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20/12/2014
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Demanjuk: Beihelfer contra Täter


AUTOR:  Gilad ATZMON جيلاد أتزمون گيلاد آتزمون

Übersetzt von  Einar Schlereth


Der deutsche Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz hat gestern angekündigt, daß John Demjanjuk, 89, angeklagt ist, Beihelfer am Tod von 27 900 Juden zu sein.

Viele unter uns verstehen nicht, was die juristische Bedeutung von ”Beihelfer” ist. Ein ”Beihelfer” ist eine Person, die bei der Ausübung eines Verbrechens Beistand leistet, die aber nicht wirklich an der Begehung des Verbrechens als ein gemeinsam Ausübender teilnimmt.

Wenn man dies bedenkt, frage ich mich, wozu Demjanjuks Gerichtsverfahren gut sein soll.

Eindeutig ist der greise Demanjuk keine Gefahr für die Gesellschaft. Er ist auch nicht beschuldigt, ein Mörder zu sein und auch nicht beschuldigt, ein Massenmörder zu sein.  Da er angeblich ein ”Beihelfer” ist , paßt er auch nicht richtig in die Shoa-Story hinein. Wenn der Holocaust eine Erzählung von einem rassistisch bedingten industriellen mörderischen Verbrechen ist, dann ist ein ukrainischer Kriegsgefangener, der als deutscher Wärter während seiner Gefangenschaft diente, nicht gerade die Story eines Hauptverantwortlichen. Wenn diese Gerichtsverhandlung dazu dienen soll, die Botschaft des Holocaust zu perpetuieren, dann wird sie in Wirklichkeit nur eines bewirken: die gegenteilige Botschaft verbreiten. Sie wird einmal mehr beweisen, daß die Holocaust-Ideologie rachsüchtig und gnadenlos ist.

Wenn die Deutschen wirklich nach einem spektakulären letztem Holocaust-Prozeß aus sind, könnten sie da nicht etwas Saftigeres als einen ”angeblichen Beihelfer” aussuchen?

1986 wurde Demjanjuk an Israel ausgeliefert, wo ihm der Prozeß gemacht wurde. Laut den israelischen Anklägern wurde Demjanjuk im Juli 1942  in ein deutsches Kriegsgefangenenlager in Chelmno gebracht. Dann war er freiwillig bereit, mit den Deutschen zu kollaborieren und wurde in das Lager Trawniki geschickt, wo er zu einem Gefangenenwärter ausgebildet wurde, eine Waffe erhielt sowie eine Uniform und einen Ausweis mit seinem Foto. Die Hauptanklage bestand darin, daß Demjanjuk in Wirklichkeit  ”Iwan der Schreckliche” wäre, der berüchtigte kaltblütige Mörder von Treblinka. Am 18. April 1988 befand das israelische Gericht Demjanjuk in allen Punkten für schuldig. Eine Woche später verurteilte es ihn zum Tode durch den Strang.

1993 wurde das Urteil nach einem Widerspruch von fünf Richtern des israelischen höchsten Gerichtes aufgehoben. Sie stellten fest, daß das Urteil gegen Demjanjuk auf einer falschen ”Identifizierung” beruhte. ”Wir haben davon abgesehen”, schrieben die fünf Richter, ”den Revisionskläger für die Schrecken von Treblinka zu verurteilen. Iwan Demjanjuk wurde von uns freigesprochen wegen der Zweifel über die furchtbaren Anklagen, die Iwan dem Schrecklichen von Treblinka zugeschrieben werden.”

Zu dem Zeitpunkt, als das höchste israelische Gericht beschloß, Demjanjuk freizulassen, war der israelische Generalstaatsanwalt sich durchaus im klaren darüber, daß John Demjanjuk ein Wärter in Sobibor war. Dennoch beschloß er, keine Anklage  gegen ihn wegen Beihilfe zu erheben. Unter anderen Argumenten zugunsten von Demjanjuks Entlassung erklärte der israelische Generalstaatsanwalt, daß ”neue Anklagen unsinnig wären angesichts der Schwere jener, von denen er freigesprochen wurde, und er argumntierte weiter, daß ”eine Verurteilung wegen der neuen Anklagen (ein deutscher Wärter gewesen zu sein) unwahrscheinlich wäre”. Der israelische Generalstaatsanwalt begriff, daß es kontraeffektiv wäre, Demjanjuk als einen Beihelfer zu verurteilen.

Offenbar fehlt dem deutschen Gesetzeswerk jene notwendige ”jüdische” Klugheit, die von den obersten israelischen Richtern und dem Generalstaatsanwalt an den Tag gelegt wurde. Es scheint, als ob das deutsche Gericht eine sehr peinliche Methode zur Bewältigung der deutschen Vergangenheit gefunden habe. Es klagt nun eine sterbende ukrainisch/amerikanische Person an, die versuchte, ein Nazi-Gefangenenlager zu überleben, indem sie kollaborierte. Das heißt, ein ehemaliger Gefangener der Deutschen wurde ein ”Beihelfer” der deutschen Tötungsmaschinerie.

Wenn die Deutschen darauf bestehen, nach Nazi-Kollaborateuren und brutalen ”Beihelfern” zu suchen, kann ihnen Israel Shahak einen Rat geben, wo sie zu finden sind. ”Jedes jüdische Kind wurde (in den Ghettos) gelehrt”, schreibt Shahak, daß ”wenn du einen Platz betrittst, wo es drei Ausgänge gibt, einer von einem deutschen SS-Mann bewacht, der zweite von einem Ukrainer und der dritte von einem jüdischen Polizisten, dann mußt du zuerst versuchen, bei dem Deutschen durchzukommen, und dann vielleicht bei dem Ukrainer, aber niemals bei dem Juden”. (Prof. Israel Shahak am 19. Mai 1989 in Kol Ha'ir, Jerusalem) Diese Story wird von vielen persönlichen und akademischen Berichten Überlebender erzählt. Die jüdischen Kapos und der Judenrat waren die brutalsten von allen.

Ich denke, daß die Deutschen besser vorwärtsgehen und ihre Vergangenheit ruhen lassen. Große Symphonien zu komponieren und Philosophie zu schreiben ist ein weit größerer Beitrag für die Menschheit als Holocaust-Prozesse. Schuldhaftigkeit ist eine flüchtige und destruktive Daseinsweise. Wenn die Deutschen sich jedoch schuldig fühlen, dann sollten sie lieber ihre Schuld in Verantwortlichkeit verwandeln. Sie sollten lieber daran denken, daß die Palästinenser de facto die letzten Opfer Hitlers sind. Ihr Martyrium ist noch lange nicht zu Ende. Wenn die Deutschen sich wegen ihrer Vergangenheit schuldig fühlen, sollten sie niemals Kriegsschiffe nach Israel schicken. Wenn die Deutschen wegen ihrer Geschichte bekümmert sind, sollten sie sie lieber in etwas Sinnvolles verwandeln. Statt einen 89-Jährigen anzuklagen, ein angeblicher ”Beihelfer” zu sein, sollten sie lieber die Täter von Genozidverbrechen, die vor unseren Augen stattfinden, vor Gericht bringen.

Statt den alten Demjanjuk im Rollstuhl in den Gerichtssaal zu schieben, sollte der deutsche Justizminister lieber Tony Blair, George Bush, Ehud Barak, Ehud Olmert, Tzipi Livni und Shimon Peres verfolgen.  Sie sind alle frei und gesund genug, um vor Gericht zu stehen. Sie sind alle im Unterschied zum angeblichen Beihelfer Demjanjuk Täter von ungeheuren Verbrechen gegen die Menschlichkeit.


Quelle: Accessory vs. Perpetrator

Originalartikel veröffentlicht am 3.12.2009

Über den Autor

Einar Schlereth ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9489&lg=de


KANAAN: 11/12/2009

 
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