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13/08/2020
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Irans grüne Bewegung – ein Gespräch mit Dr. Yazdi


AUTOR:  Maryam MOHAMMADI ãÑیã ãÍãÏی

Übersetzt von  Hamid BEHESCHTI


Maryam Mohammadi: In welcher Situation befindet sich die grüne Bewegung im Iran? Welche Stützpunkte hat sie?  Welche Verbindung hat sie mit der Außenwelt? Und welche Konsequenzen hat der politische Umgang des Regimes mit Ihr? Welche Vorteile und Nachteile können daraus für die Bewegung und für das Land entstehen? Das sind Themen, die ich in diesem Gespräch behandelt habe.

 

-          Herr Dr. Yazdi, in der Situation, in der wir uns befinden, und nach all dem, was gesagt wird, wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass die Führungspersonen der grünen Bewegung festgenommen werden?

-          Das ist möglich, aber die Wahrscheinlichkeit ist gering. Sie drohen nur. Denn wir sind uns einig, dass, wenn sie die Führungspersonen festnehmen würden, dann wäre die Reaktion der Bevölkerung heftig! Diesen Eindruck haben viele im Iran, dass, wenn sie Mousavi und Karroubi verhaften, dann ist ein Zusammenstoß wahrscheinlich, dann wird die Situation eskalieren. Deshalb denken wir, dass die Wahrscheinlichkeit hierfür gering einzuschätzen ist. Aber es ist trotzdem möglich, dass die Herrschaften so etwas wagen.

-          Anscheinend halten sie, wie viele andere auch, beide Optionen für möglich. Weshalb befindet sich die andere Seite in der Situation, beide Optionen für akzeptabel zu halten?

-          Schauen Sie, die herrschende Strömung ist alles andere als harmonisch und einträchtig. Es gibt Leute innerhalb der Macht, die sich rational verhalten. Sie werden sich nach Abwägen der Optionen dagegen entscheiden. Aber es gibt auch welche, die wir in ihrem Tun für irrational halten. Sie überlegen nicht all zuviel über Nachteile und Resultate ihrer Handlungen. Sie könnten sich zu solchen Taten hinreißen lassen.

-          Wie kalkuliert die Strömung, die Ihrer Meinung nach sich zu einem solchen Vorgehen hinreißen lässt, die zu entstehenden Nachteile? Anders ausgedrückt, glauben Sie, dass im Falle der Zunahme des Widerstandes alles, was zu dessen Vernichtung nötig wäre, in Kauf genommen wird?

-          Wie gesagt, es gibt manche innerhalb der herrschenden Macht, die so denken. Aber wenn wir über die daraus folgenden Konsequenzen sprechen – das ist nicht nur die Festnahme von Oppositionellen , die Repression gegen sie bis sogar ihrer Ermordung – Die Konsequenzen, die innerhalb der Macht Beunruhigung stiften, ist der Zerfall ihrer eigenen Kräfte, der darin besteht, dass nicht alle eine solche Vorgehensweise befürworten, ja dass diese sogar abgelehnt wird.

Wenn sie die gegenwärtige Situation mit der von unmittelbar nach den Wahlen vergleichen, merken sie, dass die Protestbereiche allmählich gewachsen sind, so dass auch bekannte Personen und religiöse Autoritäten, wie Herr Makarem Shirazi, angefangen haben, neue Stellungen zu beziehen. Wenn wir also die Konsequenzen der harten Maßnahmen analysieren, etwa im Falle der Festnahme der Führungspersonen der grünen Bewegung, so sehen wir, dass diese für die Machthabenden nicht nur die Repression der Opposition bedeutet, sondern auch den Zerfall ihrer eigenen Kräfte, dass sie sich gewissermaßen von Innen her zersetzen.

 

Dr Yazdi sagt, dass, falls die Herrschenden vorhaben sollten, mit dem Kopf durch die Wand zugehen, würde es  ihnen nichts nutzt.

 

-          Viele Beobachter meinen, dass die Probleme, die Iran heute in der Außenpolitik mit Großmächten hat, für deren Umgang mit der Opposition im Land und der grünen Bewegung maßgebend ist. Wie denken Sie darüber?

-          Die Atmosphäre der Weltöffentlichkeit nach dem Zusammenbruch der Sowjet Union ist in eine neue Phase getreten, so dass die Demokratie zu einem unumgänglichen Prozess geworden ist. Dass heutzutage die dritte Welle der Demokratisierung in der Welt wächst – wie in Lateinamerika und anderswo – das resultiert nicht aus der globalen Politik der USA und Europa.

Dieser Prozess ist eine Folge der elektronischen Revolution und des Ausgangs des kalten Krieges, was gleichzeitig der Anfang einer neuen Runde internationaler Beziehungen entspricht. Deswegen kann sich auch Iran dem globalen Zusammenhang nicht entziehen, obwohl auch die Großmächte und einflussreichen Regierungen in ihren eigenen Ländern mit Menschenrechtsproblemen konfrontiert sind. Sie können sich vielleicht nicht so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird. Aber man sollte nicht die Reaktion der Weltöffentlichkeit in Bezug auf Iran auf die der Großmächte reduzieren. Nein, es ist nicht korrigierbar und sie haben keinen Ausweg, außer sich zu fügen.

-          Das hieße: Sie meinen, dass die Notwendigkeit von demokratischen Regeln für die Entwicklungsländer nicht aus der Politik der Großmächte resultiert, sondern sie ist entstanden aus der historischen Entwicklung und dem technischen und technologischen Fortschritt.

-          Ja, beispielsweise: Hätte man sich früher überhaupt vorstellen können, dass gegen den israelischen Außenminister ein Urteil gefällt wird, das ihn an der Einreise nach Großbritannien hindert?

Es spiegelt nicht im speziellen die Politik von Großbritannien wider. Es wird bedingt durch die Notwendigkeiten dieser historischen Epoche. Und das verstehen weder die führenden Politiker in Israel, noch im Iran, noch in den arabischen Ländern. Nach der elektronischen Revolution und der explosiven Ausbreitung von Informationen kann sich niemand mehr erlauben, mit solchen Praktiken weiter zu machen. Denn sie sind nunmehr mit der ganzen Welt konfrontiert, mit der Weltöffentlichkeit.

-          Meinen Sie, dass sich alle Bewegungen in den Entwicklungsländern, die ähnlich wie die grüne Bewegung im Iran sind, in einer historisch offenen Situation befinden?

-          Ja, genauso ist es.

-          Ausgegangen aus diesem Verständnis, wie sehen Sie die Beziehung der grünen Bewegung zur Welt und wo liegt Ihrer Meinung nach ihre gesellschaftliche Basis?

-          Schauen Sie, die grüne Bewegung stützt sich nicht auf Europa oder Amerika. Sie ist eine originäre Bewegung. Einerseits im Bezug auf die allgemeine Situation in der Welt entsteht so etwas im Iran und andererseits stammt sie aus dem Land selbst.
Die Islamische Revolution hat im Iran vieles bewegt und grundlegende Entwicklungen auf die Situation der Frauen hervorgebracht.

Millionen iranischer Frauen haben ihre traditionelle Stellung im Haus verlassen und sind auf die Straßen gegangen. Sie wurden politisiert. Junge Frauen der Revolutionszeit sind heute Mütter der heutigen Jugend.

Die Ziele und Überzeugungen, wofür sie bei der Revolution waren, haben sie an ihre Kinder weitergegeben. Millionen iranischer Frauen mit dieser Vergangenheit sehen heute, dass ihren Zielen und Überzeugungen eine Absage erteilt wird. Sie sehen, dass ihre Überzeugungen verdreht und verraten worden sind und dies sagen sie ihren Kindern.
Deswegen liegt der Ursprung  der grünen Bewegung in den Familien. Sie sehen die Mütter und Väter, die auf die Demonstrationen gehen. Ihre Töchter und Söhne gehen auch auf die Demos. Das ist eine familiäre Angelegenheit geworden. Und das kann man mit Festnahmen von ein oder zwei Personen nicht stoppen.

-          Sie meinen also, dass es die Möglichkeit der Beherrschung dieser Bewegung nicht gibt. Welche Zukunft können Sie sich für den Umgang der Macht mit der Bewegung vorstellen? Für wie wahrscheinlich halten Sie die Duldung und Versöhnung?

-          Niemand kann die Bewegung bekämpfen. Am Anfang wäre es vielleicht möglich gewesen. Das heißt, falls die Verantwortlichen direkt nach den Wahlen klug und anders gehandelt hätten, dann wäre ihre Beherrschung möglich gewesen.

Aber jetzt können sie das nicht mehr. Ich kann sogar sagen, dass selbst Mousavi und Karroubi nicht in der Lage sind, sie zu kontrollieren oder auszulöschen. Es sei denn, die Machthaber würden sich, wie Herr Makarem Shirazi und andere richtigerweise vorgeschlagen haben und in der Welt auch üblich ist, mit den Führern der Bewegung treffen und sich in gewissen Punkten einigen.

Oder es gäbe ein Geben und Nehmen, so dass diese Führer ihrerseits der Bevölkerung Versprechungen machen und sie beruhigen könnten, damit sich die gegenwärtige Krise legt. Ansonsten, falls sie vorhaben sollten, mit dem Kopf durch die Wand zugehen, würde es ihnen nichts nützen.


Quelle: Radio Zamaneh

Originalartikel veröffentlicht am
17.12.2009
Über den Autor

Hamid Beheschti ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9582&lg=de


UMMA: 22/12/2009

 
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