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15/08/2020
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Der Dornröschenschlaf der Weltöffentlichkeit anläβlich des Welternährungstages


AUTOR:  Vladislav MARJANOVIĆ


Und die Weltöffentlichkeit? Sie schläft auch, aber offensichtlich nicht den Schlaf des Gerechten. Allem Anschein nach wird sie von Gewissensbissen gequält. Vergeblich sucht sie,  vor ihnen zu flüchten. Die Quälgeister aber sind zäh. Sie lassen nicht  ab. Ununterbrochen stellen sie Fragen: Was unternimmst du gegen die Ungerechtigkeiten, unter denen die Menschheit leidet (oder: die genen die Menschheit begangen werden)? Bekämpfst du überhaupt die Verursacher der Verelendung der Welt, die sich im Namen des Wirtschaftswachstums unaufhörlich vertieft? Die Nachrichten sind beunruhigend: am Anfang des 21. Jahrhunderts hungert bereits jeder siebte Mensch. Außerdem läßt die Auswanderungswelle nicht nach. Die ganze demographische Struktur des (scheinbar) noch heilen Westens droht umzukippen. Was wird vom christlichen Abendland übrig bleiben, wenn jetzt schon im katholischen Italien die Kreuze aus den Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen entfernt werden? Ein multinationaler Wirrwarr!

Nation, Religion, Kultur, Zivilisation, ihre Symbole und Institutionen, all dies muss man berücksichtigen. Und die Menschen? Wo bleibt der Mensch? Die Zahlen, Statistiken und Paragraphen haben ihn so gut verdeckt, dass man ihn praktisch nur noch als mediales Kuriosum zu sehen bekommt. Solche individuellen Schicksale werden einige Herzen berühren. Einige werden auch versuchen, individuell so viel wie möglich für die Menschen in Not zu tun. Doch, wie der oben erwähnte Dichter sagte: „Wenige Hände, wenig Kraft!“ Um etwas zu bewegen, damit die Welt menschlicher und sozialer wird, braucht es Solidarität - weltweit. Ist so etwas gegenwärtig aber zu erkennen?

Ja, ist es! Der UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon und der Direktor der Welternährungsorganisation FAO Jacques Diouf haben Montag, den 16. November 2009 als Fastentag zu Gunsten des Kampfes gegen die (steigende) Hungersnot ausgerufen. Sie werden selbst fasten, haben sie gesagt. Einen ganzen Tag lang, immerhin! Mahatma Gandhi, der für die Befreiung Indiens und gegen Ungerechtigkeit gewaltlos kämpfte, scheute sich nicht davor, bis zum eigenen Tod zu fasten. Dadurch hat er etwas für die Gesellschaft erreicht. Die UNO-Prominenzen setzten ein Zeichen. Für einen Tag. Immerhin. Dann wird alles beim Alten bleiben. Schon hat der libysche Revolutionsführer Muammar el Gaddafi 500 fesche Mäderl aus ganz Italien zu sich eingeladen, um mit ihnen „Meinungen auszutauschen“, für 50 Euro und einen Koran. Wahrscheinlich über die Hungersnot, nach dem Sinn des arabischen Spruches: „Alte Zähne brauchen zartes Lammfleisch!“ Mahlzeit!

Niemand hat Einwände gegen diese Art von Welternährungskonferenzen erhoben. Warum auch? Es scheint doch alles in Ordnung zu sein. Man jongliert mit Ziffern und lässt Krokodiltränen fließen. So verlangt es das Ritual. „Meine Schuld, meine große Schuld“. Gehet hin in Frieden. Nach einem Tag Fasten und zwei fetten Tage mit üppigen Mahlzeiten in keineswegs billigen Hotels ist die Show vorbei. Bis zum nächsten Mal. Gute Nacht!

Die Nachtruhe scheint dennoch nicht so gut zu sein. Ist das nicht das Gewissen, das sich da wieder meldet? Ja, man hat sich bei der Welternährungskonferenz toll amüsiert. Was aber, wenn jemand seine Stimme erhöbe und verlangte, die Protagonisten des neoliberalen Weltwirtschaftsystems zur Rechenschaft zu ziehen oder gar konkrete Maßnahmen zur Abschaffung dieses Systems und seiner Ersetzung durch eine humanere und sozial gerechtere Ordnung einzuleiten? Keine Finanzinstitution, kein multinationaler Konzern wurden bei der Welternährungskonferenz in Rom angeprangert. Das versteht sich eigentlich von selbst.

Auch waren keine Fachleute aus dem alternativen Spektrum eingeladen. Auf solchen Konferenzen sitzt man unter seinesgleichen. Wie heißt es so schön: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Aber wo war die Öffentlichkeit? Gab es Mobilisationen durch alternative Organisationen, von linken Parteien, religiösen Institutionen, Aufrufe von Intellektuellen? Niemand hat sich bewegt.

Mein Stamm schläft, aber nicht den Schlaf eines Toten, sondern mit der Unruhe dessen, den sein Gewissen plagt. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht, denn es ist Zeit, aufzustehen und zu handeln.


Quelle: der Autor

Originalartikel veröffentlicht am 24.11.2009

Über den Autor

Vladislav Marjanovic ist ein mit Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt, assoziierter Autor. Dieser Artikel kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.

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IM BAUCH DES WALFISCHES: 24/11/2009

 
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