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20/10/2019
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Shlomo Sands „Erfindung des jüdischen Volkes“ ist ein Erfolg für Israel


AUTOR:  Carlo STRENGER

Übersetzt von  Ellen Rohlfs


Einige mögen überrascht sein, herauszufinden, dass es Sands Ziel ist, Israel als Demokratie mit jüdischem Charakter zu erhalten.

 In der NYT steht seit einigen Tagen  die Buchrezension von Shlomo Sands Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ , das vor kurzem auf Englisch veröffentlicht wurde, auf der  Liste mit den „meist geemailten Artikeln“ – eine bemerkenswerte Leistung für eine Buchrezension. Wie der Rezensent bemerkt, wurde der Medienrummel um das Buch vor allem von Sands weniger kontroversen Behauptungen ausgelöst.

  
Die hebräische, englische und französische Fassung des Buches. Wann wird denn die deutsche Ausgabe erscheinen?

Das jüdisch öffentliche Bewusstsein wird weiter von der Idee beeinflusst, dass Juden einst von den Römern  aus Israel vertrieben wurden – die Wahrheit aber ist, dass  etwa 2 Millionen Juden bis zum Zusammenbruch des  römischen Kaiserreiches  weiter im Land lebten. Ein großer Teil der Juden des römischen Kaiserreiches wurden durch Konversion Juden. Also sind die meisten Juden heute kaum Nachkommen der Juden, die vor 2000 Jahren einst hier im Lande lebten. Aber  - wie Sand mehrfach aufzeigt – nichts davon wird von Historikern  in Frage gestellt.

Die zionistische Narration geht anscheinend von der Kontinuität der Juden aus, die vor 2000 Jahren im Lande lebten, und den modernen Juden – viel mehr als es tatsächlich der Fall ist. Aber Sand zeigt auf, wie alle modernen Staaten ihre Narrative geschaffen haben, die die kulturelle, linguistische und politische Hegemonie der vorherrschenden Gruppe legitimiert. In dieser Hinsicht sei Deutschland nicht anders als Italien oder Indonesien. Sands Behauptung ist, dass es Israel nicht nötig habe, wegen dauernder Existenz sich  hinter Mythen zu verstecken. Und dies ist – meiner Meinung nach – das größte Verdienst dieses Buches. Dies sollte also eher als Erleichterung empfunden werden, denn als Angriff auf Israel.

Sand Buch ist kein rein historisches Werk. Tatsächlich hat es eine klare politische Tagesordnung. Von all dem Lärm und der Wut über das Buch könnte man annehmen, dass seine Agenda dahinaus läuft, alle Juden aus Israel zu vertreiben oder den jüdischen Staat auszulöschen. Es könnte für einige, die es nicht gelesen haben, eine Überraschung sein, dass es Sands Ziel ist, Israel als einen demokratischen Staat  zu bewahren und zwar als jüdischen Staat, der  sich auf einer jüdischen Mehrheit gründet.

Sand weist darauf hin, dass die modernen Demokratien in zwei Kategorien fallen, die im modernen Europa entstanden sind: östlich des Rhein war es das dominante Model der Ethnokratien: Länder, die eine besondere Verbindung zu einer besonderen Ethnie haben. Westlich des Rheins herrscht das Modell rein liberaler Demokratien vor: für sie gilt die Herrschaft über  die Gesamtheit seiner Bürger. Der klarste Fall dieses Modells ist  natürlich die USA. Man könnte sich nicht vorstellen, dass die kaukasischen Eroberer Amerikas besondere historischen Beziehungen zu dem Land haben. Die US ist weiterhin ein Immigrantenland und jeder neue Bürger hat dasselbe Recht – ganz gleichgültig woher er kommt.

Sand behauptet, dass Israels gegenwärtige Probleme davon stammen, dass es eine Ethnokratie ist, die Juden besondere Privilegien gibt. Dies lässt die Frage aufkommen, ‚wer ist Jude’ und dies macht es für die große Minderheit der israelischen Araber sehr schwierig, dass sie die gleichen Rechte haben.

Sands Buch kam Anfang 2008 heraus, zu früh, um sich  mit einer der schlimmsten Perversitäten des jetzigen Staates zu befassen: Bekanntlich erwartet Israels Außenminister Avigdor Lieberman von jedem Bürger Israels  einen Treue-Eid für den jüdischen Staat. die meisten Kommentatoren sahen dies als einen Versuch, Israels Araber zu delegitimieren – was sicherlich stimmt. Aber sie vergaßen, dass die meisten Stimmberechtigten aus dem früheren Sowjetblock vom Rabbinat gar nicht als Juden anerkannt werden.  Seine Maßnahme  sollte ihnen   angeblich helfen, den Berechtigungsstempel anstelle  jüdischer Abstammung oder einer  orthodoxe Konversion zu erhalten.

Liebermans befremdlicher und totalitärer Vorschlag würde unnötig sein, wenn Israel eine rein liberale Demokratie wäre: sobald Immigranten ihre Staatsbürgerschaft bekommen, müssten sie sich nicht weiter über ihren Status und ihre Rechtmäßigkeit / Legitimität sorgen . Doch Ben Gurions historischer Kompromiss mit dem orthodoxen Establishment schuf eine einzigartige Anomalie in fortschrittlichen Demokratien, wie Sand herausstellt: In Israel  bestimmt tatsächlich der Staat, wer wen und wie heiratet.

Einer der Gründe für dieses Manöver ist natürlich Hok Hashevut, das Rückkehrgesetz, das Juden von irgendwo erlaubt, automatisch die israelische Staatsbürgerschaft zu bekommen. Sand spricht sich dafür aus, dass dieses Gesetz aufgehoben werden sollte. Wenn Israel in eine liberale Demokratie verwandelt wird, würde kein israelischer Bürger heute die Geschichte seiner ethnischen Herkunft oder Religion wichtig nehmen und würde selbst über sein Leben bestimmen. Berücksichtigt man Israels augenblickliche Demographie, so würde dies jüdische Vorherrschaft garantieren, ohne dass man Zuflucht zu undemokratischen Mitteln nehmen muss, wie die des Rabbinats, die ins private Leben eingreifen  oder Liebermans Loyalitätseid. Sand ist auch der Meinung, dass Hok Hashevut [das israelische Rückkehrgesetz von 1950, AdÜ] abgeschafft werden muss, um zu verhindern, dass Palästinenser ihr Recht auf Rückkehr beanspruchen, weil ab jenem Augenblick dann keiner mehr ein automatisches Recht auf Staatsbürgerschaft habe.

Ich bin mit diesem Aspekt von Sands Schlussfolgerung  nicht  einverstanden: Ich denke, dass Hok Hashevut für die Palästinenser wenig Bedeutung hat, wenn es sich um die Akzeptanz oder die Ablehnung von Israels Existenz handelt. Ich denke auch, dass Sands Kritik an den Bemühungen juristischer Gelehrter wie Amnon Rubinstein, eine liberale Plattform auszuarbeiten, die Hok Hashevut schützt, meistens nicht überzeugen. Er erwähnt auch nicht Ruth Gavisons bedeutendes Werk in diesem Kontext. Dieses Gesetz ist eines von Israels Raison d’etre und sollte aufrecht erhalten werden, selbst wenn einige seiner  Sonderheiten  neu bearbeitet werden müssen, um sicher zu gehen, dass sie nicht für politische und andere Gründe missbraucht werden.

Abgesehen von Meinungsverschiedenheiten denke ich, dass Shlomo Sands Fragen, wie Israels Demokratie liberalisiert und stabilisiert werden kann, zum Nachdenken anregen und ernsthafte Diskussion verdienen. Aber vor allem: der Erfolg des Buches ist ein Erfolg für Israel (es stand  19 Wochen lang auf der Bestsellerliste.). Die Tatsache, dass sehr grundlegende Fragen über Israels Gründung  scharf diskutiert werden können, zeigt, dass Israel eine lebendige, zu Zeiten auch fehlerhafte Demokratie ist. Es wird allen Versuchen von Politikern wie Lieberman widerstehen, der seinen Bürgern vorschreiben will, was sie zu denken oder zu fühlen haben.


Shlomo Sand, von RAZI (Telerama)


Quelle: Haaretz-Shlomo Sand's 'The Invention of the Jewish People' is a success for Israel

Originalartikel veröffentlicht am 27.11.2009

Über den Autor

Ellen Rohlfs ist eine Mitarbeiterin von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala:
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9505&lg=de

 


KANAAN: 13/12/2009

 
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