee, ein Krebsgeschwür war. Und die ihn folgten, außer vielleicht Chruschtschow, waren die späten Metastasen von Stalin, die das Erbe Lenins zerstörten. Aber dies ist nicht der Kommunismus. Zum Glück zeigt uns das solidarische Kuba seit fünfzig Jahren das schöne und mitfühlende Gesicht des Kommunismus.

Du hast gerade Chruschtschow genannt. Wie war es möglich, dass jener Erneuerungversuch, jene Selbstkritik am Stalinismus des XX Kongresses, der erneut so viele Hoffnungen auslöste, keine Früchte trug und nur so kurz dauerte?

Ich bin kein Kremlkenner oder etwas dergleichen, so dass ich nur das interpretieren kann, was mir mein Riecher sagt. Ich glaube, dass der XX Kongress zu spät kam. Wenn Stalin eine Eintagsblüte gewesen wäre, hätte man es beheben können, aber es gibt keine Revolution, die 29 Jahre Verbrechen, Missbrauch und Terror widerstehen kann, egal wieviel lobenswerte Dinge siegleichzeitig vollbringt. Ich glaube, dass es Chruschtschow nicht ganz schaffte, den Krebs des Stalinismus herauszuschneiden, und infolgedessen brauchte der nicht lange, sich zu reproduzieren.

Vor einigen Jahren erzählte man mir in Moskau eine reizende Geschichte über Chruschtschow, die ich in einer Erzählung verarbeitete. Erinnere mich daran, dass ich dir den Abschnitt schicke.
.

(Tage später war Manuel Talens so liebenswürdig, mir den Text und das Foto, das ich hier wiedergebe, zu schicken):


[...]So lernte ich denn am nächsten Tag den Friedhof von Novodevichi kennen. Die begrünten Fußwege waren mit Schnee bedeckt. Wir streiften zwischen den Grabsteinen umher und ich konnte  der alten Versuchung nicht widerstehen, ihr einen Monolog über die dort begrabenen Berühmtheiten, über die ich etwas wusste, zu halten. Sie hörte mir aufmerksam zu und ihr Blick wurde wieder spöttisch. Wir kamen zum Grab Chruschtschows. Nun war es Mei-Ling, die zu sprechen begann, und mir  sagte, dass der frühere Präsident der UdSSR nicht im Kreml liege, weil er fern der Macht starb. Dann richtete sie zum ersten Mal, seit ich sie kenne, mehr als hundert Worte nacheinander an mich. Ich wusste, dass das Mausoleum das Werk von Ernst Neiswestny, einem Bildhauer, war, den Chruschtschow in seiner Zeit als erster Sekretär der sowjetischen KP rufen ließ, um ihn brutal zu beschuldigen, dass ihm seine Kunst gegen die Ideale des Sozialismus gerichtet zu sein erscheine, und dass der junge Künstler, anstatt ängstlich zu werden, ihm antwortete, er könnte der Genosse Sekretär sein, der er wolle, aber von Skulpturen verstehe er überhaupt nichts. Wie es scheint, ließ Chruschtschow, nachdem er in Ungnade gefallen war, den Bildhauer rufen und zwischen beiden begann eine gewisse Freundschaft, so dass er im Testament bestimmte, dieser sollte mit seinem Grabmonument beauftragt werden. Auf diesem sind finden sich zu beiden Seiten des realen Gesichts des früheren Parteiführers zwei große, eckige, abstrakte Figuren, eine in weißem Marmor und die andere in schwarzem, die, wie mir Mei-Ling sagte, zwei Ohren symbolisieren.

–Am Ende seines Lebens – fügte sie als Schlussfolgerung hinzu – hatte Chruschtschow gelernt, zuzuhören. [...]
 

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Grab von Nikita Chruschtschow, Friedhof von Novodevichi (Moskau)
 

Es ist möglich, dass sich die Sowjetunion auflöste, weil ihre Führer Autisten waren, niemandem zuhörten.

Aber ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass mir alles in der Geschichte der UdSSR negativ erscheint. Die Hilfe, die sie der Spanischen Republik während unseres Bürgerkriegs leistete, der Heroismus des sowjetischen Volkes im Zweiten Weltkrieg (beides unter Stalins Regierung, was man auch sagen muss) und ihre konstante und bedingungslose Unterstützung von Kuba bis zum letzten Atemzug, bleiben immer in Erinnerung.

Im übrigen gab es in den 80er Jahren mehrere Versuche, die Richtung zu korrigieren. Zuerst von Andropow, der kein Dummkopf war und dann von Gorbatschow und der Perestroika. Was meinst du zu diesen neuerlichen Versuchen?

Keiner der Führer, der Chruschtchow folgte, war dumm, aber ich nehme an, dass auch keiner von ihnen an das Überleben des Erbes der Revolution glaubte, so wie man daran glauben muss - mit einer unerschütterlichen Überzeugung. Ich habe  nicht die geringste Sympathie für ihr Andenken .

Der letzte, Gorbatschow, war eine Art sowjetischer Adolfo Suárez, den der Zufall unvorbereitet auf einen unerwarteten Posten katapultierte: Vom strengen Diener des Apparats war er zu einem frivolen Fernsehdemokraten westlichen Stils geworden. Zweifellos tat er, was er konnte, versuchte das Fenster zu öffnen, damit frische Luft hereinkomme, aber die UdSSR war schon todkrank. Ein Krebs wird nicht mit heißen Tüchern geheilt, und Gorbatschow hatte die undankbare Rolle, als Zuschauer einem Todeskampf beizuwohnen, dersich zu seinem Leidwesen beschleunigte und jeder Behandlung widerstand.

Es gibt ein Lied von Jacques Brel, “J´arrive”, das die Hilflosigkeit ausdrückt, die Gorbatschow, in dem Maße wie ihm die Situation aus den Händen lief, gefühlt haben muss: C´est même pas toi qui es en avance, c´est déjà moi qui suis en retard. Und das Unvermeidliche geschah, eines Tages erschien Jelzin – Karrierist, Lügner, Dieb, Säufer und Verräter – und gab ihm den Gnadenstoß.

Du hast dich bereits zuvor kurz auf den Kalten Krieg bezogen. Ich komme darauf zurück. Ließ der Kalte Krieg, der für den kriegerischen Westen immer sehr heiß war, und der von Beginn an die Absicht hatte, die UdSSR auszulöschen, etwa nicht sehr wenig Manövriermöglichkeiten? Waren unter jenen festgelegten Bedingungen überhaupt andere Wege möglich?

In Fällen wie der UdSSR pflegte meine Großmutter immer zu sagen, “sie alle töteten sie, aber nur sie starb”. Es gibt wohl keinen Zweifel daran, dass die Yankees viel mit jenem verrückten Wettrüsten und mit dem dummen Wettstreit um den Weltraum, den die USA und die UdSSR jahrzehntelang aufrecht erhielten, zu tun hatten.

Ich kann verstehen, dass Washington ungeheure Summen (die sie nicht besitzt) zur Eroberung des Weltraums ausgibt, weil es schließlich ein kolonialistisches Imperium, ein Aggessor ist und ohne Intresse an der großen Zahl ihrerarmen Bürger ohne Gesundheitsversorgung . Aber, was ich nicht verstehe, niemals verstehen werden kann, ist, dass die UdSSR die Herausforderung akzeptierte, Tausende von Millionen Rubel für Sputniks, Weltraumfahrten und sonstigen Dinge den Ausguß hinunterspülte, während ihre Bürger in den verschiedenen Republiken an Mangel litten. Jede Hausfrau weiß, was am wichtigsten ist und niemandem käme bei vollem Verstand in den Sinn, einen Rolls Royce zu kaufen, wenn seinen Kindern die Milch fehlt. Es tut mir leid, sagen zu müssen, dass die Führer des Kremls den Kauf des Rolls Royce wählten. Jener Größenwahn erschöpfte wirtschaftliche Mittel, die dem Wohl des sowjetischen Volkes zugute hätten kommen sollen, anstatt sie so schlecht zu verbrauchen.

Ich gehöre nicht zu jenen Kreisen, und was ich sage, ist nur meine Meinung als Zuschauer: Ich weiß nicht, welchen realen Spielraum Moskau zum Handeln gehabt hätte, und ob es wirklich nötig war, das Wettrüsten zu akzeptieren – das eine Flucht nach vorne war, auf den Ruin zu –, anstatt sich damit zufrieden zu geben, die Verteidigung gegen mögliche Angriffe der USA zu organisieren. Aber mir scheint, dass imperialistische Politik, auch wenn sie vom  außen quasi aufgedrückt wird, keinen Raum in einem revolutionären Staat haben sollte.

Mit der nötigen Distanz erscheint mir um so logischer, was Kuba macht: Es widmet seine geringen wirtschaftlichen Mittel, Impfstoffe herzustellen, Ärzte, Lehrer und Sozialarbeiter auszubilden, die es später den Bruderländern zur Verfügung stellt.

Die UdSSR löste sich 1991 auf. Welches Element war deiner Meinung nach entscheidend für den Zusammenbruch?

Zur ständigen Hetze von Washington müssen auch  die eigenen Fehler Moskaus  hinzugefügt werden: Der Verlust der Ideale, die Fortdauer einer Parteibourgeoisie, der die Realität des Alltags des sowjetischen Volkes fremd war, der wirtschaftliche und moralische Ruin und die sich in alle Bereiche eingedrungene  Korruption. Die ist unser täglich Brot, und nichts, was wir nicht auch in den westlichen Zweiparteien Demokratien kennen. Spanien ist ein gutes Beispiel für deratige Dekadenz.

Der Erzähler in meinem weiter oben von dir zitierten Roman fügt kurz nach dem von dir reproduzierten Ausschnitt vor dem Ende,hinzu: “Zweifellos wurden die Menschen geschaffen, um für kurze Zeit in der Hitze der Gefechte frei zu sein und danach in die Sklaverei zurückzukehren, wenn sie den Sieg schon in ihren Händen hielten”. Wer weiß, ob dies unser Schicksal ist: Es zu versuchen, zu scheitern und es wieder zu versuchen, wieder zu scheitern und so immer weiter, ohne uns jemals mit dem Scheitern abzufinden. Ich bin aktiver Pessimist, voll von Optimismus.

Den Versuch zu machen, zu scheitern und es von neuem zu versuchen, sagst du. Die Schlacht, die man verloren weiß, zu schlagen, kämpfen, um zu verlieren und wieder kämpfen. Ist das nicht alles ein bisschen absurd? Ist  dies   Panorama, das du literarisch brillant zeigst, nicht politisch undurchführbar? Liegt hier nicht eine Philosophie der Geschichte zugrunde, die nicht nur eine pessimistisch-optimistische, sondern eine sehr, sagen wir, romantische ist?

Ich komme auf Lenin zurück: Zwei Schritte rückwärts und einer nach vorne. Reine Praxis. Das Absurde wäre aufzugeben. Es gibt nichts Romantisches an dieser Denkweise. Der Romantisierung lässt mich kalt.

Aus der Perspektive unserer heutigen Position und den zehn und mehr Jahren eines ungehemmten Kapitalismus in Russland nach dem Fall der Sowjetunion , glaubst du, dass sich jener 7. November gelohnt hat? Glaubst du, dass die Befreiungsbewegungen auf der Erde weiterhin dieses Datum als Referenz nehmen sollten? Und abschließend, sollten wir uns weiterhin zu dieser Revolution bekennen?

Ja, sie hat sich gelohnt. Das Kriterium zur Bewertung historischer Tatsachen sollte niemals ihr Erfolg oder ihr Mißerfolg sein, sondern die Güte oder Bosheit ihres Wesens. Und das Wesen jener Revolution, die gemacht wurde, um das Glück der Verdammten dieserErde zu verbessern war gut– da möchte ich gerne an Die Internationale als Forderung erinnern–.

Der heutige ungehemmte Kapitalismus in Russland schuf über Nacht Multimillionäre. Dies erscheint in den Schlagzeilen der westlichen Presse, während das Kleingedruckte auf den inneren Seiten uns die schlimme, finstere Kehrseite zeigt: Dass zwischen 1990 und 2008 die Lebenserwartung der russischen Bevölkerung – eine Angabe, die die Lebensqualität misst und die Sterberate für jedes Alter in beiden Geschlechtern zusammenfasst –von 69 auf 65 Jahre zurückging. Diese vier Jahre Unterschied mögen gering erscheinen, aber sie sind der statistische Ausdruck einer menschlichen Tragödie ungeheuerlichen Ausmaßes.

Bezüglich unseres Bekennens zur Oktoberrevolution, weiß ich nicht, was ich dir sagen soll. Die Nostalgie missfällt mir, weil die Vergangenheit niemals besser war. Ich ziehe es vor, die historischen Ereignisse mit kühlem Kopf zu analysieren, um das Positive zu wahren, aber ohne das Negative zu verbergen. Außerdem sind die Dinge heutzutage sehr verschieden, und wenigstens im Augenblick und unter bestimmten gesellschaftlichen Umständen erscheint es möglich, das Wahlsystem der Demokratie als Hebel zu benutzen, um die Revolution über Wahlen und ohne Waffen zu machen. Obwohl es natürlich sehr viel komplizierter ist, denn die Wahlstimme erlaubt nicht die vollständige Neutralisierung des Feindes, der geduckt in der Umgebung lauert.

Lass mich mit einer letzten Frage ohne Nostalgie schließen. Wie verstehst du den Sozialismus des XXI Jahrhunderts? Welche Länder, glaubst du, sind am besten auf diese Errungenschaft vorbereitet.

Um auch zum Schluss zu kommen, und ehe ich dir meine Ansicht über den Sozialismus des XXI Jahrhunderts gebe, möchte ich dir sagen, dass es mich sehr freute, mit dir über so unzeitgemäße und außerhalb des momentanen Diskurses stehenden Dinge, wie es der Marxismus und die Oktoberrevolution sind, eine Unterhaltung zu führen. Außerdem würde ich mich über die Veröffentlichung dieses Gesprächs freuen, weil es sich heutzutage einfach als Irrglauben darstellt, was aber deswegen weiterhin inmitten so vieler platter ideologischer Elektroenzephalogramme ein Vorzug bleibt [Lachen]. Du weißt sehr gut, dass die Postmoderne bei den traditionellen Parteien der Linken und im politischen Denken der momentanen Gesellschaften Verwüstungen anrichtete und allein die Tatsache, über diese Dinge zu sprechen, klingt beinahe wie Science-fiction. Was sollen wir machen!

Ich schließe: Ich erfahre den Sozialismus des XXI Jahrhunderts über die spanische Sprache und eben nicht in unserem Land, sondern in Lateinamerika. Dort unten ist die Zukunft der Menschheit, falls diese eine Zukunft hat. Wir werden zwar nicht ihre Vollendung erleben, aber sie hat schon begonnen. In Wirklichkeit wurde ihr Samen offiziell am 8. Januar 1959 gepflanzt, als die Bärtigen in La Habana einzogen. Ohne Kuba und seinem zähen, fünfzig Jahre langen Beispiel an Widerstand, wäre heute der Sozialismus des XXI Jahrhunderts nicht möglich. Jetzt fehlt nur, dass wenigstens einer der drei lateinamerikanischen Giganten – Mexiko, Brasilien oder Argentinien – einen Chávez, Evo oder einen Correa nach ihren Maßen findet und wählt, damit dieLokomotive an Geschwindigkeit gewinnt, und schon wäre sie nicht mehr zu stoppen. Es ist eine Frage der Zeit. An dem Tag, wenn er denn  kommt, werde ich glücklich sein. 

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Ein Traum, der nicht irreal war...
“Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.”
(Grab von Karl Marx auf dem Highgate Friedhof in London, mit freundlicher Genehmigung von Patricio Suárez)

* Gusanos: Regenwürme. So werden auf Kuba die Antikastristen von Miami gennant.

Quelle: Rebelión und Tlaxcala

Originalartikel veröffentlicht am 6.11.2009

Über den Autor

Salvador López Arnal und  Manuel Talens sind Mitglieder von Rebelión. Talens , Isolda Bohler und Einar Schlereth  sind Mitglieder von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9197&lg=de

    


RAUCHENDE GEHIRNE: 06/11/2009

 
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